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Monophthonge
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ŋθʃʒçʍɹɻɫɾ
Diakritische Zeichen
ˈː
 
leo-ende

BetrifftThe poetry corner - Vol. 6
Kommentar
This is once again a place for sharing your favorite poems (be they English or Deutsch), discovering their beauty and spirit, their power or magic with all those passionate or just curious about it, from the Middle Ages to the 21st century.

Siehe auch: The poetry corner - Vol. 5

Please note: In most of the world, the default length of copyright is the life of the author plus 70 years. Accordingly, the term for most existing works is for a term ending 70 years after the death of the author.
LEO -- or Link Everyone Online who died later than 31 December 1941, give only a brief citation from the poem, if any.
Verfasser Claus (243211) 22 Jan 12, 14:11
Kommentar
A Poet to his Beloved

I bring you with reverent hands
The books of my numberless dreams;
White woman that passion has worn
As the tide wears the dove-gray sands,
And with heart more old than the horn
That is brimmed from the pale fire of time:
White woman with numberless dreams
I bring you my passionate rhyme


William Butler Yeats (1865-1939)
#1Verfasser Claus (243211) 22 Jan 12, 14:16
Kommentar
Punctuality

Man naturally loves delay,
And to procrastinate;
Business put off from day to day
Is always done to late.

Let ever hour be in its place
Firm fixed, nor loosely shift,
And well enjoy the vacant space,
As though a birthday gift.

And when the hour arrives, be there,
Where'er that "there" may be;
Uncleanly hands or ruffled hair
Let no one ever see.

If dinner at "half-past" be placed,
At "half-past" then be dressed.
If at a "quarter-past" make haste
To be down with the rest

Better to be before you time,
Than e're to be behind;
To open the door while strikes the chime,
That shows a punctual mind.

Moral:

Let punctuality and care
Seize every flitting hour,
So shalt thou cull a floweret fair,
E'en from a fading flower


Charles Lutwidge Dodgson
alias Lewis Carroll (1832 – 1898)
#2Verfasser Claus (243211) 23 Jan 12, 13:21
Kommentar
Die Kartenlegerin

Das Schiff war schon im Hafen leck.
Man besserte an dem Schaden.
Das Schiff hatte Fässer geladen
Und Passagiere im Zwischendeck.

Mittags stieg eine Negerin
In das Matrosenlogis.
Sie wäre Kartenlegerin,
Bedeutet sie.

"Two shillings" - oder ein Kleidungsstück,
Sie zeigt auf wollene Sachen.
So eine weiss manchmal, wie man sein Glück
Kann machen.

Sie reden voreinander dumm,
Gaben der Alten zu saufen,
Drückten ihr lachend am Busen herum
Und liessen sie dann laufen.

Nachts hockte die alte, schwarze Kuh
An Deck zwischen Fässern und Tauen.
Vor ihr lag Kuttel Daddeldu
Dienstmüde und dachte an Frauen.

Da legte die Kartenlegerin
Die Karten, die ihn betrafen,
An Deck und murmelte vor sich hin.
Kuttel war eingeschlafen.

Sie murmelte Worte in den Wind.
Das Schiff fing an zu rollen.
Das Schiff und die Menschen darauf sind
Verschollen.

Joachim Ringelnatz
#3Verfasser Chaostranslater (459860) 23 Jan 12, 20:45
Kommentar
Stille Winterstraße

Es heben sich vernebelt braun
Die Berge aus dem klaren Weiß,
Und aus dem Weiß ragt braun ein Zaun,
Steht eine Stange wie ein Steiß.

Ein Rabe fliegt, so schwarz und scharf,
Wie ihn kein Maler malen darf,
Wenn er's nicht etwas kann.
Ich stapfe einsam durch den Schnee.
Vielleicht steht links im Busch ein Reh
Und denkt: Dort geht ein Mann.


Joachim Ringelnatz (1883-1934)
#4Verfasser Claus (243211) 25 Jan 12, 12:31
Kommentar
Winter

Der Winter ist ein rechter Mann,
Kernfest und auf die Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an
Und scheut nicht Süß noch Sauer.

Er zieht sein Hemd im Freien an
Und läßt's vorher nicht wärmen,
Und spottet über Fluß im Zahn
Und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
Weiß er sich nichts zu machen,
Haßt warmen Drang und warmen Klang
Und alle warmen Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
Wenn's Holz im Ofen knittert,
Und an dem Ofen Knecht und Herr
Die Hände reibt und zittert;

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
Und Teich und Seen krachen,
Das klingt ihm gut, das haßt er nicht,
Dann will er sich totlachen. -

Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus
Beim Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus
Im lieben Schweizerlande.

Da ist er denn bald dort, bald hier,
Gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
Und sehn ihn an und frieren.


Matthias Claudius (1740-1815)
#5Verfasser Claus (243211) 26 Jan 12, 12:25
Kommentar
Hoffnung

Und dräut der Winter noch so sehr
mit trotzigen Gebärden,
und streut er Eis und Schnee umher,
es muss doch Frühling werden.

Blast nur, ihr Stürme, blast mit Macht,
mir soll darob nicht bangen,
auf leisen Sohlen über Nacht
kommt doch der Lenz gegangen.

Drum still! Und wie es frieren mag,
o Herz, gib dich zufrieden,
es ist ein großer Maientag
der ganzen Welt beschieden.

Und wenn dir oft auch bangt und graut,
als sei die Höll' auf Erden,
nur unverzagt auf Gott vertraut!
Es muss doch Frühling werden.

(Emanuel Geibel,1815-1884)
#6Verfasser moustique (308708) 26 Jan 12, 16:08
Kommentar
Silence

My father used to say,
"Superior people never make long visits,
have to be shown Longfellow's grave
nor the glass flowers at Harvard.
. . .
http://www.poemhunter.com/poem/silence/


Marianne Moore (1887 – 1972)
American Modernist poet and writer noted for her irony and wit.
#7Verfasser Claus (243211) 27 Jan 12, 09:48
Kommentar
„Wer so viel ertragen und tragen kann!“

"Großmutter, du mußt mit zum Circus gehn,
Um auf den starken Mann zu sehn.
Gewiß nicht hundert Männern gelingt,
Was der mit Arme und Brust vollbringt.
Großmutter, so was hast du niemals gesehn"!
""So will ich denn mit zum Circus gehn.""

Und im Circus, da stand er, der starke Mann;
Da staunten ihn Hundert und Hunderte an,
Wie die eisernen Kugeln er rollen ließ
Um den Leib, wie er spielte mit Schwert und Spieß. -
"Großmutter, nicht wahr, das bewunderst auch du?"
Großmutter schwieg, sah ruhig zu.

Und er trug zuletzt noch zu Aller Lust
Einen Amboß, viel Zentner schwer, auf der Brust,
Und ließ hämmer darauf und fragte dann:
Wer so viel ertragen und tragen kann? -
"Großmutter, nicht wahr, das kann nur Er?"
Großmutter lächelt: ""Ich trug wohl mehr!""

""Kommt, Kinder, wir wollen nach Hause gehn,
Für mich giebt's hier nichts Neues zu sehn;
Gleich Kugeln umliefen die Sorgen mich,
Wie mit Schwertern spielte mit Schmerzen ich,
Und Kummer trug ich zentnerschwer:
Nur zeigt' ich es niemals für's Geld, wie Der!""

Katharina Koch, gest. 1892

Herzlichst oopsy
#8Verfasser oopsy (491382) 27 Jan 12, 10:01
Kommentar
So viele schöne Gedichte... Ok, hier ist eines meiner Favouriten von meinem Lieblings- poeten (zusammen mit H.Heine)

Anecdote for Fathers

I have a boy of five years old;
His face is fair and fresh to see;
His limbs are cast in beauty's mould,
And dearly he loves me.

One morn we strolled on our dry walk,
Our quiet home all full in view,
And held such intermitted talk
As we are wont to do.

My thoughts on former pleasures ran;
I thought of Kilve's delightful shore,
Our pleasent home when spring began,
A long, long year before.

A day it was when I could bear
Some fond regrets to entertain;
With so much happiness to spare,
I could not feel a pain.

The green earth echoed to the feet
Of lambs that bounded through the glade,
From shade to sunshine, and as fleet
From sunshine back to shade.

Bird warbled round me--- and each trace
Of inward sadness had its charm;
Kilve, thought I, was a favoured place,
And so is Liswyn farm.

My boy beside me tripped, so slim
And graceful in his rustic dress!
And, as we talked, I questioned him,
In very idleness.

"Now tell me, had you rather be,"
I said, and took him by the arm,
"On Kilve's smooth shore, by the green sea,
Or here at Liswyn farm?"

In careless mood he looked at me,
While still I held him by the arm,
And said, "At Kilve I'd rather be
Than here at Liswyn farm."

"Now, little Edward, say why so:
My little Edward, tell me why"---
"I cannot tell, I do not know."---
"Why, this is strange," said I;

"For, here are woods, hills smooth and warm:
There surely must some reason be
Why you would change sweet Liswyn farm
For Kilve by the green sea."

At this, my boy hung down his head,
He blushed with shame, nor made reply;
And three times to the child I said,
"Why, Edward, tell me why?"

His head he raised-- there was in sight,
It caught his eye, he saw it plain---
Upon the house-top, glittering bright,
A broad and gilded vane.

Then did the boy his tongue unlock,
And eased his mind with this reply:
"At Kilve there was no weather-cock;
And that's the reason why."

O dearest, dearest boy! my heart
For better lore would seldom yearn,
Could I but teach the hundreth part
Of what from thee I learn.


William Wordsworth (1770-1850)

Puuhh... aber war die Mühe wert :)
#9Verfasser Jake1987 (808373) 27 Jan 12, 15:03
Kommentar
Der Isegrim

Aktenstöße nachts verschlingen,
Schwatzen nach der Welt Gebrauch,
Und das große Tretrad schwingen
Wie ein Ochs, das kann ich auch.

Aber glauben, dass der Plunder
Eben nicht der Plunder wär,
Sondern ein hochwichtig Wunder,
Das gelang mir nimmermehr.

Aber andre überwitzen,
Dass ich mit dem Federkiel
Könnt den morschen Weltbau stützen,
Schien mir immer Narrenspiel.

Und so, weil ich in dem Drehen
Da steh oft wie ein Pasquill,
Lässt die Welt mich eben stehen -
Mag sie's halten, wie sie will!


Joseph von Eichendorff (1788 - 1857)
#10Verfasser Chaostranslater (459860) 27 Jan 12, 20:34
Kommentar
No Return

I like divorce. I love to compose
letters of resignation; now and then
I send one in …
. . .
http://www.poemhunter.com/poem/no-return/

William Matthews (1942 – 1997)


________________

huff: Verärgerung, Verstimmung
snit: Wut, Frustration
hollyhock: Malve, Stockrose
#11Verfasser Claus (243211) 28 Jan 12, 15:04
Kommentar
The Raven

Once upon a midnight dreary, while I pondered, weak and weary,
Over many a quaint and curious volume of forgotten lore,
While I nodded, nearly napping, suddenly there came a tapping,
As of some one gently rapping, rapping at my chamber door.
"'Tis some visitor," I muttered, "tapping at my chamber door -
Only this, and nothing more."

. . .
http://www.americanpoems.com/poets/poe/12624

Edgar Allan Poe (1809-1849)



Der Rabe

Eines Nachts, aus gelben Blättern mit verblichnen Runenlettern
Tote Mären suchend, sammelnd von des Zeitenmeers Gestaden,
Müde in die Zeilen blickend und zuletzt im Schlafe nickend,
Hört´ ich plötzlich leise klopfen, leise, doch vernehmlich klopfen
Und fuhr auf, erschrocken stammelnd: "Einer von den Kameraden,"
"Einer von den Kameraden."

. . .
http://www.sterneck.net/literatur/poe-raven/index.php

Übertragung: Hedda Moeller-Bruck (1876-1960) und Hedwig Lachmann (1865-1918)
#12Verfasser Claus (243211) 29 Jan 12, 13:19
Kommentar
Der Rabe

Einst zur Nachtzeit, trüb und schaurig, als ich schmerzensmüd und traurig
Saß und brütend sann ob mancher seltsam halbvergessnen Lehr’, –
Als ich fast in Schlaf gefallen, hörte plötzlich ich erschallen
An der Thür ein leises Hallen, gleich als ob’s ein Klopfen wär’.
„’S ist ein Wandrer wohl,“ so sprach ich, „der – verirrt von ungefähr, –
Ein Verirrter, sonst Nichts mehr.“

In der rauhsten Zeit des Jahres, im Decembermonat war es,
Flackernd warf ein wunderbares Licht das Feuer rings umher.
Heiß ersehnte ich den Morgen; – aus den Büchern, ach! zu borgen
War kein Trost für meine Sorgen um die Maid, geliebt so sehr,
Um die Maid, die jetzt Lenore wird genannt im Engelsheer –
Hier, ach, nennt kein Wort sie mehr!

Jedes Rascheln, jedes Rauschen in des seidnen Vorhangs Bauschen
Weckt’ in mir ein ängstlich Grausen, das ich nie gefühlt vorher,
Also dass, mein Herzenspochen zu betäuben, ich gesprochen:
„Ei, wer sollte jetzt wohl pochen, wenn es nicht ein Wandrer wär’? –
Ja, ein Wandrer, der an meiner Thür verirrt von ungefähr –
Das wird’s sein, und sonst Nichts mehr.“

Und ermuthigt jetzo stand ich auf, und Kraft und Ruhe fand ich;
„Um Verzeihung, Herr,“ so sprach ich, „oder Dame, oder wer!
Doch ich war in Schlaf gefallen, und so leise war das Schallen
Eures Pochens, dass sein Hallen kaum gedrungen zu mir her.“ –
Damit stieß ich auf die Thüre: – „Tretet ein, wer da ist, wer!“ –
Dunkel rings, und sonst Nichts mehr.

Ängstlich in das Dunkel starrend blieb ich stehn, verwundert, harrend,
Träume träumend, die kein armer Erdensohn geträumt vorher.
Doch nur von des Herzens Pochen ward die Stille unterbrochen,
Und als einz’ges Wort gesprochen ward: “Lenore?“ kummerschwer,
Selber sprach ich’s, und: „Lenore!“ trug das Echo zu mir her, –
Nur dies Wort, und sonst Nichts mehr.

Und zurückgekehrt ins Zimmer, stürmisch aufgeregt wie nimmer,
Hört’ ich bald ein neues Klopfen, etwas lauter als vorher.
„Sicher an dem Fensterladen pocht’ es – wohl, es kann nicht schaden,
Dass ich suche nach dem Faden, der dies Räthsel mir erklär’, –
Still, mein Herz, ein Weilchen, dass ich dieses Räthsel mir erklär’!
’S ist der Wind, und sonst Nichts mehr!“

Auf riss ich das Fenster klirrend – siehe, gravitätisch schwirrend
Schritt ein Rabe, groß und mächtig, in das Zimmer zu mir her.
Nicht mit einem Gruß bedacht’ er mich, kein Dankeszeichen macht’ er,
Vornehm stolz zur Ruhe bracht’ er sein Gefieder, regenschwer,
Flog auf eine Pallasbüste ob der Thüre sacht und schwer,
Saß dort still, und sonst Nichts mehr.

Und der schwarze Vogel machte, dass ich trotz der Trauer lachte,
So possierlich ernst und finster saß ob meiner Thüre er.
„Ob dein Kamm auch kahl geschoren, bist als Feigling nicht geboren,
Alter Rabe, der verloren irrt im nächt’gen Schattenmeer!
Sprich, wie bist du denn geheißen im pluton’schen Schattenmeer?“
Sprach der Rabe: „Nimmermehr.“

Und den Unhold mit Erstaunen hört’ ich also deutlich raunen,
Ob die Antwort auch geschienen wenig tief und inhaltschwer;
Denn wir müssen wohl gestehen, dass es Keinem noch geschehen,
Einen Vogel je zu sehen, der vor ihm gesessen wär’,
Der auf einer Büste über seiner Thür gesessen wär’,
Mit dem Namen „Nimmermehr.“

Doch der Rabe auf der Büste sprach das eine Wort, als wüsste
Dies er nur, als ob sein ganzes Herz darin ergossen wär’.
Nichts, das weiter ihn erregte, keine Feder er bewegte,
Bis ich leis die Lippen regte: „Andre Freunde flohn seither –
Morgen wird auch er entfliehen, wie die Hoffnung floh seither.“
Sprach der Vogel: „Nimmermehr.“

Als die Stille unterbrochen jenes Wort, so klug gesprochen,
Dacht’ ich: Was er sagt, ist sicher seine ganze Mähr’ und Lehr’,
Die er seinem Herrn, dem armen, abgelauscht, den ohn’ Erbarmen
Schlug das Unglück, bis der warmen Hoffnung Stern erlosch im Meer,
Bis von einer Trauerklage alle seine Lieder schwer,
Von der Klage: „Nimmermehr!“

Immer noch der Rabe machte, dass ich trotz der Trübsal lachte;
Einen Sammetsessel endlich rollt’ ich näher zu ihm her.
In die Polster mich versenkend, sann ich, Arm in Arm verschränkend,
Träumrisch nach, bei mir bedenkend, was von dieses Vogels Mähr’,
Was der Sinn von des gespenstisch finstern Vogels Krächzen wär’,
Der da schnarrte: „Nimmermehr.“

Also düstern Sinnes pflag ich, doch kein Wort zum Vogel sprach ich,
Ob sein Feuerauge brennend mir am tiefsten Herzen zehr’.
Dies und mehr wünscht’ ich zu wissen, meine Brust von Schmerz zerrissen,
Als ich ruht’ auf sammtnen Kissen, überstrahlt vom Lichte hehr,
Ach, auf diesen sammtnen Kissen, überstrahlt vom Lichte hehr,
Ruhet sie jetzt nimmermehr!

Schwül dann ward und qualmig enge um mich her die Luft, als schwänge
Unsichtbare Weihrauchfässer, wandelnd leis, ein Seraphsheer.
„Gott hat Trost für dich erkoren durch die Engel, lichtgeboren!“
Rief ich, – „o vergiß Lenoren, die dein Herz geliebt so sehr!
Athme auf, vergiss Lenoren, die geliebt du allzu sehr!“ –
Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“

„Düstrer Bote!“ frug voll Zweifel ich, „ob Vogel oder Teufel, –
Ob dich der Versucher sandte, ob der Sturm dich jagte her, –
Du, der nimmer mich verschonet, der im Unholdslande wohnet,
Wo das nächt’ge Grauen thronet, künde mir, was ich begehr’:
Ist kein Balsam denn in Gilead? – künde, was ich heiß begehr’!“
Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“

„Düstrer Bote!“ frug voll Zweifel ich, „ob Vogel oder Teufel!
Bei dem Himmel droben, bei dem Gott, den ich, wie du, verehr’:
Find’ ich, sprich! an Eden’s Thoren wieder einst, die ich verloren,
Jene Maid, die man Lenoren jetzo nennt im Engelsheer, –
Die Geweihte, die Lenoren jetzt man nennt im Engelsheer? –
Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“

„Vogel oder Teufel, hebe dich hinweg!“ so rief ich, „schwebe
Wieder in den Sturm zurück und in das nächt’ge Schattenmeer!
Keine Feder lass als Zeichen mir der Lüge sonder Gleichen!
Sollst von meiner Thür entweichen! von der Büste fort dich scher!
Fort! und reiß aus meinem Herzen deines Schnabels scharfen Speer!“ –
Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“

Und der Rabe, schwarz und dunkel, sitzt mit krächzendem Gemunkel
Noch auf meiner Pallasbüste ob der Thür bedeutungsschwer.
Seine Dämonaugen glühen unheilvoll mit wildem Sprühen,
Seiner Flügel Schatten ziehen an dem Boden breit umher;
Und mein Herz wird aus dem Schatten, der mich einhüllt weit umher,
Sich erheben – nimmermehr!

Übertragung: Adolf Strodtmann (1829-1879)
#13Verfasser Claus (243211) 29 Jan 12, 13:20
Kommentar
kirschgarten im schnee

was einst baum war, stock, hecke, zaun:
unter gehn in der leeren schneeluft
. . .
. . .
zwischen fast nichts und nichts
wehrt sich und blüht weiß die kirsche.

http://missmarplespoesiealbum.blog.de/2009/03/08/kirschgarten-schnee-hans-magnus...


Hans Magnus Enzensberger (* 1929)
#14Verfasser Claus (243211) 30 Jan 12, 13:20
Kommentar
Sehnsucht nach dem Frühling

O wie ist es kalt geworden
und so traurig, öd' und leer!
Raue Winde wehn von Norden,
und die Sonne scheint nicht mehr.

Auf die Berge möcht' ich fliegen,
möchte sehn ein grünes Tal,
möcht' in Gras und Blumen liegen
und mich freun am Sonnenstrahl.

Möchte hören die Schalmeien
und der Herden Glockenklang,
möchte freuen mich im Freien
an der Vögel süßem Sang.

Schöner Frühling, komm doch wieder,
lieber Frühling, komm doch bald,
bring uns Blumen, Laub und Lieder,
schmücke wieder Feld und Wald!

(Hoffmann von Fallersleben, 1798-1874)
#15Verfasser moustique (308708) 31 Jan 12, 08:35
Kommentar
Letzte Heimkehr

Der Wintermorgen glänzt so klar,
Ein Wandrer kommt von ferne,
Ihn schüttelt Frost, es starrt sein Haar,
Ihm log die schöne Ferne,
Nun endlich will er rasten hier,
Er klopft an seines Vaters Tür.

Doch tot sind, die sonst aufgetan,
Verwandelt Hof und Habe,
Und fremde Leute sehn ihn an,
Als käm er aus dem Grabe;
Ihn schauert tief im Herzensgrund,
Ins Feld eilt er zur selben Stund.

Da sang kein Vöglein weit und breit,
Er lehnt’ an einem Baume,
Der schöne Garten lag verschneit,
Es war ihm wie im Traume,
Und wie die Morgenglocke klingt,
Im stillen Feld er niedersinkt.

Und als er aufsteht vom Gebet,
Nicht weiß, wohin sich wenden,
Ein schöner Jüngling bei ihm steht,
Faßt mild ihn bei den Händen:
»Komm mit, sollst ruhn nach kurzem Gang.« -
Er folgt, ihn rührt der Stimme Klang.

Nun durch die Bergeseinsamkeit
Sie wie zum Himmel steigen,
Kein Glockenklang mehr reicht so weit,
Sie sehn im öden Schweigen
Die Länder hinter sich verblühn,
Schon Sterne durch die Wipfel glühn.

Der Führer jetzt die Fackel sacht
Erhebt und schweigend schreitet,
Bei ihrem Schein die stille Nacht
Gleichwie ein Dom sich weitet,
Wo unsichtbare Hände baun -
Den Wandrer faßt ein heimlich Graun.

Er sprach: Was bringt der Wind herauf
So fremden Laut getragen,
Als hört ich ferner Ströme Lauf,
Dazwischen Glocken schlagen?
»Das ist des Nachtgesanges Wehn,
Sie loben Gott in stillen Höhn.«

Der Wandrer drauf: Ich kann nicht mehr -
Ists Morgen, der so blendet?
Was leuchten dort für Länder her? -
Sein Freund die Fackel wendet:
»Nun ruh zum letzten Male aus,
Wenn du erwachst, sind wir zu Haus.«


Joseph von Eichendorff (1788-1857)
#16Verfasser Claus (243211) 31 Jan 12, 12:39
Kommentar
Danke, moustique, auch für #15 !



Der Eislauf

Der See ist zugefroren
Und hält schon seinen Mann.
Die Bahn ist wie ein Spiegel
Und glänzt uns freundlich an.

Das Wetter ist so heiter,
Die Sonne scheint so hell.
Wer will mit mir ins Freie?
Wer ist mein Mitgesell?

Da ist nicht viel zu fragen:
Wer mit will, macht sich auf.
Wir geh'n hinaus ins Freie,
Hinaus zum Schlittschuhlauf.

Was kümmert uns die Kälte?
Was kümmert uns der Schnee?
Wir wollen Schlittschuh laufen
Wohl auf dem blanken See.

Da sind wir ausgezogen
Zur Eisbahn also bald,
Und haben uns am Ufer
Die Schlittschuh angeschnallt.

Das war ein lustig Leben
Im hellen Sonnenglanz!
Wir drehten uns und schwebten,
Als wär's ein Reigentanz.

(Hoffmann von Fallersleben, 1798-1874)


266Autor moustique (308708)31 Jan 12 08:38
#17Verfasser Claus (243211) 31 Jan 12, 13:13
Kommentar
Für Chaostranslater :-))


Abend

Lehnst an meine Schulter du
Sanft dein Haupt mit Schweigen,
Spiel ich dir ein altes Lied
Auf der alten Geigen.

Und die Seele, mild gerührt
Ob dem süßen Klingen,
Fliegt zum hellen Abendrot
Auf der Hoffnung Schwingen.

Und im Auge dir und mir
Glänzt die stille Frage:
Bleiben Lieb′ und Seligkeit
Bei uns alle Tage?

Wenn die Rosen sind verblüht,
Wenn die Saiten sprangen,
Wird ob unserm Haupte dann
So der Himmel prangen? -

Stumm noch lauschst du meinem Lied,
Ob ich schon geendet;
In die Weite traumeshell
Ist dein Blick gewendet.

Otto Ernst
(* 07.10.1862 , † 05.03.1926)

Bilder:
http://www.darss.net/var/tv-fdz/storage/images/deutsch/region/ostseehalbinsel/im...

http://www.maerkische-naturfotos.de/linum/fotos/daemmerung_02.jpg

http://www.dvf-gegenlicht.de/lafo2008/urkunden/album/slides/Laux_Peter-Daemmerun...

Abendstille:
http://www.youtube.com/watch?v=xh5sLgEmcNI

Herzlichst oopsy
#18Verfasser oopsy (491382) 31 Jan 12, 18:02
Kommentar
Vielen Dank oopsy - na, ich bin ja leicht zu durchschauen :-))

Der Winter und die Spatzen

Sie zwitscherten und sangen,
Man hörte kaum sein Wort:
Der Winter ist gegangen
Und alles Leid ist fort! -

Ei, wartet nur, ihr Spatzen!
Sollt mich schon wieder seh'n.
Das Zwitschern und das Schwatzen,
Das soll euch bald vergeh'n!

Da kam der Winter wieder,
Er brachte Kält' und Schnee;
Da gab es keine Lieder,
Kein fröhliches Juchhe.

Die Spatzen aber saßen
Vergnügt in Stall und Haus:
O Winter, lass das Spaßen!
Wir lachen dich doch aus.

So ist es auch ergangen:
Kaum war der Winter fort,
Die Spatzen fröhlich sangen,
Man hörte kaum sein Wort.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)
#19Verfasser Chaostranslater (459860) 31 Jan 12, 18:21
Kommentar
Herzlichen Dank Chaostranslater :-))


Sie sollen es nicht sehen...

Sie sollen es nicht sehen,
Wie ich das Bild betrachte,
Das mir so viele Leiden,
So viele Schmerzen brachte.

Sie sollen es nicht sehen,
Wenn glühendes Verlangen,
Verrätherisch mir färbet,
Die sonst so blassen Wangen.

Sie sollen es nicht sehen,
Wie ich des Nachts alleine,
Sein Bild an's Herz gedrücket
In meiner Kammer weine.

Marie Eugenie Delle Grazie, gest. 1931

Herzlichst oopsy
#20Verfasser oopsy (491382) 01 Feb 12, 08:49
Kommentar
Winterbild

Kopfüber am Fleischerhaken
als wollte er endlich Sturzflüge üben
. . .
http://www.a-priller.homepage.t-online.de/stoffsammlung.htm#Williams


Uwe-Michael Gutzschhahn (* 31. Januar 1952)
#21Verfasser Claus (243211) 01 Feb 12, 11:30
Kommentar
Winterlandschaft

Unendlich dehnt sie sich, die weiße Fläche,
bis auf den letzten Hauch von Leben leer;
die muntern Pulse stocken längst, die Bäche,
es regt sich selbst der kalte Wind nicht mehr.

Der Rabe dort, im Berg von Schnee und Eise,
erstarrt und hungrig, gräbt sich tief hinab,
und gräbt er nicht heraus den Bissen Speise,
so gräbt er, glaub' ich, sich hinein ins Grab.

Die Sonne, einmal noch durch Wolken blitzend,
wirft einen letzten Blick auf's öde Land,
doch, gähnend auf dem Thron des Lebens sitzend,
trotzt ihr der Tod im weißen Festgewand.


Friedrich Hebbel (1813-1863)
#22Verfasser Claus (243211) 01 Feb 12, 11:51
Kommentar
@ Claus/#17: :-)

Ein Gedanke an den Frühling kann uns auch bei diesen sibirischen Temperaturen "eine kleine Sonne" scheinen lassen.......

Ich träumte von bunten Blumen, so wie sie wohl blühen im Mai;
ich träumte von grünen Wiesen, von lustigem Vogelgeschrei.

(Wilhelm Müller)
#23Verfasser moustique (308708) 01 Feb 12, 12:07
Kommentar
Der Wanderer

Ich komme vom Gebirge her,
Es dampft das Tal, es braust das Meer.
Ich wandle still, bin wenig froh,
Und immer fragt der Seufzer, wo?

Die Sonne dünkt mich hier so kalt,
Die Blüte welk, das Leben alt,
Und was sie reden, leerer Schall;
Ich bin ein Fremdling überall.

Wo bist du, mein geliebtes Land?
Gesucht, geahnt, und nie gekannt!
Das Land, das Land so hoffnungsgrün,
Das Land, wo meine Rosen blühn.

Wo meine Freunde wandelnd gehn,
Wo meine Toten auferstehn,
Das Land, das meine Sprache spricht,
O Land, wo bist du?

Ich wandle still, bin wenig froh,
Und immer fragt der Seufzer, wo?
Im Geisterhauch tönt´s mir zurück:
"Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück:"


Georg Philipp Schmidt (1766-1849)
#24Verfasser Chaostranslater (459860) 01 Feb 12, 21:36
Kommentar
Winternacht

Vor Kälte ist die Luft erstarrt,
Es kracht der Schnee von meinen Tritten,
Es dampft mein Hauch, er klirrt mein Bart:
Nur fort, nur immer fortgeschritten!

Wie feierlich die Gegend schweigt!
Der Mond bescheint die alten Fichten,
Die, sehnsuchtsvoll zum Tod geneigt,
Den Zweig zurück zur Erde richten.

Frost! friere mir in′s Herz hinein
Tief in das heißbewegte, wilde!
Daß einmal Ruh′ mag drinnen sein,
Wie hier im nächtlichen Gefilde!

Nikolaus Lenau
(* 13.08.1802 , † 22.08.1850)

Herzlichst oopsy
#25Verfasser oopsy (491382) 02 Feb 12, 11:32
Kommentar
Winter

A cracked lip; raw skin.
I pined for orange flickers
Dancing off a cheery fire.

A gelid blast of arctic air
. . .
http://www.poemhunter.com/poem/winter-5/


Mark R. Slaughter (* 1957)


____________
to pine for s.th.: sich nach etwas sehnen
flicker: das Flackern
cheery: fröhlich, vergnügt
gelid: eisig(-kalt)
unawares: unversehens
pyre: Scheiterhaufen
callous: gefühllos, harthäutig
balmy: lind, mild, heilend
#26Verfasser Claus (243211) 02 Feb 12, 13:39
Kommentar
Auf die nunmehr angekommene kalte Winterzeit

Der Winter hat sich angefangen
Der Schnee bedeckt das gantze Landt
Der Sommer ist hinweg gegangen
Der Waldt hat sich in Reiff verwandt.

Die Wiesen sind von Frost versehret
Die Felder gläntzen wie Metall
Die Blumen sind in Eis verkehret
Die Flüsse stehn wie harter Stahl.

Wolan wir wollen von uns jagen
Durchs Feur das kalte Winterleid
Kompt Last uns Holtz zum Herde tragen
Und Kohlen dran jetzt ist es Zeit.

Last uns den Fürnewein hergeben
Dort unten auß dem großen Fass
Dass ist das rechte Winterleben:
Ein heiße Stub' und kühles Glas.

Wir wollen spielen, schertzen, essen
So lang' uns noch kein Gelt gebricht
Doch auch der schönsten nicht vergessen
Denn wer nicht liebt, der lebet nicht.

Wir haben den noch gnug zu sorgen
Wann nun das Alter kompt heran
Es weiß doch keiner was ihm morgen
Noch vor ein Glück begegnen kann.


Johann von Rist ( 1607 -1667)


#27Verfasser Chaostranslater (459860) 02 Feb 12, 21:04
Kommentar
Die Gebüsche

Komm! Komm!
Das Blättergeräusch,
Es lockt dich,
Unser Glanz,
Unser frisches Grün;
|Wir lieben dich,
Trag′ uns dein Herz entgegen,
Was verschmähst du uns?
Alles kann nicht Wald sein,
Alles kann nicht Blume sein,
Muß auch Kinder geben.

Ludwig Tieck
(* 31.05.1773 , † 28.04.1853)

Herzlichst oopsy
#28Verfasser oopsy (491382) 03 Feb 12, 10:39
Kommentar
Winter-Time

Late lies the wintry sun a-bed,
A frosty, fiery sleepy-head;
Blinks but an hour or two; and then,
A blood-red orange, sets again.

Before the stars have left the skies,
At morning in the dark I rise;
And shivering in my nakedness,
By the cold candle, bathe and dress.

Close by the jolly fire I sit
To warm my frozen bones a bit;
Or with a reindeer-sled, explore
The colder countries round the door.

When to go out, my nurse doth wrap
Me in my comforter and cap;
The cold wind burns my face, and blows
Its frosty pepper up my nose.

Black are my steps on silver sod;
Thick blows my frosty breath abroad;
And tree and house, and hill and lake,
Are frosted like a wedding-cake.


Robert Louis Stevenson (1850 – 1894)

Schottischer Schriftsteller des viktorianischen Zeitalters,
Autor der Schauernovelle Dr Jekyll and Mr Hyde
#29Verfasser Claus (243211) 03 Feb 12, 13:56
Kommentar
Es gibt eine Liebe,
die über jede Liebe erhaben ist,
die Leben überdauert.
Zwei Seelen aus einer entstanden.
Vereinigt wie zwei Flammen.
Identisch – und doch getrennt.
Manchmal zusammen, durch Gefühl und Verlangen verschweisst.
Manchmal getrennt, um zu lernen und zu wachsen.
Aber einander immer wieder findend.
In anderen Zeiten, anderen Orten.
Wieder und wieder

(Überlieferung aus dem 6. Jahrhundert vom japanischen Patriarchen Tatsuya )
#30Verfasser moustique (308708) 03 Feb 12, 15:51
Kommentar
Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum

Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum.
Dort wo die Kinder schläfern, heiß vom Hetzen,
dort wo die Alten sich zu Abend setzen,
und Herde glühn und hellen ihren Raum.

Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum.
Dort wo die Abendglocken klar verlangen
und Mädchen, vom Verhallenden befangen,
sich müde stützen auf den Brunnensaum.

Und eine Linde ist mein Lieblingsbaum;
und alle Sommer, welche in ihr schweigen,
rühren sich wieder in den tausend Zweigen
und wachen wieder zwischen Tag und Traum.

Rainer Maria Rilke
(* 04.12.1875 , † 29.12.1926)

Herzlichst oopsy
#31Verfasser oopsy (491382) 04 Feb 12, 10:18
Kommentar
London Snow

When men were all asleep the snow came flying,
In large white flakes falling on the city brown,
Stealthily and perpetually settling and loosely lying,
:::: Hushing the latest traffic of the drowsy town;
Deadening, muffling, stifling its murmurs failing;
Lazily and incessantly floating down and down:
:::: Silently sifting and veiling road, roof and railing;
Hiding difference, making unevenness even,
Into angles and crevices softly drifting and sailing.
:::: All night it fell, and when full inches seven
It lay in the depth of its uncompacted lightness,
The clouds blew off from a high and frosty heaven;
:::: And all woke earlier for the unaccustomed brightness
Of the winter dawning, the strange unheavenly glare:
The eye marvelled — marvelled at the dazzling whiteness;
:::: The ear hearkened to the stillness of the solemn air;
No sound of wheel rumbling nor of foot falling,
And the busy morning cries came thin and spare.
:::: Then boys I heard, as they went to school, calling,
They gathered up the crystal manna to freeze
Their tongues with tasting, their hands with snowballing;
:::: Or rioted in a drift, plunging up to the knees;
Or peering up from under the white-mossed wonder,
‘O look at the trees!’ they cried, ‘O look at the trees!’
:::: With lessened load a few carts creak and blunder,
Following along the white deserted way,
A country company long dispersed asunder:
:::: When now already the sun, in pale display
Standing by Paul’s high dome, spread forth below
His sparkling beams, and awoke the stir of the day.
For now doors open, and war is waged with the snow;
And trains of sombre men, past tale of number,
Tread long brown paths, as toward their toil they go:
:::: But even for them awhile no cares encumber
Their minds diverted; the daily word is unspoken,
The daily thoughts of labour and sorrow slumber
At the sight of the beauty that greets them, for the charm they have broken.


Robert Bridges (1844 – 1930)
http://www.poetryfoundation.org/bio/robert-bridges

_____________________
to hush: beruhigen, zur Ruhe bringen
crevice: Mauerspalt, Riss
uncompacted: locker, lose
unheavenly: sündhaft, ungeheuerlich
glare: Glanz, Funkeln
dazzling: blendend, grell
to plunge: eintauchen
mossed: (mit Moos) bedeckt
#32Verfasser Claus (243211) 04 Feb 12, 13:23
Kommentar
Gedanken zum Alter

O Herr, bewahre mich vor der Einbildung,
bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema
etwas sagen zu müssen.
Erlöse mich von der großen Leidenschaft,
die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.
Lehre mich, nachdenklich (aber nicht grüblerisch),
hilfreich (aber nicht diktatorisch) zu sein.
Bewahre mich vor der Aufzählung endloser
Einzelheiten und verleihe mir Schwingen,
zur Pointe zu gelangen.
Lehre mich schweigen über meine Krankheiten
Und Beschwerden. Sie nehmen zu,
und die Lust, sie zu
beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.
Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen,
mir die Krankheitsschilderungen anderer
mit Freude anzuhören, aber lehre mich,
sie geduldig zu ertragen.
Lehre mich die wunderbare Weisheit,
dass ich mich irren kann.
Erhalte mich so liebenswert wie möglich.
Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete
Talente zu entdecken, und verleihe mir o Herr,
die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.


Teresa von Avila (1515 – 1582)
#33Verfasser Chaostranslater (459860) 05 Feb 12, 00:21
Kommentar
Tu ab den Schmerz, entflieh, Verlangen

Tu ab den Schmerz, entflieh, Verlangen!
Sommer umblüht meiner süßen Schwester Haupt.
Selig die Seele, die ohne Bangen
an den guten, den ewigen Winter glaubt.

Tu auf dein Herz, zieh ein, o Friede!
Schwebende Sonne küßt meiner Schwester Gesicht.
Selig, der mit dem letzten Liede
um die Schläfen des Todes blühende Kränze flicht!

Hans Kaltneker, gest. 1919

Herzlichst oopsy
#34Verfasser oopsy (491382) 05 Feb 12, 09:18
Kommentar

Of winter's lifeless world each tree
Now seems a perfect part;
Yet each one holds summer's secret
Deep down within its heart.

Charles G. Stater


http://anguishedrepose.com/tag/charles-g-stater/
#35Verfasser Claus (243211) 06 Feb 12, 14:09
Kommentar
Kassandra (altgriechisch Κασσάνδρα „die, die Männer umwickelt“) ist in der griechischen Mythologie die Tochter des trojanischen Königs Priamos und der Hekabe. Sie gilt als eine tragische Figur, die das Unheil immer voraussah, aber bei ihrer Umgebung kein Gehör fand.
http://de.wikipedia.org/wiki/Kassandra_(Mythologie)



Cassandra

To me, one silly task is like another.
I bare the shambling tricks of lust and pride.
. . .
http://www.poemhunter.com/poem/cassandra-12/

Louise Bogan (1897-1970)

She is the voice of fury…
http://www.english.illinois.edu/maps/poets/a_f/bogan/cassandra.htm



Kassandra

Für mich ist eine alberne Aufgabe wie die andere.
Ich enthülle die lahmen Tricks von Lust und Stolz.
Dieses Fleisch wird nie einem Kind seine Mutter geben, –
Ein Lied tobt wie ein Fittich in meiner Brust, meiner Seite,
Und Wahnsinn sucht wieder meine Stimme heim, wieder,
Und wieder. Ich bin die Auserwählte, die keine Hand rettet:
Der kreischende Himmel, emporgehoben über Menschen,
Nicht die stumme Erde, worin sie ihre Gräber anlegen.

CW
#36Verfasser Claus (243211) 06 Feb 12, 14:51
Kommentar
Kassandra

Freude war in Trojas Hallen,
Eh die hohe Feste fiel,
Jubelhymnen hört man schallen
In der Saiten goldnes Spiel.
Alle Hände ruhen müde
Von dem tränenvollen Streit,
Weil der herrliche Pelide
Priams schöne Tochter freit.

Und geschmückt mit Lorbeerreisern,
Festlich wallet Schar auf Schar
Nach der Götter heilgen Häusern,
Zu des Thymbriers Altar.
Dumpferbrausend durch die Gassen
Wälzt sich die bacchantsche Lust,
Und in ihrem Schmerz verlassen
War nur eine traurge Brust.

Freudlos in der Freude Fülle,
Ungesellig und allein,
Wandelte Kassandra stille
In Apollos Lorbeerhain.
In des Waldes tiefste Gründe
Flüchtete die Seherin,
Und sie warf die Priesterbinde
Zu der Erde zürnend hin:

"Alles ist der Freude offen
Alle Herzen sind beglückt,
Und die alten Eltern hoffen,
Und die Schwester steht geschmückt.
Ich allein muß einsam trauern,
Denn mich flieht der süße Wahn,
Und geflügelt diesen Mauern
Seh ich das Verderben nahn.

Eine Fackel seh ich glühen,
Aber nicht in Hymens Hand,
Nach den Wolken seh ichs ziehen,
Aber nicht wie Opferbrand.
Feste seh ich froh bereiten,
Doch im ahnungsvollen Geist
Hör ich schon des Gottes Schreiten,
Der sie jammervoll zerreißt.

Und sie schelten meine Klagen,
Und sie höhnen meinen Schmerz,
Einsam in die Wüste tragen
Muß ich mein gequältes Herz,
Von den Glücklichen gemieden
Und den Fröhlichen ein Spott!
Schweres hast du mir beschieden,
Pythischer, du arger Gott!

Dein Orakel zu verkünden,
Warum warfest du mich hin
In die Stadt der ewig Blinden
Mit dem aufgeschloßnen Sinn?
Warum gabst du mir zu sehen,
Was ich doch nicht wenden kann?
Das Verhängte muß geschehen,
Das Gefürchtete muß nahn.

Frommts, den Schleier aufzuheben,
Wo das nahe Schrecknis droht?
Nur der Irrtum ist das Leben,
Und das Wissen ist der Tod.
Nimm, o nimm die traurge Klarheit,
Mir vom Aug den blutgen Schein,
Schrecklich ist es, deiner Wahrheit
Sterbliches Gefäß zu sein.

Meine Blindheit gib mir wieder
Und den fröhlich dunkeln Sinn,
Nimmer sang ich freudge Lieder,
Seit ich deine Stimme bin.
Zukunft hast du mir gegeben,
Doch du nahmst den Augenblick,
Nahmst der Stunde fröhlich Leben,
Nimm dein falsch Geschenk zurück!

Nimmer mit dem Schmuck der Bräute
Kränzt ich mir das duftge Haar,
Seit ich deinem Dienst mich weihte
An dem traurigen Altar.
Meine Jugend war nur Weinen,
Und ich kannte nur den Schmerz,
Jede herbe Not der Meinen
Schlug an mein empfindend Herz.

Fröhlich seh ich die Gespielen,
Alles um mich lebt und liebt
In der Jugend Lustgefühlen,
Mir nur ist das Herz getrübt.
Mir erscheint der Lenz vergebens,
Der die Erde festlich schmückt,
Wer erfreute sich des Lebens,
Der in seine Tiefen blickt!

Selig preis ich Polyxenen
In des Herzens trunkenem Wahn,
Denn den besten der Hellenen
Hofft sie bräutlich zu umfahn.
Stolz ist ihre Brust gehoben,
Ihre Wonne faßt sie kaum,
Nicht euch Himmlische dort oben
Neidet sie in ihrem Traum.

Und auch ich hab ihn gesehen,
Den das Herz verlangend wählt,
Seine schönen Blicke flehen,
Von der Liebe Glut beseelt.
Gerne möcht ich mit dem Gatten
In die heimsche Wohnung ziehn,
Doch es tritt ein stygscher Schatten
Nächtlich zwischen mich und ihn.

Ihre bleichen Larven alle
Sendet mir Proserpina,
Wo ich wandre, wo ich walle,
Stehen mir die Geister da.
In der Jugend frohe Spiele
Drängen sie sich grausend ein,
Ein entsetzliches Gewühle,
Nimmer kann ich fröhlich sein.

Und den Mordstahl seh ich blinken
Und das Mörderauge glühn,
Nicht zur Rechten, nicht zur Linken
Kann ich vor dem Schrecknis fliehn,
Nicht die Blicke darf ich wenden,
Wissend, schauend, unverwandt
Muß ich mein Geschick vollenden,
Fallend in dem fremden Land." -

Und noch hallen ihre Worte,
Horch! da dringt verworrner Ton
Fernher aus des Tempels Pforte,
Tot lag Thetis′ großer Sohn!
Eris schüttelt ihre Schlangen,
Alle Götter fliehn davon,
Und des Donners Wolken hangen
Schwer herab auf Ilion.

Friedrich Schiller
(* 10.11.1759 , † 09.05.1805)

Herzlichst oopsy
#37Verfasser oopsy (491382) 07 Feb 12, 09:20
Kommentar
Demain, dès l'aube...

Demain, dès l'aube, à l'heure où blanchit la campagne,
Je partirai. Vois-tu, je sais que tu m'attends.
J'irai par la forêt, j'irai par la montagne.
Je ne puis demeurer loin de toi plus longtemps.

Je marcherai les yeux fixés sur mes pensées,
Sans rien voir au dehors, sans entendre aucun bruit,
Seul, inconnu, le dos courbé, les mains croisées,
Triste, et le jour pour moi sera comme la nuit.

Je ne regarderai ni l'or du soir qui tombe,
Ni les voiles au loin descendant vers Harfleur,
Et quand j'arriverai, je mettrai sur ta tombe
Un bouquet de houx vert et de bruyère en fleur.


Victor Hugo (1802-1885)



Tomorrow, at dawn...

Tomorrow, at dawn, at the hour that whitens the countryside
I will leave. You see, I know that you wait for me.
I will go by the forest, I will go by the mountain
I cannot remain far from you any longer
. . .

Tomorrow at dawn, when the fields whiten,
I shall go. You see, I know you’re waiting for me.
I will go by the forest, I will go by the mountain.
I cannot stay away from you any longer.
. . .

Anonymous
http://caravanofdreams.wordpress.com/2008/09/20/demain-des-laube-by-victor-hugo/
#38Verfasser Claus (243211) 07 Feb 12, 13:25
Kommentar
Maskenball im Hochgebirge

Eines schönen Abends wurden alle
Gäste des Hotels verrückt, ...
. . .

http://www.buchdesign-kiessling.info/gedichte/gedichte-kaestner/ka-15.htm


Erich Kästner (1899-1974)
#39Verfasser Claus (243211) 08 Feb 12, 15:16
Kommentar
The poetry corner – Vol. 5
Contents


Siehe auch: The poetry corner - Vol. 5


Anonymous – anonymous
In Summer (Goethe: Im Sommer. Translation)
London Bells Nursery Rhyme
May the blessing of the rain be on you (Irish blessing)
In The Fog (Hermann Hesse: Im Nebel. Translation)
Limerick ... stopped at line two
The Story of Flying Robert (Heinrich Hoffmann: Die Geschichte vom fliegenden Robert. Translation)
The White Snow (Guillaume Apollinaire: La neige blanche. Translation)

Anonym – anonym
An eine Katze (Swinburne: To a Cat. Translation)
Ich bin wer ich bin
Herbstfeuer (Robert Louis Stevenson: Autumn Fires. Translation)

Anonym: Claus Wagenrad
Blau (D. H. Lawrence: Blue. Translation)
Ein Kaninchen als König der Geister (Wallace Stevens: A Rabbit As King Of The Ghosts. Translation)
Delos (Lawrence Durrell: Delos. Translation)
Taube (Lachlan Mackinnon: Pigeon. Translation)
Fragment (Amy Lowell: Fragment. Translation)
Nahender Winter (W. C. Williams: Approach of Winter. Translation)
Aus der Falle
Nach dem Lesen einer Einführung in die moderne Physik für Kinder (W. H. Auden: After Reading a Child's Guide to Modern Physics. Translation)

Friedrich Adler (1857-1938)
Am Morgen

Jasmine Aira (*19xx)
The Cool Cat

Heinrich Albert (1604-1651)
Little Anna of Tharau (Simon Dach: Ännchen von Tharau. Translation)

Hans Christian Andersen (1805-1875)
Muttertraum

Guillaume Apollinaire (1880-1918)
La neige blanche

Äsop (um 600 v. Chr.)
Der Fuchs und der Bock

Louise Franziska Aston (1814-1871)
Wilde Rosen
Barrikadenklänge
Die wilde Rose

Wystan Hugh Auden (1907-1973)
August 1968
September 1, 1939
After Reading a Child's Guide to Modern Physics

Walter A. Aue (*1935)
Day in Autumn (Rilke: Herbsttag. Translation)
The Competition (Friedrich von Hagedorn: Der Wettstreit. Translation)
Winter Crow (Lone) (Friedrich Nietzsche: Vereinsamt. Translation)
Halten am Walde im Abendschnee (Robert Frost: Stopping by Woods on a Snowy Evening. Translation)

Ferdinand Avenarius (1856-1923)
Im Sommer

Ingeborg Bachmann (1926-1973)
Die große Fracht
Die gestundete Zeit

Charles Baudelaire (1821-1867)
L'Albatros
Sonnet d'automne

Gabriele von Baumberg (1768-1839)
Auf den Fächer einer Freundin

Ingo Baumgartner (*1944)
Dackelgeometrie

Johannes Beilharz (*1956)
Blue Sky (Gustav Sack: Blauer Himmel. Translation)
Nie wieder wird der Wind (Hilda Doolittle: Never More Will The Wind. Translation)
Tot geboren (Sylvia Plath: Stillborn. Translation)
Dunkles Haus (Sylvia Plath: Dark House. Translation)

Karl Berisch (*19xx)
Novembernacht (Adelaide Crapsey: November Night. Translation)

Otto Julius Bierbaum (1865-1910)
Wetterregeln des Bunten Vogels

Ambrose Bierce (1842-1914)
Immortality

William Blake (1757-1827)
Auguries of Innocence
Ah! Sunflower

Louise Bogan (1897-1970)
The Crossed Apple
Man Alone

Francis William Bourdillon (1852-1921)
The Night Has a Thousand Eyes

Bertolt Brecht (1898-1956)
Der Radwechsel

Sophie Friederike Brentano (1770-1806)
Andenken

Waleri Brjussow (1873-1924)
Zufälligkeiten

Barthold Hinrich Brockes (1680-1747)
Gedanken bey dem Fall der Blätter im Herbst

Emily Brontë (1818-1848)
That Wind I Used to Hear it Swelling

Luise Büchner (1821-1877)
Duldung
Es trat Alltäglichkeit

Suzanne Buffam (*1972)
Enough

Wilhelm Busch (1832-1908)
Der Frosch und die beiden Enten
Keiner soll es mir verwehren...
Zu Neujahr

Carl Busse (1872-1918)
Altweibersommer

Roy Campbell (1901-1957)
Autumn Sonnet (Baudelaire: Sonnet d'automne. Translation)

Lewis Carroll – Charles Lutwidge Dodgson (1832-1898)
Bessie’s Song to her Doll
A Boat Beneath a Sunny Sky
Brother and Sister

Columcille (521-597)
Chan fhaca mi aingeal

Hermann Conradi (1862-1890)
Im Strudel

Adelaide Crapsey (1878-1914)
November Night

Charles Cros (1842-1888)
A une Chatte

Kevin Crossley-Holland (*1941)
Leaf-Girl

Simon Dach (1605-1659)
Ännchen von Tharau / Anke van Tharaw

Roald Dahl (1916-1990)
Cinderella

William Henry Davies (1871-1940)
Leisure
Money

Richard Dehmel (1863-1920)
Venus Pandemos
Bleiche Nacht

Emily Dickinson (1830-1886)
There Is Another Sky
I dwell in Possibility

Hilda Doolittle (1886-1961)
Never More Will The Wind

Felix Dörmann (1870-1928)
Mit blutigen Rosen

Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-1881)
Alles ist wie der Ozean

John Dryden (1631-1700)
Happy The Man

Carol Ann Duffy (*1955)
Talent

Paul Laurence Dunbar (1872-1906)
Discovered

Lawrence Durrell (1912-1990)
Delos

Joseph von Eichendorff (1788-1857)
Weihnachten

Hazelmarie Elliott (*19xx)
The Willow Tree

Ralph Waldo Emerson (1803-1882)
The Sphinx

Gerrit Engelke (1890-1918)
Die Lokomotive
Der alte Mann

Heinz Erhardt (1909-1979)
Das Unwetter

Theodor Etzel (1873-1930)
Das Geisterschloß (E. A. Poe: The Haunted Palace. Translation)

Cäsar Flaischlen (1864-1920)
Glück

Theodor Fontane (1819-1898)
Das Glück
Verse zum Advent

William Fowler (c.1560-1612)
I. Sonnet

Robert Frost (1874-1963)
October
My November Guest
Stopping by Woods on a Snowy Evening
Looking For a Sunset Bird in Winter

Mary Elizabeth Frye (1905-2004)
Do not stand at my grave and weep

Margaret Fuller (1810-1850)
Winged Sphinx

Emanuel Geibel (1815-1884)
Herbstlich sonnige Tage
Ich sah den Wald sich färben

Stefan George (1868-1933)
Der Albatros (Baudelaire: L'albatros. Translation)
Das Jahr der Seele

Paul Gerhardt (1607-1676)
Die güldne Sonne

Khalil Gibran (1883-1931)
Eure Kinder

Robert Gilfillan (1798-1850)
The First Rose Of Summer

Dame Mary Gilmore (1865-1962)
Eve-Song
Old Botany Bay

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Der Erlkönig
Im Sommer
Auf dem See
Aus Faust 1. Teil (Osterspaziergang)
Leere
Kommt Zeit, kommt Rat
Totentanz
Willkommen und Abschied

Martin Greif (1839-1911)
Vor der Ernte

Friedrich von Hagedorn (1708-1754)
Der Wettstreit
Der Tag der Freude

Thomas Hardy (1840-1928)
The Voice
At Day-Close in November
Neutral Tones

Christian Friedrich Hebbel (1813-1863)
Sommerbild
Nachtgefühl

Heinrich Heine (1797-1856)
Saphire sind die Augen
Der scheidende Sommer
Altes Kaminstück

Luise Hensel (1798-1876)
Will keine Blumen mehr

Johann Gottfried Herder (1744-1803)
Der Wettstreit

Hermann Hesse (1877-1962)
Ich fragte dich, warum dein Auge…
Welkes Blatt
Im Nebel

Georg Heym (1887-1912)
Spitzköpfig kommt er…
Der Abend
Der Nebelstädte winzige Wintersonne
Paul Heyse (1830-1914)
Hochsommer

Roger Hodgson (*1950)
Give A Little Bit

Heinrich Hoffmann (1809-1894)
Die Geschichte vom fliegenden Robert

Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)
Manche freilich
Reiselied

Friedrich Hölderlin (1770-1843)
Hälfte des Lebens
Der Gang aufs Land

Danielle Hollister (*19xx) or anonymous?
Santa’s New Idea

Arno Holz (1863-1929)
Phantasus Heft 1

Thomas Hood (1799-1845)
Autumn

Gerard Manley Hopkins (1844-1889)
The Windhover: To Christ Our Lord

Franz Christian Hörschläger (*1963)
Entscheidung

Langston Hughes (1902-1967)
Florida Road Workers

Helen Hunt Jackson (1830-1885)
New Year's Morning

Maria Janitschek (1859-1927)
Entlarvung

Udo Jürgens (*1934)
A Little Weihnachtsgedicht

Mascha Kaléko (1907-1975)
Mein schönstes Gedicht

Marie Luise Kaschnitz (1901-1974)
Hiroshima

Erich Kästner (1899-1974)
Der Dezember
Spruch in der Silvesternacht

John Keats (1795-1821)
Ode to Autumn
This Living Hand

Sarah Kirsch (*1935)
Die Nacht streckt ihre Finger aus

Klabund (1890-1928)
Pralle Sonne
Regen

August Kopisch (1799-1853)
Die Heinzelmännchen

Karl Kraus (1874-1936)
Nächtliche Stunde

Georg Kulka (1897-1929)
Charisma

Günter Kunert (*1929)
Der ungebetene Gast

Philip Arthur Larkin (1922-1985)
Best Society

David Herbert Lawrence (1885-1930)
Blue
Song-Day in Autumn

Nikolaus Lenau (1802-1850)
Winternacht

John Lennon (1940-1980) & Paul McCartney (*1942)
Help

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)
Lob der Faulheit
Die Gespenster

Claudia Letat (*1964)
La mer (Oscar Wilde: La mer. Translation)

Detlev von Liliencron (1844-1909)
Dorfkirche im Sommer
Einen Sommer lang

Hermann von Lingg (1820-1905)
Dezember

Amy Lowell (1874-1925)
Venetian Glass
Leisure
Fragment
Crepuscule du matin

James Russell Lowell (1819-1891)
The Fountain

Norman MacCaig (1910-1996)
True Ways of Knowing

Lachlan Mackinnon (*1956)
Pigeon

William Marr (*1936)
Berlin Wall Peddlers

Andrew Marvell (1621-1678)
A Dialogue Between The Soul And Body

John Masefield (1878-1967)
Sea Fever

Friedrich von Matthisson (1761-1831)
Die Elfenkönigin

John McCrae (1872-1918)
In Flanders Fields

Pablo Medina (*1948)
At the Blue Note

James Merrill (1926-1995)
The Victor Dog

Reinhard Mey (*1942)
Ich denk es war ein gutes Jahr

Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898)
Dämmergang

Agnes Miegel (1879-1964)
Frühherbst

John Milton (1608-1674)
An Epitaph on the Admirable Dramatic Poet W. Shakespeare

Adrian Mitchell (1932-2008)
Doctor Rat Explains

George Moore (1852-1933)
I am most lovely

Thomas Moore (1779-1852)
Tis the Last Rose of Summer

Christian Morgenstern (1871-1914)
Am See
Blätterfall
Die Korfsche Uhr
Sturmnacht

Erich Mühsam (1878-1934)
Weihnachten

Edith Nesbit (1858-1924)
The Fields Of Flanders

Friedrich Nietzsche (1844-1900)
Vereinsamt

Wilfred Owen (1893-1918)
Winter Song

Heinz Piontek (1925-2003)
Die warme Hand (Keats: This Living Hand. Translation)

Sylvia Plath (1932-1963)
Stillborn
Dark House

Franz Graf von Pocci (1807-1876)
Der Pelzemärtel

Edgar Allan Poe (1809-1849)
The Haunted Palace
A Dream

Jack Prelutsky (*1940)
The Visitor
Dora Diller

Alun Rees (*19xx)
Taffy is a Welshman

Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Herbsttag
Ich ließ meinen Engel lange nicht los
Jetzt reifen schon die roten Berberitzen...
Verkündigung. Die Worte des Engels
Bei dir ist es traut
Die hohen Tannen atmen

Joachim Ringelnatz (1883-1934)
Ich habe dich so lieb
Sommerfrische
Die Schnupftabaksdose
Mein Wannenbad
Der Stein

Therese Robinson (1797-1870)
Der Albatros (Baudelaire: L'albatros. Translation)

Hermann Rollett (1819-1904)
Herbstlied

Dante Gabriel Rossetti (1828-1882)
Autumn Song

Gustav Sack (1885-1916)
Blauer Himmel

Hugo Salus (1866-1929)
Schwüle

Carl Sandburg (1878-1967)
Night Movement–New York
Autumn Movement
Theme in Yellow

Adolf Friedrich Graf von Schack (1815-1894)
Am Kamin

August Wilhelm Schlegel (1767-1845)
Das Sonett

Prinz Emil von Schönaich (1852-1908)
O Deutschland !

Sir Walter Scott (1771-1832)
The Erl-King (Goethe: Der Erlkönig. Translation)

Heinrich Seidel (1842-1906)
Was bleibt

Robert William Service (1874-1958)
The Passing of the Year

Wallace Stevens (1879-1955)
A Rabbit As King Of The Ghosts

Robert Louis Stevenson (1850-1894)
The Summer Sun Shone Round Me
Autumn Fires
In The Green And Gallant Spring
Winter-Time

Theodor Storm (1817-1888)
Inserat
Herbst

Harriet Beecher Stowe (1811-1896)
The Crocus

F. P. Sturm (1879-1942)
Autumn Sonnet (Baudelaire: Sonnet d'automne. Translation)

Julius Sturm (1816-1896)
Im Sturm

Algernon Charles Swinburne (1837-1909)
To a Cat

Celia Thaxter (1835-1894)
Poor, sweet Piccola

Ludwig Thoma (1867-1921)
Der Abschied vom Glück

James Thomson (1700-1748)
In the Train

Henry David Thoreau (1817-1862)
The Summer Rain
The Moon

Georg Trakl (1887-1914)
Traum des Bösen
Sommers Neige
Verklärter Herbst
Abendlicher Reigen
Landschaft
Zu Abend mein Herz
Grodek

Kurt Tucholsky (1890-1935)
Der andere Mann
Das Persönliche

John Ronald Reuel Tolkien (1892-1973)
Three Rings For The Elven Kings

Ludwig Uhland (1787-1862)
Schwere Träume

Louis Untermeyer (1885-1977)
Inhibited

Wilhelm Friedrich Waiblinger (1804-1830)
Letztes Lied aus Capri

Thomas Warton Jr. (1728-1790)
Solitude at an Inn
Ode to Sleep

Cornelius Webb (1790-1850)
January

Friedrich Wilhelm Weber (1813-1894)
Ein neues Jahr

Frank Wedekind (1864-1918)
Trost

Maria Luise Weissmann (1899-1929)
Dann, wenn du gehst ...

John Greenleaf Whittier (1807-1892)
The Worship of Nature

Oscar Wilde (1854-1900)
Greece
La mer

Anton Wildgans (1881-1932)
Ich liebe ...

Williams Carlos Williams (1883-1963)
Approach of Winter
Complete Destruction

Alfred Wolfenstein (1888-1945)
Zigarette
Städter

William Butler Yeats (1865-1939)
The Circus Animals' Desertion

Jerrold H. Zar (*194x)
Candidate for a Pullet Surprise (Spell Checker Blues)
#40Verfasser Claus (243211) 10 Feb 12, 12:47
Kommentar
Fire and Ice

Some say the world will end in fire,
Some say in ice.
. . .
http://www.poemhunter.com/poem/fire-and-ice/

Robert Frost (1874 – 1963)

American poet, highly regarded for his realistic depictions of rural life and his command of American colloquial speech.
#41Verfasser Claus (243211) 10 Feb 12, 14:35
Kommentar
Introduction To Poetry

I ask them to take a poem
and hold it up to the light
like a color slide
. . .
http://www.poemhunter.com/poem/introduction-to-poetry/



Another Reason Why I Don't Keep A Gun In The House

The neighbors' dog will not stop barking.
He is barking the same high, rhythmic bark
that he barks every time they leave the house.
. . .
http://www.americanpoems.com/poets/Billy-Collins/792



Billy Collins (b. March 22, 1941)

American poet, appointed as Poet Laureate of the United States from 2001 to 2003.
#42Verfasser Claus (243211) 11 Feb 12, 14:06
Kommentar
A Wintry Picture

Now where the bare sky spans the landscape bare,
Up long brown fallows creeps the slow brown team,
Scattering the seed-corn that must sleep and dream,
Till by Spring's carillon awakened there.
Ruffling the tangles of his thicket hair,
The stripling yokel steadies now the beam,
Now strides erect with cheeks that glow and gleam,
And whistles shrewdly to the spacious air.
Lured onward to the distance dim and blear,
The road crawls weary of the travelled miles:
The kine stand cowering in unmoving files;
The shrewmouse rustles through the bracken sere;
And, in the sculptured woodland's leafless aisles,
The robin chants the vespers of the year.


Alfred Austin (1835-1913)

_____________________
fallow: Brachfeld
team: Gespann (Pferde, Ochsen)
carillon: Glockenspiel
to ruffle: kräuseln, sträuben, zerraufen
tangle: Tang, Gewirr
thicket: Dickicht, Gesträuch
stripling: Bürschchen, Grünschnabel
yokel: Bauerntrampel
beam: Deichsel (am Wagen)
kine: Kühe
file: Reihe
shrewmouse: Spitzmaus
bracken: Farnkraut
sere: verdorrt, verwelkt
#43Verfasser Claus (243211) 13 Feb 12, 09:50
Kommentar
Heller Tropfen Mond

Heller Tropfen Mond, Säule über Zeiten
Sind wir, wir sind nicht in Zeitlichkeiten.

Von der letzten Kindheit spitz verraten,
Müssen wir die Dämmerung durchwaten.

Erst wenn Ebene den Abend weggezogen,
Liegt geglättet Seele, hohler Bogen.

Keines Raumes bedürftig, dazusein und zu haften,
Steigen Sterne zu seligen Brüderschaften.

Georg Kulka, gest. 1929

Herzlichst oopsy
#44Verfasser oopsy (491382) 13 Feb 12, 10:17
Kommentar
Alabama Song

. . .
Oh, moon of Alabama
We now must say good-bye
We've lost our good old mamma
And must have whisky
Oh, you know why.
. . .
http://www.poemhunter.com/poem/alabama-song/


Bertolt Brecht (1898-1956)
#45Verfasser Claus (243211) 13 Feb 12, 16:17
Kommentar
The Snowflake Which Is Now and Hence Forever

Will it last? he says.
Is it a masterpiece?
. . .
http://www.poemhunter.com/poem/the-snowflake-which-is-now-and-hence-forever/

Archibald MacLeish (1892 – 1982)
Amerikanischer Rechtsanwalt, Politiker, Rhetorik-Professor und Dichter



Die Schneeflocke, jetzt und sodann ewig

Ist es von Dauer? sagt er.
Ist es ein Meisterwerk?
Wird Generation für Generation
Voll Ehrfurcht sich dieser Seite zuwenden?

Birdseye-Student des gefrorenen Fisches,
Was würde er aus dem einzigen, reinen, klaren
Sprung des Lachses machen, der nun verschwunden ist?

Sein, ja! – ob sie es mögen oder nicht!
Aber nicht bleiben, wenn der Sprung und das Wasser vergessen sind,
Etwas wie auf einem Brett Serviertes, nullachtfünfzehn-rosa, in der Schale.

Sie leben auch,
Die im Fluss schwenkend ausweichen und verschwinden.

Deutsch: CW
____________________

Clarence Birdseye gilt als Erfinder der Tiefkühlkost.
http://de.wikipedia.org/wiki/Clarence_Birdseye
#46Verfasser Claus (243211) 14 Feb 12, 12:17
Kommentar
Das Sonett

Zwei Reime heiß’ ich viermal kehren wieder,
Und stelle sie, geteilt, in gleiche Reihen,
Daß hier und dort zwei eingefasst von zweien
Im Doppelchore schweben auf und nieder.

Dann schlingt des Gleichlauts Kette durch zwei Glieder
Sich freier wechselnd, jegliches von dreien.
In solcher Ordnung, solcher Zahl gedeihen
Die zartesten und stolzesten der Lieder.

Den werd’ ich nie mit meinen Zeilen kränzen,
Dem eitle Spielerei mein Wesen dünket,
Und Eigensinn die künstlichen Gesetze.

Doch, wem in mir geheimer Zauber winket,
Dem leih’ ich Hoheit, Füll’ in engen Grenzen,
Und eines Ebenmaß der Gegensätze.


August Wilhelm Schlegel (1767-1845)
#47Verfasser Claus (243211) 15 Feb 12, 10:48
Kommentar
9. [Februarschnee]

Februarschnee
tut nicht mehr weh,
denn der März ist in der Näh!
aber im März
hüte das Herz,
daß es zu früh nicht knospen will!
warte, warte und sei still!

Und wär der sonnigste Sonnenschein,
und wär es noch so grün auf Erden,
warte, warte und sei still:
es muß erst April gewesen sein,
bevor es Mai kann werden!

Cäsar Flaischlen
(* 12.05.1864 , † 16.10.1920)

Herzlichst oopsy
#48Verfasser oopsy (491382) 16 Feb 12, 09:31
Kommentar
Februar

Im Winde wehn die Lindenzweige,
Von roten Knospen übersäumt;
Die Wiegen sind's, worin der Frühling
Die schlimme Winterzeit verträumt.


Theodor Storm (1817-1888)
#49Verfasser Claus (243211) 16 Feb 12, 10:02
Kommentar
O wär im Februar doch auch,
Wie`s ander Orten ist der Brauch
Bei uns die Narrheit zünftig!
Denn wer, so lang das Jahr sich mißt,
Nicht einmal herzlich närrisch ist,
Wie wäre der zu andrer Frist
Wohl jemals ganz vernünftig.


Theodor Storm (1817-1888)
#50Verfasser Chaostranslater (459860) 16 Feb 12, 18:59
Kommentar
Ein Gedicht aus dem neunzehnten Jahrhundert:


Karneval

Väter, hört mich, Mütter, hört die Mahnung,
Jetzt kommt wieder jene Zeit - versteht! -,
Wo so manche Tugend ohne Ahnung
Der Besitzerin abhanden geht.

Beutesuchend schleicht umher das Laster;
Wer ist sicher, dass ihm nichts geschieht,
Wenn man jetzt der Busen Alabaster
Und beim Hofball auch die Nabel sieht?

Von den Blicken kommt es zur Berührung,
Irgendwo zu einem Druck der Hand,
Und so manches Mittel der Verführung
Sei aus Scham hier lieber nicht genannt!

Wenn an hochgewölbte Männerbrüste
Sich das zarte Fleisch der Mädchen drängt,
Regen sich von selbst die bösen Lüste
Und was sonst damit zusammenhängt.

Darum Eltern, wenn die Geigen klingen
Und die Klarinette schrillend pfeift,
Hütet eure Tochter vor den Dingen,
Die sie hoffentlich noch nicht begreift!


Ludwig Thoma (1867-1921)

Deutscher Schriftsteller, der durch seine ebenso realistischen wie satirischen Schilderungen des bayerischen Alltags und der politischen Geschehnisse seiner Zeit populär wurde.
#51Verfasser Claus (243211) 17 Feb 12, 12:50
Kommentar
Ins dunkle Land

Du sinkst mit bleichem Angesicht
Geschloß'nen Aug's zurück in's Kissen,
Die Hand nur hält mit halbem Wissen
Die meine noch – o laß sie nicht!

Laß uns gemeinsam, Hand in Hand
Dem dunkeln Loos entgegen wallen,
Dem unerbittlich wir verfallen -
Gemeinsam nah'n dem dunkeln Land.

Du gehst – wie bald schon! – feierlich
Dahin, wo unser Wissen endet,
Von wo kein Pfad zurück sich wendet -
Und ich – in's Leben ohne dich.

Marie von Najmájer, gest. 1904

Herzlichst oopsy
#52Verfasser oopsy (491382) 18 Feb 12, 08:23
Kommentar
We Wear the Mask

We wear the mask that grins and lies,
It hides our cheeks and shades our eyes,--
This debt we pay to human guile;
With torn and bleeding hearts we smile,
And mouth with myriad subtleties.

Why should the world be overwise,
In counting all our tears and sighs?
Nay, let them only see us, while
We wear the mask.

We smile, but, O great Christ, our cries
To thee from tortured souls arise.
We sing, but oh the clay is vile
Beneath our feet, and long the mile;
But let the world dream otherwise,
We wear the mask!

Paul Laurence Dunbar (1872-1904)

____________________
guile: List, Arglist
overwise: superklug
vile: scheußlich; wertlos
#53Verfasser Claus (243211) 18 Feb 12, 13:32
Kommentar
Masks

These tales of old disguisings, are they not
Strange myths of souls that …
. . .
All they that with strange sadness in their eyes
Ponder in silence o'er earth's queynt devyse?

Ezra Pound (1885 – 1972)
http://www.poemhunter.com/poem/masks/



Personae (Masken)

Die Sagen von altem Mummenschanz, sind sie nicht
Seltsame Mythen von Seelen, die sich unter
Verstoßenem Volk wiederfanden, das eine feindselige Sprache sprach,
So eine Seele von all den anderen, die nicht die Sternen-
überspannten Felder eines ehemaligen Landstücks vergessen hatten,
Wo er grenzenlos inmitten der Wolken schwebend seine Bahn beschrieb,
Oder lebendigen Fleisches mit seinen älteren Brüdern sang,
Noch ehe Balladenmacher von Camelot lispelten?

Alte Sänger, die ihre Weisen halb vergessen,
Alte Maler, farbenblind kommen sie nochmals zurück,
Alte Dichter, nicht mehr der Windherz-Runen kundig,
Alte Zauberer, ihres magischen Wissen verlustig:

All jene, die mit merkwürdiger Traurigkeit in ihren Augen
Im Stillen über die kuriose Hinterlassenschaft der Welt brüten.

Übertragung: Claus Wagenrad
März 2010 / Februar 2012
#54Verfasser Claus (243211) 20 Feb 12, 14:01
Kommentar
Cupido mit dem hönig

In dem süßen ton Regenbogens.

23. februar 1546.

1.

Als Cupido, der sune
der göttin Veneris,
in einen binstock brache,
das süß hönig versucht,
Darvon er freut gewune.
ein bin in aus verdrieß
mit irem angel stache;
do schrei die edel frucht
Und gab die flucht
und seiner muter klaget,
wie schmerzlich we und iniklich
im tet der stich,
das er schier wer verzaget,
sprach: »muter, heil und tröste mich.«

2.

Venus die lacht von herzen
sprach: »wer das hönig süß
der lieb sich tut gewenen
in freuden iemerzu,
Der selbig muß den schmerzen
auch leiden, das er büß,
eifern, meiden und senen,
sorg, angst, we und unru.
Wan welchen du
mit der lieb tust verwunden,
entpfint der süßen freut gar schmal,
doch ane zal
ist er mit schmerzen bunden
an sel und leibe überal.«

3.

Darum wer solchen schaden
alhie vermeiden wol,
der sol die lieb verachten
und abwenden sein herz;
Sol sie zu haus nicht laden,
sunder sie weislich sol
ausjagen und betrachten
der liebe kurzen scherz
Und langen schmerz;
nachreu, schmach, schant und spote,
schaden an sel, leib, er und gut,
an sin und mut,
armut, krankheit und tote
der süßen lieb nachfolgen tut.


Hans Sachs (1494-1576)
#55Verfasser Claus (243211) 21 Feb 12, 14:48
Kommentar
Regen und Regenbogen

Auf schweres Gewitter und Regenguß
Blickt’ ein Philister zum Beschluß
Ins weiterziehende Grause nach,
Und so zu seinesgleichen sprach:
Der Donner hat uns sehr erschreckt,
Der Blitz die Scheunen angesteckt,
Und das war unsrer Sünden Teil!
Dagegen hat, zu frischem Heil,
Der Regen fruchtbar uns erquickt
Und für den nächsten Herbst beglückt.
Was kommt nun aber der Regenbogen
An grauer Wand herangezogen?
Der mag wohl zu entbehren sein,
Der bunte Trug! der leere Schein!

Frau Iris aber dagegen sprach:
Erkühnst du dich zu meiner Schmach?
Doch bin ich hier ins All gestellt
Als Zeugnis einer bessern Welt,
Für Augen, die vom Erdenlauf
Getrost sich wenden zum Himmel auf
Und in der Dünste trübem Netz
Erkennen Gott und sein Gesetz.
Drum wühle du, ein andres Schwein,
Nur immer den Rüssel in den Boden hinein
Und gönne dem verklärten Blick
An meiner Herrlichkeit sein Glück.



Johann Wolfgang von Goethe
#56Verfasser Chaostranslater (459860) 21 Feb 12, 19:28
Kommentar
Aschermittwoch

Wirf den Schmuck, schönbusiges Weib, zur Seite,
Schlaf und Andacht teilen den Rest der Nacht nun;
Laß den Arm, der noch die Geliebte festhält,
Sinken, o Jüngling!

Nicht vermummt mehr schleiche die Liebe, nicht mehr
Tret′ im Takt ihr schwebender Fuß den Reigen,
Nicht verziehn mehr werde des leisen Wortes
Üppige Keckheit!

Mitternacht ankünden die Glocken, ziehn euch
Rasch vom Mund weg Küsse zugleich und Weinglas:
Spiel und Ernst trennt stets ein gewagter, kurzer,
Fester Entschluß nur.


August von Platen
(* 24.10.1796 , † 05.12.1835)

Herzlichst oopsy
#57Verfasser oopsy (491382) 22 Feb 12, 08:35
Kommentar
To Wisdom

O WISDOM ! if thy soft controul
Can sooth the sickness of the soul,
Can bid the warring passions cease,
And breathe the balm of tender peace,
WISDOM ! I bless thy gentle sway,
And ever, ever will obey.

But if thou com'st with frown austere
To nurse the brood of care and fear ;
To bid our sweetest passions die,
And leave us in their room a sigh ;

Of if thine aspect stern have power
To wither each poor transient flower,
That cheers the pilgrimage of woe,
And dry the springs whence hope should flow ;
WISDOM, thine empire I disclaim,
Thou empty boast of pompous name !
In gloomy shade of cloisters dwell,
But never haunt my chearful cell.
Hail to pleasure's frolic train ;
Hail to fancy's golden reign ;
Festive mirth, and laughter wild,
Free and sportful as the child ;
Hope with eager sparkling eyes,
And easy faith, and fond surprise :
Let these, in fairy colours drest,
Forever share my careless breast ;
Then, tho' wise I may not be,
The wise themselves shall envy me.


Anna Lætitia Barbauld (1743-1825)
#58Verfasser Claus (243211) 22 Feb 12, 11:44
Kommentar
Winter

Wasser ist Körper, und Boden der Fluß. Das neuste Theater
Tut in der Sonne Glanz zwischen den Ufern sich auf.
Wahrlich, es scheint nur ein Traum! Bedeutende Bilder des Lebens
Schweben, lieblich und ernst, über die Fläche dahin.

Eingefroren sahen wir so Jahrhunderte starren,
Menschengefühl und Vernunft schlich nur verborgen am Grund.

Nur die Fläche bestimmt die kreisenden Bahnen des Lebens;
Ist sie glatt, so vergißt jeder die nahe Gefahr.

Alle streben und eilen und suchen und fliehen einander;
Aber alle beherrscht freundlich die glättere Bahn.

Durch einander gleiten sie her, die Schüler und Meister,
Und das gewöhnliche Volk, das in der Mitte sich hält.

Jeder zeig hier, was er vermag; nicht Lob und nicht Tadel
Hielte diesen zurück, förderte jenen zum Ziel.

Euch, Präkonen des Pfuschers, des Meisters Verkleinerer, wünscht ich
Mit ohnmächtiger Wut stumm hier am Ufer zu sehn.

Lehrling, du schwankest und zauderst und scheuest die glättere Fläche.
Nur gelassen! du wirst einst noch die Freude der Bahn.

Willst du schon zierlich erscheinen, und bist nicht sicher? Vergebens!
Nur aus vollendeter Kraft blicket die Anmut hervor.

Fallen ist der Sterblichen Los. So fällt hier der Schüler,
Wie der Meister; doch stürzt dieser gefährlicher hin.

Stürzt der rüstigste Läufer der Bahn, so lacht man am Ufer,
Wie man bei Bier und Tabak über Besiegte sich hebt.

Gleite fröhlich dahin, gib Rat dem werdenden Schüler,
Freue des Meisters dich, und so genieße des Tags.

Siehe, schon nahet der Frühling; das strömende Wasser verzehret
Unten, der sanftere Blick oben der Sonne das Eis.

Dieses Geschlecht ist hinweg, zerstreut die bunte Gesellschaft;
Schiffern und Fischern gehört wieder die wallende Flut.

Schwimme, du mächtige Scholle, nur hin! und kommst du als Scholle
Nicht hinunter, du kommst doch wohl als Tropfen ins Meer.


Johann Wolfgang von Goethe
(aus: Vier Jahreszeiten)

#59Verfasser Chaostranslater (459860) 23 Feb 12, 19:47
Kommentar
Das Tor der Träume

In sanften Angeln geht das Tor der Träume;
Mit Fingern eines Blinden tastest du
Dem leichten Riegel an dem Tore zu
Durch lange Gänge und durch weite Räume.

Im offnen Tor der Wunder und der Träume
Wird leicht dein Fuß, als trüg' er Flügelschuh',
Und auf beglückten Sohlen wandelst du,
Verwirrt und klar, im Schatten heiliger Bäume.

Der Garten winkt; das Paradies! Und hier -
Eva, bist du's? Mein Wunsch, mein Traum, mein Glück,
Im schlanken Ebenmaß der jungen Glieder? -

"Ich bin's!" - Ein Wirbelsturm reißt dich zu ihr
Und hebt dich hoch und schleudert dich zurück, -
Und vor dem Tor der Träume sinkst du nieder!


Hugo Salus (1866-1929)
#60Verfasser Claus (243211) 24 Feb 12, 13:50
Kommentar
Sonnet XIII

O, that you were yourself! but, love, you are
No longer yours than you yourself here live:
Against this coming end you should prepare,
And your sweet semblance to some other give.
So should that beauty which you hold in lease
Find no determination: then you were
Yourself again after yourself’s decease,
When your sweet issue your sweet form should
::::::::bear.
Who lets so fair a house fall to decay,
Which husbandry in honour might uphold
Against the stormy gusts of winter’s day
And barren rage of death’s eternal cold?
::::O, none but unthrifts! Dear my love, you
::::::::know
::::You had a father: let your son say so.


William Shakespeare
#61Verfasser Claus (243211) 25 Feb 12, 11:37
Kommentar
Sonett 13

Wenn Du Dir selbst gehörtest! Aber Dein
Bist Du nicht länger, als Du selbst hier lebest.
Dies sollte stets Dir gegenwärtig sein,
Damit Du Leben einem Andern gäbest.

Die Schönheit, die Du doch nur trägst als Lehn,
Wär dann ohn’ Heimfall; wärest Du vergangen,
So würdest Du im Sprößling auferstehn,
Wenn man ihn säh’ in Deinen Reizen prangen.

Wer läßt verfallen ein so schönes Haus,
Das gegen Winterstürme rauhes Walten
Und gegen eis’gen Todes Wuth und Graus
Ein guter Wirth in Ehren könnt’ erhalten?

Verschwender nur! Dir ward ein Vater, Lieb;
Was Du besaßest, Deinem Sohne gieb.


Shakespeare
In Übersetzung von Ferdinand Adolph Gelbcke (1812-1892)
#62Verfasser Claus (243211) 25 Feb 12, 11:38
Kommentar
Heute ein kleines Gedicht über einen großen Pavian:


The Big Baboon

http://www.poemhunter.com/poem/the-big-baboon-2/

Hilaire Belloc (1870-1953)
Britischer Schriftsteller französischer Herkunft
#63Verfasser Claus (243211) 28 Feb 12, 14:11
Kommentar
Seepferdchen und Flugfische

tressli bessli nebogen leila
flusch kata
ballubasch
zack hitti zopp

zack hitti zopp
hitti betzli betzli
prusch kata
ballubasch
fasch kitti bimm

zitti kitillabi billabi billabi
zikko di zakkobam
fisch kitti bisch

bumbalo bumbalo bumbalo bambo
zitti kitillabi
zack hitti zopp

treßli beßli nebogen grügrü
blaulala violabimini bisch
violabimini bimini bimini
fusch kata
ballubasch
zick hiti zopp


Hugo Ball (1886-1927)


Lautmalerei ist die Wiedergabe sinnlicher, meist akustischer oder hörbarer Eindrücke durch Wörter oder Sätze.
Die Lautmalerei heißt deshalb auch Verse ohne Worte, Gedicht ohne Inhalt, Klanggedicht, Klangmalerei oder akustische Poesie. Die gebräuchlichsten Bezeichnungen sind aber Lautmalerei, Lautdichtung und Lautpoesie.

Es gibt verschiedene Arten von lautmalerischen Gedichten:
Gedichte, bei denen sich kein Sinnzusammenhang zwischen den Zeilen, Versen und Einzelbuchstaben erkennen lässt.
Gedichte, die aus sinnlosen Lautfolgen bestehen, aber durch eine Überschrift einen Sinn erhalten.



- Das musste jetzt mal sein; nächstes Mal wieder etwas 'Ordentliches'











#64Verfasser Chaostranslater (459860) 28 Feb 12, 19:54
Kommentar
Sprache

Die Sonne spricht zu uns mit Licht,
Mit Duft und Farbe spricht die Blume,
Mit Wolken, Schnee und Regen spricht
Die Luft. ......

........

Was uns Verworrenes begegnet,
Wird klar und einfach im Gedicht:
Die Blume lacht, die Wolke regnet,
Die Welt hat Sinn, das Stumme spricht.


Hermann Hesse 1877 - 1962

http://simonarts.deviantart.com/journal/Gedicht-242748943

#65Verfasser Chaostranslater (459860) 28 Feb 12, 20:19
Kommentar
Vielen Dank, Chaostranslater, für das wunderschöne Gedicht von Hesse.


Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.


Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)
Entstanden 1924



Early Spring

Harshness vanished. A sudden softness
has replaced the meadows' wintry grey.
Little rivulets of water changed
their singing accents. Tendernesses,

hesitantly, reach toward the earth
from space, and country lanes are showing
these unexpected subtle risings
that find expression in the empty trees.


Translated by Albert Ernest Flemming

http://thebluelantern.blogspot.com/2011/02/early-spring.html
http://www.poetseers.org/spiritual_and_devotional_poets/rilke__rainer_maria/rilp...
#66Verfasser Claus (243211) 01 Mar 12, 15:05
Kommentar
To a Mouse

Wee, sleekit, cow'rin, tim'rous beastie,
O, what a panic's in thy breastie!
Thou need na start awa sae hasty
Wi bickering brattle!
I wad be laith to rin an' chase thee,
Wi' murdering pattle.

I'm truly sorry man's dominion
Has broken Nature's social union,
An' justifies that ill opinion
Which makes thee startle
At me, thy poor, earth born companion
An' fellow mortal!

I doubt na, whyles, but thou may thieve;
What then? poor beastie, thou maun live!
A daimen icker in a thrave
'S a sma' request;
I'll get a blessin wi' the lave,
An' never miss't.

Thy wee-bit housie, too, in ruin!
It's silly wa's the win's are strewin!
An' naething, now, to big a new ane,
O' foggage green!
An' bleak December's win's ensuin,
Baith snell an' keen!

Thou saw the fields laid bare an' waste,
An' weary winter comin fast,
An' cozie here, beneath the blast,
Thou thought to dwell,
Till crash! the cruel coulter past
Out thro' thy cell.

That wee bit heap o' leaves an' stibble,
Has cost thee monie a weary nibble!
Now thou's turned out, for a' thy trouble,
But house or hald,
To thole the winter's sleety dribble,
An' cranreuch cauld.

But Mousie, thou art no thy lane,
In proving foresight may be vain:
The best-laid schemes o' mice an' men
Gang aft agley,
An' lea'e us nought but grief an' pain,
For promis'd joy!

Still thou are blest, compared wi' me!
The present only toucheth thee:
But och! I backward cast my e'e,
On prospects drear!
An' forward, tho' I canna see,
I guess an' fear!

Robert Burns (1759 - 1796)


Version in Standard-Englisch:

Small, crafty, cowering, timorous little beast,
O, what a panic is in your little breast!
You need not start away so hasty
With argumentative chatter!
I would be loath to run and chase you,
With murdering plough-staff.

I'm truly sorry man's dominion
Has broken Nature's social union,
And justifies that ill opinion
Which makes thee startle
At me, thy poor, earth born companion
And fellow mortal!

I doubt not, sometimes, but you may steal;
What then? Poor little beast, you must live!
An odd ear in twenty-four sheaves
Is a small request;
I will get a blessing with what is left,
And never miss it.

Your small house, too, in ruin!
Its feeble walls the winds are scattering!
And nothing now, to build a new one,
Of coarse grass green!
And bleak December's winds coming,
Both bitter and keen!

You saw the fields laid bare and wasted,
And weary winter coming fast,
And cozy here, beneath the blast,
You thought to dwell,
Till crash! the cruel plough passed
Out through your cell.

That small bit heap of leaves and stubble,
Has cost you many a weary nibble!
Now you are turned out, for all your trouble,
Without house or holding,
To endure the winter's sleety dribble,
And hoar-frost cold.

But little Mouse, you are not alone,
In proving foresight may be vain:
The best laid schemes of mice and men
Go often askew,
And leave us nothing but grief and pain,
For promised joy!

Still you are blest, compared with me!
The present only touches you:
But oh! I backward cast my eye,
On prospects dreary!
And forward, though I cannot see,
I guess and fear!


Robert Burns war ein schottischer Schriftsteller und Poet in der Zeit der Aufklärung. Er verfasste zahlreiche Gedichte, politische Texte und Lieder. Sein bekanntestes Lied ist Auld Lang Syne, das inzwischen Teil der britischen Tradition geworden ist. Burns, der auch Werke in seinem Heimatdialekt Scots verfasste, gilt neben Walter Scott als größter schottischer Dichter.

#67Verfasser Chaostranslater (459860) 01 Mar 12, 16:09
Kommentar
Auld Lang Syne

Should auld acquaintance be forgot
And never brought to min'?
Should auld acquaintance be forgot
And days of auld lang syne?

Refrain
For auld lang syne, my jove
For auld lang syne
We'll tak' ae cup o'kindness yet
For auld lang syne

We twa hae rin aboot the braes
And pud the gowans fine
We've wander'd mony a weary step
Sin' auld lang syne.

We twa hae paidl'd in the burn
Frae morning sun till dine
But seas between us braid hae roar'd
Sin' auld lang syne.

And surely ye'll be your pint-stowp
And surely I'll be mine
And we'll tak ae cup o'kindness yet
For auld lang syne.

And there's a haund, my trusty fiere
And gie's a haund o' thine
And we'll tak' ae richt guid wullie- waught
For auld lang syne.


Robert Burns (1759 – 1796)


Auld Lang Syne (Scots, auf Englisch wörtlich „old long since“, sinngemäße Übersetzung: „längst vergangene Zeit“) ist der Titel eines der bekanntesten Lieder im englischsprachigen Raum. Es wird in der anglophonen Welt traditionsgemäß zum Jahreswechsel gesungen, um der Verstorbenen des zu Ende gegangenen Jahres zu gedenken.


Längst vergangene Zeit

Sollte denn alte Bekanntschaft vergessen sein
Und ihrer nicht mehr gedacht werden?
Sollte denn alte Bekanntschaft vergessen sein
Und die längst vergangenen Zeiten?

Refrain
Der lange zurückliegenden Tage wegen, mein Lieber,
Der lange zurückliegenden Tage wegen
Lass uns zueinander recht freundlich sein,
Der lange zurückliegenden Tage wegen.

Wir beide sind über die Hügel gelaufen
Und pflückten die herrlichen Gänseblümchen,
Doch haben wir uns seither die Füße müde gewandert
Seit diesen alten Tagen.

Wir beide haben im Fluss gepaddelt
Vom Morgen bis zum Abendbrot
Doch haben seither ausgedehnte Meere zwischen uns getost,
Seit diesen alten Tagen.

Und gewiss nimmst Du Deinen Maßkrug zur Brust
Und gewiss nehm ich den meinen,
Und lass uns zueinander recht freundlich sein
Der alten Zeiten wegen.

Und hier ist meine Hand, mein treuer Freund,
Und schlag ein mit der Deinen!
Und dann lass uns einen ordentlichen Schluck nehmen
Der alten Zeiten wegen.

(Unbekannt)

http://freimaurer-wiki.de/index.php/Robert_Burns
#68Verfasser Claus (243211) 03 Mar 12, 11:08
Kommentar
Song to a Fair Young Lady

Ask not the cause why sullen Spring
So long delays her flowers to bear;
Why warbling birds forget to sing,
And winter storms invert the year:
Chloris is gone; and fate provides
To make it Spring where she resides.

Chloris is gone, the cruel fair;
She cast not back a pitying eye:
But left her lover in despair
To sigh, to languish, and to die:
Ah! how can those fair eyes endure
To give the wounds they will not cure?

Great God of Love, why hast thou made
A face that can all hearts command,
That all religions can invade,
And change the laws of every land?
Where thou hadst placed such power before,
Thou shouldst have made her mercy more.

When Chloris to the temple comes,
Adoring crowds before her fall;
She can restore the dead from tombs
And every life but mine recall,
I only am by Love designed
To be the victim for mankind.


John Dryden (1631 – 1700)


_____________________________
sullen: missvergnügt, mürrisch
to bear: (Blüten) tragen
to warble: trällern
Chloris (griech. Mythologie): die Göttin der blühenden Natur
to restore: heilen, wiederbringen
#69Verfasser Claus (243211) 05 Mar 12, 09:16
Kommentar
Übergewicht

Es stand nach einem Schiffsuntergange
Eine Briefwaage auf dem Meeresgrund.
Ein Walfisch betrachtete sie bange,
Beroch sie dann lange,
Hielt sie für ungesund,
Ließ alle Achtung und Luft aus dem Leibe,
Senkte sich auf die Wiegescheibe
Und sah – nach unten schielend – verwundert:
Die Waage zeigte über Hundert.


Joachim Ringelnatz (1883-1934)
#70Verfasser Claus (243211) 05 Mar 12, 14:07
Kommentar
Lob des Frühlings

Saatengrün, Veilchenduft,
Lerchenwirbel, Amselschlag,
Sonnenregen, linde Luft!

Wenn ich solche Worte singe,
braucht es dann noch große Dinge,
Dich zu preisen, Frühlingstag!

Uhland, Ludwig (26.4.1787-1847)

Herzlichst oopsy
#71Verfasser oopsy (491382) 07 Mar 12, 08:27
Kommentar
Verloren

Gut verloren - etwas verloren!
Mußt rasch dich besinnen
und neues gewinnen.
Ehre verloren - viel verloren!
Mußt Ruhm gewinnen,
da werden die Leute sich andes besinnen.
Mut verloren - alles verloren!
Da wär´ es besser: nicht geboren.


Goethe
#72Verfasser Chaostranslater (459860) 07 Mar 12, 20:58
Kommentar
Jeden Morgen in meinem Garten
öffnen neue Blüten sich dem Tag.
Überall ein heimliches Erwarten,
das nun länger nicht mehr zögern mag


Die Lenzgestalt der Natur ist doch wunderschön,
wenn der Dornbusch blüht und die Erde
mit Gras und Blumen prangert.

Claudius, Matthias (1740-1815)

Herzlichst oopsy
#73Verfasser oopsy (491382) 08 Mar 12, 10:36
Kommentar
From Endymion

A thing of beauty is a joy for ever:
Its loveliness increases; it will never
Pass into nothingness; but still we keep
A bower quiet for us, and a sleep
Full of sweet dreams, and health, and quiet breathing.
Therefore, on every morrow, are we wreathing
A flowery band to bind us to the earth,
Spite of despondence, of the inhuman dearth
O noble natures, of the gloomy days,
Of all the unhealthy and o´er-darkened ways
Made for our searching: yes, in spite of all,
Some shape of beauty moves away the pall
From our dark spirits. Such the sun, the moon,
Trees old, and young, sprouting a shady boon
For simple sheep; and such are daffodils
With the green world they live in; and clear rills
That for themselves a cooling covert make
`Gainst the hot season; the mid forest brake,
Rich with a sprinkling of fair musk-rose blooms:
And such too is the grandeur of the dooms
We have imagined for the mighty dead;
All lovely tales that we have heard or read -
An endless fountain of immortal drink,
Pouring unto us from the heaven´s brink.

Nor do we merely feel these essences
For one short hour; no, even as the trees
That whisper round a temple become soon
Dear as the temple´s self, so does the moon,
The passion poesy, glories infinite,
Haunt us till they become a cheering light
Unto our souls, and bound to us so fast,
That, whether there be shine, or gloom o´ercast,
They alwas must be with us, or we die.


John Keats (1795-1821)


Ein Werk der Schönheit ist ein Glück für immer:
Stets wächst noch seine Anmut; es wird nimmer
Ins Nichts vergehn...
. . .

http://www.systemischestrukturaufstellungen.com/from-endymion.html
#74Verfasser Claus (243211) 08 Mar 12, 14:52
Kommentar
Der Traum

Ich schlief. Da hatt' ich einen Traum.
Mein Ich verließ den Seelenraum.
Frei vom gemeinen Tagesleben,
Vermocht ich leicht dahinzuschweben.
So, angenehm mich fortbewegend,
Erreicht ich eine schöne Gegend.
Wohin ich schwebte, wuchs empor
Alsbald ein bunter Blumenflor,
Und lustig schwärmten um die Dolden
Viel tausend Falter, rot und golden.
Ganz nah auf einem Lilienstengel,
Einsam und sinnend, saß ein Engel,
Und weil das Land mir unbekannt,
Fragt ich: Wie nennt sich dieses Land?
Hier, sprach er, ändern sich die Dinge.
Du bist im Reich der Schmetterlinge.
Ich aber, wohlgemut und heiter,
Zog achtlos meines Weges weiter.
Da kam, wie ich so weiter glitt,
Ein Frauenbild und schwebte mit
Als ein willkommenes Geleite,
Anmutig lächelnd mir zur Seite,
Und um sie nie mehr loszulassen,
Dacht ich die Holde zu umfassen;
Doch eh ich Zeit dazu gefunden,
Schlüpft sie hinweg und ist verschwunden.
Mir war so schwül. Ich musste trinken.
Nicht fern sah ich ein Bächlein blinken.
Ich bückte mich hinab zum Wasser.
Gleich fasst ein Arm, ein kalter, blasser,
Vom Grund herauf mich beim Genick.
Zwar zog ich eilig mich zurück,
Allein der Hals war steif und krumm,
Nur mühsam dreht ich ihn herum,
Und ach, wie war es rings umher
Auf einmal traurig, öd und leer.
Von Schmetterlingen nichts zu sehn,
Die Blumen, eben noch so schön,
Sämtlich verdorrt, zerknickt, verkrumpelt.
So bin ich seufzend fortgehumpelt,
Denn mit dem Fliegen, leicht und frei,
War es nun leider auch vorbei.
Urplötzlich springt aus einem Graben,
Begleitet vom Geschrei der Raben,
Mir eine Hexe auf den Nacken
Und spornt mich an mit ihren Hacken
Und macht sich schwer wie Bleigewichte
Und drückt und zwickt mich fast zunichte,
Bis dass ich matt und lendenlahm
Zu einem finstern Walde kam.
Ein Jägersmann, dürr von Gestalt,
Trat vor und rief ein dumpfes Halt.
Schon liegt ein Pfeil auf seinem Bogen,
Schon ist die Sehne straff gezogen.
Jetzt trifft er dich ins Herz, so dacht ich,
Und von dem Todesschreck erwacht ich
Und sprang vom Lager ungesäumt,
Sonst hätt' ich wohl noch mehr geträumt.


Wilhelm Busch (1832-1908)
#75Verfasser Chaostranslater (459860) 09 Mar 12, 20:23
Kommentar
The Soldier

If I should die, think only this of me:
That there's some corner of a foreign field
That is for ever England. There shall be
In that rich earth a richer dust concealed;
A dust whom England bore, shaped, made aware,
Gave, once, her flowers to love, her ways to roam,
A body of England's, breathing English air,
Washed by the rivers, blest by suns of home.
And think, this heart, all evil shed away,
A pulse in the eternal mind, no less
Gives somewhere back the thoughts by England given;
Her sights and sounds; dreams happy as her day;
And laughter, learnt of friends; and gentleness,
In hearts at peace, under an English heaven.


Rupert Brooke (1887-1915)

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges trat er in die Armee ein und nahm im Oktober 1914 an der Antwerpen-Expedition teil, war aber nie wirklich an Kampfhandlungen beteiligt. Er starb am 23. April 1915 an Bord eines französischen Krankenhausschiffes an den Folgen einer Sepsis, die durch einen Mückenstich verursacht worden war, auf dem Weg nach Gallipoli im Hafen der Insel Skyros. (vgl. Wikip)
#76Verfasser Claus (243211) 10 Mar 12, 14:58
Kommentar
“Take it easy”

Tehk it ih-sie, sagen sie dir.
Noch dazu auf englisch.
. . .
http://www.kaleko.ch/index.php?option=com_content&task=view&id=32&Itemid=41

Mascha Kaléko (1907-1975)
#77Verfasser Claus (243211) 11 Mar 12, 10:26
Kommentar
Die Altliberalen

Die wilden Wasser, sagt man, hat entbunden
Ein Lehrling einst, vorwitzig und vermessen,
Doch hinterdrein den Zauberspruch vergessen,
Der streng die Elemente hielt gebunden.

Ein tödlich Pulver, sagt man, zu erkunden
Hat einst ein Mönch sich überklug vermessen
Und, als im tiefen Grübeln er gesessen,
Im Zauberdampf den eignen Tod gefunden.

So habt den Zeitgeist ihr gebraut, gemodelt,
Und wie so lustig dann der Brei gebrodelt,
Ihm eure Zaubersprüche zugejodelt.

Und da's nun gärt und schwillt und quillt - was Wunder,
Wenn platzend dieser Hexentopf jetzunder
Euch in die Lüfte sprengt mit allem Plunder!


Joseph von Eichendorff
#78Verfasser Chaostranslater (459860) 11 Mar 12, 20:27
Kommentar
Aufschwung

Leicht laufen Wolkenschatten über den flatternden Gärten, hohen und geheimen. -
Tragt mich hinauf in die geschlossene Stadt,
Aus der die leuchtenden Gebirge keimen,
Wenn die Wetterwolke der Seele sie mit feurigen Tropfen geladen hat!

Darf sie euch ihre letzte Kindheit singen,
Und wieder einsam sein? Zwar fast zuhaus,
Doch zu den Bäumen sprechen, die sich bös verschlingen:
"So vieles lagert sich. Ich sehe zu. Bald ist es aus."


Georg Kulka (1897-1929)
#79Verfasser Claus (243211) 13 Mar 12, 09:14
Kommentar
Schönen Dank für Georg Kulka :-))


Frühling

Nun ist er endlich kommen doch
In grünem Knospenschuh;
"Er kam, er kam ja immer noch"
Die Bäume nicken sich's zu.

Sie konnten ihn all erwarten kaum,
Nun treiben sie Schuß auf Schuß;
Im Garten der alte Apfelbaum,
Er sträubt sich, aber er muß.

Wohl zögert auch das alte Herz
Und atmet noch nicht frei,
Es bangt und sorgt; "Es ist erst März,
Und März ist noch nicht Mai."

O schüttle ab den schweren Traum
Und die lange Winterruh:
Es wagt es der alte Apfelbaum,
Herze, wag's auch du.

Fontane, Theodor (1819-1898)

Herzlichst oopsy
#80Verfasser oopsy (491382) 13 Mar 12, 13:39
Kommentar
Eulenspiegel

Als Till ein kleines Bübchen war
Mit Augen, wundergroßen,
Mit langem, blondem Lockenhaar
Und kurzen, bunten Hosen,
Da hob sein Vater, hochgeehrt
Als Bürger vor den Leuten,
Das kecke Bürschlein wohl aufs Pferd
Und ließ ihn mit sich reiten.

Und kam das Reiterpaar heran,
Der Vater mit dem Buben,
Da liefen rasch die Basen an
Den Ausguck in den Stuben.
Die biedern Vettern blieben stehn,
Die Köpfe wiegten sachte,
Und alles hat ihm nachgesehn,
Hielt sich den Bauch und lachte.

So würdig auch der Alte ritt,
So fröhlich nahm's der Junge,
Und zeigt - der Vater sah es nit -
Dem Fußvolk seine Zunge.
Und macht's im Rücken sich bequem
Und höhnt die braven Gassen
Und bohrt den Esel dem und dem
Und schneidet keck Grimassen ...

So geht der Spruch vom jungen Till
Und klingt uns aus den Weiten;
Denn was ein Häkchen werden will,
Das krümmt sich schon beizeiten.
Man gab dem spaßigen Gesell'n
Die Erde längst zur Decke;
Es zeigt der Küster euch in Mölln
Sein Grab in seiner Ecke.

Gestorben sei er -? Ei, vergebt,
Wenn ich's euch anders sage:
Der kleine Eulenspiegel lebt
Und reitet alle Tage.
Er hat noch festen Sattelsitz
Hinter des Vaters Rücken;
Der kleine Till heißt heute - Witz
Und ist voll List und Tücken.

Gewichtig in den Kampf der Zeit
Trabt der Philister täglich.
Den kleinen Schalk im bunten Kleid
Ergötzt der Ritt unsäglich;
Er kehrt das Ernste um und um
Und läßt die Kinder staunen -
Und Reiter, Pferd und Publikum
Sind Spielzeug seiner Launen.

O Gott, wie öde wär' der Ritt
Und ohne Salz und Späße,
Wenn nicht der Till, das Bürschlein,
Zu Pferde fröhlich säße!
Wenn nicht der Schalksnarr schlechterdings
Auf alle Sorgen pfiffe
Und den Philistern rechts und links
An staub'ge Zöpfe griffe!


Rudolf Presber . 1868 - 1935

#81Verfasser Chaostranslater (459860) 14 Mar 12, 12:47
Kommentar
Frühling auf Vorschuss

Im Grünen ist’s noch gar nicht grün.
Das Gras steht ungekämmt im Wald,
als sei es tausend Jahre alt.
Hier also, denkt man, sollen bald
die Glockenblumen blüh‘n?

. . .
http://www.deanita.de/fruehling/fr_01.htm


Erich Kästner (1899-1974)
#82Verfasser Claus (243211) 15 Mar 12, 11:05
Kommentar
Die Ballade vom Brennesselbusch

Liebe fragte Liebe: "Was ist noch nicht mein?"
Sprach zur Liebe Liebe: "Alles, alles dein!"
Liebe küßte Liebe: "Liebste, liebst du mich?"
Küßte Liebe Liebe: "Ewig, ewiglich!"---

Hand in Hand hernieder stieg er mit Maleen
von dem Heidehügel, wo die Nesseln stehen,
eine Nessel brach er, gab er ihrer Hand,
zu der Liebsten sprach er: "Uns brennt heißrer Brand!

Lippe glomm auf Lippe, bis die Lust zum Schmerz,
bis der Atem stockte, brannte Herz auf Herz,
darum, wo nur Nesseln stehn am Straßenrand,
wolln wir daran denken, was uns heute band!"

Spricht von Treu die Liebe, sagt sie "ewig" nur,-
ach, die Treu am Mittag gilt nur bis zwölf Uhr,
Treue gilt am Abend, bis die Nacht begann -
und doch weiß ich Herzen, die verbluten dran.

Krieg verschlug das Mädchen, wie ein Blatt verweht,
das im Wind die Wege fremder Koppeln geht,
und ihr lieber Liebster stieg zum Königsthron,
eine Königstochter nahm der Königssohn.-

Sieben Jahre gingen, und die Nessel stand
sieben Jahr an jedem deutschen Straßenrand,
wer hat Treu gehalten? Gott alleine weiß,
ob nicht wunde Treue brennet doppelt heiß!

Bei der Jagd im Walde stand mit schwerem Sinn,
stand am Knick der König bei der Königin,
Nesselblatt zum Munde hob er wie gebannt,
und die Lippe brannte, wie sie einst gebrannt:

"Brennettelbusch,
Brennettelbusch so kleene,
wat steihst du so alleene!
Brennettelbusch, wo is myn Tyd' eblewen,
un wo is myn Maleen?"

"Sprichst du mit fremder Zunge?" frug die Königin,
"So sang ich als Junge", sprach er vor sich hin.
Heim sie ritten schweigend, Abend hing im Land,-
seine Lippen brannten, wie sie einst gebrannt!

Durch den Garten streifte still die Königin,
zu der Magd am Flusse trat sie heimlich hin,
welche Wäsche spülte noch im Sternenlicht,
Tränen sahn die Sterne auf der Magd Gesicht:

"Brennettelbusch,
Brennettelbusch so kleene,
wat steihst du so alleene!
Brennettelbusch,
ik hev de Tyd 'eweten,
dar was ik nich alleen!"

Sprach die Dame leise: "Sah ich dein Gesicht
unter dem Gesinde? Nein, ich sah es nicht!"
Sprach das Mädchen leiser: "Konntest es nicht sehn,
gestern bin ich kommen, und ich heiß Maleen!"-

Viele Wellen wallen weit ins graue Meer,
eilig sind die Wellen, ihre Hände leer,
eine schleicht so langsam mit den Schwestern hin,
trägt in nassen Armen eine Königin.---

Liebe fragte Liebe: "Sag, weshalb du weinst?"
Raunte Lieb zur Liebe: "Heut ist nicht mehr wie einst!"
Liebe klagte Liebe: "Ists nicht wie vorher?"
Sprach zur Liebe Liebe: "Nimmer - nimmermehr."


Börries Frhr. von Münchhausen
#83Verfasser Chaostranslater (459860) 15 Mar 12, 21:56
Kommentar
Kreislauf

Wenn im März die erste Lerche singt -
O wie hold verheissungsvoll das klingt!

Horch! die Nachtigall im Rosenhag -
O wie golden bist du Frühlingstag!

Der Pirol ruft aus dem Kirschenbaum -
Sommer ist′s und war doch Frühling kaum.

Ach wie bald weht Herbstresedaduft,
Und der Kranich ruft aus hoher Luft.

Nur ein Weilchen noch, dann starrt der See,
Und die Krähen krächzen über′m Schnee!

O wie hold verheissungsvoll das klingt,
Wenn im März die erste Lerche singt!


Heinrich Seidel
(* 25.06.1842 , † 07.11.1906)
#84Verfasser oopsy (491382) 16 Mar 12, 09:41
Kommentar
The Spring

Now that the winter’s gone, the earth hath lost
Her snow-white robes; and now no more the frost
Candies the grass, or casts an icy cream
Upon the silver lake or crystal stream:
But the warm sun thaws the benumbed earth,
And makes it tender; gives a sacred birth
To the dead swallow; wakes in hollow tree
The drowsy cuckoo and the humble-bee.
Now do a choir of chirping minstrels bring,
In triumph to the world, the youthful spring:
The valleys, hills, and woods in rich array
Welcome the coming of the long’d-for May.
Now all things smile: only my love doth lower,
Nor hath the scalding noon-day sun the power
To melt that marble ice, which still doth hold
Her heart congeal’d, and makes her pity cold.
The ox, which lately did for shelter fly
Into the stall, doth now securely lie
In open fields; and love no more is made
By the fire-side, but in the cooler shade
Amyntas now doth with his Chloris sleep
Under a sycamore, and all things keep
Time with the season: only she doth carry
June in her eyes, in her heart January.


Thomas Carew (1594-1640)

____________________
to candy: kandieren
to thaw: (auf)tauen
to benumb: betäuben, lähmen
swallow: Schwalbe
humble-bee: Hummel
minstrel: Minnesänger, Musikant
Amyntas: (hier evtl.) makedonischer Schäfer
Chloris: (griech. Mythologie) die Göttin der blühenden Natur
sycamore: (hier) Bergahorn
#85Verfasser Claus (243211) 16 Mar 12, 14:19
Kommentar
Erich Fried
gest. 1988

http://matthias-kaldenbach.de/fried.htm

Herzlichst oopsy
#86Verfasser oopsy (491382) 16 Mar 12, 17:50
Kommentar
März

Aus der Erde quollen Kräfte,
Die in dunkler Enge schliefen,
In den Wolken gingen Stürme,
Graue Wogen in den Tiefen.

Lange Tage fuhren Winde
Regenschwer vom nahen Meere,
Große Vögel kamen nächtlich
Und verschwanden schnell ins Leere.

Auf dem halbgeborstnen Eise
Schoben sich die schweren Schollen,
Oft wir schraken auf aus Träumen
Von des Stromes dumpfem Grollen.

Sterne glänzten und verschwanden,
Eh wir noch die Schönen schauten,
Fern vom Sturm geläutet klangen
Glocken mit der Märznacht Lauten.


Georg Heym (1887-1912)
#87Verfasser Claus (243211) 20 Mar 12, 17:41
Kommentar
In Graz blühen sie schon, die Veilchen :-))


Knabe und Veilchen

Knabe:
Blühe liebes Veilchen,
Das so lieblich roch,
Blühe noch ein Weilchen,
Werde schöner noch.
Weist du was ich denke,
Liebchen zum Geschenke,
Pflück ich Veilchen dich,
Veilchen freue dich!

Veilchen:
Brich mich stilles Veilchen,
Bin die Liebste dein,
Und in einem Weilchen
Werd ich schöner seyn!
Weist du, was ich denke,
Wenn ich duftend schwenke
Meinen Duft um dich:
Knabe liebe mich!

Clemens Brentano, gest. 1842
#88Verfasser oopsy (491382) 21 Mar 12, 09:33
Kommentar
... und am Rhein die Osterglocken.


Daffodils

I wandered lonely as a cloud
That floats on high o'er vales and hills,
When all at once I saw a crowd,
A host, of golden daffodils;
Beside the lake, beneath the trees,
Fluttering and dancing in the breeze.

Continuous as the stars that shine
And twinkle on the milky way,
They stretched in never-ending line
Along the margin of a bay:
Ten thousand saw I at a glance,
Tossing their heads in sprightly dance.

The waves beside them danced; but they
Out-did the sparkling waves in glee:
A poet could not but be gay,
In such a jocund company:
I gazed--and gazed--but little thought
What wealth the show to me had brought:

For oft, when on my couch I lie
In vacant or in pensive mood,
They flash upon that inward eye
Which is the bliss of solitude;
And then my heart with pleasure fills,
And dances with the daffodils.


William Wordsworth (1770 – 1850)
#89Verfasser Claus (243211) 21 Mar 12, 15:46
Kommentar
Narzissen

Der Wolke gleich, zog ich einher,
die einsam zieht hoch übers Land,
als unverhofft vor mir ein Meer
von goldenen Narzissen stand.
Am See, dort wo die Bäume sind,
flatterten, tanzten sie im Wind.

So stetig wie der Sterne Schein
und Funkeln hoch am Himmelszelt,
war’n sie in endlos langen Reih’n
am Saum der Bucht entlang gestellt.
Zehntausende, auf einen Blick,
bogen im Tanz den Kopf zurück.

Ihr Tanzen übertraf sogar
des Wellentanzes Funkelschein:
In dieser ausgelass’nen Schar
muss selbst ein Dichter heiter sein!
Ich schaut’ und schaute, kaum bedacht,
welch Wohl dies Schauspiel mir gebracht.

Denn oft, wenn auf der Couch ich ruh’
gedankenschwer, des Grübelns leid,
gesell’n dem Herzen sie sich zu:
dies ist das Glück der Einsamkeit.
Erfüllt von Glück mein Herz dann singt
mit den Narzissen tanzt und springt.


Original: Daffodils von William Wordsworth
Übersetzung: Bertram Kottmann (1844-1896)

http://myweb.dal.ca/waue/Trans/Wordsworth-Cloud-Bertram.html
#90Verfasser Claus (243211) 21 Mar 12, 15:49
Kommentar
Nachbarn


Im Herbst sammelte ich alle meine Sorgen
und vergrub sie in meinem Garten.
Und als der April wiederkehrte und
der Frühling kam, die Erde zu heiraten,
da wuchsen in meinem Garten schöne Blumen,
nicht zu vergleichen mit allen anderen Blumen.
Und meine Nachbarn kamen, um sie anzuschauen,
und sie sagten zu mir:

Willst du uns, wenn der Herbst wiederkommt,
zur Saatzeit, nicht auch Samen dieser Blumen geben,
damit wir sie in unseren Gärten haben?


Khalil Gibran
#91Verfasser Chaostranslater (459860) 21 Mar 12, 20:59
Kommentar
Daffodils

I fell in love –
Taken by the innocence of
Child-face daffodils:
. . .
http://www.poemhunter.com/poem/daffodils-12/


Mark R. Slaugther (b. 1957)
Written in 2010


Osterglocken

Ich verliebte mich –
Ergriffen von der Unschuld der
Narzissen mit ihrem Kindergesicht:

Ihre kessen Fanfaren –
Die Solotrompete aus ockergelben Blaskapellen
Kündigt an, frohlockt, ruft uns zu:

Da sind wir! Bitte schön!

CW
#92Verfasser Claus (243211) 22 Mar 12, 08:46
Kommentar
in time of daffodils(who know

http://lifeisjustagarden.wordpress.com/2012/02/13/in-time-of-daffodils-who-know-...


e e cummings (1894 – 1962)
#93Verfasser Claus (243211) 22 Mar 12, 08:55
Kommentar
Märzsonne

Trunken von früher Glut
Taumelt ein gelber Falter.
Sitzend am Fenster ruht
Schläfrig gebückt ein Alter.
. . .
http://www.gedichte-garten.de/forum/ftopic52-15.html (zweites)


Hermann Hesse (1877-1962)
#94Verfasser Claus (243211) 23 Mar 12, 14:02
Kommentar

Letzte Nacht


Hörst du? es mahnt der laue Wind
draußen in knospenden Bäumen,
küßt in der silbernen Lenzesnacht
tausend ahnende Blüten wach
treulos tollt er und flieht geschwind,
kennt kein Träumen und Säumen.
Doch die Knospen, sie fühlen das Glühen
des Lebenskusses und müssen blühen.

Hörst du? Es wirbt der Frühjahrswind:
Kuß' in der Nacht, da die Knospen sind,
in den Stunden der werdenden Lieder!

Hörst du? Er flieht mit der Jugendzeit
morgen schon bin ich wie er so weit
nimmer seh' ich dich wieder.

Bruno Ertler, gest. 1927
#95Verfasser oopsy (491382) 25 Mar 12, 10:01
Kommentar
March

Like as that lion through the green woods came,
With roar which startled the hushed solitudes,
Yet, soon as he saw Una, that white dame
To Virtue wedded, quieted his rude
And savage heart, and at her feet fell tame
As a pet lamb,--so March, though his first mood
Was boisterous and wild, feeling that shame
Would follow his fell steps, if Spring's young brood
Of buds and blossoms withered where he trod,--
Calmed his fierce ire. And now both violets
Breathe their new lives; the tawny primrose sits
Like squatted gypsy on the wayside clod;
And early bees are all day on the wing,
And work like labour, yet like pleasure sing.


Cornelius Webb (1790-1850)

________________
to hush: verstummen
dame: Dame, heilige Jungfrau Maria
boisterous: ungestüm
to wither: verblühen, verwelken
tawny: fahlgelb, gelbbraun
primrose: Primel, Schlüsselblume
clod: Erdklumpen
#96Verfasser Claus (243211) 25 Mar 12, 13:18
Kommentar
Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute,
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling hinaus ins Weite.
Kling hinaus bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen,
Wenn du eine Rose schaust,
Sag, ich laß sie grüßen.

Heinrich Heine (1797-1856)


Sweet chimes are softly
filling my soul;
Ring, little springtime-song
Ring out: far and wide.
Go forward till you reach the house,
where the violets bloom;
And if you see a rose,
give her my greetings.

Translation by Marty Lucas

http://www.thomashampson.com/category/song-titles-texts/lyrics-grieg-edvard/
#97Verfasser Claus (243211) 25 Mar 12, 17:50
Kommentar
This Be The Verse

http://www.artofeurope.com/larkin/lar2.htm


Philip Larkin (1922 – 1985)

Larkin erhielt zahlreiche Ehrungen für sein Werk: In den Jahren 1973 und 1974 wurde er mit Ehrentiteln des St. John's Colleges in Oxford und der Universitäten von Warwick, St Andrews und Sussex gewürdigt. 1975 erhielt er den englischen Ritterorden (CBE) und 1976 den deutschen Shakespeare Preis. 1980 wurde er Ehrenmitglied der Library Association. 1982 Professor der Universität Hull. 1984 erhielt er den Titel D.Litt. der Universität Oxford und wurde er in den Aufsichtsrat der British Library gewählt. 1984 trug man ihm das Poet Laureateship an, das er jedoch ablehnte. (Wikip.)
#98Verfasser Claus (243211) 26 Mar 12, 12:51
Kommentar
Atalanta in Calydon
(First Chorus)


When the hounds of spring are on winter's traces,
The mother of months in meadow or plain
Fills the shadows and windy places
With lisp of leaves and ripple of rain;
And the brown bright nightingale amorous
Is half assuaged for Itylus,
For the Thracian ships and the foreign faces,
The tongueless vigil, and all the pain.

Come with bows bent and with emptying of quivers,
Maiden most perfect, lady of light,
With a noise of winds and many rivers,
With a clamour of waters, and with might;
Bind on thy sandals, O thou most fleet,
Over the splendour and speed of thy feet;
For the faint east quickens, the wan west shivers,
Round the feet of the day and the feet of the night.

Where shall we find her, how shall we sing to her,
Fold our hands round her knees, and cling?
O that man's heart were as fire and could spring to her,
Fire, or the strength of the streams that spring!
For the stars and the winds are unto her
As raiment, as songs of the harp-player;
For the risen stars and the fallen cling to her,
And the southwest-wind and the west-wind sing.

For winter's rains and ruins are over,
And all the season of snows and sins;
The days dividing lover and lover,
The light that loses, the night that wins;
And time remembered is grief forgotten,
And frosts are slain and flowers begotten,
And in green underwood and cover
Blossom by blossom the spring begins.

The full streams feed on flower of rushes,
Ripe grasses trammel a travelling foot,
The faint fresh flame of the young year flushes
From leaf to flower and flower to fruit;
And fruit and leaf are as gold and fire,
And the oat is heard above the lyre,
And the hoofed heel of a satyr crushes
The chestnut-husk at the chestnut-root.

And Pan by noon and Bacchus by night,
Fleeter of foot than the fleet-foot kid,
Follows with dancing and fills with delight
The Maenad and the Bassarid;
And soft as lips that laugh and hide
The laughing leaves of the trees divide,
And screen from seeing and leave in sight
The god pursuing, the maiden hid.

The ivy falls with the Bacchanal's hair
Over her eyebrows hiding her eyes;
The wild vine slipping down leaves bare
Her bright breast shortening into sighs;
The wild vine slips with the weight of its leaves,
But the berried ivy catches and cleaves
To the limbs that glitter, the feet that scare
The wolf that follows, the fawn that flies.


Algernon Charles Swinburne (1837-1909)
#99Verfasser Claus (243211) 27 Mar 12, 13:39
Kommentar
Beauty

I have seen dawn and sunset on moors and windy hills
Coming in solemn beauty like slow old tunes of Spain:
. . .
http://www.poemhunter.com/poem/beauty/


John Masefield (1878 – 1967)
#100Verfasser Claus (243211) 28 Mar 12, 15:19
Kommentar
Langschläfers Morgenlied

Der Wecker surrt. Das alberne Geknatter
Reißt mir das schönste Stück des Traums entzwei.
Ein fleißig Radio übt schon sein Geschnatter.
Pitt äußert, daß es Zeit zum Aufstehn sei.
. . .
. . .
http://www.kaleko.ch/index.php?option=com_content&task=view&id=24&Itemid=41


Mascha Kaléko (1907-1975)
#101Verfasser Claus (243211) 30 Mar 12, 13:51
Kommentar
Das Ich

»Ich bin’s!«
Jawohl, du bist’s, mein Ich;
gestatte mir, dich zu erkennen!
Du rühmst und lobst und brüstest dich,
stets fertig, dich mein Ich zu nennen.
Doch, seh ich dich mir in dem Licht
der Wirklichkeit genauer an,
so bist du es und doch auch nicht.
Du weißt, was ich nicht sagen kann!

»Ich will’s!«
Jawohl, du willst’s, mein Ich;
gestatte mir nur, dich zu kennen!
Du rühmst und lobst und brüstest dich,
stets fertig, dich mein Ich zu nennen.
Du hast schon viel, schon viel gewollt,
doch sah ich mir's genauer an,
so war es nie, was ich gesollt.
Du weißt, was ich nicht sagen kann!

»Ich kann’s!«
Jawohl, du kannst’s, mein Ich;
gestatte mir nur, dich zu kennen!
Du rühmst und lobst und brüstest dich,
stets fertig, dich mein Ich zu nennen.
Du hast schon viel, schon viel gekonnt,
doch, sah ich mir's genauer an,
so hast du dich in mir gesonnt.
Du weißt, was ich nicht sagen kann!

»Ich schweig!«
Jawohl, mein liebes Ich;
gestatte mir, dies klug zu nennen!
Du bist nur Staub, nur Staub für mich,
und von dem Staub muß ich mich trennen.
Denn, seh ich dich mir in dem Licht
der Ewigkeit genauer an,
so brauche ich dich einstens nicht.
Das ist’s, was ich dir sagen kann?


Karl May, 1900
Aus der Sammlung Himmelsgedanken
#102Verfasser Chaostranslater (459860) 30 Mar 12, 20:39
Kommentar
Verse

Sieh mich gebeugt mit lockerm Schritte
In Mauernähe ängstlich gehn,
Verhöhnend dein Gebot der Sitte
Nach Füßchen und nach Busen spähn.

Das ist der Weg, der längst bekannte,
Zu ihr, der Göttin ohne Scham,
Den ich so oft zu gehen brannte
Und reuig weinend wiederkam.

O Gott, in alle Spiegel schlage
Vernichtend deine Faust hinein,
Das klare Licht entzieh dem Tage,
Dem Bache nimm den Widerschein!

- Und höhnisch schleicht das alte Bangen
Der heißbegehrten Lust voran. -
O!! Gibt dem Laster rothe Wangen,
Daß ich ihm angstlos fröhnen kann!

Otto Weininger, gest. 1903
#103Verfasser oopsy (491382) 01 Apr 12, 09:57
Kommentar
Der Lenz ist da

Das Lenzsymptom zeigt sich zuerst beim Hunde,
Dann im Kalender und dann in der Luft,
Und endlich hüllt auch Fräulein Adelgunde
Sich in die frischgewaschene Frühlingsluft.

Ach ja, der Mensch! Was will er nur vom Lenze?
Ist er denn nicht das ganze Jahr in Brunst?
Doch seine Triebe kennen keine Grenze ?
Dies Uhrwerk hat der liebe Gott verhunzt.

Der Vorgang ist in jedem Jahr derselbe:
Man schwelgt, wo man nur züchtig beten sollt,
Und man zerdrückt dem Heiligtum das gelbe
Geblümte Kleid? Ja, hat das Gott gewollt?

Die ganze Fauna treibt es immer wieder:
Da ist ein Spitz und eine Pudelmaid?
Die feine Dame senkt die Augenlider,
Der Arbeitsmann hingegen scheint voll Neid.

Durch rauh Gebrüll lässt sich das Paar nicht stören,
Ein Fußtritt trifft den armen Romeo?
Mich deucht, hier sollten zwei sich nicht gehören...
Und das geht alle, alle Jahre so.

Komm, Mutter, reich mir meine Mandoline,
Stell mir den Kaffee auf den Küchentritt.
Schon dröhnt mein Bass: Sabine, bine, bine...
Was will man tun? Man macht es schließlich mit.


Kurt Tucholsky (1890–1935)
#104Verfasser Claus (243211) 02 Apr 12, 14:46
Kommentar
April

Was kümmerts dich in deinen Wolken droben,
Du launischer April,
Ob wir dich tadeln, oder loben?
Ein großer Herr thut meistens, was er will.
Auch halten wir geduldig still,
Und leiden, was wir leiden müssen.
Gieb uns zuweilen nur ein wenig Sonnenschein,
Damit wir dessen uns erfreun:
Dann magst du wiederum mit Schnee und Regengüssen,
Mit Sturm und Blitz und Hagel dir
Bey Tag und Nacht die Zeit vertreiben!
In unsrer kleinen Wirthschaft hier
Soll dennoch gutes Wetter bleiben.

Johann Georg Jacobi
(* 02.09.1740 , † 04.01.1814)
#105Verfasser oopsy (491382) 03 Apr 12, 08:53
Kommentar
A Prayer in Spring

Oh, give us pleasure in the flowers to-day;
And give us not to think so far away
As the uncertain harvest; keep us here
All simply in the springing of the year.

. . .
http://poetry.about.com/library/weekly/blfrostspring.htm


Robert Frost (1874 – 1963)
#106Verfasser Claus (243211) 03 Apr 12, 13:24
Kommentar


Bei dir sind meine Gedanken
Und flattern um dich her;
Sie sagen, sie hätten Heimweh,
Hier litt es sie nicht mehr!

Bei dir sind meine Gedanken
Und wollen von dir nicht fort;
Sie sagen, das wär' auf Erden,
Der allerschönste Ort!

Sie sagen, unlösbar hielte
Dein Zauber sie festgebannt
Sie hätten an deinen Blicken
Die Flügel sich verbrannt.

Friedrich Halm, gest. 1871
#107Verfasser oopsy (491382) 04 Apr 12, 09:26
Kommentar
April spricht Geistersprache.

April spricht Geistersprache.
Wie ein Vergoldermeister
Sitzt er am Nachbardache,
Spritzt Goldschaum auf Taube und Tauber,
Beklebt die Zimmer lichtsauber,
Belebt die Fenstergardinen,
Den Staub auf alten Tischen,
Vergoldet Falten und Mienen,
Sein Zauber will nie mehr verwischen.
Auf meinen Stühlen sitzt still,
Ich seh' ihn mit blumigen Gliedern,
Ein Geist von Liebesliedern,
Der dreist erlöst sein will.



Max Dauthendey
#108Verfasser Chaostranslater (459860) 04 Apr 12, 20:34
Kommentar
Am Strande

Vorüber die Flut.
Noch braust es fern.
Wild Wasser und oben
Stern an Stern.

Wer sah es wohl,
O selig Land,
Wie dich die Welle
Überwand.

Noch braust es fern.
Der Nachtwind bringt
Erinnerung und eine Welle
Verlief im Sand.

Rainer Maria Rilke
(* 04.12.1875 , † 29.12.1926)
#109Verfasser oopsy (491382) 06 Apr 12, 09:30
Kommentar
Easter Day

The silver trumpets rang across the Dome:
The people knelt upon the ground with awe:
And borne upon the necks of men I saw,
Like some great God, the Holy Lord of Rome.
Priest-like, he wore a robe more white than foam,
And, king-like, swathed himself in royal red,
Three crowns of gold rose high upon his head:
In splendour and in light the Pope passed home.
My heart stole back across wide wastes of years
To One who wandered by a lonely sea,
And sought in vain for any place of rest:
'Foxes have holes, and every bird its nest.
I, only I, must wander wearily,
And bruise my feet, and drink wine salt with tears.'


Oscar Wilde (1854 – 1900)
#110Verfasser Claus (243211) 06 Apr 12, 14:31
Kommentar
Well, today and on this place it's time for the
"Osterspaziergang" von "Olle Jöhte", I think.
But I guess that all of you, almost all of you, know it,
so recite it in your minds and enjoy. (o;
#111Verfasser Steve53 (329426) 08 Apr 12, 08:49
Kommentar
Karfreitag

Karfreitags Krone. Heldenkönig! Einsames Haupt.
Verstoßen. Erheben
Die feige Flucht verdammender Hände.
Ein suchender führender Quell.
Wenn ich erhöht sein werde, will ich alle zu mir ziehen.
Und die Welt, die schwere Welt, die leichtsinnschwere Welt,
Fast schon oben, reißt ab, eine Wunde reißt auf,
Der Seele, Wunde des Leibes, Wunde des Todes:
Vater verzeihe ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.
Zum schmerzlichen Hohn der Dornenkrone
Fallen kühlende Tropfen fühlender Größe.
Dem bedeutenden, einsamen Menschen an seinem Tage nahe sei,
So ist stiller Freitag, so ist Ostern
Trauerhelles Opferglück.
Abschiednehmendes Wiedersehn.


Peter Hille
(* 11.09.1854 , † 07.04.1904)
#112Verfasser oopsy (491382) 08 Apr 12, 10:15
Kommentar
Easter

The air is like a butterfly
With frail blue wings.
The happy earth looks at the sky
And sings.


Joyce Kilmer (1886–1918)
#113Verfasser Claus (243211) 08 Apr 12, 14:54
Kommentar
Die Städte

Staubstrahlen stöhnen träumend zuzweit Arm unter Arm zur Arbeit hin, qualmen, in silbernem Sude gebadet, spöttisch über die Plakate, branden ins Meer der Naturen unendliche Helle, bevor sie still in Bild- und Bau-: in Menschenwerk versinken. Stadt starrt aus den eingefallenen Kuppeln; schwarze Brücken hängen schwer vom Himmel, im Morgen ducken Dächer sich bestürzt.

Georg Kulka, gest. 1929
#114Verfasser oopsy (491382) 10 Apr 12, 09:22
Kommentar
A Flying Song

Last night I saw the sword Excalibur
It flew above the cloudy palaces
. . .
http://www.poetryarchive.org/poetryarchive/singlePoem.do?poemId=61

Adrian Mitchell (1932 – 2008)
#115Verfasser Claus (243211) 10 Apr 12, 09:24
Kommentar
Cold Spring

The last few gray sheets of snow are gone,
winter’s scraps and leavings lowered
to a common level. A sudden jolt
of weather pushed us outside, ...
. . .
http://www.poetryfoundation.org/poem/179024


Lawrence Raab (b. 1946)
American poet

____________________
jolt: Ruck, Stoß, Schock
mangle: Mischmasch
splurge: Prasserei
furl of water: Wasserwirbel -> Danke, noli und Braunbärin
#116Verfasser Claus (243211) 10 Apr 12, 14:45
Kommentar
The Road Not Taken

Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both
And be one traveler, long I stood
And looked down one as far as I could
To where it bent in the undergrowth;
. . .
http://myweb.dal.ca/waue/Trans/Frost-Road.html#Whitehead


Robert Frost (1874 – 1963)



Der nicht gegangene Weg

Zwei Wege trennten sich im fahlen Wald
und, weil ich nicht auf beiden konnte gehn
und einer bleiben, macht' ich lange Halt
und schaute auf des einen Wegs Gestalt,
soweit ich durch die Büsche konnte sehn.
. . .

Übersetzung: Walter A. Aue (* 1935)
#117Verfasser Claus (243211) 11 Apr 12, 15:13
Kommentar
Was gesagt werden muss

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.
. . .
http://www.stern.de/kultur/buecher/gedicht-von-guenter-grass-im-wortlaut-was-ges...


Günter Grass (* 16. Oktober 1927)
#118Verfasser Claus (243211) 11 Apr 12, 15:26
Kommentar
Das neue Kleid

»Kommen Sie morgen mich anschau'n in meinem neuen Kleid – – –!«
Ich aber war nicht dazu bereit.
Ich kam nicht Dich anzuschau'n in Deinem neuen Kleid.
Und es that mir gar nicht leid.
Hättest Du gesagt: »Morgen dürfen Sie meine Fingerspitzen berühren – – –«,
ich hätte die Nacht schlaflos verbracht,
hätte bei Schnee und Wind an deinem Thore gewacht,
hätte nichts gegessen, nichts getrunken,
wäre vor Sehnsucht umgesunken.
Oh Gott, wir leben doch im lebendigen Leben,
können daher es nicht billiger geben!
Für leeren Ritterdienst bin ich zu alt,
für echten Liebesdienst bist Du zu kalt!
Dein altes Kleid und Dein neues Kleid
schaffen mir nur Herzeleid!
Ein jedes Deine Schönheit barg
wie ein Sarg.
Hättest Du zu mir gesagt: »Morgen dürfen Sie meine Fingerspitzen berühren – – –«,
ich hätte die Nacht schlaflos verbracht,
hätte bei Schnee und Wind an Deinem Thore gewacht,
hätte nichts gegessen, nichts getrunken,
wäre vor Sehnsucht umgesunken!
So aber warst Du gnädig wie alle Frauen:
»Sie dürfen mich morgen im neuen Kleid erschauen!
Da kam ich nicht.
Ich Wicht!
Ich dachte an Deine geliebten Finger
und von meiner Liebe nicht geringer,
trotzdem ich nicht kam, Lieblichste der Frauen,
Dich im neuen Kleide anzuschauen!

Peter Altenberg, gest. 1919
#119Verfasser oopsy (491382) 12 Apr 12, 12:22
Kommentar
Our Hunting Fathers

Our hunting fathers told the story
Of the sadness of the creatures,
Pitied the limits and the lack
Set in their finished features;
. . .
http://www.kulichki.com/moshkow/POEZIQ/AUDEN/poems_engl.txt


W. H. Auden (1907-1973)


“How to read a poem”
http://wwword.com/6/think/school-room/how-to-read-a-poem/




Unsere jagenden Väter

Unsere jagenden Väter erzählten die Geschichte
Von der Traurigkeit der Geschöpfe,
Bedauerten Beschränkungen und den Mangel,
Der ihren fertig angelegten Zügen innewohnt;
Sie sahen im unduldsamen Blick des Löwen,
Hinter dem sterbenden Blick der Beute,
Die Liebe grassieren, den persönlichen Ruhm,
Den die Vernunftgabe hinzufügen würde,
Den ungezügelten Appetit und Kraft,
Die Angemessenheit eines Gottes.

Wer, der in dieser feinen Tradition aufgewachsen,
Prophezeite das Ergebnis,
Vermutete, dass Liebe von Natur aus
Den verschlungenen Wegen der Schuld folgen würde,
Dass menschliche Ligamente so
Seine südlichen Gebärden verändern könnten,
Und es zu seinem reifen Ehrgeiz machen würde,
Keinen Gedanken als den unseren zu denken,
Zu hungern, schwarz zu arbeiten,
Und anonym zu bleiben?


Übertragung: CW
#120Verfasser Claus (243211) 14 Apr 12, 17:55
Kommentar
Max and Moritz (A Story of Seven Boyish Pranks)
is a German language illustrated story in verse. This highly inventive, blackly humorous tale, told entirely in rhymed couplets, was written and illustrated by Wilhelm Busch (b. 15 April 1832) and published in 1865.

Busch's classic tale of the terrible duo (now in the public domain) has since become a proud part of the culture in German-speaking countries. Even today, parents usually read these tales to their not-yet-literate children.


Der dritte Streich. Schneider Böck

Jedermann im Dorfe kannte
Einen, der sich Böck benannte.
Alltagsröcke, Sonntagsröcke,
Lange Hosen, spitze Fräcke,
Westen mit bequemen Taschen,
Warme Mäntel und Gamaschen
Alle diese Kleidungssachen
Wußte Schneider Böck zu machen.
Oder wäre was zu flicken,
Abzuschneiden, anzustücken,
Oder gar ein Knopf der Hose
Abgerissen oder lose
Wie und wo und was es sei,
Hinten, vorne, einerlei
Alles macht der Meister Böck,
Denn das ist sein Lebenszweck.
. . .
. . .
http://www.wilhelm-busch-seiten.de/werke/maxundmoritz/streich3.html

Wilhelm Busch (1832-1908)
Aus: Max und Moritz



Third Trick: Tailor Buck

Through the town and country round
Was one Mr. Buck renowned
Sunday coats, and week-day sackcoats,
Bob-tails, swallow-tails, and frock coats,
Gaiters, breeches, hunting-jackets;
Waistcoats, with commodious pockets,-
And other things, too long to mention,
Claimed Mr. Tailor Buck's attention.
Or, if any thing wanted doing
In the way of darning, sewing,
Piecing, patching,-if a button
Needed to be fixed or put on,-
Any thing of any kind,
Anywhere, before, behind,-
Master Buck could do the same,
For it was his life's great aim.
. . .
. . .
http://english.learnhub.com/lesson/2825-max-und-moritz-dritter-streich
#121Verfasser Claus (243211) 15 Apr 12, 14:35
Kommentar
I wandered Lonely
As A Cloud


I wandered lonely as a cloud
That floats on high o'er vales and hills,
When all at once I saw a crowd,
A host, of golden daffodils;
Beside the lake, beneath the trees,
Fluttering and dancing in the breeze.

Continuous as the stars that shine
And twinkle on the milky way,
They stretched in never-ending line
Along the margin of a bay:
Ten thousand saw I at a glance,
Tossing their heads in sprightly dance.

The waves beside them danced; but they
Out-did the sparkling waves in glee:
A poet could not but be gay,
In such a jocund company:
I gazed--and gazed--but little thought
What wealth the show to me had brought:

For oft, when on my couch I lie
In vacant or in pensive mood,
They flash upon that inward eye
Which is the bliss of solitude;
And then my heart with pleasure fills,
And dances with the daffodils.


William Wordsworth (1770-1850)

#122Verfasser Chaostranslater (459860) 15 Apr 12, 19:51
Kommentar
Sie war ein Blümlein hübsch und fein

Sie war ein Blümlein hübsch und fein,
Heil aufgeblüht im Sonnenschein,
Er war ein junger Schmetterling,
Der selig an der Blume hing.

Oft kam ein Bienlein mit Gebrumm
Und nascht und säuselt da herum.
Oft kroch ein Käfer kribbelkrab
Am hübschen Blümlein auf und ab.

Ach Gott, wie das dem Schmetterling
So schmerzlich durch die Seele ging.
Doch was am meisten ihn entsetzt,
Das Allerschlimmste kam zuletzt.

Ein alter Esel frass die ganze
Von ihm so heissgeliebte Pflanze.


Wilhelm Busch 1832 -1908
#123Verfasser oopsy (491382) 16 Apr 12, 10:23
Kommentar
Aber wir lassen es andere machen

Ein Chinese ('s sind schon an 200 Jahr)
In Frankreich auf einem Hofball war.
Und die einen frugen ihn: ob er das kenne?
Und die andern frugen ihn: wie man es nenne?
»Wir nennen es tanzen«, sprach er mit Lachen,
»Aber wir lassen es andere machen.«

Und dieses Wort seit langer Frist,
Mir immer in Erinnerung ist.
Ich seh' das Rennen, ich seh' das Jagen,
Und wenn mich die Menschen umdrängen und fragen:
»Was tust du nicht mit? Warum stehst du beiseit'?«
So sag ich: »Alles hat seine Zeit.
Auch die Jagd nach dem Glück. All derlei Sachen,
Ich lasse sie längst durch andere machen.«


Theodor Fontane
1819 - 1898
#124Verfasser Chaostranslater (459860) 17 Apr 12, 20:34
Kommentar
Lines Written In Early Spring

I heard a thousand blended notes,
While in a grove I sate reclined,
In that sweet mood when pleasant thoughts
Bring sad thoughts to the mind.

To her fair works did Nature link
The human soul that through me ran;
And much it grieved my heart to think
What man has made of man.

Through primrose tufts, in that green bower,
The periwinkle trailed its wreaths;
And 'tis my faith that every flower
Enjoys the air it breathes.

The birds around me hopped and played,
Their thoughts I cannot measure:---
But the least motion which they made,
It seemed a thrill of pleasure.

The budding twigs spread out their fan,
To catch the breezy air;
And I must think, do all I can,
That there was pleasure there.

If this belief from heaven be sent,
If such be Nature's holy plan,
Have I not reason to lament
What man has made of man?


William Wordsworth (1770 – 1850)

______________

blended notes: vermischte Töne, harmonische Klänge
grove: Wäldchen, Gehölz, Hain
fair: schön, rein, makellos
primrose: Primel, Schlüsselblume
tuft: Büschel
bower: Gartenlaube, idyllisches Plätzchen
periwinkle: Immergrün
wreath: Kranz
to measure: abschätzen, beurteilen
twig: Zweig
#125Verfasser Claus (243211) 19 Apr 12, 12:57
Kommentar
Kleine Fabel

„Ach“, sagte die Maus,
„die Welt wird enger mit jedem Tag.
Zuerst war sie so breit,
daß ich Angst hatte,
ich lief weiter und war glücklich,
daß ich endlich rechts und links
in der Ferne Mauern sah,
aber diese langen Mauern eilen
so schnell aufeinander zu,
daß ich schon im letzten Zimmer bin,
und dort im Winkel steht die Falle,
in die ich laufe.“ –
„Du mußt nur die Laufrichtung ändern“,
sagte die Katze
und fraß sie.


Franz Kafka (1883-1924)
#126Verfasser Claus (243211) 20 Apr 12, 16:06
Kommentar
Theology

“No, the serpent did not
Seduce Eve to the apple.
. . .
http://www.poemhunter.com/best-poems/ted-hughes/theology/

Ted Hughes (1930-1998)
#127Verfasser Claus (243211) 23 Apr 12, 13:34
Kommentar

Zwei Segel

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden
Sich wölbt und bewegt,
Wird auch das Empfinden
Des andern erregt.

Begehrt eins zu hasten,
Das andre geht schnell,
Verlangt eins zu rasten,
Ruht auch sein Gesell.

Conrad Ferdinand Meyer, gest. 1898
#128Verfasser oopsy (491382) 24 Apr 12, 10:17
Kommentar
Das begrabene Herz

Mich denkt es eines alten Traums.
Es war in meiner dumpfen Zeit,
Da junge Wildheit in mir gor.
Bekümmert war die Mutter oft.
Da kam einmal ein schlimmer Brief
- Was er enthielt, erriet ich nie -
Die Mutter fuhr sich mit der Hand
Zum Herzen, fast als stürb es ihr.
Die Nacht darauf hatt ich den Traum:
Die Mutter sah verstohlen ich
Nach unserm Tannenwinkel gehn,
Den Spaten in der zarten Hand,
Sie grub ein Grab und legt’ ein Herz
Hinunter sacht. Sie ebnete
Die Erde dann und schlich davon.


Conrad Ferdinand Meyer
#129Verfasser Claus (243211) 24 Apr 12, 11:54
Kommentar
Auf einer Burg

Eingeschlafen auf der Lauer
Oben ist der alte Ritter;
Drüber gehen Regenschauer,
Und der Wald rauscht durch das Gitter.

Eingewachsen Bart und Haare,
Und versteinert Brust und Krause,
Sitzt er viele hundert Jahre
Oben in der stillen Klause.

Draußen ist es still und friedlich,
Alle sind ins Tal gezogen,
Waldesvögel einsam singen
In den leeren Fensterbogen.

Eine Hochzeit fährt da unten
Auf dem Rhein im Sonnenscheine,
Musikanten spielen munter,
Und die schöne Braut die weinet.


Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)
#130Verfasser Claus (243211) 25 Apr 12, 13:36
Kommentar
Übermut

Pst! ein Kobold huscht herein,
Knixt und hopst auf einem Bein,
Putzig, pudelnärrisch, knurrig,
Greisenalt, doch überschnurrig.
Schwapp! da hat er mich beim Kopf,
Der verfluchte Wiedehopf!
Zaust die Haare - Nasenstüber! -
Springt nun aufs Gesims hinüber;
Und ums alte Porzellan -
Schwere Not! - ist es getan.
Prasselnd fällt es, ist entzwei. -
Doch der Racker - eins, zwei, drei -
Wandelt sich zum süßten Bübchen,
Schelmaug, Rosenbäckchen, Grübchen;
Küsst mich Griesgram tüchtig ab,
Dass die helle Freud ich hab.
Über Tische, Bänke, Stühle,
Gegen Fenster, Türen, Schränke
Tanz ich lachend mit dem Strick;
Scherben klirren - das bringt Glück!
Tür hinaus auf offne Straße!
Just vor aller Leute Nase
Tollen wir, und Schabernack
Spielen wir dem würd´gen Pack. -
Da auf einmal - Schreck und Pein! -
Stellt der Lümmel mir ein Bein,
Und ich fliege in den Dreck. -
Doch der Bengel? - Der ist weg.
Tiefbeschämt hink ich nach Haus. -
Leute, lacht mich nur nicht aus!


Alfred Walter Heymel (1878 - 1914)

#131Verfasser Chaostranslater (459860) 25 Apr 12, 21:27
Kommentar
Der Kühnste

Mit zagem Muthe, bange und zweifelnd geht
Zur neuen That, wer mehrmal die Tücke der

Geschickes prüfte, höhnisch eitelnd
Oefters der Sterblichen reifste Plane.

Kühn unternimmt noch keinmal Versuchtes selbst
Des Glückes Günstling, welchem noch nichts mißlang;

Wer halt ihn auf im Siegergang? Sein
Nahn ist Triumph, und sein Schwerdt Entscheidung.

Verwegner nur noch wagt das Unmögliche
Per Unglückssohn, der alles bereits verlohr;
Verzweiflung und des Orkus Mächte
Stählen den Arm ihm rnit Zauberkräften.

Fortunens Liebling! Wende dann nie den Blick
In stolzem Rausch von Nemesis Maaßen ab!
Gedenk, der halbzertretnen Sehlange
Gitftzahn bedroht deine Fers' am nächsten.

Therese Artner, gest. 1829
#132Verfasser oopsy (491382) 26 Apr 12, 09:09
Kommentar
Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Ludwig Uhland (1787-1862)



Faith in Spring

The gentle winds are awakened,
They murmur and waft day and night,
. . .
http://www.poemhunter.com/poem/fr-hlingsglaube-faith-in-spring/

Translation by Hyde Flippo (* 1942)
http://www.german-way.com/authorgw.html


Autor Chaostranslater (459860) 24 Apr 11 21:20
#133Verfasser Claus (243211) 29 Apr 12, 15:34
Kommentar
Zigarette

Gewidmet sei das erste der Sonette,
In dem ich völlig mich der Form bemeistert,
Der Zauberin, die mich dazu begeistert:
Der duftenden Havannazigarette.

Nicht mühsam ward zusammen es gekleistert.
Es floss, ein Strom im selbstgegrabnen Bette,
Indessen ich des Rauches Wolkenkette
Gen Himmel blies, vor Wonne halb entgeistert.

Mir zaubert, Feine, deines Dufts Narkose
Des Traumes Blüte ins entlaubte Leben,
In meinen Herbst die Nachtigall, die Rose.

Wenn deine zarten Wölkchen mich umschweben,
Fühl ich versöhnter mich mit meinem Lose
Und lass mit ihnen sich den Geist erheben.

Marie von Ebner-Eschenbach, gest. 1916
#134Verfasser oopsy (491382) 30 Apr 12, 08:31
Kommentar
der specht

wie ward dir specht, so grosse kraft!
von deinem klopfen tönt der ganze schaft
der hohlen kiefer. wär auch mir vergönnt,
dass ich die menschen so durchdringen könnt.

- christian morgenstern -
#135Verfasser moustique (308708) 30 Apr 12, 11:00
Kommentar
Walpurgisnacht

„Der Mai ist gekommen,
Die Bäume schlagen aus!”
Wer hätte den Ruf vernommen
Und bliebe noch still zu Haus?

Hinaus, hinaus in's Freie,
Wer noch mit begeisterter Brust
Empfindet der Stunden Weihe
In jauchzender Frühlingslust!

Hinaus und fachet ein Feuer
Dem Mai, ein loderndes, an,
Damit er mit Ehren auch heuer
Den Einzug halten kann.....

Schon glimmen, schon glühen die Flammen,
Schon stiebet der Funken Pracht:
So feiern wir jubelnd zusammen
Die alte Walpurgisnacht.

Und aus den Flammen steigen
Viel lustige Geister hervor,
Sie wiegen sich fliegend im Reigen
Und schwingen sich singend im Chor.

Die Hexen schweben hernieder
Und dreh'n sich im feurigen Kreis:
Da fährt es auch uns durch die Glieder,
Wie ein Taumel, fieberheiß.

Und immer heißer und voller
Erknistert die prasselnde Glut,
Und immer rasender, toller
Entfacht sie das rasche Blut.

Und wie uns die Flammen umschlagen,
Da sind wir, wer weiß es noch, wo?
Es umrauschen uns alte Sagen,
Es umglüht uns die Waberloh.

Die Nornen nahen und singen
Enträtselte Runen uns vor,
Die gewaltigen Weisen klingen
Heimlich in`s horchende Ohr.

Die Flammen flackern und flimmern
Und prasseln in toller Hast:
Schon ist`s uns, als sähen wir schimmern
Tief drinnen den Zauberpalast.

Da schlägt in der strahlenden Brüstung
Der Schönheit sie stolze Brunhild,
Umschlossen von erzener Rüstung,
Gewappnet mit Speer und mit Schild.

Da träumt sie beim Flammengeprassel,
Das rings sie lodernd umfängt,
Von Waffen und Kampfgerassel
Und dem, der die Fesseln ihr sprengt —

Von Sigurd, dem Allbezwinger,
Der siegreich den Winter schreckt,
Von Sigurd, dem Lebenbringer,
Der die schlummernde Erde weckt:

Da harrt sie der Hochzeitsfeier,
Bis hell das Triumphlied klingt,
Mit dem der gewaltige Freier
Im Feuer die Braut sich eringt.

Und wie sie das Lied vernommen,
Erwacht sie aus dumpfer Ruh:
„Der Mai, der Mai ist gekommen,
Nun Sigurd, nahest auch Du!” — —

Hoch prasseln noch auf die Flammen,
Eine wilde Feuerflut —
Dann sinken sie knisternd zusammen
Und langsam verlischt die Glut.

Doch uns in den Herzen da sprüht es
Und ringt es in mächtigem Drang,
Doch uns in den Herzen da glüht es
Und klingt es in prächtigem Sang.

„Der Mai, der Mai ist gekommen!”
Du zaubergewaltiges Wort,
Wenn längst das Feuer verglommen,
Du tönest im Herzen fort.

Du sollst und wirst nicht verklingen,
So lang noch die Wolken geh'n,
So lang noch die Menschen zu singen
Und freudig zu jubeln versteh'n.

Und die Ihr dies Lied vernommen,
Frisch auf und jauchzt es hinaus:
„Der Mai, der Mai ist gekommen,
Die Bäume schlagen aus!”



Christoph von Mickwitz (1850 - 1924)



#136Verfasser Chaostranslater (459860) 30 Apr 12, 17:05
Kommentar
The First of May

The orchards half the way
From home to Ludlow fair
Flowered on the first of May
In Mays when I was there;
And seen from stile or turning
The plume of smoke would show
Where fires were burning
That went out long ago.

The plum broke forth in green,
The pear stood high and snowed,
My friends and I between
Would take the Ludlow road;
Dressed to the nines and drinking
And light in heart and limb,
And each chap thinking
The fair was held for him.

Between the trees in flower
New friends at fairtime tread
The way where Ludlow tower
Stands planted on the dead.
Our thoughts, a long while after,
They think, our words they say;
Theirs now’s the laughter,
The fair, the first of May.

Ay, yonder lads are yet
The fools that we were then;
For oh, the sons we get
Are still the sons of men.
The sumless tale of sorrow
Is all unrolled in vain:
May comes to-morrow
And Ludlow fair again.


A.E. Housman (1859 – 1936)
#137Verfasser Claus (243211) 01 Mai 12, 15:12
Kommentar
Rastlose Liebe

Dem Schnee, dem Regen,
Dem Wind entgegen,
Im Dampf der Klüfte,
Durch Nebeldüfte,
Immer zu! Immer!
Ohne Rast und Ruh!

Lieber durch Leiden
Möcht′ ich mich schlagen,
Als so viel Freuden
Des Lebens ertragen
Alle das Neigen
Von Herzens zu Herzen,
Ach wie so eigen
Schaffet das Schmerzen!

Wie soll ich fliehen?
Wälderwärts ziehen?
Alles vergebens!
Krone des Lebens,
Glück ohne Ruh,
Liebe, bist du!

Johann Wolfgang von Goethe
(* 28.08.1749 , † 22.03.1832)
#138Verfasser oopsy (491382) 04 Mai 12, 10:11
Kommentar
SONG
Spring


When daisies pied, and violets blue,
::::And lady-smocks all silver-white,
And cuckoo-buds of yellow hue
::::Do paint the meadows with delight,
The cuckoo then, on every tree,
Mocks married men, for thus sings he:
::::::: “Cuckoo!
Cuckoo, cuckoo!” O word of fear,
Unpleasing to a married ear.

When shepherds pipe on oaten straws,
::::And merry larks are ploughmen’s clocks,
When turtles tread, and rooks, and daws,
::::And maidens bleach their summer smocks,
The cuckoo then, on every tree,
Mocks married men, for thus sings he:
:::::::“Cuckoo!
Cuckoo, cuckoo!” O word of fear,
Unpleasing to a married ear.


William Shakespeare (1598)
From Act V, Scene 2 of Love’s Labors Lost
Verlorene Liebesmüh (auch: Liebes Leid und Lust)
________________

Cuckoo Flower or Lady's Smock: Wiesen-Schaumkraut (Cardamine pratensis)
daisy: Gänseblümchen; pied: bunt; violet: Veilchen; oaten: Hafer-; lark: Lerche; rook: Krähe; daw: Dohle; smock: Kittel



LIED
Frühling


Wenn Primelngelb und Veilchen blau,
Und Maßlieb silberweiß im Grün,
Und Kuckucksblumen rings die Au'
Mit bunter Frühlingspracht umblühn,
Des Kuckucks Ruf im Baum erklingt
Und neckt den Eh'mann, wenn er singt:
Kuku,
Kuku, Kuku: der Mann ergrimmt,
Wie er das böse Wort vernimmt.

Wenn Lerche früh den Pflüger weckt,
Am Bach der Schäfer flötend schleicht,
Wenn Dohl' und Kräh' und Täubchen heckt,
Ihr Sommerhemd das Mädchen bleicht,
Des Kuckucks Ruf im Baum erklingt
Und neckt den Eh'mann, wenn er singt:
Kuku,
Kuku, Kuku: der Mann ergrimmt,
Wie er das böse Wort vernimmt.
#139Verfasser Claus (243211) 04 Mai 12, 10:19
Kommentar
Der Dichter (Auszug)

Ein Einsamer ist er,
unscheinbar gekleidet,
der von der Schönheit lebt;
im Schoße der Natur
lernt er von der Schöpfung;
in der Stille der Nacht wacht er
und wartet auf die Eingebung des Geistes.
Er ist ein Sämann,
der die Samen seines Herzens aussät
in Gärten der Gefühle,
wo sie reiche Frucht tragen.

Khalil Gibran
#140Verfasser Chaostranslater (459860) 04 Mai 12, 20:09
Kommentar
Abend

(nach einem alten Holzschnitt)

Lehnst an meine Schulter du
Sanft dein Haupt mit Schweigen,
Spiel ich dir ein altes Lied
Auf der alten Geigen.

Und die Seele, mild gerührt
Ob dem süßen Klingen,
Fliegt zum hellen Abendrot
Auf der Hoffnung Schwingen.

Und im Auge dir und mir
Glänzt die stille Frage:
Bleiben Lieb′ und Seligkeit
Bei uns alle Tage?

Wenn die Rosen sind verblüht,
Wenn die Saiten sprangen,
Wird ob unserm Haupte dann
So der Himmel prangen? -

Stumm noch lauschst du meinem Lied,
Ob ich schon geendet;
In die Weite traumeshell
Ist dein Blick gewendet.

Otto Ernst
(* 07.10.1862 , † 05.03.1926)
#141Verfasser oopsy (491382) 05 Mai 12, 09:19
Kommentar
#142Verfasser Claus (243211) 06 Mai 12, 14:10
Kommentar
zur abwechslung mal nur der text, im original gesungen von mozarts don giovanni......

DON GIOVANNI
Reich' mir die Hand mein Leben,
Komm' auf mein Schloss mit mir;
Kannst du noch widerstreben?
Es ist nicht weit von hier.

ZERLINA
für sich
Ach soll ich wohl es wagen?
Mein Herz, o sag es mir!
Ich fühle froh dich schlagen,
Und steh' doch zitternd hier.

DON GIOVANNI
Lass' nicht umsonst mich werben!

ZERLINA
Masetto würde sterben!

DON GIOVANNI
Glück soll dich stets umgeben!

ZERLINA
Kaum kann ich widerstreben.

DON GIOVANNI
Komm', o folg' mir!
O komm, o komm!

ZERLINA
überwältigt
Wohlan!

DON GIOVANNI UND ZERLINA
So dein zu sein auf ewig,
Wie glücklich, o wie selig,
Wie selig werd' ich sein!

DON GIOVANNI
O komm!

ZERLINA
Wohlan!

DON GIOVANNI UND ZERLINA
Komm lass' uns glücklich sein,
Komm lass' uns selig sein!

#143Verfasser moustique (308708) 06 Mai 12, 16:36
Kommentar
Moustique :-))

Ferne Stunde

Wir werden nicht mehr oft mitsammen gehen,
was wir einander sagten, wird verwehen,
und vergessen sein, was ich und du gesehen. -

Aber vielleicht - ferne - fern einmal weckt dich ein Traum,
oder ein kleiner Vogel singt - oder es blüht ein Baum -
oder es ist nur ein Wehen - so - von irgendwann -
das schleicht dir ins Blut und hält deinen Herzschlag an
und vor dir steht es mit einem Male
groß und klar,
was an jubelnd bereiter Unendlichkeit,
an sorgender Liebe und lippenhart schweigendem Leid
damals um dich war. -

O könntest du dann noch zu mir finden,
Heilige - Reine - du -!
und bebend mir das ersehnte Wunder künden,
das uns über darbender Tage Pein,
über Zweifel und Lüge
hoch und allein
in mütterlich bergenden Armen träge. -

Bruno Ertler, gest. 1927
#144Verfasser oopsy (491382) 07 Mai 12, 09:33
Kommentar
Days Too Short

When primroses are out in Spring,
And small, blue violets come between;
When merry birds sing on boughs green,
And rills, as soon as born, must sing;

When butterflies will make side-leaps,
As though escaped from Nature's hand
Ere perfect quite; and bees will stand
Upon their heads in fragrant deeps;

When small clouds are so silvery white
Each seems a broken rimmed moon--
When such things are, this world too soon,
For me, doth wear the veil of night.


William Henry Davies (1871 – 1940)
Welsh poet and writer

_____________________
primrose: Schlüsselblume, Primel
violet: Veilchen
rill: Rinnsal, Bächlein
veil: Schleier
#145Verfasser Claus (243211) 10 Mai 12, 18:01
Kommentar
Dichters Naturgefühl

Es war an einem jener Tage,
Wo Lenz und Winter sind im Streit,
Wo naß das Veilchen klebt am Hage,
Kurz, um die erste Maienzeit;
Ich suchte keuchend mir den Weg
Durch sumpf'ge Wiesen, dürre Raine,
Wo matt die Kröte hockt' am Steine,
Die Eidechs schlüpfte übern Steg.

Durch hundert kleine Wassertruhen,
Die wie verkühlter Spülicht stehn,
Zu stelzen mit den Gummischuhen,
Bei Gott, heißt das Spazierengehn?
Natur, wer auf dem Haberrohr
In Jamben, Stanzen, süßen Phrasen
So manches Loblied dir geblasen,
Dem stell dich auch manierlich vor!

. . .
http://gedichte.xbib.de/Droste-H%FClshoff_gedicht_Dichters+Naturgef%FChl.htm


Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)
#146Verfasser Claus (243211) 12 Mai 12, 12:57
Kommentar
Der Gast

In meiner Kammer,
wo die Sonne es sieht,
Sitzt im weißen Kleide
mein jüngstes Lied.

Sitzt da und lächelt:
nun diene mir,
bin deshalb kommen
so schön zu dir.

Ich aber knie
ganz stumm mich hin,
mir ist, als ob ich
im Himmel bin.

Maria Janitschek, gest. 1927
#147Verfasser oopsy (491382) 15 Mai 12, 09:08
Kommentar
Trübe Stunde

Im sinkenden Abend, wenn die Fischer in den Meerhäfen ihre Kähne rüsten,
In der austreibenden Flut, die braunen Masten zitternd vor dem Wind –
Seele, wirfst du zitternd dich ins Segel, gierig nach entlegnen Küsten,
Dahin die Wunder deiner Nächte dir entglitten sind?

Oder bist du so wehrlos deiner Sterne Zwang verfallen,
Daß dich ein irrer Wille nur ins Ferne, Uferlose drängt –
Auf wilden Wassern schweifend, wenn die Stürme sich in deines Schiffes Rippen krallen,
Und Nacht und Wolke endlos graues Meer und grauen Himmel mengt?

Und wütest du im Dunkel gegen dein Geliebtes und erwachst mit strömend tiefen Wunden,
Das Auge matt, dein Blut verbrannt und deiner Sehnsucht Schwingen leer,
Und siehst, mit stierem Blick, und unbewegt an deines Schicksals Mast gebunden
Den Morgen glanzlos schauern überm Meer?

Ernst Stadler
(* 11.08.1883 , † 30.10.1914)
#148Verfasser oopsy (491382) 16 Mai 12, 08:50
Kommentar
Twice Shy

Her scarf a la Bardot,
In suede flats for the walk,
She came with me one evening
For air and friendly talk.
. . .
http://famouspoetsandpoems.com/poets/seamus_heaney/poems/12712


Seamus Heaney (b. 1939)
#149Verfasser Claus (243211) 16 Mai 12, 12:14
Kommentar
Die wandelnde Glocke

Es war ein Kind, das wollte nie
Zur Kirche sich bequemen,
Und Sonntags fand es stets ein Wie,
Den Weg ins Feld zu nehmen.

Die Mutter sprach: »Die Glocke tönt,
Und so ist dir′s befohlen,
Und hast du dich nicht hingewöhnt,
Sie kommt und wird dich holen.«

Das Kind, es denkt: Die Glocke hängt
Da droben auf dem Stuhle.
Schon hat′s den Weg ins Feld gelenkt,
Als lief′ es aus der Schule.

Die Glocke, Glocke tönt nicht mehr,
Die Mutter hat gefackelt.
Doch welch ein Schrecken! Hinterher
Die Glocke kommt gewackelt.

Sie wackelt schnell, man glaubt es kaum;
Das arme Kind im Schrecken,
Es läuft, es kommt als wie im Traum:
Die Glocke wird es decken.

Doch nimmt es richtig seinen Husch,
Und mit gewandter Schnelle
Eilt es durch Anger, Feld und Busch
Zur Kirche, zur Kapelle.

Und jeden Sonn- und Feiertag
Gedenkt es an den Schaden,
Läßt durch den ersten Glockenschlag,
Nicht in Person sich laden.

Johann Wolfgang von Goethe
(* 28.08.1749 , † 22.03.1832)

#150Verfasser oopsy (491382) 17 Mai 12, 08:44
Kommentar
Hyperion


O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt,
ein Bettler, wenn er nachdenkt,
und wenn die Begeisterung hin ist,
steht er da, wie ein mißratener Sohn,
den der Vater aus dem Hause stieß,
und betrachtet die ärmlichen Pfennige,
die ihm das Mitleid auf den Weg gab

[....]

Ich kann kein Volk mir denken, das zerrissner wäre, wie die Deutschen.
Handwerker siehst du, aber keine Menschen,
Denker, aber keine Menschen,
Priester, aber keine Menschen,
Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen -
ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?


Friedrich Hölderlin (1770-1843)
#151Verfasser Chaostranslater (459860) 17 Mai 12, 11:01
Kommentar
Einsamkeit

Wild verwachsne dunkle Fichten,
Leise klagt die Quelle fort;
Herz, das ist der rechte Ort
Für dein schmerzliches Verzichten!

Grauer Vogel in den Zweigen!
Einsam deine Klage singt,
Und auf deine Frage bringt
Antwort nicht des Waldes Schweigen.

Wenn′s auch immer schweigen bliebe,
Klage, klage fort; es weht,
Der dich höret und versteht,
Stille hier der Geist der Liebe.

Nicht verloren hier im Moose,
Herz, dein heimlich Weinen geht,
Deine Liebe Gott versteht,
Deine tiefe, hoffnungslose!

Nikolaus Lenau
(* 13.08.1802 , † 22.08.1850)
#152Verfasser oopsy (491382) 18 Mai 12, 10:34
Kommentar
Die Rakete und der Kater

Hui! Die Rakete stieg. Sie fauchte
Am Dach vorbei und höher. Glühend jung.
Bis sie in wundervollem Linienschwung
In ferne, dunkle Abendwolken tauchte.
Auf jenem Dache saß ein schwarzer Kater.
Der sah die schöne Linie, und was tat er?
Zunächst: er fauchte ebenfalls.
Dann dehnte er sich, reckte seinen Hals.
Dann krümmte er den Buckel, hob ein Ohr
Und streckte seinen Schweif graziös empor,
Um jene schöne Linie nachzumachen.
Doch die Rakete oben barst vor Lachen.
Da warf sich unser schwarzer Kater
Wild auf den Rücken. Und was tat er?
Was tat er außer sich vor Wut?
Nun, was man sonst gewöhnlich nicht
Gerade auf dem Rücken liegend tut.
Er tat es kräftig, tat es reichlich, gut;
Er hatte kurz zuvor zu Haus
Zwei Babyflaschen ausgesogen.
Doch jenen herrlichen Raketenbogen - -
Nein, nein, den kriegte er nicht raus.

Joachim Ringelnatz
(* 07.08.1883 , † 17.11.1934)
#153Verfasser oopsy (491382) 21 Mai 12, 10:08
Kommentar
Beneidenswert


Sahst du noch nie die ungemeine
Und hohe Kunstgelenkigkeit,
Sowohl der Flügel wie der Beine,
Im Tierbereich mit stillem Neid?

Sieh nur, wie aus dem Feisgeklüfte
Auf seinen Schwingen wunderbar
Bis zu den Wolken durch die Lüfte
In stolzen Kreisen schwebt der Aar.

Sieh nur das Tierchen, das geringe,
Das zu benennen sich nicht ziemt,
Es ist durch seine Meistersprünge,
Wenn nicht beliebt, so doch berühmt.

Leicht zu erlegen diese beiden,
Das schlag dir lieber aus dem Sinn.
Wer es versucht, der wird bescheiden,
Sei′s Jäger oder Jägerin.


Wilhelm Busch
#154Verfasser Chaostranslater (459860) 21 Mai 12, 20:00
Kommentar
Entartung

Hat die Natur sich auch verschlechtert,
Und nimmt sie Menschenfehler an?
Mich dünkt, die Pflanzen und die Tiere,
sie lügen jetzt wie jedermann.

Ich glaub nicht an der Lilie Keuschheit,
Es buhlt mit ihr der bunte Geck,
Der Schmetterling; er küsst und flattert
Am End` mit ihrer Unschuld weg.

Von der Bescheidenheit der Veilchen
Halt ich nicht viel. Die kleine Blum`,
Mit den koketten Düften lockt sie,
Und heimlich dürstet sie nach Ruhm.

Ich zweifle auch, ob sie empfindet,
Die Nachtigall, das was sie singt;
Sie übertreibt und schluchzt und trillert
Nur aus Routine, wie mich dünkt.

Die Wahrheit schwindet von der Erde,
Auch mit der Treu` ist es vorbei.
Die Hunde wedeln noch und stinken
Wie sonst, doch sind sie nicht mehr treu.


Heinrich Heine (1797-1856)
#155Verfasser Claus (243211) 24 Mai 12, 17:59
Kommentar
Pfingsten

Durch den nächtlichen Wald ein Raunen zieht.
In blütenschweren Düften.
Es säuselt der Wind im schlafenden Ried
Es wallt und wogt in den Lüften.

Hell hebt sich im Osten ein glühender Schein
Es lohen zuckende Gluten.
Sie läutern in goldenen Flammen mich rein
In strahlenden rauschenden Fluten.


Georg Heym (1887-1912)
#156Verfasser Claus (243211) 27 Mai 12, 14:20
Kommentar
The Frog

Be kind and tender to the Frog,
And do not call him names,
As 'Slimy skin,' or 'Polly-wog,'
Or likewise 'Ugly James,'
. . .
http://www.poemhunter.com/poem/the-frog-12/


Hilaire Belloc (1870 – 1953)
Britischer Schriftsteller französischer Herkunft
#157Verfasser Claus (243211) 29 Mai 12, 12:15
Kommentar
Corinna’s Going a-Maying

Get up, get up for shame! The blooming morn
Upon her wings presents the god unshorn.
See how Aurora throws her fair
Fresh-quilted colours through the air:
Get up, sweet slug-a-bed, and see
The dew bespangling herb and tree!
Each flower has wept and bow’d toward the east
Above an hour since, yet you not drest;
Nay! not so much as out of bed?
When all the birds have matins said
And sung their thankful hymns, ’tis sin,
Nay, profanation, to keep in,
Whereas a thousand virgins on this day
Spring sooner than the lark, to fetch in May.

Rise and put on your foliage, and be seen
To come forth, like the spring-time, fresh and green,
And sweet as Flora. Take no care
For jewels for your gown or hair:
Fear not; the leaves will strew
Gems in abundance upon you:
Besides, the childhood of the day has kept,
Against you come, some orient pearls unwept.
Come, and receive them while the light
Hangs on the dew-locks of the night:
And Titan on the eastern hill
Retires himself, or else stands still
Till you come forth! Wash, dress, be brief in praying:
Few beads are best when once we go a-Maying.

Come, my Corinna, come; and coming, mark
How each field turns a street, each street a park,
Made green and trimm’d with trees! see how
Devotion gives each house a bough
Or branch! each porch, each door, ere this,
An ark, a tabernacle is,
Made up of white-thorn neatly interwove,
As if here were those cooler shades of love.
Can such delights be in the street
And open fields, and we not see ’t?
Come, we’ll abroad: and let’s obey
The proclamation made for May,
And sin no more, as we have done, by staying;
But, my Corinna, come, let’s go a-Maying.

There’s not a budding boy or girl this day
But is got up and gone to bring in May.
A deal of youth ere this is come
Back, and with white-thorn laden home.
Some have despatch’d their cakes and cream,
Before that we have left to dream:
And some have wept and woo’d, and plighted troth,
And chose their priest, ere we can cast off sloth:
Many a green-gown has been given,
Many a kiss, both odd and even:
Many a glance, too, has been sent
From out the eye, love’s firmament:
Many a jest told of the keys betraying
This night, and locks pick’d: yet we’re not a-Maying!

Come, let us go, while we are in our prime,
And take the harmless folly of the time!
We shall grow old apace, and die
Before we know our liberty.
Our life is short, and our days run
As fast away as does the sun.
And, as a vapour or a drop of rain,
Once lost, can ne’er be found again,
So when or you or I are made
A fable, song, or fleeting shade,
All love, all liking, all delight
Lies drown’d with us in endless night.
Then, while time serves, and we are but decaying,
Come, my Corinna, come, let’s go a-Maying.


Robert Herrick (1591-1674)
#158Verfasser Claus (243211) 30 Mai 12, 15:56
Kommentar
DIE LIEBE

Die liebe
ist eine wilde rose in uns

....

Der verstand
ist ein messer in uns,
zu schneiden der rose
durch hundert zweige
einen himmel


REINER KUNZE (1933)
http://deutschsprachigedichtung.blogspot.de/2011/08/reiner-kunze-die-liebe.html


Na, wer kann noch Gedichte analysieren?
Dieses war die Abiturprüfung im Fach Deutsch 2012 (mündlich)
#159Verfasser Chaostranslater (459860) 30 Mai 12, 20:02
Kommentar
In meine innige Nacht

In meine innige Nacht
geh' ich ein.
Wirst du schwebender Traum
um meine Stirne sein?

Wirst du heilig und still
auf meinen Kissen ruhn,
wenn ich weine, wirst du's
mit mir tun?

Taut meinen Lippen dein Mund -
Lächeln mild,
tief auf Sternengrund
lieg' ich gestillt.

Rührt mich das Sterben an
um Mitternacht,
denke, ich sei vom Tod
ins Leben erwacht.

Denke, ich spiele fromm
mit Gottes Getier.
Denk', ich bin nun weit
und du bei mir.

Hans Kaltneker, gest. 1919
#160Verfasser oopsy (491382) 03 Jun 12, 13:05
Kommentar
Schon öfter kamen hier expressionistische Dichter zu Wort, z.B. Georg Trakl, Georg Heym oder Hans Kaltneker – danke, oopsy, für #160.
Da es in der englischen Lyrik wohl keinen Expressionismus gibt, will ich heute ein paar Verse von Paul Boldt zitieren.


Nordwind im Sommer

Vom Meere duftend fliegt der Wind ins Land.
Die dunklen Parke flattern in der Brise.
Kleehügel blühen vor dem Duft der Wiese;
Der Himmel steht, sich selber unbekannt,

Ein weißer Fischer in den Roggenmeeren,
Wo Taubenflug aufspritzt, ein Wasserstrahl,
Wo Wolkenschatten rinnen in das Tal,
Fliegende Fische sind — die Roggenähren.

Der Weißklee schmeißt den Junitag zur Seite,
Und manchmal fliegen Reiher um den stummen,
Fischlosen See, auf dem die Bienen summen,
Und nehmen zögernd ihren Flug ins Weite.

Ich galoppiere vor dem Sonnenschein,
Auf weißem Pferde flatternd, Wind geworden,
Und Sonnenfetzen um den Hals, nach Norden.
Ich werde mittags an dem Meere sein.


Paul Boldt (1885-1921)
#161Verfasser Claus (243211) 09 Jun 12, 18:03
Kommentar
Bestimmung

Ein Fuchs von flüchtiger Moral
Und unbedenklich, wenn er stahl,
Schlich sich bei Nacht zum Hühnerstalle
Von einem namens Jochen Dralle,
Der, weil die Mühe ihn verdross,
Die Tür mal wieder nicht verschloss.

Er hat sich, wie er immer pflegt,
So wie er war zu Bett gelegt.
Er schlief und schnarchte auch bereits.

Frau Dralle, welche ihrerseits
Noch wachte, denn sie hat die Grippe,
Stieß Jochen an die kurze Rippe.
Du, rief sie flüsternd, hör doch bloß,
Im Hühnerstall da ist was los;
Das ist der Fuchs, der alte Racker.

Und schon ergriff sie kühn und wacker,
Obgleich sie nur im Nachtgewand,
Den Besen, der am Ofen stand;
Indes der Jochen leise flucht
Und erst mal Licht zu machen sucht.
Sie ging voran, er hinterdrein.
Es pfeift der Wind, die Hühner schrein.

Nur zu, mahnt Jochen, sei nur dreist
Und sag Bescheid, wenn er dich beißt.

Umsonst sucht sich der Dieb zu drücken
Vor Madam Dralles Geierblicken.
Sie schlägt ihm unaussprechlich schnelle
Zwei-dreimal an derselben Stelle
Mit ihres Besens hartem Stiel
Aufs Nasenbein. Das war zuviel. -

Ein jeder kriegt, ein jeder nimmt
In dieser Welt, was ihm bestimmt.

Der Fuchs, nachdem der Balg herab,
Bekommt ein Armesündergrab.
Frau Dralle, weil sie leichtgesinnt
Sich ausgesetzt dem Winterwind
Zum Trotz der Selbsterhaltungspflicht,
Kriegt zu der Grippe noch die Gicht.

Doch Jochen kriegte hocherfreut
Infolge der Gelegenheit
Von Pelzwerk eine warme Kappe
Mit Vorder- und mit Hinterklappe.
Stets hieß es dann, wenn er sie trug:
Der ist es, der den Fuchs erschlug.


Wilhelm Busch (1832-1908)
#162Verfasser Chaostranslater (459860) 10 Jun 12, 20:24
Kommentar
Tröste dich, die Stunden eilen

Tröste dich, die Stunden eilen,
uns was all' dich drücken mag,
auch die schlimmste kann nicht weilen,
und es kommt ein andrer Tag.

In dem ew'gen Kommen, Schwinden,
wie der Schmerz liegt auch das Glück,
und auch heitre Bilder finden
ihren Weg zu dir zurück.

Harre, hoffe! Nicht vergebens
zählest du der Stunden Schlag:
Wechsel ist das Los des Lebens,
und es kommt ein andrer Tag.


(Theodor Fontane)


für Steve53, der hoffentlich noch ab und zu mitliest - verlier nicht Deine gute Laune
#163Verfasser Chaostranslater (459860) 13 Jun 12, 10:51
Kommentar
Sommer

Nun flammt in gold'nen Fluten
Der trunk'ne Sommer durch die Luft,
Der Erde heisse, liebeswilde Gluten
Entbrennen hell in rothem Rosenduft ...

Nun weint in Nächten, lauen, fahlen,
Sehnsücht'ger Mond in bangem Zittergrase,
Nun ist die Zeit der tiefen, grossen Qualen,
Der hohen, schmerzlich wonnigen Ekstase ...

Nun ist die Zeit - wann kommst du wieder?
Wo sonst ein Sang mir durch die Seele schauert,
Wo man aus Blumenkelchen Lieder
Und Klänge schöpft, und gerne bebt und trauert ...

Ich wollt', dass mich ein Weh durchgraute,
Dass eine Thräne mir im Herzen glüht',
Und dass, wie sonst, draus eine schmerzbethaute
Tiefdunkle, glutverwirrte Rose blüht ...

Lisa Baumfeld, gest. 1897
#164Verfasser oopsy (491382) 14 Jun 12, 09:54
Kommentar
Summer Dawn

Pray but one prayer for me 'twixt thy closed lips,
Think but one thought of me up in the stars.
The summer night waneth, the morning light slips,
Faint and grey 'twixt the leaves of the aspen, betwixt the cloud-bars
That are patiently waiting there for the dawn:
Patient and colourless, though Heaven's gold
Waits to float through them along with the sun.
Far out in the meadows, above the young corn,
The heavy elms wait, and restless and cold
The uneasy wind rises; the roses are dun;
Through the long twilight they pray for the dawn,
Round the lone house in the midst of the corn,
Speak but one word to me over the corn,
Over the tender, bow'd locks of the corn.


William Morris (1834 – 1896)

http://de.wikipedia.org/wiki/William_Morris

_______________________
to wane: schwinden
to slip: (durch)schlüpfen
aspen: Espe, Zitterpappel
dun: dunkel
#165Verfasser Claus (243211) 15 Jun 12, 17:44
Kommentar
Für alle Teeliebhaber und besonders für Chaostranslater.


Die erste Tasse netzt mir die Lippen.
Die zweite verscheucht meine Einsamkeit.
Die dritte durchdringt mein unfruchtbares Inneres,
um darin nichts als einige fünftausend Bände wunderlicher Ideogramme zu finden.
Die vierte erregt einen leichten Schweiß;
alles Schlechte des Lebens scheidet durch meine Poren dahin.
Bei der fünften bin ich geläutert.
Die sechste ruft mich ins Reiche des Unvergänglichen.
Die siebente - Oh, ich kann nicht weitertrinken,
ich fühle nur den kalten Windhauch, der sich in meinen Ärmeln fängt.
Laßt mich in diesem lieblichen Windhauch segeln und mitschweben.

in einer anderen Übersetzung:
Die erste Tasse netzt Lippen und Kehle.
Die zweite stärkt das dürre gewordene Fleisch.
Die dritte verscheucht die traurige Einsamkeit.
Die vierte Tasse durchdringt Dein ganzes Innere.
Bei der fünften bist Du geläutert.
Die sechste ruft Dich in die Regionen der Unsterblichkeit.
Die siebente Tasse, so Du zum Munde führst,
läßt frische Lüfte Dein Haupt umsäuseln
und Deinen Geist zum kühnen Fluge sich erheben.

in einer anderen Übersetzung:
Die erste Schale befeuchtet mir Lippen und Gaumen,
die zweite erloest mich aus meiner Einsamkeit und von meinen Buerden,
die dritte kontrolliert mein ausgedoerrtes Inneres und findet dabei nur fuenftausend Buecher im hohlen Bauch,
die vierte Schale treibt kalten Schweiss und alles Unbehagen meines Lebens aus den Poren,
die fuenfte reinigt Muskeln und Knochen,
bei der sechsten fuehle ich mich wie ein Gott,
die siebente sollte man nicht trinken,
denn sie blaest klaren Wind aus den Achselhoehlen und lehrt fliegen.

Lo Tung (chinesischer Dichter in der Tang Dynastie)

:-))
#166Verfasser oopsy (491382) 15 Jun 12, 17:45
Kommentar
The first cup moistens my lips and throat,
The second cup breaks my loneliness,
The third cup searches my barren entrails but to
Find therein some five thousand volumes of odd ideographs.
The fourth cup raises a slight perspiration, — all
the wrong of life passes away through my pores.
At the fifth cup I am purified; the sixth cup calls me
to the realms of mortals.
The seventh cup—ah, but I could take no more! I only
feel the breath of cool wind that rises in my sleeves.
Where is Foraosan?
Let me ride on this sweet breeze and waft away thither.


Lo Tung
#167Verfasser Claus (243211) 15 Jun 12, 17:57
Kommentar
Lu Tong's Seven Bowls of Tea 七碗诗 卢仝(唐. 790~835)

The first bowl moistens my lips and throat; 一碗喉吻潤,

The second bowl breaks my loneliness; 二碗破孤悶,

The third bowl searches my barren entrails but to find 三碗搜枯腸,

Therein some five thousand scrolls; 惟有文字五千卷,

The fourth bowl raises a slight perspiration 四碗發輕汗,

And all life's inequities pass out through my pores; 平生不平事盡向毛孔散,

The fifth bowl purifies my flesh and bones; 五碗肌骨清,

The sixth bowl calls me to the immortals. 六碗通仙靈,

The seventh bowl could not be drunk, 七碗吃不得也,

only the breath of the cool wind raises in my sleeves. 唯覺兩腋習習清風生。

Where is Penglai Island, Yuchuanzi wishes to ride on this sweet breeze and go back. 蓬萊山﹐在何處,玉川子乘此清風欲歸去。


http://en.wikipedia.org/wiki/Lu_Tong
#168Verfasser Claus (243211) 15 Jun 12, 17:58
Kommentar
Morgenwonne

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich 'Euer Gnaden'.

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.


Joachim Ringelnatz (1883-1934)
#169Verfasser Claus (243211) 17 Jun 12, 13:47
Kommentar
Summer in the South

The Oriole sings in the greening grove
As if he were half-way waiting,
The rosebuds peep from their hoods of green,
Timid, and hesitating.
The rain comes down in a torrent sweep
And the nights smell warm and piney,
The garden thrives, but the tender shoots
Are yellow-green and tiny.
Then a flash of sun on a waiting hill,
Streams laugh that erst were quiet,
The sky smiles down with a dazzling blue
And the woods run mad with riot.


Paul Laurence Dunbar (1872 – 1906)

Dunbar war einer der ersten schwarzen Dichter, die in den gesamten Vereinigten Staaten Anerkennung erlangten. Als Sohn ehemaliger Sklaven aus Kentucky stellte er in seinen Romanen und Gedichten die Erfahrungen von Afroamerikanern und den alten Süden der USA dar. (vgl. Wikip.)


_______________
oriole: Pirol
piney: nach Harz (Kiefern-, Pinienharz)
erst: vormals, weiland
#170Verfasser Claus (243211) 21 Jun 12, 16:53
Kommentar
Kein bisschen idyllisch, vielmehr erschütternd:

Auf Station von Hendrik Rost, der noch sehr lebendig ist, daher nur als Link möglich:

http://www.poetenladen.de/hendrik-rost-lyrik4.htm

Homepage des Dichters:

http://www.poetenladen.de/hendrik-rost.htm
#171Verfasser Dana (236421) 21 Jun 12, 17:23
Kommentar
Klimmzug

Das ist ein Symbol für das Leben.
Immer aufwärts, himmelan streben!
Feste zieh! Nicht nachgeben!
Stelle dir vor: Dort oben winken
Schnäpse und Schinken.
Trachte sie zu erreichen, die Schnäpse.
Spanne die Muskeln, die Bizepse.
Achte ver die Beschwerden.
Nicht einschlafen. Nicht müde werden!
Du mußt in Gedanken wähnen:
Du hörtest unter dir einen Schlund gähnen.
In dem Schlund sind Igel und Wölfe versammelt.
Die freuen sich auf den Menschen, der oben bammelt.
Zu! Zu! Tu nicht überlegen.
Immer weiter, herrlichen Zielen entgegen.
Sollte dich ein Floh am Po kneifen,
Nicht mit beiden Händen zugleich danach greifen.
Nicht so ruckweis hin und her schlenkern;
Das paßt nicht für ein Volk von Turnern und Denkern.
Klimme wacker,
Alter Knacker!
Klimme, klimb
Zum Olymp!
Höher hinauf!
Glückauf!
Kragen total durchweicht.
Ah — äh — äh — endlich erreicht.
Das Unbeschreibliche zieht uns hinan,
Der ewigweibliche Turnvater Jahn.


Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)
#172Verfasser Chaostranslater (459860) 22 Jun 12, 17:26
Kommentar
"Achte ver die Beschwerden" - gefällt mir besonders :-)

Bumerang

War einmal ein Bumerang;
War ein weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum — noch stundenlang —
Wartete auf Bumerang.

Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)
#173Verfasser Dana (236421) 22 Jun 12, 21:05
Kommentar
Hidden Flame

I feed a flame within, which so torments me
That it both pains my heart, and yet contents me:
'Tis such a pleasing smart, and I so love it,
That I had rather die than once remove it.

Yet he, for whom I grieve, shall never know it;
My tongue does not betray, nor my eyes show it.
Not a sigh, nor a tear, my pain discloses,
But they fall silently, like dew on roses.

Thus, to prevent my Love from being cruel,
My heart 's the sacrifice, as 'tis the fuel;
And while I suffer this to give him quiet,
My faith rewards my love, though he deny it.

On his eyes will I gaze, and there delight me;
While I conceal my love no frown can fright me.
To be more happy I dare not aspire,
Nor can I fall more low, mounting no higher.


John Dryden (1631-1700)

____________________________
fuel: Brennmaterial
to aspire: emporstreben
#174Verfasser Claus (243211) 23 Jun 12, 14:50
Kommentar
::.. Die Flamme

Ob du tanzen gehst in Tand und Plunder,
Ob dein Herz sich wund in Sorgen müht,
...
Da von Hermann Hesse, der erst 1962 gestorben ist, Fortsetzung unter:

http://www.tokado.at/index.html?http://www.tokado.at/hesse_n1.htm
#175Verfasser Dana (236421) 23 Jun 12, 19:52
Kommentar
Ballade

Und die Sonne machte den weiten Ritt
Um die Welt,
Und die Sternlein sprachen:»Wir reisen mit
Um die Welt«;
Und die Sonne sie schalt sie:»Ihr bleibt zu Haus,
Denn ich brenn' euch die goldnen Äuglein aus
Bei dem feurigen Ritt um die Welt.«

Und die Sternlein gingen zum lieben Mond
In der Nacht,
Und sie sprachen:»Du, der auf Wolken thront
In der Nacht,
Laß uns wandeln mit dir, denn dein milder Schein,
Er verbrennet uns nimmer die Äugelein.«
Und er nahm sie, Gesellen der Nacht.

Nun willkommen, Sternlein und lieber Mond,
In der Nacht,
Ihr verstehet, was still in den Herzen wohnt
In der Nacht.
Kommt und zündet die himmlischen Lichter an,
Daß ich lustig mitschwärmen und spielen kann
In den freundlichen Spielen der Nacht.

Ernst Moritz Arndt (1769-1860)
#176Verfasser Clélia (601872) 25 Jun 12, 11:32
Kommentar
Dana, vielen Dank für Hendrik Rost.


Waldgespräch


Es ist schon spät, es wird schon kalt,
Was reitst du einsam durch den Wald?
Der Wald ist lang, du bist allein,
Du schöne Braut! Ich führ dich heim!

"Groß ist der Männer Trug und List,
Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist,
Wohl irrt das Waldhorn her und hin,
O flieh! Du weißt nicht, wer ich bin."

So reich geschmückt ist Ross und Weib,
So wunderschön der junge Leib,
Jetzt kenn ich dich – Gott steh mir bei!
Du bist die Hexe Lorelei.

"Du kennst mich wohl – von hohem Stein
Schaut still mein Schloss tief in den Rhein.
Es ist schon spät, es wird schon kalt,
Kommst nimmermehr aus diesem Wald!"

Eichendorff, gest. 1857
#177Verfasser oopsy (491382) 25 Jun 12, 11:54
Kommentar
Geht auch nur als Link: Der Liedtext

Tears in Heaven von

Would you know my name,
if I saw you in heaven ...

http://www.golyr.de/eric-clapton/songtext-tears-in-heaven-255623.html

Dazu:

http://en.wikipedia.org/wiki/Tears_in_Heaven
http://de.wikipedia.org/wiki/Tears_in_Heaven
#178Verfasser Dana (236421) 25 Jun 12, 15:15
Kommentar
Deine Stube mit den kühlen
Rosen in den vielen Vasen,
drinnen wir in tiefen Stühlen
lehnten, leise Lieder lasen -
und mein Auge sehnte zag:

ist die einsame Kapelle,
welche Zuflucht mir bedeutet;
warten will ich an der Schwelle,
bis mir deine Stimme läutet
meinen Lebensfeiertag.

Rainer Maria Rilke, Band 3 S. 178, (1875-1926)
#179Verfasser moustique (308708) 25 Jun 12, 16:20
Kommentar
Water, is taught by thirst.
Land -- by the Oceans passed.
Transport -- by throe --
Peace -- by its battles told --
Love, by Memorial Mold --
Birds, by the Snow.

Emily Dickinson (1830-1886)
#180Verfasser Claus (243211) 25 Jun 12, 18:21
Kommentar
BY THE ARNO


HE oleander on the wall
Grows crimson in the dawning light,
Though the grey shadows of the night
Lie yet on Florence like a pall.

The dew is bright upon the hill,
And bright the blossoms overhead,
But ah! the grasshoppers have fled,
The little Attic song is still.

Only the leaves are gently stirred
By the soft breathing of the gale,
And in the almond-scented vale
The lonely nightingale is heard.

The day will make thee silent soon,
O nightingale sing on for love!
While yet upon the shadowy grove
Splinter the arrows of the moon.

Before across the silent lawn
In sea-green vest the morning steals,
And to love's frightened eyes reveals
The long white fingers of the dawn.

Fast climbing up the eastern sky
To grasp and slay the shuddering night,
All careless of my heart's delight,
Or if the nightingale should die.

Oscar Wilde (1854-1900)
#181Verfasser Clélia (601872) 25 Jun 12, 19:38
Kommentar
Das Lied der Vögel

Wir Vögel haben's wahrlich gut,
Wir fliegen, hüpfen, singen.
Wir singen frisch und wohlgemut,
Das Wald und Feld erklingen.

Wir sind gesund und sorgenfrei,
Und finden, was uns schmecket;
Wohin wir fliegen, wo's auch sei,
Ist unser Tisch gedecket.

Ist unser Tagewerk vollbracht,
Dann zieh'n wir in die Bäume,
Wir ruhen still und sanft die Nacht
Und haben süße Träume.

Und weckt uns früh der Sonnenschein,
Dann schwingen wir's Gefieder,
Wir fliegen in die Welt hinein
Und singen unsre Lieder.

Hoffmann von Fallersleben, gest. 1874
#182Verfasser oopsy (491382) 26 Jun 12, 10:23
Kommentar

They shut me up in Prose –
As when a little Girl
They put me in the Closet –
Because they liked me "still" –

Still! Could themselves have peeped –
And seen my Brain – go round –
They might as wise have lodged a Bird
For Treason – in the Pound –

Emily Dickinson 1830 - 1886
#183Verfasser emg (454352) 26 Jun 12, 10:42
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REGRET

ONG ago I wished to leave
"The house where I was born;"
Long ago I used to grieve,
My home seemed so forlorn.
In other years, its silent rooms
Were filled with haunting fears;
Now, their very memory comes
O'ercharged with tender tears.

Life and marriage I have known.
Things once deemed so bright;
Now, how utterly is flown
Every ray of light!
'Mid the unknown sea, of life
I no blest isle have found;
At last, through all its wild wave's strife,
My bark is homeward bound.

Farewell, dark and rolling deep!
Farewell, foreign shore!
Open, in unclouded sweep,
Thou glorious realm before!
Yet, though I had safely pass'd
That weary, vexed main,
One loved voice, through surge and blast
Could call me back again.

Though the soul's bright morning rose
O'er Paradise for me,
William! even from Heaven's repose
I'd turn, invoked by thee!
Storm nor surge should e'er arrest
My soul, exalting then:
All my heaven was once thy breast,
Would it were mine again!

Charlotte Bronte (1816-1855)

Ich habe leider keine französische Übersetzung für dieses Gedicht gefunden, aber diese Erläuterungen haben mir geholfen:

Okay, here's that much of the poem, with my comments interjected. I'll mark my comments with a > at the start of each line.

'Mid the unknown sea of life
I no blest isle have found;
> I've found no place to settle peacefully.
At last, through all its wild wave's strife,
My bark is homeward bound.
> A "bark" is a ship.
> Its voyage is a metaphor for life.
> The speaker's life journey is now returning homeward.

Farewell, dark and rolling deep !
Farewell, foreign shore !
> Goodbye to travels in strange places.
Open, in unclouded sweep,
Thou glorious realm before !
> Home described as a glorious kingdom
> and cloudless paradise.
Yet, though I had safely pass'd
That weary, vexed main,
One loved voice, through surge and blast,
Could call me back again.
> Although the speaker had safely left home
> and settled elsewhere, one voice could
> summon her to travel home, because she
> loved it.

Though the soul's bright morning rose
O'er Paradise for me,
William ! even from Heaven's repose
I'd turn, invoked by thee !
> Even from the bliss of Heaven,
> she'd let William call her back.
Storm nor surge should e'er arrest
My soul, exulting then:
> No storm or surge (ocean wave) could
> stop her from coming back.
All my heaven was once thy breast,
Would it were mine again !
> His embrace once seemed like heaven,
> and she'd like to return to that feeling.


http://answers.yahoo.com/question/index?qid=20100501130423AAbU4xR
#184Verfasser Clélia (601872) 26 Jun 12, 11:26
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One Perfect Rose

Why is it no one ever sent me yet
One perfect limousine, do you suppose?
.........

Dorothy Parker, *1967

http://www.poemhunter.com/poem/one-perfect-rose/
#185Verfasser moustique (308708) 26 Jun 12, 16:40
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184: Am Anfang des Gedichtes fehlt leider das L von Long ago und (181) heisst es natürlich The oleander, Sorry!-)


THE WIND OF SORROW

The fire of love was burning, yet so low
That in the dark we scarce could see its rays,
And in the light of perfect-placid days
Nothing but smouldering embers dull and slow.
Vainly, for love's delight, we sought to throw
New pleasures on the pyre to make it blaze:
In life's calm air and tranquil prosperous ways
We missed the radiant heat of long ago.
Then in the night, a night of sad alarms,
Bitter with pain and black with fog of fears,
That drove us trembling to each other's arms--
Across the gulf of darkness and salt tears,
Into life's calm the wind of sorrow came,
And fanned the fire of love to clearest flame.

Henry van Dyke (1852-1933)
#186Verfasser Clélia (601872) 27 Jun 12, 07:52
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Titanias Klage

Die Dichter singen von Liebe,
Und Liebe atmet Natur.-
Ach! wenn sie auch immer bliebe!
Freilich! dann bräche kein Schwur!

Wie glücklich sind meine Schwestern,
Wie unbefangen froh!-
Sie lieben heute, wie gestern,
Jahrtausend geht´s schon so.

Nur ich, die schier wie Verfluchte,
Ich, Feenkönigin,
Ich finde nie das Gesuchte,
Nie den verwandten Sinn.

Umsonst verschied´ner Malen
Stieg ich vom Lilienthron;
Es währte mein Gefallen
Nie lange am Erdensohn.

In üpp´gen Sommernächten,
Bei schwülem Vollmondschein
Dacht´ oft: "Jetzt hab´ ich den Rechten!"
Und wollte mich schon freu´n.

Doch immer beim Morgengrauen,
An´s Herz gedrückt noch warm,
Musst´ mit Entsetzen ich schauen
Den Eselskopf im Arm!

Elisabeth von Oesterreich, gest, 1898
#187Verfasser oopsy (491382) 27 Jun 12, 08:52
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Nachtrag zu # 178: Tears in Heaven ist natürlich ein Lied von Eric Clapton.

Cradle Song

Sleep, sleep, beauty bright,
Dreaming in the joys of night;
Sleep, sleep; in thy sleep
Little sorrows sit and weep.

Sweet babe, in thy face
Soft desires I can trace,
Secret joys and secret smiles,
Little pretty infant wiles.

As thy softest limbs I feel
Smiles as of the morning steal
O'er thy cheek, and o'er thy breast
Where thy little heart doth rest.

O the cunning wiles that creep
In thy little heart asleep!
When thy little heart doth wake,
Then the dreadful night shall break.

William Blake
(1757 - 1827)
#188Verfasser Dana (236421) 27 Jun 12, 16:46
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SERENADE

The Moon puts on her silver veil
And shawl of lace: and with far lutes
And violins in many a dale
The thrushes blow their woodland flutes.

Oh, and with many a ghostly cheer,
Under the moon the forest heaves
And sways with ecstasy to hear
The eerie laughter of the leaves.

William Griffith (1876-1936)
#189Verfasser Clélia (601872) 28 Jun 12, 07:49
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Für Moustique :-))

Am Grabe eines Idealisten

Ein glücklicher Mensch steigt hier zur Ruh',
Von einem Himmel zum andern;
In hehren Gestalten zieht er durchs All,
Wie selige Geister wandern.

Er hat ein reicheres Dasein geführt,
Als all' Ihr Schlemmer und Prasser,
Er hat ein edleres Feuer genährt,
Als alle die Hetzer und Hasser.

Er hat das Elend in Liebe geweiht,
Der Jämmerlichkeit sich verschlossen,
Er hat mit dem Blut von Eurem Blut
Ein höheres Leben genossen.

Er hat genossen in fröhlicher Ruh',
Was Ihr selbst im Kampf nicht erjagtet;
Er hat gebetet, gehofft und gejauchzt,
Dieweilen Ihr klagtet und zagtet.

Dieweilen Ihr geifernd das Leben verflucht,
Und geifernd darnach habt gehastet,
Hat er sich im Lichte des Himmels gesonnt,
Im Schatten des Waldes gerastet.

Peter Rosegger, gest. 1918
#190Verfasser oopsy (491382) 28 Jun 12, 09:18
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Vielen Dank oopsy für Peter Rosegger:-)........

Immer wieder

Immer wieder, ob wir der Liebe Landschaft auch kennen,
und den kleinen Kirchhof mit seinen klagenden Namen
und die furchtbar verschweigende Schlucht, in welcher die andern
enden: immer wieder gehn wir zu zweien hinaus
unter die alten Bäume, lagern uns immer wieder
zwischen die Blumen, gegenüber dem Himmel.

Rainer Maria Rilke, wahrscheinlich Ende 1914 (1875-1926)
#191Verfasser moustique (308708) 28 Jun 12, 09:22
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Beside the Idle Summer Sea...

Beside the idle summer sea,
And in the vacant summer days,
Light Love came fluting down the ways,
Where you were loitering with me.

Who have not welcomed even as we,
That jocund minstrel and his lays
Beside the idle summer sea
And in the vacant summer days?

We listened, we were fancy-free;
And lo! in terror and amaze
We stood alone – alone and gaze
With an implacable memory
Beside the idle summer sea.


William Ernest Henley
(Born 1849, Died 1903)


#192Verfasser Chaostranslater (459860) 28 Jun 12, 19:22
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Ode on Solitude

I.
How happy he, who free from care
The rage of courts, and noise of towns;
Contented breathes his native air,
In his own grounds.

II.
Whose herds with milk, whose fields with bread,
Whose flocks supply him with attire,
Whose trees in summer yield him shade,
In winter fire.

III.
Blest! who can unconcern'dly find
Hours, days, and years slide swift away,
In health of body, peace of mind,
Quiet by day,

IV.
Sound sleep by night; study and ease
Together mix'd; sweet recreation,
And innocence, which most does please,
With meditation.

V.
Thus let me live, unheard, unknown;
Thus unlamented let me die;
Steal from the world, and not a stone
Tell where I lie.


Alexander Pope (1688-1744)
#193Verfasser Clélia (601872) 29 Jun 12, 07:32
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Dorfkirche im Sommer



Schläfrig singt der Küster vor,
Schläfrig singt auch die Gemeinde.
Auf der Kanzel der Pastor
Betet still für seine Feinde.

Dann die Predigt, wunderbar,
Eine Predigt ohnegleichen.
Die Baronin weint sogar
Im Gestühl, dem wappenreichen.

Amen, Segen, Türen weit,
Orgelton und letzter Psalter.
Durch die Sommerherrlichkeit
Schwirren Schwalben, flattern Falter.

Detlev von Liliencron, gest. 1909
#194Verfasser oopsy (491382) 29 Jun 12, 08:38
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In der Frühe

Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir,
Dort gehet schon der Tag herfür
An meinem Kammerfenster.
Es wühlet mein verstörter Sinn
Noch zwischen Zweifeln her und hin
Und schaffet Nachtgespenster.
– Ängste, quäle
Dich nicht länger, meine Seele!
Freu dich! schon sind da und dorten
Morgenglocken wach geworden.

Eduard Mörike (1804–1875)
#195Verfasser Dana (236421) 29 Jun 12, 09:22
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Rosen, Rosen bringe!
Rosenduft soll wehn!
Wenn ich trink´und singe,
muss ich Blumen sehn!

Gottfried Keller (1819-1890)
#196Verfasser moustique (308708) 29 Jun 12, 10:21
Kommentar
Ein Irischer Segenswunsch möge Euch durch den Sommer begleiten......

May the warm winds of heaven
Blow softly upon your house.
May the Great Spirit
Bless all who enter there.
May your moccasins
Make happy tracks
In many snows,
And may the rainbow
Always touch your shoulder.
#197Verfasser moustique (308708) 01 Jul 12, 10:53
Kommentar
Nicht alle wissen so wie du zu schauen...

Nicht alle wissen so wie du zu schauen
Du Landschaftsmaler bei dem Doktor Faust,
Der du den Hexen Nebelbrücken baust
Durch winterlichen Kirchhofs frostig Grauen

Die Münche ziehn zur Gruft, es scheint zu tauen
Der kahle Baum greift in die Nacht, es saust
Ein kalter Wind, und unterirdisch haust
In Trümmern tief ein Kreuz, und gibt Vertrauen

Zwei Lichter schimmern irre bei der Wahrheit
(Die Totenkreuze starren auf den Hügeln)
Gefroren ist der Atem, den man hauchet
Zu ernst zum fliehen und zu kalt zum knien
(Und oben liegt des Himmels blaue Klarheit)

Du gleichst der Schwalbe, die mit grauen Flügeln
Den Himmel streift, die Brust ins Wasser tauchet
Warum willst du denn nimmer mit ihr ziehen.

Clemens Brentano
(* 09.09.1778 , † 28.07.1842)
#198Verfasser oopsy (491382) 01 Jul 12, 11:01
Kommentar

Trübes Wetter

Es ist ein stiller Regentag,
So weich, so ernst, und doch so klar,
Wo durch den Dämmer brechen mag
Die Sonne weiß und sonderbar.

Ein wunderliches Zwielicht spielt
Beschaulich über Berg und Tal;
Natur, halb warm und halb verkühlt,
Sie lächelt noch und weint zumal.

Die Hoffnung, das Verlorensein
Sind gleicher Stärke in mir wach;
Die Lebenslust, die Todespein,
Sie ziehn auf meinem Herzen Schach.

Ich aber, mein bewusstes Ich,
Beschau das Spiel in stiller Ruh,
Und meine Seele rüstet sich
Zum Kampfe mit dem Schicksal zu.

Gottfried Keller 1819-1890
#199Verfasser emg (454352) 01 Jul 12, 11:50
Kommentar
Glück und Unglück von Mascha Kaléko:

Das Glück ist arm an Phantasie ...

http://view.stern.de/de/picture/ein-schwarm-von-fliegenden-tauben-Schwarz-Junge-...
#200Verfasser Dana (236421) 01 Jul 12, 13:46
Kommentar
O rose, thou art sick!
The invisible worm,
That flies in the night,
In the howling storm.

Has found out thy bed
Of crimson joy,
And his dark secret love
Does thy life destroy.

William Blake, (1757-1827), englischer Dichter; the sick rose
#201Verfasser moustique (308708) 01 Jul 12, 18:16
Kommentar
Die kranke Rose

Ach Rose, du krankst -
der verborgene Wurm,
...


http://gedichte.xbib.de/Blake,+William_gedicht_Die+kranke+Rose.htm

Übersetzung aus dem Englischen:
© by Bertram Kottmann

Die Übersetzung unterliegt leider dem Urheberrecht, deshalb nur verlinkt, aber ich fand sie sehr schön und treffend.





#202Verfasser NonNee (478187) 01 Jul 12, 18:36
Kommentar
#202: Merci für die eingestellte Übersetzung der kranken Rose, wirklich sehr treffend....

An einem Sommermorgen

An einem Sommermorgen
da nimm den Wanderstab,
es fallen deine Sorgen
wie Nebel von dir ab.

Des Himmels heitre Bläue
lacht dir ins Herz hinein
und schließt, wie Gottes Treue,
mit seinem Dach dich ein.

Rings Blüten nur und Triebe
und Halme von Segen schwer,
dir ist, als zöge die Liebe
des Weges nebenher.

So heimisch alles klingt
als wie im Vaterhaus,
und über die Lerchen schwingt
die Seele sich hinaus.

Theodor Fontane, 1819-1898

....nicht passend für heute aber wenn man die Augen schliesst kann man sich den Sommer gedanklich zurückholen......
#203Verfasser moustique (308708) 02 Jul 12, 07:49
Kommentar
Regine

Und webte auch auf jenen Matten
Noch jene Mondesmärchenpracht,
Und stünd sie noch im Waldesschatten
Inmitten jener Sommernacht;
Und fänd ich selber wie im Traume
Den Weg zurück durch Moor und Feld,
Sie schritte doch vom Waldessaume
Niemals hinunter in die Welt.

Theodor Storm
(* 14.09.1817 , † 04.07.1888)
#204Verfasser oopsy (491382) 02 Jul 12, 10:59
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Robinson - Freitag findet seinen Vater

Doch war es frühe, daß dies Ich entglitt,
Das Spiegelbild sich wandelte zum Du:
Da war ein alter Mann, und Freitag litt
Angst und ertrug Gefahr und fand nicht Ruh
Um diesen Greis.
Mir war er fremd. Ich ließ
Ihm den Geliebten und brach auf zu jagen,
Ein böser Geist; Ich tötete. Ich stieß
Die Lämmer von der Mutter. Einmal lag
Mir Freitag jäh im Wurf, rief: "Töte mich,
O Herr, du zürnst!"
Mich überfiel die Scham.
Ich rief ihn an. Er blieb und weihte sich
Dem Tod in Anmut. Als ich näher kam,
Lächelte er nach meinem Kuß. Ich hob
Ihn sühnend auf, zum reineren Geschick
Des Bruders. Er nahms hin. Doch es verwob
Seither sich Trauer seinem fremdern Blick.

Maria Luise Weissmann
(* 20.08.1899 , † 07.11.1929)
#205Verfasser oopsy (491382) 03 Jul 12, 10:58
Kommentar
Der Dichter (Auszug)

Ein Einsamer ist er,
unscheinbar gekleidet,
der von der Schönheit lebt;
im Schoße der Natur
lernt er von der Schöpfung;
in der Stille der Nacht wacht er
und wartet auf die Eingebung des Geistes.
Er ist ein Sämann,
der die Samen seines Herzens aussät
in Gärten der Gefühle,
wo sie reiche Frucht tragen.

Gibrān Khalīl Gibrān bin Mikhā'īl bin Sa'ad,
besser bekannt als Khalil Gibran, Sämtliche Werke, (1889-1931)
#206Verfasser moustique (308708) 03 Jul 12, 18:00
Kommentar

Der Tambour

Wenn meine Mutter hexen könnt,
Da müsst sie mit dem Regiment,
Nach Frankreich, überall mit hin,
Und wahr die Marketenderin.
Im Lager, wohl um Mitternacht,
Wenn niemand auf ist als die Wacht,
Und alles schnarchet, Ross und Mann,
Vor meiner Trommel säß ich dann:
Die Trommel müsst eine Schüssel sein,
Ein warmes Sauerkraut darein,
Die Schlegel Messer und Gabel,
Ein lange Wurst mein Sabel,
Mein Tschako wär’ ein Humpen gut,
Den füll ich mit Burgunderblut.
Und weil es mir an Lichte fehlt,
Da scheint der Mond in mein Gezelt;
Scheint er auch auf franzö’sch herein,
Mir fällt doch meine Liebste ein:
Ach weh! jetzt hat der Spaß ein End!
- Wenn nur meine Mutter hexen könnt!

Eduard Mörike 1804 - 1875
#207Verfasser emg (454352) 04 Jul 12, 10:33
Kommentar
Glücklich, wer liebt und nicht wünscht, deshalb geliebt zu werden!
Glücklich, wer ehrt und sich nicht wünscht, deshalb geehrt zu werden.
Glücklich, wer dient und nicht wünscht, deshalb bedient zu werden.
Glücklich, wer andere gut behandelt und nicht wünscht, deshalb gut behandelt zu werden.

(Aegidius von Assisi)
#208Verfasser moustique (308708) 04 Jul 12, 12:30
Kommentar
Glücklich ist, wer...

Glüklich ist, wer froh empfindet
Wahre Herzensfreudigkeit,
Wer in seinem Wandel findet
Trost für unglückschwere Zeit.

Glücklich ist, wem es beschieden,
Ganz zu fassen Freud´und Schmerz,
Durch das schönste Glück hienieden;
Durch ein freies, reines Herz.

Glücklich ist, wem es gegeben,
Recht zu handeln immerzu,
Er fühlt selbst bie dürft´gem Leben
Wahren Reichtum - Seelenruh´!

Christian Felix Weiße (1726 - 1804)
#209Verfasser Dana (236421) 04 Jul 12, 20:14
Kommentar
Allgemeines Wandern

Vom Grund bis zu den Gipfeln
So weit man sehen kann,
Jetzt blüht's in allen Wipfeln,
Nun geht das Wandern an:

Die Quellen von den Klüften,
Die Ström' auf grünem Plan,
Die Lerchen hoch in Lüften,
Der Dichter frisch voran.

Und die im Tal verderben
In trüber Sorgen Haft,
Er möcht' sie alle werben
Zu dieser Wanderschaft.

Und von den Bergen nieder
Erschallt sein Lied ins Tal,
Und die zerstreuten Brüder
Faßt Heimweh allzumal.

Da wird die Welt so munter
Und nimmt die Reiseschuh',
Sein Liebchen mitten drunter,
Die nickt ihm heimlich zu.

Und über Felsenwände
Und auf dem grünen Plan
Das wirrt und jauchzt ohn' Ende -
Nun geht das Wandern an !


Joseph von Eichendorff
#210Verfasser Chaostranslater (459860) 04 Jul 12, 21:27
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Will das Glück nach seinem Sinn

Will das Glück nach seinem Sinn
Dir was Gutes schenken,
Sage Dank und nimm es hin
Ohne viel Bedenken.
Jede Gabe sei begrüßt,
Doch vor allen Dingen:
Das worum du dich bemühst,
Möge dir gelingen.

Wilhelm Busch
(* 15.04.1832 , † 09.01.1908)
#211Verfasser oopsy (491382) 05 Jul 12, 10:04
Kommentar
Sorge nie, daß ich verrate
Meine Liebe vor der Welt,
Wenn mein Mund ob deiner Schönheit
Von Metaphern überquellt.

Unter einem Wald von Blumen
Liegt, in still verborgner Hut,
Jenes glühende Geheimnis,
Jene tief geheime Glut.

Sprühn einmal verdächtge Funken
Aus den Rosen - sorge nie!
Diese Welt glaubt nicht an Flammen,
Und sie nimmts für Poesie.

Heinrich Heine (1797-1856)
#212Verfasser moustique (308708) 05 Jul 12, 11:43
Kommentar
Sommerbild

Ich sah des Sommers letzte Rose stehen,
Sie war, als ob sie bluten könnte, rot
Da sprach ich schaudernd im Vorübergehen:
So weit im Leben, ist zu nah dem Tod!

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
bewegte, sie empfand es und verging.

Friedrich Hebbel (1813 - 1863)
#213Verfasser Dana (236421) 06 Jul 12, 14:48
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Auf Flügeln des Gesanges...

Auf Flügeln des Gesanges,
Herzliebchen, trag ich dich fort,
Fort nach den Fluren des Ganges,
Dort weiß ich den schönsten Ort.

Dort liegt ein rotblühender Garten
Im stillen Mondenschein;
Die Lotosblumen erwarten
Ihr trautes Schwesterlein.

Die Veilchen kichern und kosen,
Und schaun nach den Sternen empor;
Heimlich erzählen die Rosen
Sich duftende Märchen ins Ohr.

Es hüpfen herbei und lauschen
Die frommen, klugen Gazell'n;
Und in der Ferne rauschen
Des heiligen Stromes Well'n.

Dort wollen wir niedersinken
Unter dem Palmenbaum,
Und Liebe und Ruhe trinken
Und träumen seligen Traum.

Heinrich Heine, 1797-1856
#214Verfasser moustique (308708) 06 Jul 12, 15:20
Kommentar
Entschluss

Gebannt im stillen Kreise sanfter Hügel,
Schlingt sich ein Strom von ewig gleichen Tagen,
Da mag die Brust nicht nach der Ferne fragen,
Und lächelnd senkt die Sehnsucht ihre Flügel.

Viel andre stehen kühn im Rossesbügel,
Des Lebens höchste Güte zu erjagen,
Und was sie wünschen, müssen sie erst wagen,
Ein strenger Geist regiert des Rosses Zügel. -

Was singt ihr lockend so, ihr stillen Matten,
Du Heimat mit den Regenbogenbrücken,
Ihr heitern Bilder, harmlos bunte Spiele?

Mich faßt der Sturm, wild ringen Licht nd Schatten,
durch Wolkenriß bricht flammendes Entzücken -
Nur zu, mein Roß! Wir finden noch zum Ziele!

Joseph von Eichendorff
(* 10.03.1788 , † 26.11.1857)
#215Verfasser oopsy (491382) 07 Jul 12, 10:44
Kommentar
'Tis moonlight, summer moonlight

'Tis moonlight, summer moonlight,
All soft and still and fair;
The solemn hour of midnight
Breathes sweet thoughts everywhere,

But most where trees are sending
Their breezy boughs on high,
Or stooping low are lending
A shelter from the sky.

And there in those wild bowers
A lovely form is laid;
Green grass and dew-steeped flowers
Wave gently round her head.

Emily Brontë (1818 - 1848)
#216Verfasser Dana (236421) 07 Jul 12, 12:10
Kommentar
Vermächtnis

Nun mein Leben geht zu End,
Mach ich auch mein Testament;
Christlich will ich drin bedenken
Meine Feinde mit Geschenken.

Diese würdgen, tugendfesten
Widersacher sollen erben
All mein Siechtum und Verderben,
Meine sämtlichen Gebresten.

Ich vermach euch die Koliken,
Die den Bauch wie Zangen zwicken,
Harnbeschwerden, die perfiden
Preußischen Hämorrhoiden.

Meine Krämpfe sollt ihr haben,
Speichelfluß und Gliederzucken,
Knochendarre in dem Rucken,
Lauter schöne Gottesgaben.

Kidizill zu dem Vermächtnis:
In Vergessenheit versenken
Soll der Herr eur Angedenken,
Er vertilge eur Gedächtnis.

Heinrich Heine, 1797-1856
#217Verfasser Werner (236488) 21 Jul 12, 10:34
Kommentar
Zahme XenienVIII

Axiom

Freund, wer ein Lump ist, bleibt ein Lump,
Zu Wagen, Pferd und Fuße;
Drum glaub an keinen Lumpen je,
An keines Lumpen Buße.


Bin ich für 'ne Sache eingenommen,
Die Welt, denk ich, muß mit mir kommen;
Doch welch ein Greuel muß mir erscheinen,
Wenn Lumpe sich wollen mit mir vereinen.


Für und wider zu dieser Stunde
Quengelt ihr schon seit vielen Jahren:
Was ich getan, ihr Lumpenhunde!
Werdet ihr nimmermehr erfahren.


»So sei doch höflich!« - Höflich mit dem Pack?
Mit Seide näht man keinen groben Sack.

Wie mancher Mißwillige schnuffelt und wittert
Um das von der Muse verliehne Gedicht;
Sie haben Lessing das Ende verbittert -
Mir sollen sie's nicht!
Jedem redlichen Bemühn
Sei Beharrlichkeit verliehn.


Jeder Weg zum rechten Zwecke
Ist auch recht in jeder Strecke.


Wer mit dem Leben spielt,
Kommt nie zurecht;
Wer sich nicht selbst befiehlt,
Bleibt immer ein Knecht.


Gut verloren - etwas verloren!
Mußt rasch dich besinnen
Und neues gewinnen. Ehre verloren - viel verloren!
Mußt Ruhm gewinnen,
Da werden die Leute sich anders besinnen.
Mut verloren - alles verloren!
Da wär es besser: nicht geboren.


Willst du dir ein gut Leben zimmern,
Mußt ums Vergangne dich nicht bekümmern,
Und wäre dir auch was verloren,
Erweise dich wie neugeboren;
Was jeder Tag will, sollst du fragen,
Was jeder Tag will, wird er sagen;
Mußt dich an eigenem Tun ergötzen,
Was andre tun, das wirst du schätzen;
Besonders keinen Menschen hassen
Und das übrige Gott überlassen.


Bekenntnis heißt nach altem Brauch
Geständnis, wie man's meint;
Man rede frei, und wenn man auch
Nur Zwei und Drei vereint.


Das Opfer, das die Liebe bringt,
Es ist das teuerste von allen;
Doch wer sein Eigenstes bezwingt,
Dem ist das schönste Los gefallen.


Nur wenn das Herz erschlossen,
Dann ist die Erde schön.
Du standest so verdrossen
Und wußtest nicht zu sehn.


Der Zaubrer fordert leidenschaftlich wild
Von Höll und Himmel sich Helenens Bild;
Trät er zu mir in heitern Morgenstunden,
Das Liebenswürdigste wär friedlich ihm gefunden.


Zu verschweigen meinen Gewinn,
Muß ich die Menschen vermeiden;
Daß ich wisse, woran ich bin,
Das wollen die andern nicht leiden.


Der Philosoph, dem ich so gern vertraue,
Lehrt, wo nicht gegen alle, doch die meisten,
Daß unbewußt wir stets das Beste leisten:
Das glaubt man gern und lebt nun frisch ins Blaue.
Der Dichter schaut in Weltgewühle,
Sieht jeden Menschen mit sich selbst befangen,
Bald heitern Sinns, bald bänglicher Gefühle,
Doch hat er Zwecke. Daß er die erlange,
Sucht er den eignen Weg zum eignen Ziele.
Was das bedeute, merkt er sich und allen,
Und was bedeutet, läßt er sich gefallen.

Gar mancher hat sich ernst beflissen
Und hatte dennoch schlechten Lohn.
Es ist ganz eigen: wenn sie wissen,
So meinen sie, sie wüßten schon.


In die Welt hinaus!
Außer dem Haus
Ist immer das beste Leben;
Wem's zu Hause gefällt,
Ist nicht für die Welt -
Mag er leben!


Seh ich zum Wagen heraus
Mich nach jemand um,
So macht er gleich was draus;
Er denkt, ich grüß ihn stumm,
Und er hat recht.


Johann Wolfgang von Goethe 1749 – 1832





#218Verfasser Chaostranslater (459860) 21 Jul 12, 15:43
Kommentar
Sie machen die Luft dir dumpf und schwer

Sie machen die Luft dir dumpf und schwer,
Die kreischenden Zwerge?
Lach ihnen Abschied! Fahr über das Meer!
Steig über die Berge!

Doch ehe du gehst, nimm einen am Ohr
Und schüttel ihn leise.
Verloren ist, wer den Humor verlor.
Glück auf die Reise!

Otto Julius Bierbaum (1865 - 1910)
#219Verfasser Dana (236421) 29 Jul 12, 18:15
Kommentar
Auf der Reise

Das kann nicht anders werden,
Wir alle wandern ja,
Sind Gäste nur auf Erden
Und für die Reise da.

So laß das Glück denn treiben,
Das ist nun einerlei,
Wir dürfen doch nicht bleiben
Und gehn uns stumm vorbei.

Und wandern müd' und leise,
Am Schuh zerreißt das Band,
Und suchen auf der Reise
Das große Vaterland.

Ich hört' ein Lied verwehen,
Das klang und rauschte so,
Ich hab das Glück gesehen,
Weiß aber nicht mehr, wo.

Carl Busse (1872 - 1918)
#220Verfasser Chaostranslater (459860) 31 Jul 12, 20:46
Kommentar
Ihr Engel! Wer seid ihr?
Frühe Geglückte, ihr Verwöhnten der Schöpfung,
Höhenzüge, morgenrötliche Grate
aller Erschaffung, - Pollen der blühenden Gottheit,
Gelenke des Lichtes, Gänge, Treppen, Throne,
Räume aus Wesen, Schilde aus Wonne, Tumulte
stürmisch entzückten Gefühls und plötzlich, einzeln,
Spiegel: die die entströmte eigene Schönheit
wiederschöpfen zurück in das eigene Antlitz.

(Rainer Maria Rilke, 1875-1926)
#221Verfasser moustique (308708) 31 Jul 12, 21:58
Kommentar
Nicht alle Frauen sind Engel...

Nicht alle Frauen sind Engel
(Haben Männer doch auch ihre Mängel!);
Und solche Frauen durch Vernunft zu zwingen
Wird nicht dem Weisesten gelingen:
Sie lassen lieber schmeichelnd sich betören,
Als auf die Stimme der Vernunft zu hören.

Friedrich Martin Bodenstedt (1819 - 1892)
#222Verfasser Dana (236421) 31 Jul 12, 22:12
Kommentar
Geht leider nur als Link, dafür aus authentischer Quelle:

sommerlied

wir sind die menschen auf den wiesen ...

http://www.ernst-jandl.de/html/sommerlied.html

von Ernst Jandl.
#223Verfasser Dana (236421) 01 Aug 12, 11:19
Kommentar
Nachdem er durch Metzingen gegangen war von Robert Gernhardt

Dich will ich loben: Häßliches,
du hast so was Verläßliches.

Siehe weiter: http://www.sk-kultur.de/poetmail/970509.htm
#224Verfasser Dana (236421) 05 Aug 12, 16:47
Kommentar
Abendgefühl

Friedlich bekämpfen
Nacht sich und Tag.
Wie das zu dämpfen,
Wie das zu lösen vermag!

Der mich bedrückte,
Schläfst du schon Schmerz?
Was mich beglückte,
Sage, was war’s doch, mein Herz?

Freude, wie Kummer,
Fühl ich zerrann,
Aber den Schlummer
Führten sie leise heran.

Und im Entschweben,
Immer empor,
Kommt mir das Leben
Ganz, wie ein Schlummerlied vor.

Friedrich Hebbel (1813 - 1863)
#225Verfasser Dana (236421) 11 Aug 12, 10:46
Kommentar
Die Tute

Wenn die Tante Adelheide
Als Logierbesuch erschien,
Fühlte Fritzchen große Freude,
Denn dann gab es was für ihn. Immer hat die liebe Gute
Tief im Reisekorb versteckt
Eine angenehme Tute,
Deren Inhalt köstlich schmeckt. Täglich wird dem braven Knaben
Draus ein hübsches Stück beschert,
Bis wir schließlich nichts mehr haben
Und die Tante weiterfährt. Mit der Post fuhr sie von hinnen
Fritzchens Trauer ist nur schwach.
Einer Tute, wo nichts drinnen,
Weint man keine Träne nach.


(Wilhelm Busch 1832-1908)
#226Verfasser Chaostranslater (459860) 25 Aug 12, 11:39
Kommentar
Im Sommer

In Sommerbäder
Reist jetzt ein jeder
Und lebt famos.
Der arme Dokter,
Zu Hause hockt er
Patientenlos.

Von Winterszenen,
Von schrecklich schönen,
Träumt sein Gemüt,
Wenn, Dank der Götter,
Bei Hundewetter
Sein Weizen blüht.

Wilhelm Busch (1832-1908)
#227Verfasser Dana (236421) 29 Aug 12, 20:50
Kommentar
Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

Eduard Mörike (1804 - 1875)
#228Verfasser Dana (236421) 07 Sep 12, 20:45
Kommentar
Der Maulwurf

In seinem Garten freudevoll
Geht hier ein Gärtner namens Knoll.

Doch seine Freudigkeit vergeht,
Ein Maulwurf wühlt im Pflanzenbeet.

Schnell eilt er fort und holt die Hacke,
Dass er den schwarzen Wühler packe.

Jetzt ist vor allem an der Zeit
Die listige Verschwiegenheit.

Aha! Schon hebt sich was im Beet,
Und Knoll erhebt sein Jagdgerät.

Schwupp! Da - und Knoll verfehlt das Ziel.
Die Hacke trennt sich von dem Stiel.

Das Instrument ist schnell geheilt;
Ein Nagel wird hineingekeilt.

Und wieder steht er ernst und krumm
Und schaut nach keiner Seite um.

Klabumm! - So krieg die Schwerenot! -
Der Nachbar schießt die Spatzen tot.

Doch immerhin und einerlei!
Ein Flintenschuss ist schnell vorbei.

Schon wieder wühlt das Ungetier.
Wart! denkt sich Knoll. Jetzt kommen wir.

Er schwingt die Hacke voller Hast -
Radatsch! - O schöner Birnenast!

Die Hacke ärgert ihn doch sehr,
Drum holt er jetzt den Spaten her.

Nun, Alter, sei gescheit und weise
Und mache leise, leise, leise!

Schnarräng! - Da tönt ihm in das Ohr
Ein Bettelmusikantenchor.

Musik wird oft nicht schön gefunden,
Weil sie stets mit Geräusch verbunden.

Kaum ist′s vorbei mit dem Trara,
So ist der Wühler wieder da.

Schnupp! dringt die Schaufel wie der Blitz
Dem Maulwurf unter seinen Sitz.

Und mit Hurra in einem Bogen
Wird er herauf ans Licht gezogen.

Aujau! Man setzt sich in den Rechen
Voll spitzer Stacheln, welche stechen.

Und Knoll zieht für den Augenblick
Sich schmerzlich in sich selbst zurück.

Schon hat der Maulwurf sich derweil
Ein Loch gescharrt in Angst und Eil.

Doch Knoll, der sich emporgerafft,
Beraubt ihn seiner Lebenskraft.

Da liegt der schwarze Bösewicht
Und wühlte gern und kann doch nicht;
Denn hinderlich, wie überall,
Ist hier der eigne Todesfall.


(Wilhelm Busch 1832-1908)


Maulwurf + Herbst + Gartenbesitzer ist eine unschlagbare Kombination :-)
#229Verfasser Chaostranslater (459860) 22 Sep 12, 13:18
Kommentar
An einen Boten

Wenn du zu meim Schätzel kommst,
Sag: Ich ließ sie grüßen;
Wenn sie fraget, wie mirs geht?
Sag: auf beyden Füßen.
Wenn sie fraget: ob ich krank?
Sag: ich sey gestorben;
Wenn sie an zu weinen fangt,
Sag: ich käme morgen.

Achim von Arnim (1781 - 1831)


Westphalian song

When thou to my true-love com'st
Greet her from me kindly;
When she asks thee how I fare?
Say, folks in Heaven fare finely.

When she asks, "What! Is he sick?"
Say, dead!--and when for sorrow
She begins to sob and cry,
Say, I come to-morrow.

Samuel Taylor Coleridge (1772 - 1834)
#230Verfasser Dana (236421) 26 Sep 12, 19:53
Kommentar
Gott gebe dir

für jeden Sturm einen Regenbogen,
für jede Träne ein Lachen,
für jede Sorge eine Aussicht
und eine Hilfe in jeder Schwierigkeit.
Für jedes Problem, das das Leben schickt,
einen Freund, es zu teilen,
für jeden Seufzer ein schönes Lied
und eine Antwort auf jedes Gebet.

(Irischer Segenswunsch)
... den ich sehr mag
#231Verfasser moustique (308708) 02 Oct 12, 15:46
Kommentar
Es ist halt schön,
Wenn wir die Freunde kommen sehn. –
Schön ist es ferner, wenn sie bleiben
Und sich mit uns die Zeit vertreiben. –
Doch wenn sie schließlich wieder gehen,
Ist’s auch recht schön.

Wilhelm Busch (1832-1908)
#232Verfasser Dana (236421) 09 Oct 12, 12:22
Kommentar
Grenzen der Liebe

Alles kann Liebe:
zürnen und zagen,
leiden und wagen,
demütig werben,
töten, verderben,
alles kann Liebe.

Alles kann Liebe:
lachend entbehren,
weinend gewähren,
heißes Verlangen
nähren in bangen,
in einsamen Tagen –
alles kann Liebe –
nur nicht entsagen!

Marie von Ebner-Eschenbach (1830 - 1916)
#233Verfasser Dana (236421) 20 Oct 12, 20:43
Kommentar
Schneider-Courage

Es ist ein Schuss gefallen!
Mein ! Sagt, wer schoss da drauß?
Es ist der junge Jäger,
der schießt im Hinterhaus.

Die Spatzen in dem Garten,
die machen viel Verdruss.
Zwei Spatzen und ein Schneider,
die fielen von dem Schuss;

die Spatzen von den Schroten,
der Schneider von dem Schreck,
die Spatzen in die Schoten,
der Schneider in den Dreck.


Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
#234Verfasser Chaostranslater (459860) 28 Oct 12, 20:42
Kommentar
Hallo zusammen! Einfach schön, so viel von Euch zu lesen...
Nachdem ich heute morgen ein Gedicht im Radio gehört habe, dachte ich mir, ja, das könnte ich hier vielleicht einstellen.


Ach, wer das doch könnte!

Gemäht sind die Felder,
Der Stoppelwind weht.
Hoch droben in Lüften
Mein Drache nun steht,
Die Rippen von Holze,
Der Leib von Papier,
Zwei Ohren, ein Schwänzlein
Sind all seine Zier.
Und ich denk: so drauf liegen
Im sonnigen Strahl,
Ach, wer das doch könnte
Nur ein einziges Mal!

Da guckt ich dem Storch
In das Sommernest dort:
Guten Morgen, Frau Störchin,
Geht die Reise bald fort?
Ich blickt in die Häuser
Zum Schornstein hinein:
O Vater und Mutter,
Wie seid ihr so klein.
Tief unter mir säh ich
Fluß, Hügel und Tal,
Ach, wer das doch könnte,
Nur ein einziges Mal!

Und droben, gehoben
Auf schwindelnder Bahn,
Da faßt ich die Wolken,
Die segelnden an;
Ich ließ mich besuchen
Von Schwalben und Krähn
Und könnte die Lerchen,
Die singenden sehn;
Die Englein belauscht ich
Im himmlischen Saal;
Ach, wer das doch könnte,
Nur ein einziges Mal!


Victor Blüthgen (1844 – 1920)
#235Verfasser Claus (243211) 04 Nov 12, 11:35
Kommentar
Nasser November

Ziehen Sie die ältesten Schuhe an,
die in Ihrem Schrank vergessen stehn!
Denn Sie sollten wirklich dann und wann
auch bei Regen durch die Straßen gehn.

. . .
http://cuxhavenblog.blogspot.com/ (etwa in der Mitte)


Erich Kästner (1899-1974)
#236Verfasser Claus (243211) 04 Nov 12, 13:01
Kommentar
Herbstpark

Die gelbe Krankheit herrscht. Wie Säufern fällt
Das Laub Ahornen aus den roten Schädeln,
Und Birken glühn gleich flinken Gassenmädeln
Im Arm der Winde auf dem schwarzen Feld.

Und wie die Hände einer Frau, die sinnt
Ihrem Gemahl nach und der starken Lust,
Ward weiße Sonne kühl! Du aber mußt
Der Nächte denken, die im Juni sind.

In diesen sternenbunten, sagt man, fror es.
Der Park ist so verstört. Aus beiden Teichen
Zittert die Stimme des gefleckten Rohres,

Wenn Wellen so vom seichten Sande schleichen.
Und Regen droht. In Kutten, stummen Chores,
Gehn Wolken um die großen, grünen Eichen.


Paul Boldt (1885-1921)
Aus dem Jahr 1914
#237Verfasser Claus (243211) 07 Nov 12, 14:28
Kommentar
Immer enger, leise, leise
ziehen sich die Lebenskreise,
schwindet hin, was prahlt und prunkt,
schwindet Hoffen, Hassen, Lieben
und ist nichts in Sicht geblieben
als der letzte dunkle Punkt.

Theodor Fontane (1819-1898)
#238Verfasser moustique (308708) 08 Nov 12, 09:59
Kommentar
To Catherine Wordsworth 1808-1812

Surprised by joy – impatient as the Wind
I turned to share the transport – Oh! with whom
But Thee, deep buried in the silent tomb,
That spot which no vicissitude can find?

Love, faithful love, recalled thee to my mind –
But how could I forget thee? Through what power
Even for the last division of an hour,
Have I been so beguiled as to be blind

To my most grievous loss! – That thought’s return
Was the worst pang that sorrow ever bore,
Save one, one only, when I stood forlorn,

Knowing my heart’s best treasure was no more;
That neither present time, nor years unborn
Could to my sight that heavenly face restore.


William Wordsworth (1770-1850)




An Catherine Wordsworth 1808-1812

Freudig überrascht – schau ich wie der Wind,
wen ich hier in der Kutsche bei mir hab’ –
Oh Dich! versunken dort im stillen Grab,
wo Unbeständigkeit dich niemals find’?
. . .
http://www.edition-elf.de/innerste.htm


Übersetzung: Sibylle Ferner
http://www.proz.com/profile/8395
#239Verfasser Claus (243211) 11 Nov 12, 09:52
Kommentar
Du weißt nicht mehr wie Blumen duften,
kennst nur die Arbeit und das Schuften,
so gehn sie hin die schönsten Jahre,
am Ende liegst du auf der Bahre
und hinter dir da grinst der Tod:
Kaputtgerackert - Vollidiot!


Joachim Ringelnatz


#240Verfasser Chaostranslater (459860) 11 Nov 12, 11:43
Kommentar
Besides the Autumn poets sing

Besides the Autumn poets sing
A few prosaic days
A little this side of the snow
And that side of the Haze --

A few incisive Mornings --
A few Ascetic Eves --
Gone -- Mr. Bryant's "Golden Rod" --
And Mr. Thomson's "sheaves."

Still, is the bustle in the Brook --
Sealed are the spicy valves --
Mesmeric fingers softly touch
The Eyes of many Elves --

Perhaps a squirrel may remain --
My sentiments to share --
Grant me, Oh Lord, a sunny mind --
Thy windy will to bear!


Emily Dickinson (1830-1886)



Nebst dem Herbst, den der Dichter preist

Nebst dem Herbst, den der Dichter preist,
Gibt's Tage ohne Kunst:
. . .
. . .
http://colecizj.easyvserver.com/pgvb7003.htm

Übersetzung: Walter A. Aue (*1935)
#241Verfasser Claus (243211) 12 Nov 12, 10:28
Kommentar
Trees

Splash red –
A rush of autumn leaves that
Bled away their beauty as they
Died upon the breeze.
. . .
. . .
http://www.poemhunter.com/poem/trees-17/

Mark R. Slaugher (b. 1957)
#242Verfasser Claus (243211) 15 Nov 12, 18:52
Kommentar
Verklärter Herbst


Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluss hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht -
Das geht in Ruh und Schweigen unter.


Georg Trakl
#243Verfasser Chaostranslater (459860) 15 Nov 12, 19:31
Kommentar
Blätterfall

Der Herbstwald raschelt um mich her.
Ein unabsehbar Blättermeer
Entperlt dem Netz der Zweige.
Du aber, dessen schweres Herz
Mitklagen will den großen Schmerz:
Sei stark, sei stark und schweige!

Du lerne lächeln, wenn das Laub
Dem leichteren Wind ein leichter Raub
Hinabschwankt und verschwindet.
Du weißt, dass just Vergänglichkeit
Das Schwert, womit der Geist der Zeit
Sich selber überwindet.

Christian Morgenstern (1871-1914)
#244Verfasser moustique (308708) 17 Nov 12, 13:58
Kommentar
Futility

Move him into the sun -
Gently its touch awoke him once,
At home, whispering of fields unsown.
Always it woke him, even in France,
Until this morning and this snow.
If anything might rouse him now
The kind old sun will know.

Think how it wakes the seeds -
Woke, once, the clays of a cold star.
Are limbs so dear-achieved, are sides
Full-nerved, - still warm, - too hard to stir?
Was it for this the clay grew tall?
- O what made fatuous sunbeams toil
To break earth's sleep at all?


Wilfred Owen (1893 – 1918)
Britischer Dichter und Soldat. Er gilt als der bedeutendste Zeitzeuge des Ersten Weltkriegs in der englischen Literatur.

http://www.anglik.net/ww1wilfredowen.htm
#245Verfasser Claus (243211) 18 Nov 12, 13:13
Kommentar
Kriegslied

Sengen, brennen, schießen, stechen,
Schädel spalten, Rippen brechen,
spionieren, requirieren,
patrouillieren, exerzieren,
fluchen, bluten, hungern, frieren...
So lebt der edle Kriegerstand,
die Flinte in der linken Hand,
das Messer in der rechten Hand -
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Aus dem Bett von Lehm und Jauche
zur Attacke auf dem Bauche!
Trommelfeuer - Handgranaten -
Wunden - Leichen - Heldentaten -
bravo, tapfere Soldaten!
So lebt der edle Kriegerstand,
das Eisenkreuz am Preußenband,
die Tapferkeit am Bayernband,
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Stillgestanden! Hoch die Beine!
Augen gradeaus, ihr Schweine!
Visitiert und schlecht befunden.
Keinen Urlaub. Angebunden.
Strafdienst extra sieben Stunden.
So lebt der edle Kriegerstand.
Jawohl, Herr Oberleutenant!
Und zu Befehl, Herr Leutenant!
Mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Vorwärts mit Tabak und Kümmel!
Bajonette. Schlachtgetümmel.
Vorwärts! Sterben oder Siegen!
Deutscher kennt kein Unterkriegen.
Knochen splittern, Fetzen fliegen.
So lebt der edle Kriegerstand.
Der Schweiß tropft in den Grabenrand,
das Blut tropft in den Straßenrand,
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Angeschossen - hochgeschmissen -
Bauch und Därme aufgerissen.
Rote Häuser - blauer Äther -
Teufel! Alle heiligen Väter!...
Mutter! Mutter!! Sanitäter!!!
So stirbt der edle Kriegerstand,
in Stiefel, Maul und Ohren Sand
und auf das Grab drei Schippen Sand -
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

(Erich Mühsam, 1878-1934; 1917)


Wann wird man je verstehn?
Ach wird man je verstehn?
#246Verfasser Chaostranslater (459860) 18 Nov 12, 23:16
Kommentar
The Sick Rose

O rose, thou art sick!
The invisible worm,
That flies in the night,
In the howling storm.

Has found out thy bed
Of crimson joy,
And his dark secret love
Does thy life destroy.


William Blake (1757-1827)
Published 1794

http://en.wikipedia.org/wiki/The_Sick_Rose
#247Verfasser Claus (243211) 20 Nov 12, 13:13
Kommentar
The Rose of Tralee

The pale moon was rising above the green mountains,
The sun was declining beneath the blue sea,
When I strayed with my love by the pure crystal fountain,
That stands in the beautiful Vale of Tralee.

She was lovely and fair as the rose of the summer,
Yet 'twas not her beauty alone that won me.
Oh no, 'twas the truth in her eyes ever dawning
That made me love Mary, the Rose of Tralee.

The cool shades of evening their mantle were spreading,
And Mary all smiling was listening to me.
The moon through the valley her pale rays was shedding,
When I won the heart of the Rose of Tralee.

She was lovely and fair as the rose of the summer,
Yet 'twas not her beauty alone that won me.
Oh no, 'twas the truth in her eyes ever dawning
That made me love Mary, the Rose of Tralee.

In the far fields of India 'mid war's dreadful thunders,
Her voice was solace and comfort to me.
But the chill hand of death has now rent us asunder,
I'm lonely tonight for the Rose of Tralee.

She was lovely and fair as the rose of the summer,
Yet 'twas not her beauty alone that won me.
Oh no, 'twas the truth in her eyes ever dawning
That made me love Mary, the Rose of Tralee.


William Pembroke MULCHINOCK (1820-1864)
#248Verfasser Dana (236421) 20 Nov 12, 14:25
Kommentar
Die unschuldige Rose

Sprechen wir nicht von dir.
Du bist deiner Natur nach unaussprechlich.
Andere Blumen schmücken die Tafel,
du verklärst sie.

Man stellt dich in eine Vase-
und schon wandelt sich alles:
es ist vielleicht die gleiche Vase Melodie,
aber gesungen von einem Engel.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)
#249Verfasser moustique (308708) 20 Nov 12, 15:21
Kommentar
Da ja gestern Thanksgiving war...

Truthahn und Truthähnchen

"Hört, Kinder, das will ich euch sagen:
Ihr müßt euch artig betragen,
Das Kollern und Zanken schickt sich nicht;
Macht gleich auf der Stelle ein freundlich Gesicht;
Das Lärmen laßt, das Schrei'n und Getös;
Sonst, Kinder, das merkt werd' ich bös."
Da kam auf dem Hof von ungefähr
Ein Knabe mit roter Mütze her.
Da wurde so bös der Truthahn dort"
Und lärmte und schrie: "Die Mütze fort!"
Der Knabe sprach lachend: "Herr Puterhahn,
Was hat dir denn meine Mütze getan?"

Wilhelm Hey (1789-1854)
#250Verfasser moustique (308708) 23 Nov 12, 08:55
Kommentar
To his Coy Mistress

Had we but world enough, and time,
This coyness, lady, were no crime.
We would sit down and think which way
To walk, and pass our long love's day;
Thou by the Indian Ganges' side
Shouldst rubies find; I by the tide
Of Humber would complain. I would
Love you ten years before the Flood;
And you should, if you please, refuse
Till the conversion of the Jews.
My vegetable love should grow
Vaster than empires, and more slow.
An hundred years should go to praise
Thine eyes, and on thy forehead gaze;
Two hundred to adore each breast,
But thirty thousand to the rest;
An age at least to every part,
And the last age should show your heart.
For, lady, you deserve this state,
Nor would I love at lower rate.

:::::::But at my back I always hear
Time's winged chariot hurrying near;
And yonder all before us lie
Deserts of vast eternity.
Thy beauty shall no more be found,
Nor, in thy marble vault, shall sound
My echoing song; then worms shall try
That long preserv'd virginity,
And your quaint honour turn to dust,
And into ashes all my lust.
The grave's a fine and private place,
But none I think do there embrace.

:::::::Now therefore, while the youthful hue
Sits on thy skin like morning dew,
And while thy willing soul transpires
At every pore with instant fires,
Now let us sport us while we may;
And now, like am'rous birds of prey,
Rather at once our time devour,
Than languish in his slow-chapp'd power.
Let us roll all our strength, and all
Our sweetness, up into one ball;
And tear our pleasures with rough strife
Thorough the iron gates of life.
Thus, though we cannot make our sun
Stand still, yet we will make him run.


Andrew Marvell (1621 – 1678)
Englischer Dichter und Politiker

http://en.wikipedia.org/wiki/To_His_Coy_Mistress
#251Verfasser Claus (243211) 23 Nov 12, 13:35
Kommentar
An seine spröde Geliebte

Hätten wir nur Gelegenheit genug und Zeit,
Diese Sprödigkeit, Lady, wäre kein Verbrechen.
Wir würden uns hinsetzen und überlegen, welchen Weg
Zu spazieren, und unseren langen Liebestag verbringen
. . .
http://www.selvaxx.de/Andrew_Marvell.html


Übersetzung: Frederik Eix, 2007/08
Original: To his Coy Mistress by Andrew Marvell
#252Verfasser Claus (243211) 23 Nov 12, 13:36
Kommentar
Autumn
http://www.litera.co.uk/t/MTA5MTk1/

“Stevie Smith”, Florence Margaret Smith (1902-1971)
#253Verfasser Claus (243211) 27 Nov 12, 13:37
Kommentar
Der Frosch und die beiden Enten

Sieh' da, zwei Enten jung und schön,
Die wollen an den Teich hingehn.

Zum Teiche gehn sie munter
Und tauchen die Köpfe unter.

Die eine in der Goschen
Trägt einen grünen Froschen.

Sie denkt allein ihn zu verschlingen.
Das soll ihr aber nicht gelingen.

Die Ente und der Enterich,
Die ziehn den Frosch ganz fürchterlich.

Sie ziehn ihn in die Quere,
Das tut ihm weh gar sehre.

Der Frosch kämpft tapfer wie ein Mann.
Ob das ihm wohl was helfen kann?

Schon hat die eine ihn beim Kopf,
Die andre hält ihr zu den Kropf.

Die beiden Enten raufen,
Da hat der Frosch gut laufen.

Die Enten haben sich besunnen
Und suchen den Frosch im Brunnen.

Sie suchen ihn im Wasserrohr,
Der Frosch springt aber schnell hervor.

Die Enten mit Geschnatter
Stecken die Köpfe durchs Gatter.

Der Frosch ist fort – die Enten,
Wenn die nur auch fort könnten!

Da kommt der Koch herbei sogleich
Und lacht: "Hehe, jetzt hab' ich euch!"

Drei Wochen war der Frosch so krank!
Jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank!

Wilhelm Busch (1832-1908)
#254Verfasser moustique (308708) 27 Nov 12, 13:51
Kommentar
#255Verfasser Claus (243211) 28 Nov 12, 18:01
Kommentar
Ein Sturm

Der Sturm will jagen: auf fährt er vom Sitz
In seinem zerklüfteten Schlosse,
Er ruft seinen Diener, den flüchtigen Blitz,
Und schwingt sich jauchzend zu Rosse;
Dann probt er die Kraft seiner nervigen Hand
Und schleudert die Tanne, die vor ihm stand,
Gleich einem Ball in die Lüfte.

Die Jagd hebt an: vom Felsenhorst
Stürzt er mit klaffender Meute
Und spürt in Schluchten und Urwaldforst
Nach tausendjähriger Beute.
Von Norden her saust er und braust er heran,
Und jetzt durch Woodstocks mächtigen Tann
Schrillt seine gellende Pfeife.

Es ächzt und stöhnt der geschüttelte Wald -
Umsonst, ihn rettet kein Jammern!
Wie fest die Eiche sich klammert und krallt,
Zerbrochen werden die Klammern.
Und was von der Hand des Sturmes nicht fällt,
Das wird vom Speere des Blitzes zerspellt -
Tot liegen die Riesen des Waldes.

Und weiter geht es auf schnaubendem Roß,
Die Hufe stampfen und schlagen,
Verhängten Zügels an Woodstock-Schloß
Will er vorüber jagen:
Sieh, da stutzt er - an Söllers Rand
Steht ein Mädchen und hebt die Hand
Und ruft: „O komm, o rette!“

„O komm, o rette!“ Er fängt es auf
Und trägt es fort in die Lüfte;
Mit Donnerstimme auf seinem Lauf
Ruft er's in Wälder und Klüfte;
Der schäumenden See jetzt schrillt er's ins Ohr,
Und die Wasser der Tiefe steigen empor
Und horchen: „O komm, o rette!“

„O komm, o rette!“ An Frankreichs Strand
Gellt es der fliegende Reiter;
Die Städte hindurch, hin über das Land
Braust er weiter und weiter;
Da flattert's wie Linnen auf offenem Feld,
Und lauter an König Heinrichs Zelt
Ruft er: „O komm, o rette!“

Der König hört's; der rüttelnde Sturm
Entriß ihn finsterem Traume:
Er sah einen nagenden Totenwurm
An einem blühenden Baume -
Er denkt des Traumes und steigt zu Schiff,
Ihn kümmert nicht Woge, ihn kümmert nicht Riff,
Er hört nur: „Rette, rette!“


Theodor Fontane (1819 – 1898)
#256Verfasser Claus (243211) 29 Nov 12, 17:15
Kommentar
Noch ist Herbst ...

Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,
aber als Knecht Ruprecht schon
kommt der Winter hergeschritten,
und alsbald aus Schnees Mitten
klingt des Schlittenglöckleins Ton.

Und was jüngst noch, fern und nah,
bunt auf uns herniedersah,
weiß sich Türme, Dächer, Zweige
und das Jahr geht auf die Neige
und das schönste Fest ist da.

Tag du der Geburt des Herrn,
heute bist du uns noch fern,
aber Tannen, Engel, Fahnen,
lassen uns den Tag schon ahnen
und wir sehen schon den Stern.


Theodor Fontane (1819 – 1898)
#257Verfasser Claus (243211) 30 Nov 12, 12:07
Kommentar
Das eben ist der Liebe Zaubermacht,
dass sie veredelt, was ihr Hauch berührt,
Der Sonne ähnlich, deren gold’ner Strahl
Gewitterwolken selbst in Gold verwandelt.

(Franz Grillparzer, 1791-1872)
#258Verfasser moustique (308708) 30 Nov 12, 16:31
Kommentar
Kuß

Auf die Hände küßt die Achtung,
Freundschaft auf die offne Stirne,
Auf die Wange Wohlgefallen,
Selge Liebe auf den Mund;
Aufs geschloßne Aug die Sehnsucht,
In die hohle Hand Verlangen,
Arm und Nacken die Begierde,
Überall sonst hin Raserei.


Franz Grillparzer (1791-1872)
#259Verfasser Claus (243211) 02 Dec 12, 12:11
Kommentar
Advent, Advent, ein Lichtlein brennt....

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#260Verfasser moustique (308708) 02 Dec 12, 15:17
Kommentar
ADVENT

Es blaut die Nacht, die Sternlein blinken,
Schneefloecklein leis herniedersinken.

......

Die Silberschellen klingen leise,
Knecht Ruprecht macht sich auf die Reise.

Im Foerstershaus die Kerze brennt,
ein Sternlein blinkt - es ist Advent.

Loriot

http://www.ta7.de/txt/literatu/lite0001.htm


@ moustique
seeeeehr schön :-) selbst gemacht oder selbst kopiert ?? :-))
#261Verfasser Chaostranslater (459860) 02 Dec 12, 15:23
Kommentar
@ Chaostranslater: Schön, dass es Dir gefällt...Ich habe es selber gegoogelt und kopiert...;-)

Vertrau auf deine Kraft,
Sieh, wie die Mohnblüte trotz zarter Gestalt
jedem Wind standhält.

(Sophie Kammerer)
#262Verfasser moustique (308708) 03 Dec 12, 08:50
Kommentar
The First Snowfall

The snow had begun in the gloaming,
::::And busily all the night
Had been heaping field and highway
::::With a silence deep and white.

Every pine and fir and hemlock
::::Wore ermine too dear for an earl,
And the poorest twig on the elm-tree
::::Was ridged inch deep with pearl.

From sheds new-roofed with Carrara
::::Came Chanticleer's muffled crow,
The stiff rails were softened to swan's-down,
::::And still fluttered down the snow.

I stood and watched by the window
::::The noiseless work of the sky,
And the sudden flurries of snow-birds,
::::Like brown leaves whirling by.

I thought of a mound in sweet Auburn
::::Where a little headstone stood;
How the flakes were folding it gently,
::::As did robins the babes in the wood.

Up spoke our own little Mabel,
::::Saying, "Father, who makes it snow?"
And I told of the good All-father
::::Who cares for us here below.

Again I looked at the snow-fall,
::::And thought of the leaden sky
That arched o'er our first great sorrow,
::::When that mound was heaped so high.

I remembered the gradual patience
::::That fell from that cloud-like snow,
Flake by flake, healing and hiding
::::The scar of our deep-plunged woe.

And again to the child I whispered,
::::"The snow that husheth all,
Darling, the merciful Father
::::Alone can make it fall!"

Then, with eyes that saw not, I kissed her;
::::And she, kissing back, could not know
That my kiss was given to her sister,
::::Folded close under deepening snow.


James Russell Lowell (1819-1891)
#263Verfasser Claus (243211) 03 Dec 12, 15:06
Kommentar
Snow flakes

I counted till they danced so
Their slippers leaped the town,
And then I took a pencil
To note the rebels down.
And then they grew so jolly
I did resign the prig,
And ten of my once stately toes
Are marshalled for a jig!

Emily Dickinson (1830 - 1886)
#264Verfasser Dana (236421) 03 Dec 12, 19:32
Kommentar
@264
Merci, Dana, c'est très joli !


Der Wind zieht seine Hosen an

Der Wind zieht seine Hosen an,
Die weißen Wasserhosen;
Er peitscht die Wellen so stark er kann,
Die heulen und brausen und tosen.

Aus dunkler Höh’, mit wilder Macht,
Die Regengüsse träufen;
Es ist als wollt’ die alte Nacht
Das alte Meer ersäufen.

An den Mastbaum klammert die Möve sich,
Mit heiserem Schrillen und Schreien;
Sie flattert und will gar ängstiglich
Ein Unglück prophezeien.


Heinrich Heine
Buch der Lieder (1827)

_____________________
ängstiglich: (obs., poet.) ängstlich
#265Verfasser Claus (243211) 05 Dec 12, 15:28
Kommentar
Lieber heiliger Nikolaus,

komm doch heut in unser Haus,
Lehr uns an die Armen denken,
laß uns teilen und verschenken,
Zeig uns, wie man fröhlich gibt,
wie man hilft und wie man liebt.

- Autor mir unbekannt -

#266Verfasser Chaostranslater (459860) 05 Dec 12, 20:12
Kommentar
Santa Claus is coming Poem

He comes in the night! He comes in the night!
He softly, silently comes;
While the little brown heads on the pillows so white
Are dreaming of bugles and drums.
He cuts through the snow like a ship through the foam,
While the white flakes around him whirl;
Who tells him I know not, but he findeth the home
Of each good little boy and girl.
His sleigh it is long, and deep, and wide;
It will carry a host of things,
While dozens of drums hang over the side,
With the sticks sticking under the strings.
And yet not the sound of a drum is heard,
Not a bugle blast is blown,
As he mounts to the chimney-top like a bird,
And drops to the hearth like a stone.

The little red stockings he silently fills,
Till the stockings will hold no more;
The bright little sleds for the great snow hills
Are quickly set down on the floor.
Then Santa Claus mont to the roof like a bird,
And glides to his seat in the sleigh;
Not a sound of a bugle or drum is heard
As he noiselessly gallops away.

He rides to the East, and he rides to the West,
Of his goodies he touches not one;
He eateth the crumbs of the Christmas feast
When the dear little folks are done.
Old Santa Claus doeth all tht he can;
This beautiful mission is his;
Then, children be good to the little old man,
When you find who the little man is.


(Author unknown)
http://www.best-quotes-poems.com/Santa-Claus-is-coming-Poem.html
#267Verfasser Claus (243211) 06 Dec 12, 09:29
Kommentar
Winter

Der Winter ist ein rechter Mann,
Kernfest und auf die Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an
Und scheut nicht Süß noch Sauer.

Er zieht sein Hemd im Freien an
Und lässt's vorher nicht wärmen,
Und spottet über Fluss im Zahn
Und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
Weiß er sich nichts zu machen,
Hasst warmen Drang und warmen Klang
Und alle warmen Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
Wenn's Holz im Ofen knittert,
Und an dem Ofen Knecht und Herr
Die Hände reibt und zittert;

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
Und Teich und Seen krachen,
Das klingt ihm gut, das hasst er nicht,
Dann will er sich totlachen. -

Sein Schloss von Eis liegt ganz hinaus
Beim Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus
Im lieben Schweizerlande.

Da ist er denn bald dort, bald hier,
Gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
Und sehn ihn an und frieren.


Matthias Claudius
#268Verfasser Chaostranslater (459860) 08 Dec 12, 11:18
Kommentar
Nikolaus Lenau an Sophie Löwenthal
(mit einem Edelmardermuff)

schrieb Weihnachten 1836...

Schöne Frau! die ich verehre,
wenn ich ein Naturgeist wäre,
würd ich heut zur Weihnachtsspende
für die vielgelobten
kunst- und fleißerprobten
blumenschöpferischen Hände
nicht das Fell des Marders geben;
nein! zum Schutz vor Frostesqualen
würde ich aus Frühlingssonnenstrahlen
einen Zaubermuff dir weben.

...nun, so ein edles warmes Mardermuffchen wäre bei dieser Kälte trotzdem nicht zu verachten...;-)
#269Verfasser moustique (308708) 11 Dec 12, 15:56
Kommentar
#270Verfasser Claus (243211) 11 Dec 12, 17:24
Kommentar
@ Claus/#270: ;-)...

Dem Schnee, dem Regen,
Dem Wind entgegen,
Im Dampf der Klüfte,
Durch Nebeldüfte,
Immer zu! Immer zu!
Ohne Rast und Ruh!

Lieber durch Leiden
Möcht ich mich schlagen,
Als so viel Freuden
Des Lebens ertragen.
Alle das Neigen
Von Herzen zu Herzen,
Ach, wie so eigen
Schaffet das Schmerzen!

Wie soll ich fliegen?
Wälderwärts ziehen?
Alles vergebens!
Krone des Lebens,
Glück ohne Ruh,
Liebe bist du!

Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832,
Quelle: Die schönsten Gedichte von Goethe, Diogenes 1984)
#271Verfasser moustique (308708) 12 Dec 12, 08:10
Kommentar
Sonnet II

When forty winters shall beseige thy brow,
And dig deep trenches in thy beauty's field,
Thy youth's proud livery, so gazed on now,
Will be a tatter'd weed, of small worth held:
Then being ask'd where all thy beauty lies,
Where all the treasure of thy lusty days,
To say, within thine own deep-sunken eyes,
Were an all-eating shame and thriftless praise.
How much more praise deserved thy beauty's use,
If thou couldst answer 'This fair child of mine
Shall sum my count and make my old excuse,'
Proving his beauty by succession thine!
:::::This were to be new made when thou art old,
:::::And see thy blood warm when thou feel'st it cold.


William Shakespeare (1564 – 1616)

http://www.shakespeare-online.com/sonnets/2detail.html
#272Verfasser Claus (243211) 13 Dec 12, 14:20
Kommentar
Sonett 2

Wenn vierzig Winter deine Stirne drücken
Und tiefe Furchen deiner Schönheit ziehn,
Sinkt deiner Jugend Kleid, von allen Blicken
Bewundert heut, zerfetzt und wertlos hin.
Wird man dich dann nach deiner Schönheit fragen,
Wo all die Pracht der frohen Jugend sei?
In deinem eingesunknen Blick zu sagen,
Wär' größte Schmach und leere Prahlerei.
Ruhmreicher hättest Schönheit du verwendet,
Dürftest du sprechen: "Seht dies holde Kind,
Das mich entschuldigt, meine Rechnung endet,
Da sein als Erbe meine Reize sind."
Dann bliebst du jung selbst in den spätsten Tagen
Und fühltest warm dein kaltes Blut noch schlagen.


Max Josef Wolff (1868-1941)
Deutscher Jurist, Schriftsteller und Übersetzer

Original: Shakespeare
#273Verfasser Claus (243211) 13 Dec 12, 14:22
Kommentar
Annus Mirabilis

http://www.wussu.com/poems/plam.htm

Philip Larkin (1922 – 1985)
Englischer Dichter, Autor und Jazzkritiker, gilt als einer der bedeutendsten englischen Dichter des 20. Jahrhunderts.
http://news.bbc.co.uk/2/hi/entertainment/3193692.stm

______________
http://wiki.answers.com/Q/What_was_the_first_Beatles_album
http://de.wikipedia.org/wiki/Lady_Chatterley
#274Verfasser Claus (243211) 15 Dec 12, 18:19
Kommentar
König Nußknacker

König Nußknacker, so heiß ich.
Harte Nüsse, die zerbeiß`ich.
Süße Kerne schluck`ich fleißig;
doch die Schalen, ei! die schmeiß`ich
Lieber Andern hin,
Weil ich König bin.

Aber seid nicht bang!
Zwar mein Bart ist lang,
Und mein Kopf ist dick
Und gar wild der Blick;
Doch was thut denn das?
Thu`kein`m Menschen was;
Bin im Herzensgrund,
Trotz dem großen Mund,
Ganz ein guter Jung`,
Lieb`Veränderung;
Amüsir`mich gern
Wie die großen Herrn;
Arbeit wird mir schwer
Und dann mag ich sehr
Frommen Kindersinn
Weil ich König bin.

Heinrich Hoffmann, 1809-1894 (Struwwelpeter-Hoffmann)
#275Verfasser moustique (308708) 16 Dec 12, 12:06
Kommentar
Eine Stunde ist nicht nur eine Stunde,
sie ist ein mit Düften, mit Tönen,
mit Plänen und Klimaten angefülltes Gefäss.

Marcel Proust (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit)
#276Verfasser moustique (308708) 19 Dec 12, 08:32
Kommentar
As I Grew Older

It was a long time ago.
I have almost forgotten my dream.
But it was there then,
. . .
http://www.poemhunter.com/poem/as-i-grew-older/


Langston Hughes (1902-1967)
#277Verfasser Claus (243211) 19 Dec 12, 09:34
Kommentar
Rain

I opened my eyes
And looked up at the rain,
. . .
http://www.famouspoetsandpoems.com/poets/shel_silverstein/poems/14833

Shel Silverstein (1930-1999)
Amerikanischer Songwriter, Musiker, Filmkomponist, Drehbuchautor, Dichter, Karikaturist und Verfasser von Kinderbüchern
#278Verfasser Claus (243211) 20 Dec 12, 12:29
Kommentar
An einem schönen Sommerabend erhob ein Grillchen seine Stimme
und zirpte laut und anhaltend.
Ein kleiner Knabe wurde aufmerksam,
horchte ganz entzückt,
legte den Finger an den Mund
und mahnte einige Erwachsene,
die plaudernd dasaßen:
"Seid still, hört zu, hört zu - es schlägt eine Nachtigall."
Man lachte ihn aus,
und er schämte sich tief und bitterlich.
Aber ein alter Mann trat zu ihm und tröstete ihn:
"Lass sie lachen. Ich müsste weinen an dem Tage,
an dem du eine Nachtigall singen hören
und achselzuckend sagen würdest:
"Es hat nur eine Grille gezirpt."

Marie von Ebner-Eschenbach, (1830 - 1916)
#279Verfasser moustique (308708) 20 Dec 12, 16:29
Kommentar
Spatz und Katze

"Wo wirst du denn den Winter bleiben?"
Sprach zum Spätzchen das Kätzchen.
"Hier und dorten, allerorten",
Sprach gleich wieder das Spätzchen.

"Wo wirst du denn zu Mittag essen?"
Sprach zum Spätzchen das Kätzchen.
"Auf den Tennen mit den Hennen",
Sprach gleich wieder das Spätzchen.

"Wo wirst du denn die Nachtruh' halten?"
Sprach zum Spätzchen das Kätzchen.
"Laß dein Fragen, will's nicht sagen",
Sprach gleich wieder das Spätzchen.

"Ei, sag mir's doch, du liebes Spätzchen!"
Sprach zum Spätzchen das Kätzchen.
"Willst mich holen - Gott befohlen!"
Fort flog eilig das Spätzchen.


Hoffmann von Fallersleben (1798 - 1874)
#280Verfasser Claus (243211) 21 Dec 12, 10:04
Kommentar
Loss and Gain

When I compare
What I have lost with what I have gained,
What I have missed with what attained,
Little room do I find for pride.

I am aware
How many days have been idly spent;
How like an arrow the good intent
Has fallen short or been turned aside.

But who shall dare
To measure loss and gain in this wise?
Defeat may be victory in disguise;
The lowest ebb is the turn of the tide.


Henry Wadsworth Longfellow (1807-1882)
#281Verfasser Claus (243211) 22 Dec 12, 13:27
Kommentar
Der Bratapfel

Kinder, kommt und ratet,
was im Ofen bratet!
Hört, wie's knallt und zischt.
Bald wird er aufgetischt,
der Zipfel, der Zapfel, der Kipfel,
der Kapfel, der gelbrote Apfel.

Kinder, lauft schneller,
holt einen Teller,
holt eine Gabel!
Sperrt auf den Schnabel
für den Zipfel, den Zapfel,
den Kipfel, den Kapfel,
den goldbraunen Apfel!

Sie pusten und prusten,
sie gucken und schlucken,
sie schnalzen und schmecken,
sie lecken und schlecken
den Zipfel, den Zapfel,
den Kipfel, den Kapfel,
den knusprigen Apfel.



(Volksgut aus Bayern)
#282Verfasser Chaostranslater (459860) 23 Dec 12, 11:45
Kommentar
Fare Thee Well

Fare thee well, for I must leave thee;
But, oh, let not our parting grieve thee;
Happier days may yet be mine,
At least I wish them thine--believe me!

We part--but by those dew-drops clear,
My love for thee will last for ever;
I leave thee--but thy image dear,
Thy tender smiles, will leave me never.
Fare thee well, &c.

Oh! dry those pearly tears that flow--
One farewell smile before we sever;
The only balm for parting woe
Is--fondly hope 'tis not for ever.
Fare thee well, &c.

Though dark and dreary lowers the night,
Calm and serene may be the morrow;
The cup of pleasure ne'er shone bright,
Without some mingling drops of sorrow!
Fare thee well, for I must leave thee,
But, oh, let not our parting grieve thee;
Happier days may yet be mine,
At least I wish them thine--believe me!


Robert Gilfillan (1798 – 1850)
Schottischer Dichter

_________________
to sever: sich trennen
dreary: düster, trostlos, trüb
#283Verfasser Claus (243211) 28 Dec 12, 13:14
Kommentar
Sonnet XXXV

No more be grieved at that which thou hast done:
Roses have thorns, and silver fountains mud:
Clouds and eclipses stain both moon and sun,
And loathsome canker lives in sweetest bud.
All men make faults, and even I in this,
Authorizing thy trespass with compare,
Myself corrupting, salving thy amiss,
Excusing thy sins more than thy sins are;
For to thy sensual fault I bring in sense,
Thy adverse party is thy advocate,
And 'gainst myself a lawful plea commence:
Such civil war is in my love and hate,
:::::That I an accessary needs must be,
:::::To that sweet thief which sourly robs from me.


William Shakespeare (1564-1616)

http://www.shakespeares-sonnets.com/sonnet/35
#284Verfasser Claus (243211) 29 Dec 12, 11:09
Kommentar
Silvester

Was fange ich Silvester an?
Geh ich in Frack und meinen kessen
Blausanen Strümpfen zu dem Essen,
Das Herr Generaldirektor gibt?
Wo man heut nur beim Tanzen schiebt?
Die Hausfrau dehnt sich wild im Sessel -
Der Hausherr tut das sonst bei Dressel -,
Das junge Volk verdrückt sich bald.
Der Sekt ist warm. Der Kaffee kalt -
Prost Neujahr!
Ach, ich armer Mann!
Was fange ich Silvester an?

Wälz ich mich im Familienschoße?
Erst gibt es Hecht mit süßer Sauce,
Dann gibt's Gelee. Dann gibt es Krach.
Der greise Männe selbst wird schwach.
Aufsteigen üble Knatschgerüche.
Der Hans knutscht Minna in der Küche.
Um zwölf steht Rührung auf der Uhr.
Die Bowle -? ("Leichter Mosel" nur - )
Prost Neujahr!
Ach, ich armer Mann!
Was fange ich Silvester an?

Mach ich ins Amüsiervergnügen?
Drück ich mich in den Stadtbahnzügen?
Schrei ich in einer schwulen Bar:
"Huch, Schneeballblüte! Prost Neujahr -!"
Geh ich zur Firma Sklarz Geschwister -
Bleigießen? Ists ein Fladen klein:
Dies wird wohl Deutschlands Zukunft sein...
Prost Neujahr!
Helft mir armem Mann!
Was fang ich bloß Silvester an?

(Einladungen dankend verbeten.)


Kurt Tucholsky (1890-1935)
#285Verfasser Claus (243211) 31 Dec 12, 13:48
Kommentar
Ein Jahr ist nichts, wenn man's verputzt,
ein Jahr ist viel, wenn man es nutzt.
Ein Jahr ist nichts; wenn man's verflacht;
ein Jahr war viel, wenn man es ganz durchdacht.
Ein Jahr war viel, wenn man es ganz gelebt;
in eigenem Sinn genossen und gestrebt.
Das Jahr war nichts, bei aller Freude tot,
das uns im Innern nicht ein Neues bot.
Das Jahr war viel, in allem Leide reich,
das uns getroffen mit des Geistes Streich.
Ein leeres Jahr war kurz, ein volles lang:
nur nach dem Vollen mißt des Lebens Gang,
ein leeres Jahr ist Wahn, ein volles wahr.
Sei jedem voll dies gute, neue Jahr.



Hanns Freiherr von Gumppenberg
#286Verfasser Chaostranslater (459860) 31 Dec 12, 14:31
Kommentar
Weird-Bird

Birds are flyin' south for winter.
. . .
http://famouspoetsandpoems.com/poets/shel_silverstein/poems/14835


Shel Silverstein (1930-1999)
#287Verfasser Claus (243211) 04 Jan 13, 13:49
Kommentar
"Es ist süß und ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben".

Kennt Ihr die alte Lüge von Horaz: Dulce et decorum est pro patria mori ?

Wilfred Owen (1893 in England geboren, 1918 in Nord-Frankreich im Alter von 25 Jahren getötet) gilt als der herausragendste Kriegsdichter englischer Sprache. (Im Sommer trage ich die Blumen auf sein Grab im Dorf Ors, in der Nähe von der Hindenburg Line - Siegfriedstellung...).

Dulce et Decorum est

Bent double, like old beggars under sacks,
Zweifach gebeugt wie alte Bettler unter ihrem Sack,

Knock-kneed, coughing like hags, we cursed through sludge,
X-beinig, hustend wie alte Weiber, fluchten wir uns durch Schlamm, 

Till on the haunting flares we turned our backs
Bis wir den herumgeisternden Leuchtkugeln den Rücken zuwandten
And towards our distant rest began to trudge.
Und unserer fernen Ruhe entgegentrotteten.

Men marched asleep. Many had lost their boots
Männer marschierten im Schlaf. Viele hatten ihre Stiefel verloren
But limped on, blood-shod. All went lame; all blind;
Aber hinkten auf blutigen Sohlen weiter. Alle wurden lahm, alle blind,
Drunk with fatigue; deaf even to the hoots
Trunken von Erschöpfung, taub selbst für das Heulen

Of disappointed shells that dropped behind.
Der fehlgegangenen Granaten, die hinter uns einschlugen.

GAS! Gas! Quick, boys!-- An ecstasy of fumbling,
GAS! Gas! Schnell, Jungs! - eine ekstatische Fummelei,
Fitting the clumsy helmets just in time;
Um die plumpen Helme rechtzeitig aufzusetzen.
But someone still was yelling out and stumbling
Aber jemand schrie da noch und taumelte
And floundering like a man in fire or lime.-
Und zappelte wie ein von Feuer oder Ätzkalk Verbrannter.-

Dim, through the misty panes and thick green light
Undeutlich, durch die beschlagene Scheibe und trübes grünes Licht
As under a green sea, I saw him drowning.
Wie in einem grünen Meer, sah ich ihn ertrinken.
In all my dreams, before my helpless sight,
In all meinen Träumen, vor meinen hilflosen Augen,
He plunges at me, guttering, choking, drowning.
Taucht er auf mich zu, flackernd, würgend, ertrinkend.

If in some smothering dreams you too could pace
Wenn auch du in erdrückenden Träumen liefest
Behind the wagon that we flung him in,
Hinter dem Wagen, in den wir ihn warfen,
And watch the white eyes writhing in his face,
Und die verdrehten weißen Augen in seinem Gesicht sähest,

His hanging face, like a devil's sick of sin;
In seinem hängenden Gesicht, wie das eines Teufels, der der Sünde müde ist,

If you could hear, at every jolt, the blood
Wenn du hören könntest, wie bei jedem Stoß das Blut
Come gargling from the froth-corrupted lungs,
Gurgelnd aus seinen schaumgefüllten Lungen läuft,

Obscene as cancer, bitter as the cud
Ekelerregend wie der Krebs, Bitter wie das Wiederkäuen
Of vile, incurable sores on innocent tongues,-
Von Auswurf, unheilbare Wunden auf unschuldigen Zungen,- 


My friend, you would not tell with such high zest
Mein Freund, du erzähltest nicht mit so großer Lust
To children ardent for some desperate glory,
Kindern, die nach einem verzweifelten Ruhmesglanz dürsten,
The old Lie: Dulce et decorum est pro patria mori.
Die alte Lüge: Dulce et decorum est pro patria mori.

- - - - - - - - - - - -
"Gassed", by John Singer Sargent:

http://img4.imageshack.us/img4/5814/gassedbig.jpg
#288Verfasser Vronski de Vron (883871) 06 Jan 13, 10:52
Kommentar
Verletzung, Resignation, Trauer
und diese Mauer
überwinden
Antworten finden
auf Fragen
und den Tagen, dem Leben
Ruhe, Frieden geben.

(anonym)
#289Verfasser moustique (308708) 06 Jan 13, 11:31
Kommentar
Soldier's Dream

I dreamed kind Jesus fouled the big-gun gears;
And caused a permanent stoppage in all bolts;
And buckled with a smile Mausers and Colts;
And rusted every bayonet with His tears.

And there were no more bombs, of ours or Theirs,
Not even an old flint-lock, not even a pikel.
But God was vexed, and gave all power to Michael;
And when I woke he'd seen to our repairs.


Wilfred Owen (1893 – 1918)

____________
to foul: verschmutzen
gear: Ausrüstung, Gerät
bolt: Bolzen
to buckle: einknicken, krümmen
Mauser: Waffenhersteller, Waffe
flint-lock: Steinschloss
pikel -> pickel: Pickel
vexed: verärgert, vergrault


http://www.wilfredowen.org.uk/poetry/soldier-s-dream
#290Verfasser Claus (243211) 06 Jan 13, 13:24
Kommentar
(moustique, sei mir, bitte, nicht böse!)

moustique hat vor mehreren Internet-Jahrhunderten geschrieben (am 6.Mai 2012 - # 143):

im original gesungen von Mozarts "Don Giovanni"…
- - - - - - - - - - - -

Originalsprache ist Italienisch… "Là ci darem la mano" ("There, I'll give you my hand").

http://www.youtube.com/watch?v=zEDnmGnYb6I

Ach, wie die Operntexte blöd sind - und dann noch blöder, wenn sie in einer anderen Sprache gesungen werden!

"La fleur que tu m'avais jetée": Blumen-Arie des Don Josés aus “Carmen" (auf Deutsch wird gesungen: "Hier an dem Herzen treu geborgen"...).

...Car tu n'avais eu qu'à paraître,
qu'à jeter un regard sur moi,
pour t'emparer de tout mon être,
ô ma Carmen!
Et j'étais une chose à toi!
Carmen, je t'aime!

(... For you had only to appear
Only to toss a glance towards me
In order to take a hold of all my being
Oh my Carmen
And I was yours
Carmen, I love you!).
#291Verfasser Vronski de Vron (883871) 06 Jan 13, 14:35
Kommentar
Claus, how kind of you to let me come!

http://www.youtube.com/watch?v=uVmU3iANbgk

The rain in Spain stays mainly in the plain!

PROFESSOR HIGGINS:
By George, she's got it! By George, she's got it!
Now, once again where does it rain?

ELIZA:
On the plain!
On the plain!

PROFESSOR HIGGINS:
And where's that soggy plain?

ELIZA:
In Spain! In Spain!

THE THREE:
The rain in Spain stays mainly in the plain!
The rain in Spain stays mainly in the plain!

PROFESSOR HIGGINS:
In Hartford, Hereford, and Hampshire...?

ELIZA:
Hurricanes hardly happen.
How kind of you to let me come!

PROFESSOR HIGGINS:
Now once again, where does it rain?

ELIZA:
On the plain! On the plain!

PROFESSOR HIGGINS:
And where's that blasted plain?

ELIZA
In Spain! In Spain!

THE THREE:
The rain in Spain stays mainly in the plain!
The rain in Spain stays mainly in the plain!

(Frederick Loewe, "My fair lady")
#292Verfasser Vronski de Vron (883871) 06 Jan 13, 14:56
Kommentar
Das Ideal

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn -
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer - nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve -
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) -
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad - alles lenkste
natürlich selber - das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche - erstes Essen -
alte Weine aus schönem Pokal -
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten -
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.
Tröste dich.

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daß einer alles hat:
das ist selten.


Kurt Tucholsky
#293Verfasser Chaostranslater (459860) 06 Jan 13, 15:37
Kommentar
#291: Warum sollte ich dir böse sein? Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung. Arien tönen auf Italienisch gesungen eh am besten weil die Sprache so melodisch ist...
#294Verfasser moustique (308708) 06 Jan 13, 16:07
Kommentar
Merci, moustique!

Ein Moritatensänger bin ich heute - - -

Ist das nicht noch schöner - in der Frakturschrift?

http://img210.imageshack.us/img210/9038/tantenmrderfraktur.jpg
#295Verfasser Vronski de Vron (883871) 06 Jan 13, 16:15
Kommentar
Du scheinst eine Menge schwarzen Humor zu haben Vronski de Vron, nein, es gefällt mir nicht, ziemlich grotesk das...

So ruhig geh ich meinen Pfad,
so still ist mir zumut,
es dünkt mich, jeder Weg sei Grad
und jedes Wetter gut.
Wohin mein Weg mich führen mag,
der Himmel ist mein Dach,
die Sonne kommt mit jedem Tag,
die Sterne halten wach.
Und komm ich spät und komm ich früh
ans Ziel, das mir gestellt:
Verlieren kann ich mich doch nie,
o Gott, aus Deiner Welt.

Joseph von Eichendorff, 1788-1857
#296Verfasser moustique (308708) 06 Jan 13, 16:20
Kommentar
Aus der Winterreise:

Der Leiermann

Drüben hinterm Dorfe
Steht ein Leiermann
Und mit starren Fingern
Dreht er was er kann.

Barfuß auf dem Eise
Wankt er hin und her
Und sein kleiner Teller
Bleibt ihm immer leer.

Keiner mag ihn hören,
Keiner sieht ihn an,
Und die Hunde knurren
Um den alten Mann.

Und er läßt es gehen,
Alles wie es will,
Dreht, und seine Leier
Steht ihm nimmer still.

Wunderlicher Alter,
Soll ich mit dir geh'n?
Willst zu meinen Liedern
Deine Leier dreh'n?

Wilhelm Müller (1794-1827)
#297Verfasser Dana (236421) 06 Jan 13, 19:55
Kommentar
… und nun für moustique: was Lustiges aus den "Galgenliedern" von Christian Morgenstern!

Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich 

von Weib und Kind und sich begab 

an eines Dorfschullehrers Grab 

und bat ihn: « Bitte, beuge mich! »

Der Dorfschulmeister stieg hinauf 

auf seines Blechschilds Messingknauf 

und sprach zum Wolf, der seine Pfoten 

geduldig kreuzte vor dem Toten:

« Der Werwolf » - sprach der gute Mann, 

« des Weswolfs, Genitiv sodann, 

dem Wemwolf, Dativ, wie man’s nennt,

den Wenwolf, - damit hat’s ein End. »

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,

er rollte seine Augenbälle.

« Indessen », bat er, « füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch! »

Der Dorfschulmeister aber musste 

gestehn, dass er von ihr nichts wußte. 

Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar,

doch « Wer » gäb’s nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind –

er hatte ja doch Weib und Kind!!

Doch da er kein Gelehrter eben, 

so schied er dankend und ergeben.
 
#298Verfasser Vronski de Vron (883871) 06 Jan 13, 21:17
Kommentar
Also ehrlich....ob ich will oder nicht, jetzt bringst Du mich zum Lachen, zumal ich kein Wer aber ein Wölfchen habe...:-))
#299Verfasser moustique (308708) 06 Jan 13, 21:51
Kommentar
#300Verfasser Claus (243211) 07 Jan 13, 12:30
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