Hups! Das sollte mich lehren, ungestraft mir Sarkasmus rumzuwerfen.
Martin, tut mir leid.
"Verschon uns, Gott, mit Strafen" ist grammatikalisch voellig in Ordnung!Um ins Detail zu gehen: Die eigentliche Bedeutung von verschonen ist
to spare (harm). Ich glaube "schonen" hatte frueher die Bedeutung "to leave out, to leave aside", bin mir aber nicht sicher. Insofern ist die Dudenbedeutung (a) unten die originale.
Davon abgeleitet ist die Verwendung "verschone mich/uns/etc. mit etwas". Urspruenglich bedeutete dies genau dasselbe: do not do me this specific harm. Und vor 200 Jahren hat vielleicht durchaus die Hausangestellte "Werter Herr, verschont mich mit euren harschen Worten", der Schueler "Herr Lehrer, verschont mich mit Eurem Pruegel" oder der Sohn "Vater, verschont mich mit Euren Hieben" gesagt. Und natuerlich immer kirchlich "Gott der Herr, verschone mich mit was auch immer".
Das Autoritaetsgefaelle in der Gesellschaft hat aber zu stark abgenommen, um ein Wort wie "verschonen" noch zwischen zwei Menschen zu rechtfertigen. Darum kam es wahrscheinlich zum Bedeutungswandel/zur Abschwaechung von "erspare mir dieses Leid" im woertlichen Sinn hin zu "belaestige mich nicht damit" bei der Verwendung mit "mit". Wenn du willst, dann hat die Verwendung als emphatisches Stilmittel die Verwendung im eigentlichen Sinn verdraengt.
In aelteren Texten koennte allerdings "verschonen mit" noch in der urspruenglichen Bedeutung "erspare mir dieses Leid" verwendet werden. Auch eventuell in neueren, wenn man sich an eine weit ueber einen stehende Instanz wendet: Gott, Regierung, Gemahlin. Dies ist doppelt der Fall in dem von Reinhard zitierten Liedtext: der Text ist mehr als zwei Jahrhunderte alt und der Adressat ist Gott.
Es haette mich weniger gestoert, wenn Reinhard einen kurzen Kommentar à la "Beachte aber bitte, dass es durchaus auch so und so verwendet werden kann" o. ae. gebracht haette. Aber sein sueffisantes "Hier irrt also Matthias Claudius an berühmter Stelle" empfand ich als Klugscheisserei. Daher mein leicht sarkastischer Kommentar als genervte Reaktion, die dich allerdings nur unnoetig verwirrte.
Also ganz genau: "Verschonen mit" insbesondere im normalen Umgang, hat meistens die Dudenbedeutung (b) "behellige mich nicht mit". Allerdings, wenn der "Verschonende" eine deutlich hoehere Instanz ist, kann durchaus auch heute die Dudenbedeutung (a) gemeint sein. Also ein echtes "erspare mir Leid". Z. B. in "Petrus hat uns dieses Mal mit Regen verschont,...". Ich lehne mich aber mal aus dem Fenster und behaupte, dass diese Verwendung heutzutage eher selten ist.
http://www.duden.de/rechtschreibung/verschonena keinen Schaden zufügen, nichts Übles tun
Beispiele
der Sturm hat kaum ein Haus verschont
eine Entwicklung, die kein Land verschont (schont, auslässt)
sie waren von der Seuche verschont worden
kein Gemälde blieb von dem Feuer verschont
b mit etwas Lästigem, Unangenehmem nicht behelligen
Beispiele
verschone mich mit deinen Fragen
sie verschonten mich mit ihrem Besuch
//Edit//
Bei den Gebruedern Grimm (d.h. vor 1900) steht die urspruengliche/woertliche Bedeutung von "verschonen mit" noch im Vordergrund, sie weisen aber schon darauf hin, dass "die Bedeutung des abzuwendenden Uebels oft verblasst"... was wahrscheinlich spaeter in die Dudenbedeutung (b) muendete.
http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode...d) einen mit etwas verschonen, einem ein übel, einen schmerz nicht zufügen, auch ihm eine unbequemlichkeit, mühe, eine leistung u. s. w. erlassen: mit der strafe verschonen, poenam remittere, mulctae gratiam facere; verschon mich mit solchen worten, comperce me sic alloqui Stieler 1909; einen mit der arbeit verschonen, alicui labore parcere; einen mit vielem trincken verschonen, dare alicui immunitatem nimiae potationis Steinbach 2, 491; mit zins und steur verschonen, dare immunitatem Frisch 2, 219b; und in kloster und mauren mit deinem basiliskenanblick auf ewig verschont. Schiller räuber 3, 1 schausp.;
schaut alle welt, so viel es nur seyn kan,
mit zancke zu verschonen.
Opitz 3, 102;
nur künftig — bitt ich, gute königin,
verschonen sie mein reich mit der satire u. s. w.
Schiller dom Karlos 2, 6;
eitle klagen,
mit denen man das mitleidsvolle herz
der königin verschonen soll. M. Stuart 2, 4;
ich habe dirs verhehlt, gebieterin,
dein mutterherz mit sorge zu verschonen. braut v. Messina 2, 6.wie sehr die bedeutung des abzuwendenden übels oft verblaszt, sodasz nur der begriff des nichtthuns, bez. nichtsagens, nichtgebens zurückbleibt, zeigen z. b. folgende stellen: zum beweise .. sind mir verschiedene beyspiele erzählt worden, womit ich dich verschonen will, da dir diese leute unbekannt sind. Wieland 33, 128; auch das neue testament war vor meinen untersuchungen nicht sicher; ich verschonte es nicht mit meiner sonderungslust. Göthe 26, 104;
mit solchem räthselkram verschone mich! 41, 260 (Faust II, 5);//Edit 2//
@martin: Eine heutzutage idiomatischere Formulierung von "Verschon uns, Gott, mit Strafen" waere "Erspar uns, Gott, deine Strafen". Nicht, dass irgendjemand ein Interesse daran haette den Text umzuschreiben, noch ist er unverstaendlich oder falsch.