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Historisch interessant ist vielleicht die Erläuterung der deutschen Aussprache für englische Benutzer des großen Muret-Sanders von 1900/1901. Der Muret-Sanders war das Folgeprojekt des Verlags Langenscheidt für den Sachs-Villatte, der die damals bedeutendste erste Fremdsprache für Deutsche, das Französische, in vorher nicht gekanntem Umfang abbildete. Das letztlich vierbändige Werk erschien im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in Lieferungen und wurde erstmals um 1900 komplett in Buchform vorgelegt. Es war (und ist) das größte zweisprachige Wörterbuch für die englische Sprache. Die ersten Auflagen sind besonders interessant, weil sie nicht nur den technischen Wortschatz der Zeit möglichst vollständig dokumentieren (in neueren Auflagen längst gelöscht), sondern auch mit den "detached observations" zahlreiche Listen, Zusammenstellungen und Übersichten bieten, die es in dieser Form nicht mehr gibt (so gab es ein separates Verzeichnis der deutschen regionalen Maße und Gewichte vor der deutschen Reichsgründung, samt Umrechnungen in die Dezimalformen, vergleichende Währungstabellen, Grammatik- und Aussprachehilfen).
Der "Short Guide to German Pronunciation" im englisch-deutschen Teil, der als Einführung für englische Leser gedacht ist, umfasst immerhin rund 15 Lexikonspalten und gibt einen guten Überblick über die für korrekt gehaltene deutsche Aussprache der Zeit mitsamt Hinweisen auf regionale oder nicht nachahmenswerte Varianten. Ich greife nur ein paar Bemerkungen heraus, die zeigen, was sich seither am deutlichsten verändert hat (G. heißt German, E. English, Hervorhebungen (fett) von mir, Frakturschrift deutscher Wörter als Kursive, engl. Übersetzung deutscher Beispielwörter ausgelassen):
1. "R"
"The G. r is a glottal trill. The tongue is arched and loosely supported against the lower gums, while its tip is made to vibrate by means of a well sustained breathing action. [...] There are in Germany, as in England, a great many local and individual r's. The E. vocal r [...] is rare, and certainly not to be recommended. Good German speakers trill all r's, whether initial, medial, or terminal [...]. A weaker, guttural r is, however, spreading in many G. towns, and the teachers are carrying on an unceasing warfare with this new comer."
2. The ich-sound ...
"The ich-sound is met with: a) as initial ch in words of foreign origin: Chemie, China, Charon, Cherubim. b) [Beispiele wie heute noch gültig für ch in deutschen Wörtern in Verbindung mit "hellen" Vokalen, Milch, mächtig, sicher...] c) as terminal g after consonants and front vowels: Talg, Berg, Krieg, König, Weg, trüg', zög', Zeug."
3. The ach-sound and central g
" [Erläuterung zur Artikulation des stimmlosen ach-sounds mit Verweis auf Schottland, dann:] Central g after back-vowels (a, o, u) is the flat and voiced ach-sound. We may start with the g-position in egg, and then loosen the tongue from the palate, allowing a thin stream of air to pass between.
The ach-sound appears:
a) as ch after back vowels: macht, noch, suche, Bauch; as cch in: Bacchus. b) as terminal g after back vowels: Tag, bog, trug, saug. In some G. dialects, after both front and back vowels, terminal g sounds like k.
The flat central g-sound after consonants and front vowels is found in: Tage, Bogen, trugen, Augen.
Central g after consonants and front vowels may be either the consonant y in yell, distinctly buzzed, or the ich-sound, the latter especially in the South-West of Germany. The best pronunciation lies somewhere between the two. -- Examples: Belgien, biege, Züge, zöge."
[Vgl. dazu unter "g": anlautendes "g" wie im E. give, gap, norddt. Abweichung zu "j" wird erwähnt (berlinerisch Mein Jott!); als zentrales "g" so aber nur ("mostly", Ausnahmen werden nicht genannt) in Fremdwörtern wie Lagune, Bagatelle, Kongreß.]
-- Ende Zitate Muret-Sanders. Die deutsche Aussprache wurde erläutert von H. Baumann, ehemaligem Leiter der Anglo-German School in Brixton, S.W. London, Master of Arts der Universität London, einem dieser unermüdlichen Erklärer und Vermittler aus der unauffälligen zweiten Reihe, die so gern unterschätzt werden, und dem hier ein ehrendes Andenken mehr als gebührt --
Sehr interessant: "Guten Tach", "ich sach mal", "ich gehe auf den Berch" gelten nicht als "norddeutsche" Abweichungen, sondern als Standard. Und zwischen anlautendem "g" wie in "Gabe" und zwischenvokalischem "g" wie in "Augen" wird ein deutlicher Ausspracheunterschied gesehen, der heute verschwunden ist. Tatsächlich wird dieses zwischenvokalische "g" als stimmhafte Variante des ach-Lauts gesehen, nicht als Variante von "g".
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Zusatz zu hm--us #66:
Orthographische Abweichungen, die regionale Aussprachen spiegeln, betreffen im 19. Jh vor allem die Vokallänge, daher giebt, Schooß, u.a., aber auch den ich-Laut (Mädgen).
Das TH wird als Kennzeichnung der Aspiration erklärt, schon 16. Jh, und zwar in Abgrenzung zu Latein, das -- wie viele romanische Sprachen -- das "t" nicht aspiriert. Es betrifft vor allem An- und Auslaute von einsilbigen (also besonders "hervorgestoßenen") Wörtern, bei denen die Aspiration im Gegensatz zum Latein deutlich auffiel, sowie deren Ableitungen: Thor, That, Wuth, Rath; wüthen, rathen ... Da im Deutschen aber alle "t"-Laute aspiriert sind (vgl. Französisch), wurde diese lateinorientierte Unterscheidung 1901 als bedeutungslos abgeschafft. Beibehalten wurde sie aus etymologischen Gründen bei griechischstämmigen Wörtern wie Thron, Theater, These, wo im Griechischen ein Theta und nicht ein Tau steht. Eine Differenzierung, die Homophone (also mündlich gleichklingende Wörter) im Schriftbild unterscheidbar machte (so wie in Laib/Leib, Moor/Mohr), wurde damit zwangsläufig ebenfalls aufgegeben. So hieß es früher Thau (= "dew") gegenüber Tau (= "rope"). Dafür war der germanische Gott Thor jetzt vom Dummkopf "Tor" unterschieden.
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