| Kommentar | Ich bin zufällig über diese Diskussion gestolpert und würde gerne eine formale, syntaktische Sichtweise ergänzen. Einige der Fragen kann man damit etwas leichter klären. Hoffentlich hilft euch das noch.
Aus Sicht einer projektiven Grammatik würden eure heiß diskutierten Wortgruppen vielleicht so aussehen (nur ein Beispiel für eine mögliche, sicher noch unausgereifte Grammatik):
NP -> N_b | N_u (Nominalphrase -> begleitete ("mit Begleiter") oder unbegleitete ~) N_b -> Name | Pron | Det N_u (Eigenname, Pronomen, Determinant (z.B. Artikel, Possessivbegleiter etc.) N_u -> Name | Pron | Subst | AttrP N_u | N_u PräpP (Attributivphrase (keine Gewähr für die Existenz dieses Begriffs ;-) ), Präpositionalphrase) AttrP -> Qual | Quant | Rel | ... (qualitative oder quantitative Bestimmung, Relativsatz... alle Möglichkeiten aufzuzählen würde den Rahmen sprengen) Qual -> Adj | Ord | Dem | ... (adjektivische / ordinale / demonstrative / ... Bestimmung) PrepP -> Präp NP (bei dieser Projektionsregel bin ich nicht ganz sicher, aber für die Bindestriche dürfte sie irrelevant sein) Name -> [terminaler Name] | Name "-" Name (Namen mit Bindestrich verbunden; die könnte man aber auch als konkreten Eigennamen ansehen, z.B. bei Straßennamen, die per amtlicher Definition festgelegt wurden) Subst -> [terminales Substantiv] | N_u "-" N_u (mit Bindestrich verbundene Nominalphrasen; HIER käme die berüchtigte "Durchkopplung" zum Einsatz)
Auf die Vererbung von Genus / Numerus / Kasus, die Kommasetzung zwischen Adjektiven etc. hab ich verzichtet. Das bekommt ihr sicher auch so hin. :-) (Und um Beschwerden vorzugreifen: Mir ist klar, dass man üblicherweise Großbuchstaben und englische Begriffe verwendet, aber ich wollte es lesbar halten.)
Für einige Beispiele in #38 würde ich dann folgende Syntaxbäume angeben (meistens gibt es mehrere mögliche Bäume; manche entsprechen dabei verschiedenen Lesarten, manche der gleichen):
.................N_b................... ....................|..................... ...|‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾|................ .Det................N_u.............. ..|......................|................. ..|.............|‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾|.... ..|...........AttrP..............N_u... ..|...............|...................|.... ..|............Qual...............|.... ..|...............|...................|.... ..|.............Ord............Subst.. ..|................|...................|..... der..fünfunddreißigste..Mai...
.....N_b..................... ........|........................ ...|‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾|.............. .Det.........N_u........... ..|...............|.............. ..|.........|‾‾‾‾‾‾‾‾‾‾|...... ..|....AttrP........N_u.... ..|.........|............|....... ..|.....Quant...Subst... ..|.........|............|....... der.....eine......Fisch..
"eine" könnte man statt aus "Quant" auch aus "Dem" ableiten, oder vielleicht als Subtyp von "Adj": "Der eine Fisch reicht nicht allein für zwei Leute, der ist zu klein, aber der andere ist groß genug, der reicht allein für zwei." Für Bindestriche spielt das aber sicher ebenfalls keine Rolle.
Zu den weiteren unklaren (?) Schreibweisen in #38:
* "68er", "80er" etc.: Für etwas konkretere Gegenstände ist es m.E. leichter erkennbar: Einen "04er Faden" würde ich z.B. als Kurzschreibung für "einen 0,4 mm dicken Faden" interpretieren. Demnach kann man "04er" (oder auch "4er") als Adjektiv mit der Bedeutung "0,4 mm dick" betrachten. Folglich würde ich auch den Ausdruck "80er Jahre" als Kobination des Adjektivs "80er" und des Substantivs "Jahre" sehen. Wenn "80er" alleine steht, ist es entweder die Substantivierung des Adjektivs, oder das Substantiv wurde ausgelassen ("Die 90er Jahre waren nicht so aufregend wie die 80er [Jahre]."). "80er-Jahre" wäre dann wieder die Kombination einer Substantivierung und eines Substantivs, also eine Zusammenfügung von Substantiven, und deshalb mit Bindestrich zu schreiben. Demnach wäre also "80er-Jahre" (mit Bindestrich) eine unnötig komplizierte Ausdrucksweise für "80er Jahre" - als würde man "der Rot-Apfel" schreiben für "der rote Apfel".
Ob das alles stimmt, sei mal dahingestellt, aber zumindest würde obige Grammatik erklären, warum es beiden Möglichkeiten ("80er Jahre" und "80er-Jahre") gibt. (Übrigens, warum gibt es "dahingestellt" nicht bei LEO? Ist das veraltet? :-O )
* "hundertstel": Meines Empfindens könnte das eine Mengenangabe sein: Ein hundertstel Millimeter statt eines viertel Millimeters oder sogar eines ganzen Millimeters. Die Mengenangabe kann man dann als Adjektiv gebrauchen, dieses Substantivieren und schließlich wieder mit einem Substantiv zusammenfügen, wie bei "80er-Jahre". "Hunderstelmillimeter" habe ich immer als umgangssprachlich empfunden - als würde man "Doppelmillimeter" sagen statt "zwei Milimeter". Zulässig ist es, und auf der Baustelle mag es auch OK sein ("Wir mussten das vorgefertigte Bauelement bis auf den Hundertstelmillimeter genau setzen!"), aber in einem geschäftlichen Brief würde ich es nicht verwenden. ;-)
* "Die 1880er-Hochheimer-Steillage-Klostertrunk-Spätlese" finde ich absolut OK. Wenn du "-Wein" am Ende ausgelassen hast, dir aber im Kopf (beim Sprechen) dazu denkst, geht auch "der ...", aber deine Adressaten haben leider nicht deine Gedanken im Kopf, werden also eine Weile brauchen, um sich das "-Wein" ebenfalls zu denken.
* "Kann-Bestimmung", "Ist-Bestimmung": Sagt mir beides nichts, kann ich daher nicht beurteilen. "s" im "s-Laut" wäre meines Epfindens aber ein Eigenname für den Laut. Und "Laut" scheibst du dazu, damit man weiß, dass du z.B. nicht den Buchstaben meinst, sondern eben den gesprochenen Laut. Name + Substantiv ("s" + "Laut") wird dann mit Bindestrich geschrieben.
* "jährig" würde ich durchaus als Adjektiv sehen ("Adjektivierung" von "Jahr"?), auch wenn ich es noch nie alleine gesehen habe - aber dafür gibt es schließlich "jahrealt". Im normalen Sprachgebrauch versteht man unter "jahrealt" aber "viele Jahre alt", daher verwendet man Zahl + "jährig" für ein konkretes Alter. "Jähriger" wäre demnach die Substantivierung der Adjektivierung des Substantivs "Jahr" - ziemlich unnötig. Vielleicht taucht es deshalb niemals alleine auf. Wenn ich mir vorstelle, es gäbe "jahrealt" nicht, und eine Weile drüber nachdenke, fände ich "jährig" als eigensträndiges Wort sogar akzeptierbar. Mag an meinem persönlichen Sprachempfinden liegen, aber ich sehe es daher als konsistent.
* "Hamburger Bahnhof" und "Frankfurter Würstchen" waren mal Adjektiv + Substantiv, sind mittlerweile aber Eigennamen. Vokabular verändert sich mit der Zeit nunmal.
* "Einundsechzigerbildröhre" findest du natülich genau so wenig im Wörterbuch wie "Wohnzimmerbeleuchtung". Beides sind aber generische zusammengesetzte Substantive, wenn man "Einundsechziger" als Substantivierung des Adjektivs "einundsechziger" ansieht.
So... Da das langsam unübersichtlich wird und vermutlich kaum noch jemanden interessiert, schreibe ich zu den anderen Beiträgen lieber nichts. Man möge mir vergeben. ;-) Für Kommentare / Berichtigungen wäre ich aber sehr dankbar! |
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