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    Präteritum auf dem Rückzug?

    Kommentar
    Mir fiel schon manchmal auf, daß im Radio das Perfekt verwendet wurde, wo ich es nicht verwendet hätte:

    Zum Beispiel: "Heute vor 100 Jahren ist X.Y. geboren worden." Warum nicht einfach "wurde geboren"? Das ist doch viel kürzer.

    Aber heute morgen die Krönung: Ein Sportreporter meinte: "Beim gestrigen Spiel war der Torwart einer der Debütanten, der mit seiner Leistung herausgeragt ist."

    War das aus Versehen, oder muss man sich daran gewöhnen?
    Werden sich spätere Generationen über die Verbform "herausragte" beömmeln?

    Wie ist das bei euch, nutzt ihr diese Zeitform in der gesprochenen Sprache oder nur noch schriftlich?
    Verfasser Harri Beau (812872) 07 Jun. 17, 11:50
    Kommentar
    Im mündlichen Gespräch dominiert eindeutig das Perfekt, aber schon seit ich über so etwas nachdenke. Einige der wenigen Verben, die man auch im Gespräch häufiger im Präteritum verwendet, sind m.E. z.B.: sein, haben und werden.

    Deine Beispiele finde ich auch komisch, würde aber denken, dass die Moderatoren da eher einen schlechten Moment hatten und kann mir auch vorstellen, dass sie ihre Worte eventuell noch einmal anders wählen würden, hätten sie die Gelegenheit dazu.
    #1Verfasser EarlGreyHey (1188618) 07 Jun. 17, 11:58
    Kommentar
    Ich benutze das (nicht immer, aber doch auch) in der gesprochenen Sprache. Auch sonst kann ich den Eindruck nicht bestätigen, das sich das Präterium verabschiedet. Eher schon mache ich die Beobachtung, dass in der mündlichen Sprache mitunter das Perfekt vom Plusquamperfekt verdrängt wird: "... und dann waren wir am Strand gewesen" statt "dann sind wir...".
    #2Verfasser Gart (646339) 07 Jun. 17, 12:03
    Kommentar
    Plusquamperfekt statt Perfekt scheint mir aber auf bestimmte Regionen oder sogar Sprecher beschränkt zu sein, einen Trend kann ich da nicht erkennen. Wird nicht auch im Süden häufiger das Perfekt statt des Präteritums verwendet? Vielleicht gibt es Regionen, wo die von Harri zitierten Sätze auch vor 10-20 Jahren oder länger schon normal waren.
    #3Verfasser JanZ (805098) 07 Jun. 17, 12:15
    Kommentar
    Also im Süden des deutschen Sprachraums wird in der gesprochenen Sprache fast ausschließlich das Perfekt verwendet. Aber auch ich, dem mitteldeutschen Raum kommend, würde niemals "ich aß einen Apfel sagen".

    Meine Stiefenkel verwenden, aufgrund ihres (deutschen) Fernsehkonsums, das Präteritum auch in der Alltagssprache und das hört sich außer schräg nur noch schräg an.
    #4Verfasser Uljae (831733) 07 Jun. 17, 12:25
    Kommentar
    Kann Nr. 3 bestätigen, zumindest gilt das für Berlin. Dort wird häufig unnötigerweise der (das?) Plusquamperfekt verwendet.

    Schweizer gebrauchen übrigens in gesprochener Sprache auch kein Präteritum, nur Perfekt.
    #5Verfasser virus (343741) 07 Jun. 17, 12:30
    Kommentar
    Also im Süden des deutschen Sprachraums wird in der gesprochenen Sprache fast ausschließlich das Perfekt verwendet. Aber auch ich, dem mitteldeutschen Raum kommend, würde niemals "ich aß einen Apfel sagen".

    Ich auch nicht, obwohl ich nicht aus dem Süden bin, aber würdest du denn auch "Heute vor 100 Jahren ist XY geboren worden" sagen? Darum geht es doch hier.
    #6Verfasser JanZ (805098) 07 Jun. 17, 12:30
    Kommentar
    In diesem Artikel wird betont, wie wichtig das Vorlesen für den Spracherwerb von Kindern ist:  

    Selbst deutsche Kinder können die Vergangenheitsform – das Präteritum – nicht mehr, wenn ihnen niemand vorgelesen hat.

    Wenn das stimmt, dann wird es immer weniger im Alltag gesprochen und verschwindet schließlich ganz. Wenn ich darüber nachdenke, ein Märchen komplett ohne die einfache Vergangenheit hört sich für mich sehr seltsam an!

    Es ist einmal gewesen....

    Aber dann, "...und wenn sie nicht starben, dann leben sie noch heute", hört sich auch komisch an :-)
    #7Verfasser Puppengesicht (807439) 07 Jun. 17, 12:44
    Kommentar
    Aber dann, "...und wenn sie nicht starben, dann leben sie noch heute", hört sich auch komisch an :-)

    Nun, es ist ja nicht so, dass das Präteritum irgendwie die "bessere" Form ist und durch das "schlechte" Perfekt verdrängt wird, sondern ursprünglich hatten sie beide jeweils definierte Anwendungsbereiche, die nun (interessanterweise meist zugunsten des längeren Perfekts) verschwimmen. Und "Und wenn sie nicht gestorben sind, ..." ist ein klassischer Anwendungsfall fürs Perfekt, weil es nicht auf das ankommt, was passierte, während sie nicht starben, sondern auf das Ergebnis (nämlich dass sie nicht tot sind).
    #8Verfasser JanZ (805098) 07 Jun. 17, 13:32
    Kommentar
    An diese Wendung am Ende eines Märchens hat man sich eben gewöhnt. Es hätte auch anders lauten können.

    #1: Deine Beispiele finde ich auch komisch, würde aber denken, dass die Moderatoren da eher einen schlechten Moment hatten und kann mir auch vorstellen, dass sie ihre Worte eventuell noch einmal anders wählen würden, hätten sie die Gelegenheit dazu.

    Bei dem Sportreporter habe ich mir das auch so gedacht. Obwohl so jemand ja ein Profi ist und sich im Radio sicherlich geschliffener ausdrücken könnte, als das bei mir der Fall wäre. Aber bei den Rückblenden zu wichtigen Ereignissen oder Personen kann man das nicht auf einen schlechten Moment schieben, das sind ja gut recherchierte Beiträge und werden vorher aufgezeichnet und nicht live gesendet.

    #5: Schweizer gebrauchen übrigens in gesprochener Sprache auch kein Präteritum, nur Perfekt.

    Das kann ich bestätigen: Es isch emol e Königstochter gsi....
    #9Verfasser Harri Beau (812872) 07 Jun. 17, 13:54
    Kommentar
    I remember the discussions along these lines following Natascha Kampusch’s escape:
     
    Ihre langjährige Einsamkeit hat auf ihre Ausdrucksweise offensichtlich abgefärbt - ihr Deutsch wirkt auf mich sehr vornehm und sie formuliert lange Sätze, ohne sich zu versprechen und ohne lange Denkpausen. Man merkt einfach, dass sie sich in ihrem Verlies den Büchern zugewendet hat.

    Viele Leute im Netz loben sie dafür, dass sie im Imperfekt erzählt und Konjunktive richtig setzt.

    #10Verfasser Stravinsky (637051) 07 Jun. 17, 14:05
    Kommentar
    Ich kann auch nur bestätigen, dass das Perfekt in der gesprochenen Sprache weitaus verbreiterter ist als das Präteritum, zumindest im Süden der Republik.
    Der Beispielsatz "Ich aß einen Apfel" ist ganz hervorragend gewählt; das würde hier niemand über die Lippen bringen, und wenn einer es tut, dann ist er "ausm Nooaden", mindestens aber aus Niedersachsens Süden, und fällt auf damit. Für süddeutsche Ohren klingt das aufgesetzt fürnehm. Man verwendet es hier nur in der geschriebenen Sprache.
    #11Verfasser Darth (563277) 07 Jun. 17, 14:19
    Kommentar
    Die oberdeutschen Dialekte kennen kein Präteritum, dafür das Superplusquamperfekt.
    #12Verfasser bluesky (236159) 07 Jun. 17, 14:46
    Kommentar
    Den Unterschied mit geschriebener und gesprochener Sprache ist interessant. Stravinskys Beispiel mit Natascha Kampusch bestätigt also die Auffassung, Kinder lernen über Bücher und schon viel früher über das Vorlesen von Geschichten nicht nur neue Wörter, sondern auch verschiedene Zeitformen. Ein Grund mehr, den Kindern viel vorzulesen, und nicht nur Bücher in "Babysprache".

    Aber wie ist es mit Nachrichtensprechern, sie sprechen doch eher eine geschriebene Sprache. Sie lesen doch nur ab und reden nicht frei. Da müsste doch dann die einfache Vergangenheit häufiger zu hören sein? Ich werde einmal darauf achten!
    #13Verfasser Puppengesicht (807439) 07 Jun. 17, 14:47
    Kommentar
    Der Beispielsatz "Ich aß einen Apfel" ist ganz hervorragend gewählt; das würde hier niemand über die Lippen bringen, und wenn einer es tut, dann ist er "ausm Nooaden", mindestens aber aus Niedersachsens Süden, und fällt auf damit.

    Gibt es irgendeine Region und Situation, in der man umgangssprachlich "Ich aß einen Apfel" sagen würde? Ich habe nämlich den Eindruck, dass das Präteritum mittlerweile im ganzen Sprachgebiet auf dem Rückzug ist, abgesehen vielleicht von den in #1 erwähnten Verben. Und um die geht es ja hier vor allem.
    #14Verfasser JanZ (805098) 07 Jun. 17, 15:25
    Kommentar
    "Ich aß einen Apfel"

    Kommt mir spontan auch ungewöhnlich vor, da fehlt auch ein wenig die Situation. Aber "ich lag im Bett" oder "ich fuhr nach Hause" kommt mir (als Norddeutscher) wieder vertraut vor. Sehr merkwürdig.
    #15Verfasser Harri Beau (812872) 07 Jun. 17, 15:30
    Kommentar
    Hmm, stimmt, selbst dann, wenn man berücksichtigt, dass die klassischen Anwendungsfälle für das Präteritum bei manchen Verben häufiger auftreten als bei anderen. "Ich lag schon im Bett, als das Gewitter losging" klingt für mich natürlicher als "Ich aß gerade einen Apfel, als mir ein Zahn herausbrach."
    #16Verfasser JanZ (805098) 07 Jun. 17, 15:51
    Kommentar
    JanZ - da würde zumindest der Rheinländer sagen "Ich war gerade einen Apfel am Essen, als ..." *ggg*
    #17Verfasser Chaja (236098) 07 Jun. 17, 16:11
    Kommentar
    Zumindest in einem Bereich ist das Präteritum nicht auf dem Rückzug: Fast die gesamte erzählende Literatur wird auch heute noch im Präteritum geschrieben.
    #18Verfasser MiMo (236780) 07 Jun. 17, 16:30
    Kommentar
    Fragt sich nur, wer die liest.

    Heute kann man ja als E-Book jeden Schrott veröffentlichen und für 0,99 anbieten.
    #19Verfasser Harri Beau (812872) 07 Jun. 17, 16:35
    Kommentar
    Ich sagte ja bereits (!), mir im Süden kommt vor, dass das Präteritum langsam wieder auf dem Vormarsch ist.
    Und das kommt nicht etwa vom vielen Vorlesen, sondern vom deutschen Fernsehprogramm, welches die Teenies gucken, oder sogar kucken. Also, schauen.
    #20Verfasser Uljae (831733) 07 Jun. 17, 16:36
    Kommentar
    #19 - Also den Kommentar finde ich jetzt schon ein bisschen daneben! In der Tat ist doch die Belletristik, egal ob die klassische oder die moderne, doch die Gattung, in der in der Tat das Präteritum seit jeher die verwendete Standardzeit ist.
    #21Verfasser EarlGreyHey (1188618) 07 Jun. 17, 16:59
    Kommentar
    Ist doch ganz klar: Die norddeutsche Jugend wird durch schlechte Literatur ohne Präteritum verdorben, die süddeutsche durch schlechtes Fernsehen mit.
    #22Verfasser JanZ (805098) 07 Jun. 17, 17:13
    Kommentar
    Dann muss es schon immer auf dem Rückzug gewesen sein. 1980, nach der Entführung der Kronzucker-Kinder, fiel der gleichfalls entführte fünfzehnjährige Neffe damit auf, dass er seine Sätze in gewähltem Präteritum setzte. Die Polizei hielt darum seine Aussagen anfangs für einstudiert und bezweifelte seine Glaubwürdigkeit, bis sich herausstellte, dass er aus einer Familie stammte, in der auf korrektes Schriftdeutsch großer Wert gelegt wurde.
    #23Verfasser Cuauhtlehuanitzin (1009442) 07 Jun. 17, 17:38
    Kommentar
    Schweizer gebrauchen übrigens in gesprochener Sprache auch kein Präteritum, nur Perfekt.

    Der Grund ist einfach: Das Präteritum zu verwenden ist unmöglich. Es gibt kein Präteritum.
    #24Verfasser mordnilap (835133) 07 Jun. 17, 17:55
    Kommentar
    Durch Zufall direkt heute im Radio gehört:

    Es wurde ein Ausschnitt vorgelesen und dann kam das Rätsel für den Hörer: "Wissen Sie, in welchem Haus das gewesen ist?" (Die richtige Anwort war: Villa Kunterbunt.)
    Da kann man doch ganz einfach "war" sagen, was spricht dagegen? Der Sprecher schien mir kein Süddeutscher zu sein.

    #21: Schon klar, aber wer liest so etwas abseits Pflicht-Schullektüre? Ich glaube sofort, daß Mimo sich ständig neue Bücher namhafter Autoren kauft, aber ist er der Maßstab für den Durchschnittsdeutschen?
    #25Verfasser Harri Beau (812872) 07 Jun. 17, 18:21
    Kommentar
    Mir kommt es manchmal so vor, als ob das Präteritum ganz bewusst
    als stilistisches Mittel verwendet wird, um beim Zuhörer/Leser Belustigung hervorzurufen. Ein Meister darin war Heinz Erhardt, der z.B. in Die Made   dieses Mittel anwendet:

    Halt, noch eins! Denk, was geschah,
    Geh nicht aus, denk an Papa!"
     Also sprach sie und entwich. -
    Made junior aber schlich hinterdrein;
    doch das war schlecht!
     Denn schon kam ein bunter Specht
    und verschlang die kleine fade
    Made ohne Gnade. Schade!
     
    #26Verfasser Reinhard W. (237443) 07 Jun. 17, 18:39
    Kommentar
    #25 - Also ohne dass ich so etwas bislang selbst in der Hand gehabt hätte, bin ich aber doch bereit, mindestens einen meiner löcherigen Strümpfe dafür zu verwetten, dass etwa in der deutschen Übersetzung des Harry Potter ebenfalls das Präteritum dominiert.
    #27Verfasser EarlGreyHey (1188618) 07 Jun. 17, 18:41
    Kommentar
    #24

    "Das Präteritum im engeren Sinne (vom lateinischen praeteritum für „das Vorhergegangene“), oft auch erste Vergangenheit oder unvollendete Vergangenheit oder Imperfekt genannt, ist eine Vergangenheitsform, die abgeschlossene Ereignisse beschreibt − nicht nur im Deutschen. (...) Ich lief, du lachtest oder es regnete sind Beispiele für Verben im Präteritum. Es ist die hauptsächliche Erzählform in Romanen und Berichten.
    In den Mundarten und der Alltagssprache in der Südhälfte des deutschen Sprachgebiets ist das Präteritum bis auf Reliktformen (war und wollte) oder, wie im Schweizerdeutschen, sogar vollständig verschwunden, siehe den Artikel Oberdeutscher Präteritumschwund. In der Nordhälfte Deutschlands wird es hingegen auch in mündlicher Sprache benutzt und funktional recht scharf vom Perfekt abgegrenzt.
    Die Bezeichnung „Imperfekt“ ist für das Präteritum des Deutschen weniger geeignet, weil die synthetisch gebildete Vergangenheitsform hier – anders als in den romanischen Sprachen – nicht oder nicht ausschließlich die „unvollendete Vergangenheit“ bezeichnet. Daher wird in der deutschen modernen Linguistik die Bezeichnung „Präteritum“ bevorzugt."
    #28Verfasser MiMo (236780) 07 Jun. 17, 20:47
    Kommentar
    @25: Da kann man doch ganz einfach "war" sagen, was spricht dagegen?

    That is a question I asked myself more than once while reading Der Vorleser by Bernhard Schlink. I wondered if using "gewesen ist" instead of "war" was some sort of stylistic device. A way to give the verb more emphasis -- four syllables instead of one. Or an attempt to balance two parts of a sentence in cases where the second part also had Perfekt. Here's an example: Einmal sind wir zusammen in der Nachbarstadt im Theater gewesen und haben »Kabale und Liebe« gesehen. 

    The sentence was first-person narration, not part a dialogue between characters. I assumed using "haben gesehen" instead of "sahen" was because the first-person narrator was using a spoken style in this particular case. There are many, many others in which the narrator used only Präteritum. I was in a constant state of bafflement while reading.

    #29Verfasser patman2 (527865) 07 Jun. 17, 21:44
    Kommentar
    #27:... dass etwa in der deutschen Übersetzung des Harry Potter ebenfalls das Präteritum dominiert.

    Das stimmt zweifellos, und Harris Frage, wer so etwas abseits der Schullektüre lese, kann ich auch nicht verstehen. Das Präteritum ist nach wie vor die ganz normale Zeitform in fast allen Erzählungen, egal ob Kinderbuch oder Roman für Erwachsene. Ich hatte als Kind mal ein Buch, das tatsächlich durchgängig im Perfekt geschrieben war. Das las sich komisch, zumal so skurrile Formen wie "dann sind wir gegessen" darin vorkamen. Ich mochte das Buch einfach nicht.

    In dem in #26 zitierten Gedicht von Heinz Erhard hat das Präteritum auch keinerlei andere Funktion als einfach die der normalen Erzählzeit. Zumindest für mein Empfinden hat der Humor dabei absolut nichts mit dem Präteritum zu tun. Perfekt wäre doch da völlig unangebracht.
    #30Verfasser dirk (236321) 07 Jun. 17, 22:06
    Kommentar
    Präteritum in der gesprochenen Sprache ist der Grund, warum ich die meisten deutschen Filmdialoge einfach nicht aushalte. Es hört sich verkünstelt und unecht an. Aber scheint nicht auszurotten zu sein.
    #31Verfasser Qual der Wal (877524) 07 Jun. 17, 23:49
    Kommentar
    Just finished watching an episode of Tatort (Münster) and noticed a use of Präteritum over and above what one would expect (haben, sein, werden, and modal verbs). Do the following examples sound like normal conversation or do they sound verkünstelt?:

    Sie hieß Mona Lux.

    ... vor zwei Wochen stand Mona, Frau Lux, vollkommen aufgelöst vor unserer Tür und bat mich um Hilfe.

    Da hing mir der Magen schon in den Kniekehlen.

    Haben Sie das nicht mitbekommen? Stand vor ein paar Wochen fast jeden Tag in der Zeitung.
    #32Verfasser patman2 (527865) 08 Jun. 17, 07:16
    Kommentar
    Besipiel 2) klingt meiner Meinung nach nicht nach normaler Unterhaltung. War das vielleicht eine "offizielle" Aussage bei der Polizei? Ich weiss zwar nicht, ob normale Leute dann tatsächlich so berichtsartig sprechen, aber im Tatort tun sie das ständig ;-)

    3) und 4) würde ich genau so sagen.

    1) klingt ein bisschen merkwürdig, aber nicht wegen des Präteritums - Sie hat Mona Lux geheißen wäre meines Erachtens weitaus merkwürdiger. Ich bin mir nicht ganz sicher, warum ich den Satz komisch finde. Vermutlich, weil ich mir gerade nur einen Umstand vorstelle, in dem jemand das sagen würde - nämlich, dass jemand anders gerade gefragt hat, wie sie denn hieß. Und dann würde ich einfach die Antwort "Mona Lux" erwarten. Aber wahrscheinlich war es ein ganz anderer Dialog.
    #33Verfasser pelican island (339101) 08 Jun. 17, 07:45
    Kommentar
    Einzig im zweiten Beispiel würde ich umgangsprachlich wohl das Perfekt verwenden:

    ... vor zwei Wochen stand Mona, Frau Lux, vollkommen aufgelöst vor unserer Tür und hat mich um Hilfe gebeten.

    Beim ersten Beispiel könnte ich mir vorstellen, dass ein Polizist, der bereits früher am Tatort eingetroffen ist, Informationen an seinen Vorgesetzten, der etwas später dazukommt, weitergibt.
    #34Verfasser Loerguen (1094916) 08 Jun. 17, 07:54
    Kommentar
    patman - das kommt mir ganz und gar nicht ungewöhnlich vor. Allerdings bin ich gebürtig aus Westfalen und von einem niedersächsischen Vater auf "korrektes" Deutsch gedrillt worden, was dazu führt, daß manche Leute meine Sprechweise als geschraubt empfinden.

    @Qual der Wal: mir fällt das nichtmal auf - vermutlich, weil ich in Teilen selbst sowohl das Präteritum als auch den Konjunktiv 2 tatsächlich in der gesprochenen Sprache verwende (siehe oben .... Zitat einer Kommilitonin vor zig Jahren "sag bloß, Du redest immer so geschraubt?")
    #35Verfasser Chaja (236098) 08 Jun. 17, 08:17
    Kommentar
    #24: Das Präteritum zu verwenden ist unmöglich. Es gibt (in der Schweiz) kein Präteritum.

    Daß es in der gesprochenen Sprache als ausgestorben gilt, weiß ich. Aber wie versteht dann der Blick.ch-Leser diese Schlagzeilen:

    - Notre Dame Hammer-Angriff: Täter war Doktorand an Uni
    - Russi und Hüppi liegen sich in den Armen: «Hatte das Nastuch griffbereit»
    - Er ass dabei Schoggi-Kuchen: Trump über seinen «Irak, äh, Syrien-Angriff»
    - «Ich hatte fast kein Privatleben»: Bligg macht ein Jahr Pause
    - Sie lagen tot im SUV: Vater ersticht drei Söhne in Los Angeles

    Vergleichbares natürlich auch in der NZZ usw.

    Das tönt doch nicht so ungehört?
    #36Verfasser Harri Beau (812872) 08 Jun. 17, 08:56
    Kommentar
    Der Tatort aus Münster mag hier entschuldigt sein, weil der Komissar aus Hamburg stammt und Börne ein geschraubt redender Schnösel ist - da passt es dann.

    Im Übrigen ist es auch nicht so, dass wir im Süden das Präteritum niemals in der gesprochenen Sprache verwenden, sondern nur selten bis sehr selten. Und so gibt es im schweizerischen Standarddeutsch zwar kein scharfes-S, aber sehr wohl ein Präteritum.
    Irgendwas revoltiert in mir gegen die Zuschreibung "korrektes Deutsch". Nur weil der Gebrauch ein anderer ist, wird das Deutsch nicht unkorrekt.


    #37Verfasser Uljae (831733) 08 Jun. 17, 09:11
    Kommentar
    Alle Sätze aus #32 klingen für mich völlig normal. Würde ich auch so sagen. Perfekt käme mir da irgendwie sonderbar vor.
    #38Verfasser dirk (236321) 08 Jun. 17, 09:22
    Kommentar
     «Hatte das Nastuch griffbereit»
    «Ich hatte fast kein Privatleben»

    Nun wäre es interessant, was diese Personen wirklich gesagt haben. Es kann ja sein, dass die Redakteure es für eine Titelzeile unbedingt kürzen wollten. Das ist ja auch ein großer Vorteil dieser Zeitform der einfachen Vergangenheit: "Ich hatte" ist viel kürzer als "ich habe gehabt", das müsste doch eigentlich auch für einen Sprecher ein Beweggrund sein, es zu verwenden.

    Zur "geschraubten Sprache" bei Behörden oder in einer Vernehmung bei der Polizei: Das fiel mir auch schon auf, ich schaue gern eine Sendung, bei der Antiquitäten bewertet werden können. Auf die Frage woher man das Stück hat, sagen ganz viele Leute unnatürlich: Das habe ich einmal auf einem Flohmarkt käuflich erworben. Warum sagen sie nicht einfach gekauft?? Nur weil ihnen ein Mikrofon vor die Nase gehalten wird?
    Oder sie sagen: Ich bin hier um den Wert schätzen zu lassen, ich möchte es vielleicht veräußern. Hallo, da kann man auch verkaufen sagen!

    Na ja, das gehörte jetzt nicht zum Thema :-)
    #39Verfasser Puppengesicht (807439) 08 Jun. 17, 09:33
    Kommentar
    Hatten das Nastuch griffbereit ...
    ... und hatten uns schon darauf geeinigt, dass es um die Verwendung des Präteritums in der gesprochenen Sprache geht. Schriftlich verwendet man das Präteritum auch im Süden gerne, vor allem auch im Journalismus.
    #40Verfasser Uljae (831733) 08 Jun. 17, 09:45
    Kommentar
    @#36

    Das ist auch kein Schweizerdeutsch, sondern Schriftdeutsch ;o)

    In geschriebenem Schweizerdeutsch würde nie Präteritum stehen...
    #41Verfasser Caretta Caretta (804105) 08 Jun. 17, 10:04
    Kommentar
    Aber wie versteht dann der Blick.ch-Leser diese Schlagzeilen
    Auch der durchschnittliche Blickleser (der ich nicht bin) wird wohl hin und wieder seine Nase in ein Buch stecken, das in Deutsch geschrieben wurde/war/worden ist/worden war. Harri, wir lernen alle in der Schule im Fach Deutsch Lesen und Schreiben, aber nur eingeschränkt Sprechen. Deswegen tönen Deine Beispielsätze nicht ungehört, sondern sie riechen nur etwas streng nach Boulevard.

    Schwierig wirds eventuell für Frau Rüdisühli und Herrn Abdermatten beim Sprechen, weil bei vielen halt der tägliche Gebrauch fehlt. Wer gewohnt ist zu sagen: "Deet häts säle Salat ggee, wo scho sis Grosi so gmacht hät.", dem kommt das Gleiche auf Deutsch - "Dort gab es diesen Salat, den schon seine Oma so gemacht hatte." wie eine geläufige Fremdsprache über die Lippen.
    #42Verfasser zirp_ (703877) 08 Jun. 17, 10:43
    Kommentar
    #31: TV-Dialoge sind halt immer eine Gratwanderung auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner, damit man in Hannover wie in Oberammergau verstanden wird. Aber es stimmt: Das Ergebnis klingt oftmals absolut unnatürlich. Vor allem, wenn Figuren ausdrücklich als Österreicher oder Schweizer (Heidi!) bezeichnet werden, sich aber nicht so anhören.
    #43Verfasser Cuauhtlehuanitzin (1009442) 08 Jun. 17, 12:38
    Kommentar
    Wie heißt der Lieblingsspruch von Miriam Stockl aus Rosenheim immer dienstags?

    Es gab a Leich'!
    #44Verfasser Puppengesicht (807439) 08 Jun. 17, 12:58
    Kommentar
    #44

    "Am Anfang jeder Folge steht meist das Auffinden einer ermordeten Person, was den Kommissaren meistens durch Frau Stockl mit den Worten „Es gabat a Leich!“ („Es gäbe eine Leiche!“) mitgeteilt wird." https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Rosenheim-C...

    "es gabat" (auch "es gâwad" geschrieben), ist kein Präteritum, sondern Konjunktiv.
    #45Verfasser MiMo (236780) 08 Jun. 17, 19:32
    Kommentar
    @45 .... so wie "I darat" - Ich täte.

    Kenne den Krimi nicht, aber ich stelle mir die Szene so vor: Alle Beamten sitzen morgens noch träge beim Kaffee während die Komissarin herein kommt und sagt: Meine Herren, wenn sie dann mit dem Kaffee fertig sind, es gabat a Leich.
    #46Verfasser Uljae (831733) 09 Jun. 17, 09:30
    Kommentar
    Kleiner Nachtrag zu Natascha Kampusch: Die Umstände sind obszön, aber sie hat ihre Bildung und ihre gewählte Ausdrucksweise vom intensiven Ö1-Radio-Hören. Das Programm ist sehr wort- und kulturlastig, mit Reportagen, Features, Hörspielen, Lesungen, klassischer Musik. "So muss Sprache"...
    #47Verfasser tigger (236106) 09 Jun. 17, 09:56
    Kommentar
    Nein, Sprache kann, aber muss nicht so. Ich würde sagen, so muss Radio.
    #48Verfasser Uljae (831733) 09 Jun. 17, 10:27
    Kommentar
    In den Nachrichten des WDR hört man (wenn man nur darauf achtet) zB. sehr oft und unnötigerweise die "ist gewesen"-Konstruktion statt des "war".

    Ich kann nicht bestätigen, durch Radiohören automatisch eine "gewählte Ausdrucksweise" spendiert zu bekommen.
    #49Verfasser Harri Beau (812872) 09 Jun. 17, 10:42
    Kommentar
    Ich finde die Anwendung von Präteritum bzw. überhaupt von gutem Deutsch oder allem, was die Sprache hergibt, angenehm. Mir fiel nämlich auf, daß in einer Hörgerätewerbung eine Frau sagt: Ich fand, ich sei noch zu jung für ein Hörgerät. Das klingt in meinen Ohren angenehm. Gebildet.

    Ich benutze es unbewußt auch oft, obwohl ich mir anschliessend manchmal etwas überkanditelt vorkomme, weil auf dem Dorf ein ziemlich herber Dialekt vorherrscht. Aber es stört niemanden.
    #50Verfasser ulinne (894128) 09 Jun. 17, 11:03
    Kommentar
    OT #46
    Frau Stockl ist keine Kommissarin, sondern die Sekretärin (und Nachrichten- und Gerüchteübermittlerin) der Mordkommission. Bei ihr gehen die Meldungen über tot aufgefundne Personen ein; sie gibt sie u.a. an die Kommissare weiter, die meist entweder auf dem Hof der Geschwister Hofer oder im Bistro "Time Quare" beim Frühstück sitzen.
    #51Verfasser MiMo (236780) 09 Jun. 17, 12:16
    Kommentar
    Mir fiel nämlich auf, daß in einer Hörgerätewerbung eine Frau sagt: Ich fand, ich sei noch zu jung für ein Hörgerät.

    "Ich habe gefunden" fände ich in diesem Kontext auch sehr komisch, da bin ich anscheinend wieder sehr norddeutsch.
    #52Verfasser JanZ (805098) 09 Jun. 17, 12:21
    Kommentar
    @MiMo: merci vielmals.

    Das Deutsch dieser Werbung ist schon etwas gesteltzt und im Alltag würde ich wohl eher eine Phrase wie, "Ich habe mir gedacht, ich bin noch zu jung ..." erwarten. Ohne Konjunktiv und ohne "finden".

    Was ist gutes Deutsch? Ich glaube kaum, dass man das an der Häufigkeit des Präteritums festmachen kann. Wenn es denn getragen klingen soll, dann bitte schön, "ich fand ich sei noch zu jung ...". Wer's mag.
    #53Verfasser Uljae (831733) 09 Jun. 17, 12:33
    Kommentar
    Ich sage z.B. öfters mal: Also das fand ich jetzt schon!
    oder
    Ich fand´s ein bißchen langweilig.
    Ist das gestelzt?
    #54Verfasser ulinne (894128) 09 Jun. 17, 13:46
    Kommentar
    Nö, weil: Kontext rulez.
    #55Verfasser Uljae (831733) 09 Jun. 17, 14:26
    Kommentar
    Weil es hier gerade passt: Was haltet ihr von den Zeitformen in diesem Witz? Das ist dann selbst für meine norddeutschen Ohren doch zuviel des Präteritums. Klingt nicht nach "natürlicher" Unterhaltung.
    #56Verfasser dirk (236321) 09 Jun. 17, 15:36
    Kommentar
    Ja, das klingt auch für mich Norddeutschen eher nach schlechter Übersetzung aus dem Englischen. Das sind m.E. auch klassische Anwendungsfälle für das Perfekt, weil es ja auf das Ergebnis ankommt (Haus zerstört). Wenn man morgens aus dem Fenster guckt und sieht, dass alles weiß ist, kann man ja auch nicht sagen "Es schneite". Auch nicht im Norden.
    #57Verfasser JanZ (805098) 09 Jun. 17, 15:37
    Kommentar
    Wenn man morgens aus dem Fenster guckt und sieht, dass alles weiß ist, kann man ja auch nicht sagen "Es schneite". Auch nicht im Norden.

    Hier sagt man: 's hat g'schniee.
    #58Verfasser Stravinsky (637051) 09 Jun. 17, 18:42
    Kommentar
    Das sind m.E. auch klassische Anwendungsfälle für das Perfekt, weil es ja auf das Ergebnis ankommt (Haus zerstört). Wenn man morgens aus dem Fenster guckt und sieht, dass alles weiß ist, kann man ja auch nicht sagen "Es schneite".

    Are there any circumstances that would make "es schneite" appropriate? Would it be enough to add an adverb that clearly indicates past time? E.g. Es schneite gestern. Or to take a further step and add a clause that indicates that the snow is no longer around? Es schneite gestern und heute ist alles wieder weg.


    The whole "weil es ja auf das Ergebnis ankommt" is very cryptic. Is it similar to the way Zustandspassiv differs from Vorgangspassiv?

    #59Verfasser patman2 (527865) 09 Jun. 17, 22:48
    Kommentar
    a) "Als wir das Haus verließen, schneite es." (Gleichzeitigkeit: Schnee fällt, während wir das Haus verlassen.)

    b) "Als wir das Haus verließen, hatte es geschneit." (Vorzeitigkeit: Schnee liegt draußen, der schon vor dem Verlassen des Hauses gefallen ist.)

    c) "Als wir das Haus verließen / verlassen haben, hat es geschneit." (Umgangssprachliche /süddeutsche/ Variante von a), grammatikalisch nicht korrekte Wiedergabe der Gleichzeitigkeit.)

    d) "Als wir das Haus verlassen haben, hat es geschneit gehabt." (Umgangssprachliche Darstellung der Vorzeitigkeit.)
    #60Verfasser MiMo (236780) 10 Jun. 17, 06:12
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    The whole "weil es ja auf das Ergebnis ankommt" is very cryptic.

    Die Wikipedia formuliert es so:

    "Das Perfekt wird für Sachverhalte verwandt, die (relativ zur Betrachtzeit) in der Vergangenheit abgeschlossen wurden, deren Ergebnis oder Folge aber noch relevant sind.[7] Der Gegenwartsbezug in den folgenden Beispielen unterscheidet das Perfekt vom Präteritum.
    Beispiele:
    Der Kläger hat den Antrag … gestellt. (Und über diesen ist jetzt im Urteil zu entscheiden.)
    Die Kollegin hat sich beim Skifahren ein Bein gebrochen. (Und trägt noch einen Gipsverband.)
    Es hat geregnet. (Und die Wiese ist noch nass.)"
    #61Verfasser JanZ (805098) 11 Jun. 17, 17:32
    Kommentar
    In einer (literarischen) Erzählung kann ich mir noch das Präteritum vorstellen.

    "Es schneite, als Markus aus dem Haus trat. Doch er bemerkte es nicht."

    #62Verfasser Qual der Wal (877524) 13 Jun. 17, 10:23
    Kommentar
    In einer literarischen Erzählung gehört das Päteritum auf alle Fälle dazu, wie im zuvor genannten Beispiel.
    Bei einer mündlichen Erzählung kann es m..M. nach auch passen:
    "Da hat ein Auto gestanden, Scheinwerfer eingeschaltet, aber niemand in der Nähe zu sehen. Das kam mir spanisch vor."
    Hier käme mir das "das kam mir spanisch vor" geläufiger über die Lippen als "das ist mir spanisch vorgekommen".
    #63Verfasser ulinne (894128) 13 Jun. 17, 10:38
    Kommentar
    Are there any circumstances that would make "es schneite" appropriate? Would it be enough to add an adverb that clearly indicates past time?

    Anders als im Englischen reicht ein Zeitadverb im Deutschen nicht aus, um eine bestimmte Zeitform zu verlangen oder auch nur zu rechtfertigen. Das Perfekt drückt - ebenfalls anders als im Englischen - immer einen Vorgang aus, der in der Vergangenheit liegt, wenn er in der Gegenwart noch andauert, steht das Präsens.

    Draußen liegt Schnee, aber jetzt fällt keine Flocke mehr: Es hat geschneit.
    Es fällt immer noch Schnee: Es schneit (seit Stunden).
    Gestern fiel irgendwann Schnee, egal, ob der noch liegt oder nicht: Gestern hat es geschneit.

    In einer literarischen Erzählung wird das alles um eine Zeitstufe zurückverschoben:
    Er sah aus dem Fenster: es hatte geschneit.
    Sie wollte das Haus nicht verlassen, denn es schneite (seit Stunden).
    Er erinnerte sich: gestern hatte es am Vormittag geschneit.

    Dass man im mündlichen Gespräch sagen würde "es schneite", kann ich mir auch als Norddeutscher allenfalls in Situationen vorstellen, bei denen man das erzählende Präteritum für die Wiedergabe kleiner Geschichten sozusagen als Stilmittel nutzt: "Ich kam gestern um zwanzig Uhr dreißig am Bahnhof an, und es schneite wie wild, und ich hatte noch eine halbe Stunde zu Fuß zu gehen!"
    #64Verfasser dirk (236321) 13 Jun. 17, 11:11
    Kommentar
    #64 is very helpful. Thanks. The last paragraph explains something I've observed in the past and wondered about.

    #61 The quote from Wikipedia just raises more questions than it answers. It sounds more like an attempt to explain observed behavior and less like true guidance. I'm quite sure I could never make the correct choice simply by trying to apply the given "rule": "Das Perfekt wird für Sachverhalte verwandt, die (relativ zur Betrachtzeit) in der Vergangenheit abgeschlossen wurden, deren Ergebnis oder Folge aber noch relevant sind."


    I tried to apply the logic to explain (in reverse) some examples of Präteritum in spoken language (if TV language can in any way be seen as representative of real life), this time from SOKO Stuttgart, which is not in the north of Germany. Each example is from a different character, so the geographic background of one individual seems not to be a factor:

    Frage: Waren Sie jemals in Herrn Whites Apartment? Antwort: Einmal. Unsere Besprechungen fanden ansonsten hier statt.

    Ihre Fingerabdrücken sind bei uns gespeichert, und die fanden sich auch in Whites Apartment.

    Ich lag also ziemlich richtig.

    Dass dann halt am Ende im Leben die Scheidung stand.

    Und die letzte Begegnung mit White, wie lief sie ab?


    No way could I explain why any of these are appropriate, if indeed they are, or whether Perfekt would have been better or would perhaps even have resulted in a different meaning. Or in what cases Präteritum sounds wrong or stilted (fand is okay but isn't?). Very discouraging ...

    #65Verfasser patman2 (527865) 14 Jun. 17, 00:04
    Kommentar
    Finde #64 auch sehr hilfreich. Es ist nicht so, dass das Präteritum in der gesprochenen Sprache des Südens niemals vorkommt; nur wird es eher gemieden, während es im Norden viel häufiger verwendet wird.

    @65 und den Krimis: Ich habe mir letzte Woche zufällig zwei alte Derrick-Folgen reingezogen (zdf-Krimiserie, in diesem Fall 80er Jahre). Nun ist diese Serie ja schon bekannt hölzern und obwohl sie in München spielte, sprachen sowohl Derrick als auch sein Assistent und teilweise sogar die Verdächtigen ständig im Präteritum.

    Die Wirkung auf mich ist völlig eindeutig. Bei mir entsteht sofort der Einddruck, da liest jemand vom Blatt ab, das ist total gekünstelt. So hält man eine Rede, aber so klingt kein alltägliches Gespräch.
    Diese Serie ist bestimmt kein gutes Besipiel, weil sie von Hause aus zu holzschnittartig ist.
    Auf mich (Opfer des Präteritumschwundes von klein auf) wirkt das, als wollte jemand mit Absicht besonders getragen, reserviert, ja sogar hochnäsig, rüberkommen. Es passt eigentlich nirgendwo, weder für die Ganoven, noch für die Politzisten. Es passt auch nicht zur Darstellung der Oberschicht, es sei denn man will sich aus irgendwelchen Gründen besonders bildungssprachlich hervorheben.
    #66Verfasser Uljae (831733) 14 Jun. 17, 09:31
    Kommentar
    # 66: Stimme voll zu. Genau das habe ich oben gemeint.

    # 65: Der zweite Satz (die Antwort) ist ein Fall von "Präteritum zwar korrekt, aber so würde niemand sprechen".

    Frage: Waren Sie jemals in Herrn Whites Apartment?
    Antwort: Einmal. Unsere Besprechungen fanden ansonsten hier statt.

    Ich würde das eher so formulieren: "Einmal. Zu unseren Besprechungen haben wir uns (ansonsten) hier getroffen." (Ich meine, dass in der gesprochenen Sprache Besprechungen eher nicht "stattfinden", sondern dass man sie "hat").

    Ihre Fingerabdrücken sind bei uns gespeichert, und die fanden sich auch in Whites Apartment.

    Das könnte man so sagen, aber ich denke, man würde wohl eher sagen (erst recht, da auch Dialekt involviert sein könnte) " ..und die haben wir auch in Whites Wohnung gefunden." (Niemand sagt Apartment. Jedenfalls kein Polizist). .

    Ich lag also ziemlich richtig.=> idiomatisch. (Meine bevorzugte Ausdrucksweise wäre aber "Da lag ich also ziemlich richtig.")
    #67Verfasser Qual der Wal (877524) 14 Jun. 17, 11:49
    Kommentar
    #66 & #67 are also both very helpful. Thanks.

    I've just finished watching Tagesschau and noticed that the newsreaders use Präteritum with an occasional inexplicable Perfekt thrown in. Don't know why I'd never noticed that before.


    Here's a related thread: Siehe auch: Perfekt oder Präteritum?

    #68Verfasser patman2 (527865) 15 Jun. 17, 06:51
    Kommentar
    Vorsicht, patman, Krimiserien etc.: Auch wenn es sich um SOKO Stuttgart handelt (was ich zugegeben noch nie angeschaut habe), muss es sich nicht zwangsläufig um "südlichen" Sprachgebrauch handeln. Gerade bei den verschiedenenen Tatort-Folgen ist es oft maximal eine Person, die den örtlichen Dialekt spricht. Und, natürlich: Es ist künstlich.
    #69Verfasser virus (343741) 15 Jun. 17, 07:09
    Kommentar
    #67: ein Fall von "Präteritum zwar korrekt, aber so würde niemand sprechen".

    Widerspruch!

    In meinen Ohren klingen sowohl die Frage als auch die Antwort ganz norrmal. Ich würde so sprechen. Nicht, dass ich ausschließe, zu sagen, "unsere Besprechungen haben sonst immer hier stattgefunden", aber das Präteritum ist mir in diesem Fall ebenso recht. Auch mündlich; wieso, kann ich nicht sagen, in anderen Situationen schiene es mir völlig künstlich. Auch stört mich weder das "Stattfinden" noch das "Apartment".

    An keinem der Sätze aus #65 finde ich irgendwas auszusetzen, und ich kann sie mir in einer mündlichen Kommunikation gut vorstellen.
    #70Verfasser dirk (236321) 15 Jun. 17, 07:49
    Kommentar
    #69

    Drei Krimi(komödien)serien. in denen süddeutsch gesprochen wird, sind "Hubert und Staller" (ARD), "Die Rosenheim-Cops" (ZDF) und "München 07" (BR).
    #71Verfasser MiMo (236780) 15 Jun. 17, 08:12
    Kommentar
    # 70: Echt? Stattfinden ist ok?
    Ich habe ziemlich häufig irgendwelche Besprechungen. "Stattfinden" würde ich nur für Konferenzen und Kongresse verwenden, also für Ereignisse (i.S. von Event).

    Morgen bin ich auf der xy-Konferenz - Wo findet die statt?




    #72Verfasser Qual der Wal (877524) 15 Jun. 17, 09:31
    Kommentar
    Es gibt Fälle, da kann man - zumindest als Norddeutscher - gar nicht anders, als Vergangenheitsformen zu mixen.

    "Du warst gestern nicht da. Wir haben dich vermisst"

    Völlig undenkbar aber: "Du bist gestern nicht da gewesen. Wir vermissten dich."
    #73Verfasser Harri Beau (812872) 19 Jun. 17, 09:30
    Kommentar
    #4 Meine Stiefenkel verwenden, aufgrund ihres (deutschen) Fernsehkonsums, das Präteritum auch in der Alltagssprache und das hört sich außer schräg nur noch schräg an.

    #20 Ich sagte ja bereits (!), mir im Süden kommt vor, dass das Präteritum langsam wieder auf dem Vormarsch ist. Und das kommt nicht etwa vom vielen Vorlesen, sondern vom deutschen Fernsehprogramm, welches die Teenies gucken, oder sogar kucken. Also, schauen.

    Intrigued by the above comments, I decided to watch an episode of a children's TV program. The topic was angels and how they have been depicted in art -- ranging from wingless in earliest art to eventually always having wings. Below is an excerpt. I wonder if there is any rhyme or reason to the choice of Präteritum in some sentences and Perfekt in others, or to the interesting pattern: Präsens -> Perfekt -> Präteritum -> Präteritum -> Präteritum -> Präteritum -> Perfekt (*):

    "Das liegt wohl daran, dass sich im Laufe der Zeit die Vorstellung der Christen von Engeln verändert hat. Zuerst stellten sie sich Engel ohne Flügel vor. Sie sahen aus wie Boten. Dann wurden sie zu himmlischen Wesen. Weil man aus dem alten Rom die geflügelte Siegesgöttin Victoria kannte, hat man sich vermutlich sie zum Vorbild genommen und deshalb auch die Engel mit Flügel ausgestattet."


    Edit: * The Tempus Deluxe: four slices of lean, juicy Präteritum sandwiched between two thick slices of freshly-baked, whole-grain Perfekt. ;)
    #74Verfasser patman2 (527865) 19 Jun. 17, 23:32
    Kommentar
    Intrigued by the above comments, I decided to watch an episode of a children's TV program.

    Hehe, die Sendung (mit der Maus) habe ich auch gesehen :-).

    I wonder if there is any rhyme or reason to the choice of Präteritum in some sentences and Perfekt in others

    Ich würde sagen, das ist ganz einfach das in #61 und #64 Beschriebene: Wenn es auf die Wirkung auf die Gegenwart ankommt, dann wird Perfekt eingesetzt: Die Vorstellung hat sich verändert ==> jetzt ist sie anders. Sie stellten sich Engel ohne Flügel vor, sie sahen aus wie Boten ==> das war in der Vergangenheit so, aber die Gegenwart ist anders. Man hat sie zum Vorbild genommen ==> man hat jetzt ein anderes Vorbild.
    #75Verfasser JanZ (805098) 20 Jun. 17, 09:29
    Kommentar
    Sehe ich wie JanZ, das Beispiel folgt der Schulgrammatik.

    Für mich belibt das aber Schulgrammatik, etwas in dem Sinne, wie man "Dienst nach Vorschrift" macht.

    Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, als wir das Perfekt "vollendete Gegenwart" und das Präteritum Imperfekt nannten, sind wir wenigstens über diese Begriffsverwirrungen hinweg.
    #76Verfasser Uljae (831733) 20 Jun. 17, 09:37
    Kommentar
    Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, als wir das Perfekt "vollendete Gegenwart" und das Präteritum Imperfekt nannten, sind wir wenigstens über diese Begriffsverwirrungen hinweg.

    Ist das auch "Dienst nach Vorschrift" :-)?
    #77Verfasser JanZ (805098) 20 Jun. 17, 10:16
    Kommentar
    Neeeeee, das nennt sich Schriftdeutsch.

    Schau, ihr habt's das Präteritum, wir haben das Dialektkontinuum. Soll heißen, Wannst jetz net glei a Ruh gibst, na kemma auch anders, nämlich nach der Schrift sprechen.

    Danach kommt nur mehr eins: IN GROSSBUCHSTABEN unter Verwendung des PRÄTERITUMS und ALLER KONJUNKTIVE etc pp.

    Glaub mir, das willst du nicht. (weil es im Süden automatisch die Sprachebene des, jetzt wird's aber wirklich ernst, ist)
    #78Verfasser Uljae (831733) 20 Jun. 17, 10:33
    Kommentar
    #76 das Beispiel folgt der Schulgrammatik

    Apropos Schulgrammatik: Since the Tempus-Sandwich pattern seemed vaguely familiar, I dug out my old text (purchased Hamburg ca. 1971) and found this exact sandwiching function listed under Allgemeines zum Gebrauch der Zeitformen (bold added):

    "Das Perfekt ist die Gesprächsform für die Vergangenheit; außerdem gebraucht man es in Einleitungen und abschließende Folgerungen von zusammenhängenden Schilderungen."

    The angel excerpt seems like a textbook (!) example of what was described in that old textbook. Is a Gegenwartsbezug really necessary to understand the tenses used in the angel excerpt? I ask only because the concept of Gegenwartsbezug seems so subjective and therefore difficult for a non-native speaker to determine with any degree of certainty. I.e. Only once one knows that something is intended to be a Gegenwartsbezug is it easy to pick Perfekt. Or seen another way: Is picking Perfekt in and of itself enough to impart a Gegenwartsbezug?

    #76 Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, als wir das Perfekt "vollendete Gegenwart" und das Präteritum Imperfekt nannten, sind wir wenigstens über diese Begriffsverwirrungen hinweg.

    Speaking of terminology and Begriffsverwirrungen: Has anyone seen the latest edition of Die Grammatik: Unentbehrlich für richtiges Deutsch von Dudenredaktion (2016)? The Perfekt has morphed into Präsensperfekt, but with this caveat:

    "Die Analyse des deutschen Präsensperfekt ist in der Fachliteratur umstritten. Dies hängt vor allen damit zusammen, dass das Präsensperfekt in der heutigen gesprochenen Sprache und in der mündlich gefärbten Schriftsprache das Präteritum als Vergangenheitstempus (und Erzähltempus) weitgehend ersetzt. Manchen Darstellungen zufolge hat das Präsensperfekt sich in dieser Verwendung sozusagen als »analystisches Präteritum« semantisch verselbstständigt. Die Verwendung als Vergangenheitstempus und speziell auch als Erzähltempus lässt sich jedoch als eine Gebrauchsvariante beschreiben, die in der prototypischen Beschreibung des Präsensperfekts angelegt ist."


    #78 jetzt wird's aber wirklich ernst
    Like whenever my mother stopped calling me Pat and started in with PATRICK MICHAEL ANDREW JOSEPH AND MARY! Then it was serious. ;)

    #79Verfasser patman2 (527865) 20 Jun. 17, 22:40
    Kommentar
    OT/ Könnte die Dudenredaktion vielleicht mal aufhören, alle paar Jahre eine neue Grammatik vorzulegen? So schnell ändert sich die Forschung nicht (und die Sprache schon gar nicht)! (Die 4. Aufl. ist 1980 erschienen, die 5. 1995 (!), aber das war die erste in "reformierter" Schreibung -- und da die sich änderte, gings weiter im Schweinsgalopp, weil die Rechtschreibung nämlich sehr wohl grammatische Konsequenzen hatte, die dann provisorisch, an den Haaren herbeigezogen und in der gerade für gültig erklärten Schreibweise grammatisch "erklärt", das heißt, einigermaßen systematisiert wurden. Mindestens zwei Auflagen sind Makulatur; etwas beruhigt hat sich das mit der 8. Aufl. 2009, und jetzt sind wir bei der 9. /OT Ende)

    #80Verfasser sebastianW (382026) 21 Jun. 17, 03:13
    Kommentar
    Die Bezeichnungen "Präsensperfekt" und "Präteritumsperfekt" (und dazu Futurperfekt) gibt es schon länger, und sie haben auch einen vernünftigen Hintergrund. Alle diese Formen heißen "Perfekt", weil sie mit dem Partizip II (Partizip Perfekt) und einem Hilfsverb gebildet werden. Das Partizip ist selbst unveränderlich, aber das Hilfswerb wird konjugiert und zeit damit auch die Zeit an: Beim Präsensperfekt (vorher Perfekt) steht das Hilfsverb eben im Präsens, beim Präteritumsperfekt (vorher Plusquamperfekt) im Präteritum. Leuchtet doch ein, oder? (Futur leuchtet ein bisschen weniger ein, weil hier das Hilfsverb nicht haben oder sein ist, sondern werden, und damit die Formenbildung etwas komplizierter ist.)

    Ich habe es für den Gebrauch der Tempora immer als hilfreich angesehen, nicht von den Formen der Verben auszugehen (so wie man im Lateinunterricht nacheinander die Konjugationen der Zeitformen einpaukt), sondern von den zeitlichen Bezügen, die ausgedrückt werden sollen. Alle Sprachen müssen dieselben zeitlichen Bezüge ausdrücken -- was jetzt ist; was vorher war; was noch nicht ist: was gleichzeitig mit etwas anderem geschieht, wobei das andere gestern oder erst morgen geschehen kann, usw. --, aber sie verwenden für diese Zwecke oft sehr unterschiedliche grammatische Formen. Wenn man die zeitlichen Bezüge klärt, kommt man der Verwendung der Zeiten schon näher.

    Die Äußerungszeit, vereinfacht die Sprechzeit, ist immer das Jetzt, und alle zeitlichen Bezüge richten sich darauf, aber nicht allein darauf. (Bei schriftlichen Äußerungen, die im Gegensatz zur mündlichen Rede schon früher entstanden sein müssen, geht man dennoch vom Jetzt aus -- das "Jetzt" bezeichnet also die Gegenwart des Kommunikationsvorgangs, der eben in Hören oder Lesen bestehen kann.)

    Als Zweites gibt es die Geschehenszeit. Sie ist mit dem Verb gegeben. Ein Geschehen kann punktuell sein (stolpern, finden, umfallen) oder eine grundsätzlich nach vorn und hinten mehr oder weniger offene Dauer haben (stricken, schlafen, frieren, altern).

    Als Drittes gibt es die Bezugszeit, und das ist die Zeit, in die sich das sprechende Ich versetzt und von der aus sie das Geschehen betrachtet.

    Das Präsens und das Perfekt setzen die Bezugszeit mit der Sprechzeit gleich; das Geschehen wird also auf die Gegenwart bezogen: beim Präsens wird die Gleichzeitigkeit mit der Geschehenszeit ausgedrückt (ich bin genervt; Franzi schläft die ganze Zeit; Papa ärgert sich mal wieder); beim Perfekt wird das Geschehen als zeitlich früher als die Sprechzeit angesetzt (die Katze hat geschlafen [sie streckt sich gerade, als ich hereinkomme]; schau mal, es hat geschneit; das Kaminfeuer ist ausgegangen). Wie weit sich das Geschehen in die Vergangenheit erstreckt, ist nicht immer klar, aber klar ist, dass es spätestens mit dem gegenwärtigen Zeitpunkt (dem Sprechzeitpunkt) aufgehört hat.

    Beim Präteritum und beim Plusquamperfekt (eben dem Präteritumsperfekt) wie auch beim Futur I und II muss ich einen Bezugspunkt nennen oder voraussetzen (durch Kontext), einen Referenzzeitpunkt, auf den sich das Geschehen bezieht. (Achtung, ich rede hier nicht vom Erzählpräteritum in Romanen!) Als wir nach Hause kamen, stand die Terassentür weit offen. Das Geschehen -- ein Zeitverlauf, dessen Anfang und Ende nicht genannt oder gar nicht feststellbar ist -- ist gleichzeitig, aber nicht gleichzeitig mit dem Sprechzeitpunkt, sondern in Bezug auf einen Beobachtungspunkt, der selbst schon in der Vergangenheit liegt (als wir nach Hause kamen). Ebenso Als ich die Tür aufmachte, fiel der Besen um (zwei in Beziehung gesetzte Punkte in der Vergangenheit); als die letzten Gäste gingen, hatte das Küchenpersonal bereits die Gläser gespült (Bezugszeit ein Punkt oder kurzer Verlauf in der Vergangenheit, von dem aus betrachtet das Geschehen eine Dauer in der Vergangenheit hat, die zu einem ungenannten früheren Zeitpunkt eingesetzt hat, aber zum Bezugszeitpunkt abgeschlossen ist).

    Ganz ähnlich kann man noch vertracktere Zeitrelationen ausdrücken. Der wesentliche Punkt hier ist, dass man außer beim Präsens und (Präsens-)Perfekt immer einen vom Sprechzeitpunkt verschiedenen Bezugspunkt braucht, der entweder klar ausgedrückt wird, etwa im Nebensatz, oder der im Zusammenhang erkennbar ist.

    (Auf die regionalen Unterschiede kann ich jetzt nicht mehr eingehen, aber anwenden möchte ich das Verfahren zur Verdeutlichung noch auf das Beispiel von patman2 aus #74. Das Ergebnis ist ganz ähnlich wie das von JanZ #75, aber eben anders begründet:)

    "Das liegt wohl daran, dass sich im Laufe der Zeit die Vorstellung der Christen von Engeln verändert hat.
    Sprechzeitpunkt und Bezugszeitpunkt identisch, gemeint ist eine sehr lange Dauer, die mit dem Jetzt (nämlich unserer gegenwärtigen Vorstellung) an ein vorläufiges Ende gekommen ist.

    Zuerst stellten sie sich Engel ohne Flügel vor. Sie sahen aus wie Boten.
    Jetzt wird eine vergangene Bezugszeit eingeführt, der der im ersten Satz genannten Christen, und zwar der frühesten, wie das Wort "zuerst" deutlich macht. Das Geschehen (die Vorstellung, das Aussehen der Engel) ist zeitgleich mit dieser Bezugszeit; beide haben keine genau bezeichnete Dauer.

    Dann wurden sie zu himmlischen Wesen.
    Hier übernimmt das Verb die zeitliche Markierung. Bezugszeit ist wieder die des vorigen satzes -- also die Zeit späterer Christen --, aber "werden" zeigt an, dass es um eine Geschehensdauer geht, die in Richtung Gegenwart über die Bezugszeit hinausreicht,

    Weil man aus dem alten Rom die geflügelte Siegesgöttin Victoria kannte, -- die Bezugszeit ist wieder die des vorigen Satzes, nämlich die Zeit der etwas späteren Christen, in deren Zeit die Engel zu himmlichen Wesen wurden --  hat man sich vermutlich sie zum Vorbild genommen und deshalb auch die Engel mit Flügel ausgestattet."
    Die "Vermutung" ist ganz sicher eine in der Gegenwart, also der Sprechzeit, angesiedelte Annahme, gegenüber der ein vergangenes Geschehen mit unklarem Beginn bezeichnet wird (zum Vorbild nehmen, mit Flügeln ausstatten), von dem wieder einmal nur feststeht, dass es in Bezug zur Bezugszeit, die hier mit der Sprechzeit identisch ist, abgeschlossen ist.

    Das hatte nun nicht so viel mit dem "Präteritum auf dem Rückzug" zu tun, immerhin (und hoffentlich) aber mit ein paar der inzwischen aufgeworfenen Fragen. Die Unterscheidung von Sprechzeit und Bezugszeit (sie haben in der Theorie noch alle möglichen anderen Namen; es ist aber vom Prinzip her dasselbe gemeint) hilft nicht nur, den Wechsel von Präteritum und Perfekt in der Literatur zu verstehen, man könnte auch den Spieß umdrehen und sagen: Schwaben und Hamburger verwenden nicht unterschiedliche Zeitformen von Verben für die Darstellung derselben Vergangenheit, sondern sie offenbaren ein unterschiedliches Verhältnis zur Vergangenheit, das sich eben in der Wahl des Bezugspunktes zeigt.

    #81Verfasser sebastianW (382026) 21 Jun. 17, 04:53
    Kommentar
    I've already read #81 several times and will have to read it many more times to absorb all the fine points, but thanks very much for such detailed explanation.

    Schwaben und Hamburger verwenden nicht unterschiedliche Zeitformen von Verben für die Darstellung derselben Vergangenheit, sondern sie offenbaren ein unterschiedliches Verhältnis zur Vergangenheit, das sich eben in der Wahl des Bezugspunktes zeigt.

    That's a very interesting perspective. English speakers probably have yet another way of viewing and describing events from the past. It's very hard to get free of one's early imprinting.

    #82Verfasser patman2 (527865) 21 Jun. 17, 08:30
    Kommentar
    (Auf die regionalen Unterschiede kann ich jetzt nicht mehr eingehen, aber anwenden möchte ich das Verfahren zur Verdeutlichung noch auf das Beispiel von patman2 aus #74. Das Ergebnis ist ganz ähnlich wie das von JanZ #75, aber eben anders begründet:)

    In meinen Augen hast du es auch besser begründet, mir fehlte da (wie häufig Muttersprachlern beim Erklären der eigenen Sprache) ein bisschen Substanz.
    #83Verfasser JanZ (805098) 21 Jun. 17, 09:24
    Kommentar
    Ich möchte sebastianW in ein oder zwei Punkten widersprechen. (Ich bin Norddeutscher.)

    "Vermutlich hat man...": Beispielsweise in einem Text, der von einer archäologischen Grabung berichtet, könnte man ohne weiteres sagen: "Vermutlich ging man damals dazu über, die Öfen beim Brennen der Keramik nicht mehr mit Holzkohle, sondern mit Koks zu befeuern." Die Vermutung liegt auch hier in der Gegenwart, ohne dass ein Präsensperfekt notwendig wird. Ich nehme hier schon an, dass das Perfekt im letzten zitierten Satz aus der Kindersendung verwendet wird, weil man jetzt wieder vom Istzustand zurückblickt; nur bedingt eine gegenwärtige Vermutung meiner Meinung nach nicht den einen oder anderen Betrachtzeitpunkt.

    "Die Katze hat geschlafen": Die Verwendung des Präsensperfekts deutet hier für mich nicht unbedingt darauf hin, dass ich aus dem Verhalten der Katze jetzt noch schließen können muss, dass sie eben noch geschlafen hat. Ein eindeutiger Gegenwartsbezug ist für die Verwendung des Präsensperfekts hier für mich nicht notwendig. Wenn ich meiner Frau davon erzähle, wie die Szene gestern Abend aussah, als ich hörte, wie der Einbrecher einstieg, könnte ich ohne weiteres sagen: "Na ja, ich hab vorm Kamin gesessen und Zeitung gelesen, die Katze hat geschlafen, und da hab ich auf einmal gehört, ...".

    sebastianW gibt in seinem Post allgemein so etwas wie die offizielle Interpretation der Duden-Grammatik wieder. Ich fürchte nur leider, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Ich habe allerdings auch keine bessere oder wahrere; ich argwöhne allerdings, dass für die Wahl der einen oder der anderen Form eher ein Konglomerat von Motiven und Einflüssen verantwortlich ist, das die Forschung noch nicht vollständig entschlüsselt / auseinanderklamüsert hat. Unter den verschiedenen Motiven, die hier mit hineinspielen, dürften sein: Gebräuchlichkeit der Form; Länge der Form; Textsorte; regionale Herkunft der Sprechenden; und tatsächlich vielleicht noch hier und da Reste eines aspektuellen Unterschieds (Betrachtzeit jetzt oder früher).

    Hier muss meiner Ansicht nach noch mehr geforscht werden; die Erklärungen, die ich im Duden oder auf Grammatikseiten im Internet gesehen habe, haben mich bisher noch nicht befriedigt und sind meines Erachtens ein etwas schematischer, vom Wunsche nach Einfachheit getragener Versuch, einem ungenügend beschriebenen und etwas chaotischen Istzustand eine Regel gewaltsam aufzuprägen.
    #84Verfasser Greysnow (765275) 21 Jun. 17, 12:16
    Kommentar
    "Na ja, ich hab vorm Kamin gesessen und Zeitung gelesen, die Katze hat geschlafen, und da hab ich auf einmal gehört, ...".

    If that's the most likely way you'd tell the story, then doesn't that support the topic of the thread: Präteritum auf dem Rückzug? Would it be unthinkable in a spoken context to say: Gestern Abend saß ich vorm Kamin und las die Zeitung. Die Katze schlief, und da hörte ich auf einmal, ..." Does the story told in Perfekt have a different "feel" from the same story told in Präteritum? Maybe more of an immediacy -- similar to the effect in written text of using historisches Präsens?

    vom Wunsche nach Einfachheit getragener Versuch, einem ungenügend beschriebenen und etwas chaotischen Istzustand eine Regel gewaltsam aufzuprägen.

    The wish is understandable. One has to start somewhere. An oversimplification that provides at least some basic structure is better than the massive chaos that the Vergangenheitstempus question seems to present, the more I read the various diverging opinions. I think I'll just go back to watching Krimis and try to assimilate the spoken language that way. That could create a comical hodgepodge ...

    #85Verfasser patman2 (527865) 22 Jun. 17, 00:25
    Kommentar
    "Papa, Charlie hat gesagt, sein Vater hat gesagt, die Schmölders wären auch so beknackte Weihnachtskitscher ..."
    "Ich sage dir zum allerletzten Mal, daß ich deinen Jargon und die falsche Grammatik unerträglich finde!"
    "Was ist denn jetzt schon wieder?"
    "Es heißt nicht ´Schmölders wären´, sondern ´Schmölders seien´!"

    Interessanterweise kritisiert Papa das Dauerfeuer mit "hat gesagt" nicht.
    Die Radioserie mit dem klassischen Eröffnungssatz stammte übrigens vom NDR.
    #86Verfasser Cuauhtlehuanitzin (1009442) 22 Jun. 17, 12:50
    Kommentar
    Interessanterweise kritisiert Papa das Dauerfeuer mit "hat gesagt" nicht.

    Da ist ja auch nach meinem Sprachgefühl in Verbindung mit den Ausführungen von SebastianW in #81 das Perfekt völlig korrekt.

    Die Radioserie mit dem klassischen Eröffnungssatz stammte übrigens vom NDR.

    Ja und? Noch mal: Es ist nicht so, dass in Norddeutschland überhaupt kein Perfekt benutzt würde, sondern Perfekt und Präteritum haben jeweils ihre Anwendungsgebiete. Und auch mir (sprachlich Norddeutscher) kommt das Präteritum in manchen Situationen gestelzt vor, wo es schriftlich richtig wäre, z.B. im Beispiel von Patman in #85.
    #87Verfasser JanZ (805098) 22 Jun. 17, 13:24
    Kommentar
    Q-dingens, die Radioserie wurde auch vom WDR ausgestrahlt. Bemerkenswert übrigens, dass du meinst, extra erklären zu müssen, dass "Interessanterweise..."


    #88Verfasser Serendipity_4 (677936) 22 Jun. 17, 14:52
    Kommentar
    Interessanterweise kritisiert Papa das Dauerfeuer mit "hat gesagt" nicht. (#86)
     
    Genau – eigentlich müsste es heißen: „Papa, Charlie hat gesagt, sein Vater habe gesagt …“
     
    (Aber das ist eine andere Baustelle: nicht Perfekt vs. Präteritum, sondern Indikativ vs. Konjunktiv.)
    #89Verfasser Stravinsky (637051) 22 Jun. 17, 15:49
    Kommentar
    The excerpt below comes from a Fernsehkrimi in which one character, Voss, is talking in private in present time with the SOKO-Chefin with whom he had a relationship some thirty years earlier during their school days. He describes a more recent situation (fourteen years before present time) when Braun, a now-retired Hauptkommissar, placed him undercover in a criminal organization run by someone named Miller. Two years after that, Voss disappeared so that he could finally free himself from both Miller and Braun. Now, twelve years later (present time) he has turned up again and explains what happened fourteen years ago:

    Das hat ein Kollege von euch eingefädelt. Braun hieß der. Er hat mich da eingeschleust. Ich kannte einen von Millers Jungs. ... Das wurde mir zu heiß. Ich wollte aussteigen. Aber Braun drohte, er würde Miller stecken, dass ich ein Spitzel bin.

    Despite the thorough explanation in #81 regarding how things are supposed to work, I can't see any rhyme or reason to the tenses selected (with the exception of würde which I presume is "future in the past"). Perfekt seems the same as Präteritum -- an "analystiches Präteritum" (#79) without any clearly discernible Gegenwartsbezug. I wonder whether the guidelines in #81 don't apply more to written text as well as to things that, although spoken, follow the format of written text e.g. the angel report, documentaries, Tagesschau, etc.

    As far as spoken i.e. conversational German goes, Greysnow's description in #84 sums up the various factors nicely:

    "Unter den verschiedenen Motiven, die hier mit hineinspielen, dürften sein: Gebräuchlichkeit der Form; Länge der Form; Textsorte; regionale Herkunft der Sprechenden; und tatsächlich vielleicht noch hier und da Reste eines aspektuellen Unterschieds (Betrachtzeit jetzt oder früher)."

    Is it possible that sentence rhythm also plays a role? Or a simple desire to avoid repetitive forms (hinted at in #86)?

    #90Verfasser patman2 (527865) 22 Jun. 17, 22:13
    Kommentar
    Ich bin leider nicht früher dazu gekommen, mir eine vernünftige Antwort auf Greysnows Einwände (#84) zu überlegen und möchte das nachholen.

    "Vermutlich ging man damals dazu über, die Öfen beim Brennen der Keramik nicht mehr mit Holzkohle, sondern mit Koks zu befeuern." Die Vermutung liegt auch hier in der Gegenwart, ohne dass ein Präsensperfekt notwendig wird.

    Ich stimme zu. Es geht sicher auch mit Präteritum. Ich habe aber nicht gesagt, dass in diesem Satz das Perfekt notwendig wird, sondern nur, welche Perspektive die Verwendung des Perfekts mit sich bringt. In beiden Fällen äußert man eine Vermutung über eine vergangene Zeit, der geringfügige Unterschied ist nur, ob man sich vom Heute in die Vergangenheit begibt, oder ob man die Vergangenheit ins Heute heranholt. Der Zeitenwechsel ist ja eher rhetorisch als logisch begründet.

    Beim zweiten Einwand bin ich anderer Ansicht, sehe aber, dass es nicht ausreicht, hier mechanisch ein bestimmtes Modell anzuwenden: "Die Katze hat geschlafen": Die Verwendung des Präsensperfekts deutet hier für mich nicht unbedingt darauf hin, dass ich aus dem Verhalten der Katze jetzt noch schließen können muss, dass sie eben noch geschlafen hat. [ ... ] Wenn ich meiner Frau davon erzähle, wie die Szene gestern Abend aussah, [ ... ] könnte ich ohne weiteres sagen: "Na ja, ich hab vorm Kamin gesessen und Zeitung gelesen, die Katze hat geschlafen, und da hab ich auf einmal gehört, ...".

    Hier verwendest du das Präsensperfekt als (das umgangssprachliche) Erzähltempus, wo du ebenso das Präteritum verwenden könntest, denn der Kontext ("wie die Szene gestern abend aussah ...") setzt ja eindeutig den Perspektivpunkt auf ein vergangenes Geschehen. Und "gestern", zur Bezugszeit, wird geschildert, was in der unmittelbaren Vergangenheit vor der Gegenwart des "auf einmal Hörens" andauerte. Mir ging es zur Verdeutlichung darum, einen gegenwärtigen Bezugspunkt anzunehmen, an dem das Präsensperfekt auch unabhängig von Unterschieden der Region oder Sprachverwendung das Tempus der Wahl ist: Wir kommen nach Hause, meine Frau geht in die Küche, ich gehe ins Wohnzimmer, wo die Katze sich gerade auf dem Sofa streckt. "Ist die Katze noch draußen?", ruft meine Frau (deren Existenz wir jetzt ebenso wie die der Katze einfach annehmen). "Nein", rufe ich zurück, "sie ist hier. Sie hat geschlafen!" -- Oder es quäkt aus dem Kinderzimmer: "Alles in Ordnung?", rufe ich. "Naja", kommt die Antwort, "Mäxchen hat sich in die Hose gemacht."

    Und noch eine generelle Bemerkung: sebastianW gibt in seinem Post allgemein so etwas wie die offizielle Interpretation der Duden-Grammatik wieder. Ich fürchte nur leider, dass das nicht die ganze Wahrheit ist....
    Nein, ich musste sogar erst einmal nachsehen, was die Dudengrammatik dazu sagt. Das Ganze ist ja keine Theorie, sondern ein Modell, und das Prinzip gibt es schon ziemlich lange. Die Bezeichnungen wechseln (Bezugszeit, Betrachtzeit usw.) Die Dudengrammatik fasst nur zusammen, was sie sich aus verschiedenen Ansätzen herausgesucht hat. Ich gebe dir völlig recht, dass -- was den beobachtbaren Gebrauch betrifft -- noch gehöriger Denkbedarf besteht. Das Prinzip, nämlich eine Äußerung stets auf einen Perspektivpunkt zu beziehen, relativ zu dem dann die Zeitbezüge (und die Aspekte und die Modi!) hergestellt werden, scheint mir sehr fruchtbar. Wahrscheinlich muss man z.B. noch zwischen einem "gesetzten" Bezugspunkt und einem "eingenommenen" unterscheiden (Sprecher "betrachtet" diese Zeit oder "versetzt" sich in sie, quasi als zeitreisendes Alternativ-Ich), dann käme man vermutlich auch dem "erzählenden Präteritum" als Grundtempus in der Literatur auf die Spur. Aber das ist jetzt Zukunftsmusik für pensionierte Linguisten.


    -- noch zu #90 ganz kurz: Was "rhyme or reason" im Beispielsatz angeht, wird man wohl nicht leicht auf eine stichhaltige Begründung für die Zeiten kommen. Und das von mir verwendete Modell ist sicher an schriftlichen (und ähnlichen) Texten besser zu belegen als an mündlichen, da wirst du wohl leider recht haben. Die Frage, warum Schlinks Vorleser vom Präteritum ins Perfekt wechselt (das hast du doch irgendwo gefragt, erinnere ich mich da richtig?), dürfte sich damit aber klären lassen, wetten?
    #91Verfasser sebastianW (382026) 28 Jun. 17, 01:01
    Kommentar
    #90: Ja, das Drehbuch ist auch ein bisschen unnatürlich. In unserem Lokalsprech klänge das so:

    Das hat so'n Kollege von euch eingefädelt. Braun hat der geheißen. Der hat mich da reingeschleust. Ich hab einen von den Jungs vom Miller gekannt. ... Das ist mir dann zu heiß geworden. Da hab ich aussteigen wollen. Aber der Braun hat gedroht, er tät dem Miller stecken, dass ich'n Spitzel bin.
    #92Verfasser Cuauhtlehuanitzin (1009442) 28 Jun. 17, 09:23
    Kommentar
    #90 Die Frage, warum Schlinks Vorleser vom Präteritum ins Perfekt wechselt (das hast du doch irgendwo gefragt, erinnere ich mich da richtig?), dürfte sich damit aber klären lassen, wetten?

    Yes, I mentioned that in #29 in this thread. But since I thought the model in ##81 & 91 was intended to explain the use of Präteritum and Perfekt in non-fiction, I don't see how it helps in the case of Schlink's novel. Isn't Perfekt only used in fiction when directly quoting a character's words? Or for depicting past events in those novels that have been written entirely in present tense? Or have I misunderstood things completely?

    In any case, I'll repeat the puzzling line here along with the rest of the paragraph in which it occurs. The context is that the fifty-something Ich-Erzähler is looking back on a time period that covered approximately ten months when he was 15-16 years old and was having a clandestine relationship with a 35-year-old woman named Hanna who is now deceased.

    "Einmal sind wir zusammen in der Nachbarstadt im Theater gewesen und haben »Kabale und Liebe« gesehen. Es war Hannas erster Theaterbesuch, und sie genoß alles, von der Aufführung bis zum Sekt in der Pause. Ich legte meinen Arm um ihre Taille, und mir war egal, was die Leute von uns als Paar denken mochten. Ich war stolz darauf, daß es mir egal war. Zugleich wußte ich, daß es mir im Theater in meiner Heimatstadt nicht egal gewesen wäre. Wußte sie es auch?"


    Everything is in Präteritum except the first sentence, and I can't come up with a plausible explanation for the seemingly anomolous use of Perfekt popping up here (and in other isolated instances). Was the choice of Perfekt just a capricious whim on the author's part? Or was he trying to impart some specific meaning or emphasis? Or was it a temporary lapse in judgement -- or even a calculated and mischievous desire to torment future German learners? ;)



    @92: #90: Ja, das Drehbuch ist auch ein bisschen unnatürlich.

    That is in line with Uljae's remarks:

    #4 Meine Stiefenkel verwenden, aufgrund ihres (deutschen) Fernsehkonsums, das Präteritum auch in der Alltagssprache und das hört sich außer schräg nur noch schräg an.

    #20 Ich sagte ja bereits (!), mir im Süden kommt vor, dass das Präteritum langsam wieder auf dem Vormarsch ist. Und das kommt nicht etwa vom vielen Vorlesen, sondern vom deutschen Fernsehprogramm, welches die Teenies gucken, oder sogar kucken. Also, schauen.

    #93Verfasser patman2 (527865) 29 Jun. 17, 01:45
    Kommentar
    @92: #90: Ja, das Drehbuch ist auch ein bisschen unnatürlich.

    Wo spielt denn der Krimi? Ich kann mir keine Situation vorstellen, in der ich "hat geheißen" sagen würde, bei mir "hieß" immer jemand irgendwie. Da kommen dann wohl die regionalen Unterschiede voll zum Tragen.
    #94Verfasser JanZ (805098) 29 Jun. 17, 09:19
    Kommentar
    #93 "... or even a calculated and mischievous desire to torment future German learners? ;)"

    Na, das gilt doch ganz allgemein für die deutsche Sprache ;)

    Den zitierten Abschnitt ("Einmal sind wir zusammen ... gewesen ..") empfinde ich als völlig normale Erzählform, inklusive des Wechsels ins Präteritum (".. es war ihr erster Theaterbesuch ... genoß alles...").
    Aber das ist ja auch eine schriftliche Erzählform, da passt es auch nach südlichem Verständnis. In der Umgangssprache, im täglichen Leben, heißt es hier, alle grammatischen Regeln missachtend aber:

    "Die Anna hat gesagt...." und wenn ich "Anna sagte ..." höre, klingt das für mich sehr prätentiös -- ich muss mir dann immer sagen, dass das im Norden normal ist, die lassen den Artikel weg und verwenden das Präteritum.
    Wenn ich so spreche, dann heißt das nichts anderes als: Holla, ich bin jetzt der Sprecher von der Tagesschau.
    #95Verfasser Uljae (831733) 29 Jun. 17, 10:11
    Kommentar
    re #93: Der Wechsel im Vorleser ist ein ganz normaler Übergang vom gegenwärtigen Bezugspunkt zum vergangenen. Wie du selbst sagst, wird die Geschichte vom "fifty-something Ich-Erzähler" erzählt. Der erklärt, sozusagen in der Gegenwart, seine Geschichte: ich habe einmal eine Beziehung zu einer älteren Frau gehabt; mit dieser Frau habe ich das und das erlebt; einmal zum Beispiel bin ich mit ihr im Kino gewesen ... undsoweiter. Der Kinobesuch steht nicht in einer bestimmten Chronologie der damaligen Geschichte (erst passierte das, dann das, am nächsten Tag das ...), sondern wird, in der Gegenwart der Erzähl/Lesesituation als Beispiel herbeizitiert.

    Dann aber versetzt sich der Erzähler in sein vergangenes jugendliches Ich und erzählt, in dessen Gegenwart, was bei diesem Kinobesuch geschah oder von ihm empfunden wurde, und dazu benutzt er das (erzählende) Präteritum, das der Gegenwart nicht der Lesesituation, sondern der handelnden Figuren entspricht.

    Ich vermute, dass er dann irgendwann aus dieser Vergangenheit wieder in die Gegenwart wechselt, in der er das damalige Geschehen reflektiert, um dann auf eine andere Episode zu sprechen kommt.
    (Ich kann das Buch im Augenblick nicht finden; ich habe es vor längerer Zeit gelesen und bin ziemlich sicher, dass solche Perspektivwechsel öfter vorkommen.)
    #96Verfasser sebastianW (382026) 29 Jun. 17, 15:46
    Kommentar
    #94 Wo spielt denn der Krimi? -- in Köln. Northern Germany?

    #95 eine schriftliche Erzählform 
    Oh boy, another bit of terminology ... but good to know.

    #96 Gegenwart der Erzähl/Lesesituation vs Gegenwart ... der handelnden Figuren
    I think I've finally understood the distinction. Thanks for your perseverance in explaining the role of each. :) This would probably be a good time to reread the book and pay close attention to the many Perspektivwechsel.

    #97Verfasser patman2 (527865) 30 Jun. 17, 05:54
    Kommentar
    Köln dürfte man sprachlich wohl kaum Norddeutschland zuordnen. Kölsch ist eine ripuarische Mundart; die ripuarischen Mundarten gehören zu den mitteldeutschen Dialekten, gesprochen südlich der Benrather Linie, die Mitteldeutsch und Niederdeutsch voneinander trennt.
    #98Verfasser MiMo (236780) 30 Jun. 17, 07:53
    Kommentar
    #98 ... wobei für die Frage, ob eine gelegentliche Verwendung des Präteritums in der Umgangssprache vorkommt, lautliche Merkmale eines von nur noch einem kleinen Prozentsatz der Bevölkerung wirklich gesprochenen Dialekts völlig unerheblich sind.

    Nach meiner rein subjektiven Erfahrung wäre die heutige Kölner Umgangssprache, die einfach nur noch eine lokale Variante des Standarddeutschen ist, in Bezug auf den Tempusgebrauch eher der nördlichen Sphäre zuzuordnen, d.h. ein Präteritum kommt dort, ebenso wie in Hamburg oder Hannover oder Berlin, gelegentlich vor. Ist aber wie gesagt rein subjektiv und durch keine wissenschaftliche Statistik gestützt. Ich glaube, escoville lebt in der näheren Umgebung? Vielleicht hat er da ja mehr lokales Wissen.

    Nebenbei habe ich das Buch von Schlink zwar nicht gelesen, werde aber nach den hier gefundenen Zitaten auch nicht mehr in Versuchung kommen, das zu tun. Ich finde seinen Stil unglaubwürdig und gestelzt. Vor allem die Verwendung des Perfekts in #93 "Einmal sind wir im Theater gewesen" finde ich komplett gekünstelt. Er bemüht sich mit dem Perfekt um umgangssprachliche Lebendigkeit und fällt dabei nach meiner Ansicht völlig auf die Nase. Weder schriftlich noch mündlich hätte ich hier, wollte ich z.B. einem guten Freund die Geschichte erzählen, das Perfekt "Wir sind gewesen" verwendet. Ich hätte (mündlich) so etwas gesagt wie "Einmal waren wir in [Name der Nachbarstadt] im Theater und haben uns 'Kabale und Liebe' angekuckt".

    Wenn ich so drüber nachdenke, verwende ich das Perfekt einiger häufig gebrauchter Verben tatsächlich so gut wie überhaupt nicht, weder in geschriebener noch in gesprochener Sprache. "Ich bin gewesen", "ich habe gehabt", "er hat geheißen", von den Modalverben ganz zu schweigen, ist mir viel zu umständlich. "Ich war", "ich hatte", "er hieß" ist viel kürzer und mir auch in gesprochener Sprache natürlicher.

    Mir scheint, dass, obwohl es wohl noch eine Restverschiedenheit in der aspektuellen Funktion von Präteritum und Perfekt gibt (wie immer die aussehen mag – ich finde das Modell von der gegenwärtigen oder vergangenen Betrachtzeit/Erzählperspektive zu glib), sich die Verschiedenheit, zumindest in einigen umgangssprachlichen "Textsorten" (möglicherweise nicht in anderen, z.B. in Briefen), immer mehr einebnet – in südlicher Umgangssprache anscheinend hauptsächlich zugunsten des Perfekts, in nördlicher und in von der Schriftsprache beeinflusster Umgangssprache zugunsten einer Mischung, bei der der Gebrauch der einen oder anderen Form einfach vom lexikalischen Verb abhängen könnte; und in der Schriftsprache mit (möglicherweise nicht mehr ganz stringenter) Aufrechterhaltung eines aspektuellen Unterschieds, wie immer der aussieht, aber mit tendenziell steigender Bevorzugung des Präteritums (nach meinem Eindruck auch manchmal dort, wo man gut auch ein Perfekt hätte verwenden können).
    #99Verfasser Greysnow (765275) 30 Jun. 17, 10:38
    Kommentar
    Ich denke auch, dass das Kölsche Dialekt zum Mitteldeutschen gehört, für mich sogar mit starken niederdeutschen Merkmalen: wat, dat ... usw., von Lautverschiebung keine Spur.
    #100Verfasser Uljae (831733) 30 Jun. 17, 16:32
    Kommentar
    Aber z.B. "maache" statt im Niederdeutschen "maken" oder die Verkleinerungsform "-sche" statt "-ke(n)". "Keine Spur" von Lautverschiebung gibt es also im Ripuarischen sicher nicht, sie ist nur nicht so stark ausgeprägt. Siehe dazu auch https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinischer_F%C...
    #101Verfasser JanZ (805098) 30 Jun. 17, 17:15
    Kommentar
    OT: #99 got singled out for special notice: Siehe auch: LEO-Buch der Rekorde - #54 ;)
    #102Verfasser patman2 (527865) 02 Jul. 17, 20:43
     
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