Die Bezeichnungen "Präsensperfekt" und "Präteritumsperfekt" (und dazu Futurperfekt) gibt es schon länger, und sie haben auch einen vernünftigen Hintergrund. Alle diese Formen heißen "Perfekt", weil sie mit dem Partizip II (Partizip Perfekt) und einem Hilfsverb gebildet werden. Das Partizip ist selbst unveränderlich, aber das Hilfswerb wird konjugiert und zeit damit auch die Zeit an: Beim Präsensperfekt (vorher Perfekt) steht das Hilfsverb eben im Präsens, beim Präteritumsperfekt (vorher Plusquamperfekt) im Präteritum. Leuchtet doch ein, oder? (Futur leuchtet ein bisschen weniger ein, weil hier das Hilfsverb nicht
haben oder
sein ist, sondern
werden, und damit die Formenbildung etwas komplizierter ist.)
Ich habe es für den Gebrauch der Tempora immer als hilfreich angesehen, nicht von den Formen der Verben auszugehen (so wie man im Lateinunterricht nacheinander die Konjugationen der Zeitformen einpaukt), sondern von den zeitlichen Bezügen, die ausgedrückt werden sollen. Alle Sprachen müssen dieselben zeitlichen Bezüge ausdrücken -- was jetzt ist; was vorher war; was noch nicht ist: was gleichzeitig mit etwas anderem geschieht, wobei das andere gestern oder erst morgen geschehen kann, usw. --, aber sie verwenden für diese Zwecke oft sehr unterschiedliche grammatische Formen. Wenn man die zeitlichen Bezüge klärt, kommt man der Verwendung der Zeiten schon näher.
Die Äußerungszeit, vereinfacht die Sprechzeit, ist immer das Jetzt, und alle zeitlichen Bezüge richten sich darauf, aber nicht allein darauf. (Bei schriftlichen Äußerungen, die im Gegensatz zur mündlichen Rede schon früher entstanden sein müssen, geht man dennoch vom Jetzt aus -- das "Jetzt" bezeichnet also die Gegenwart des Kommunikationsvorgangs, der eben in Hören oder Lesen bestehen kann.)
Als Zweites gibt es die Geschehenszeit. Sie ist mit dem Verb gegeben. Ein Geschehen kann punktuell sein (stolpern, finden, umfallen) oder eine grundsätzlich nach vorn und hinten mehr oder weniger offene Dauer haben (stricken, schlafen, frieren, altern).
Als Drittes gibt es die Bezugszeit, und das ist die Zeit, in die sich das sprechende Ich versetzt und von der aus sie das Geschehen betrachtet.
Das Präsens und das Perfekt setzen die Bezugszeit mit der Sprechzeit gleich; das Geschehen wird also auf die Gegenwart bezogen: beim Präsens wird die Gleichzeitigkeit mit der Geschehenszeit ausgedrückt (ich bin genervt; Franzi schläft die ganze Zeit; Papa ärgert sich mal wieder); beim Perfekt wird das Geschehen als zeitlich früher als die Sprechzeit angesetzt (die Katze hat geschlafen [sie streckt sich gerade, als ich hereinkomme]; schau mal, es hat geschneit; das Kaminfeuer ist ausgegangen). Wie weit sich das Geschehen in die Vergangenheit erstreckt, ist nicht immer klar, aber klar ist, dass es spätestens mit dem gegenwärtigen Zeitpunkt (dem Sprechzeitpunkt) aufgehört hat.
Beim Präteritum und beim Plusquamperfekt (eben dem Präteritumsperfekt) wie auch beim Futur I und II muss ich einen Bezugspunkt nennen oder voraussetzen (durch Kontext), einen Referenzzeitpunkt, auf den sich das Geschehen bezieht. (Achtung, ich rede hier nicht vom Erzählpräteritum in Romanen!) Als wir nach Hause kamen, stand die Terassentür weit offen. Das Geschehen -- ein Zeitverlauf, dessen Anfang und Ende nicht genannt oder gar nicht feststellbar ist -- ist gleichzeitig, aber nicht gleichzeitig mit dem Sprechzeitpunkt, sondern in Bezug auf einen Beobachtungspunkt, der selbst schon in der Vergangenheit liegt (als wir nach Hause kamen). Ebenso Als ich die Tür aufmachte, fiel der Besen um (zwei in Beziehung gesetzte Punkte in der Vergangenheit); als die letzten Gäste gingen, hatte das Küchenpersonal bereits die Gläser gespült (Bezugszeit ein Punkt oder kurzer Verlauf in der Vergangenheit, von dem aus betrachtet das Geschehen eine Dauer in der Vergangenheit hat, die zu einem ungenannten früheren Zeitpunkt eingesetzt hat, aber zum Bezugszeitpunkt abgeschlossen ist).
Ganz ähnlich kann man noch vertracktere Zeitrelationen ausdrücken. Der wesentliche Punkt hier ist, dass man außer beim Präsens und (Präsens-)Perfekt immer einen vom Sprechzeitpunkt verschiedenen Bezugspunkt braucht, der entweder klar ausgedrückt wird, etwa im Nebensatz, oder der im Zusammenhang erkennbar ist.
(Auf die regionalen Unterschiede kann ich jetzt nicht mehr eingehen, aber anwenden möchte ich das Verfahren zur Verdeutlichung noch auf das Beispiel von patman2 aus #74. Das Ergebnis ist ganz ähnlich wie das von JanZ #75, aber eben anders begründet:)
"Das liegt wohl daran, dass sich im Laufe der Zeit die Vorstellung der Christen von Engeln verändert hat.
Sprechzeitpunkt und Bezugszeitpunkt identisch, gemeint ist eine sehr lange Dauer, die mit dem Jetzt (nämlich unserer gegenwärtigen Vorstellung) an ein vorläufiges Ende gekommen ist.
Zuerst stellten sie sich Engel ohne Flügel vor. Sie sahen aus wie Boten.
Jetzt wird eine vergangene Bezugszeit eingeführt, der der im ersten Satz genannten Christen, und zwar der frühesten, wie das Wort "zuerst" deutlich macht. Das Geschehen (die Vorstellung, das Aussehen der Engel) ist zeitgleich mit dieser Bezugszeit; beide haben keine genau bezeichnete Dauer.
Dann wurden sie zu himmlischen Wesen.
Hier übernimmt das Verb die zeitliche Markierung. Bezugszeit ist wieder die des vorigen satzes -- also die Zeit späterer Christen --, aber "werden" zeigt an, dass es um eine Geschehensdauer geht, die in Richtung Gegenwart über die Bezugszeit hinausreicht,
Weil man aus dem alten Rom die geflügelte Siegesgöttin Victoria kannte, -- die Bezugszeit ist wieder die des vorigen Satzes, nämlich die Zeit der etwas späteren Christen, in deren Zeit die Engel zu himmlichen Wesen wurden -- hat man sich vermutlich sie zum Vorbild genommen und deshalb auch die Engel mit Flügel ausgestattet."
Die "Vermutung" ist ganz sicher eine in der Gegenwart, also der Sprechzeit, angesiedelte Annahme, gegenüber der ein vergangenes Geschehen mit unklarem Beginn bezeichnet wird (zum Vorbild nehmen, mit Flügeln ausstatten), von dem wieder einmal nur feststeht, dass es in Bezug zur Bezugszeit, die hier mit der Sprechzeit identisch ist, abgeschlossen ist.
Das hatte nun nicht so viel mit dem "Präteritum auf dem Rückzug" zu tun, immerhin (und hoffentlich) aber mit ein paar der inzwischen aufgeworfenen Fragen. Die Unterscheidung von Sprechzeit und Bezugszeit (sie haben in der Theorie noch alle möglichen anderen Namen; es ist aber vom Prinzip her dasselbe gemeint) hilft nicht nur, den Wechsel von Präteritum und Perfekt in der Literatur zu verstehen, man könnte auch den Spieß umdrehen und sagen: Schwaben und Hamburger verwenden nicht unterschiedliche Zeitformen von Verben für die Darstellung derselben Vergangenheit, sondern sie offenbaren ein unterschiedliches Verhältnis zur Vergangenheit, das sich eben in der Wahl des Bezugspunktes zeigt.