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Wissenschaftszeitvertragsgesetz

10 Antworten   
Kommentar
I've just finished watching a Krimi in which the Wissenschaftszeitvertragsgesetz played a role. It was impetus for a murder because someone was getting a position that another thought he should get and he was close to the end of his 12 years.

After reading the Wikipedia article (https://de.wikipedia.org/wiki/Wissenschaftsze...) and an English version of a presentation on the topic (http://www.iexp.uni-hamburg.de/sfb676/equalOp...), I still don't understand what it's all about. Who is affected? Who does it benefit or harm? Why was it enacted i.e. what problem was it supposed to solve? What problems has it created?
Verfasserpatman2 (527865) 13 Jan 18, 05:49
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#1Verfasserpenguin (236245) 13 Jan 18, 09:35
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Ich probiere es mal:
Das grundsätzliche Problem im heutigen deutschen Wissenschaftssystem ist, dass es im Verhältnis zu der Anzahl an qualifizierte Wissenschaftlern relativ wenig unbefristete Stelle gibt, da mehr oder weniger nur Professoren und die Verwaltungsangestellte unbefristet angestellt werden. Es gibt zwar noch ein paar akademische Räte und unbefristete wissenschaftliche MA, die meines Erachtens ähnlich dem Lecturer im englischen System sind, aber viel weniger als früher (das hängt aber auch vom Fach, Bundesland etc. ab).
Stattdessen hangelte man sich als Wissenschaftler bis zur Professur von einem befristetet Vertrag zum nächsten. Das waren dann oftmals auch nur 6-Monats-Verträge. Dazu kam (und kommt), dass man nicht mal relativ sicher sein kann, dass man am Ende eine unbefristete Professur oder sonstige Stelle bekommt. Und dann stand man mit 45 Jahren da und muss sich eine neue Karriere aufbauen oder sein Leben lang auf befristeten Verträgen bleiben.

Die Politik wollte dem entgegentreten, indem sie es den Unis mit dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz erschwert hat, Forscher auf befristete Stellen einzustellen. Es sagt, dass man als Wissenschaftler nur befristet werden kann, wenn man an einem Projekt arbeitet, das von jemanden anderen als die Uni und nur für einen bestimmten Zeitraum finanziert wird (es also offensichtlich nicht mehr Geld gibt), oder wenn man noch am Qualifizieren ist, also noch an seiner Doktorarbeit oder Habilitation arbeitet, also vielleicht gar kein toller Wissenschaftler wird. Hier kommt dann außerdem noch die Einschränkung hinzu, dass das Qualifizieren insgesamt nur 12 Jahre brauchen soll (plus Kinderzeit, Ausland etc.) und die Uni mindestens so lange einzustellen hat, dass die angestrebte Qualifizierung in der Zeit auch erreicht werden kann, z. B. für eine Doktorarbeit 3 Jahre. Nach diesen 12 Jahren muss die Uni den Wissenschaftler unbefristet einstellen.

Die Idee war, den Forschern zu helfen, in dem diese dann früher und vermehrt auf unbefristete Stellen eingestellt werden bzw. darauf klagen können, dass sie unbefristet eingestellt werden müssen, wenn keine der beiden Bedienungen erfüllt wird.
Ich denke, vor allem bei den Vertragslaufzeiten ist es auf jeden Fall besser geworden, da Verträge unter 3 Jahren schwer zu begründen sind.

Nun ist es aber so, dass die Unis aufgrund auch Ihrer unklaren finanziellen mittel-und langfristigen Situation jemanden lieber gar nicht einstellen als unbefristet. Daher ist das Gesetz leider im eigentlichen Punkt (mehr unbefristete Stellen zu schaffen), meines Wissens nicht wirksam. Bei uns wurde auf jeden Fall noch nie jemand einfach deswegen "entfristet", d.h. nachdem er sich erfolgreich qualifiziert hat, wurde aus seiner befristete Stelle eine unbefristet Stelle gemacht. Deswegen stehen dann die meisten von uns nach den 12 Jahren doch wieder auf der Straße und fangen von vorne an.
Dazu kommt noch, dass das Gesetz relativ viele Gründe dafür gibt, dass man sich auf eine unbefristete Stelle einklagen kann, was bei meiner Uni dazu führt, dass die Verwaltung es mir teilweise schon extrem schwierig macht, jemanden auch nur befristet einzustellen, aus Angst, dieser könnte sich später eine Entfristung der Stelle einklagen.

Es ist also meiner Meinung ein Gesetz, das gut gemeint ist, aber teils sogar das Gegenteil bewirkt. Allgemein ist es halt so, dass wenn es nicht genug Geld für etwas gibt, man noch so viele Gesetze dazu erlassen kann, wie man will.
#2VerfasserAnna72 (206104) 13 Jan 18, 17:00
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Thanks, Anna! A very good explanation. So clear. So thorough. You must be a scientist. :) Interesting point about unintended consequences arising from a well-intentioned law.


#3Verfasserpatman2 (527865) 13 Jan 18, 22:11
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De facto führt das Wissenschaftszeitvertragsgesetz aber dazu, dass die (befristete) Stelle eines Doktoranden nach sechs Jahren nicht mehr weiter verlängert wird, unabhängig davon, ob er seine Promotion abgeschlossen hat oder nicht.
Dabei werden sogar Vorzeiten an einer anderen Universität auf die sechs Jahre angerechnet. D.h. wer eine Promotion an einer Universität beginnt, dann abbricht und irgendwann später noch mal woanders anfängt, dem werden die Zeiten der ersten Promotion auf die sechs Jahre angerechnet.
Bei Postdocs ist es genauso - sechs Jahre Zeit zur Qualifikation, und wer bis dahin keine Professur o.ä. ergattert hat, fliegt raus.
#4VerfasserKopfloser_Nick (1064761) 15 Jan 18, 09:14
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Es ist tatsächlich noch schlimmer. Man muss noch nicht mal an einer Promotion gearbeitet haben, sondern es "sind alle befristeten Arbeitsverhältnisse mit mehr als einem Viertel der regelmäßigen Arbeitszeit, die mit einer deutschen Hochschule oder einer Forschungseinrichtung (..)abgeschlossen wurden,(..) anzurechnen." Nur studentische Hiwi-Tätigkeiten sind ausgeschlossen. Ich konnte deswegen gerade erst eine motivierte und qualifizierte Person nicht als Doktoranden einstellen, da sie während eines Zweitstudiums nebenher schon knapp 6 Jahre nicht als Hiwi sondern als MA auf Projektstellen eingestellt war.

#5VerfasserAnna72 (206104) 15 Jan 18, 13:40
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MA = Mitarbeiter?

Hiwi = wissenschaftliche Hilfskraft?

regelmäßige Arbeitszeit = 39 Stunden/Woche; 8 Stunden/Tag?


The person in the Krimi was already Dr. Soundso, but he said of himself: Ich bin nur Hiwi. Isn't it unusual for a postdoc to be Hiwi? Was that just a bitter comment because he felt as though he was treated like a lowly assistant?


#6Verfasserpatman2 (527865) 16 Jan 18, 01:54
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Antwort auf alle deine Fragen: Ja.

Ein Hiwi (wissenschaftliche Hilfskraft) ist üblicherweise ein Student, der ein paar Stunden im Monat an einem Lehrstuhl mitarbeitet. Es gibt auch geprüfte wissenschaftliche Hilfskräfte, die nach einem Bachelor- oder Master-Abschluss noch eine Zeit lang als Hiwis arbeiten.
Wenn sich aber ein Postdoc als "nur Hiwi" bezeichnet, dann ist das durchaus ein "bitter comment".
#7VerfasserKopfloser_Nick (1064761) 16 Jan 18, 08:16
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[Korinthenkackermodus]
Vielleicht hat sich etwas geändert, seit ich als Student an einer deutschen Uni als Hiwi gearbeitet habe, aber bei mir gab es damals ein Limit von zwanzig Stunden pro Woche, das ich relativ häufig erreicht habe, vor allem bei Mitarbeit an Forschungsprojekten.
[/Korinthenkackermodus]
#8VerfasserNorbert Juffa (236158) 16 Jan 18, 08:32
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Das ist richtig, das Limit gibt es heute noch.
Was aber nicht heißt, dass es nicht auch Studenten gibt, die nur einen Vertrag über 20 Stunden im Monat haben.
#9VerfasserKopfloser_Nick (1064761) 16 Jan 18, 08:55
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Es ging mir um die Charakterisierung "paar Stunden im Monat". Ein bißchen mehr sind es im Normalfall schon, denn die Untergrenzen lagen je nach Uni (oder Lehrstuhl?) bei zwanzig bis dreißig Stunden im Monat, wenn ich das noch richtig in Erinnerung habe.
#10VerfasserNorbert Juffa (236158) 16 Jan 18, 08:59
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