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  • Betrifft

    Lateinisches Leid

    Kommentar

    In der SZ vom Freitag wurde ein Buch besprochen (B. Wiest, 101 Essays, die dein Leben verändern werden), und u.a. eine Passage zitiert als Beweis für redaktionelle Schlampigkeit (wobei es meiner Meinung nach in erster Linie ein Fauxpas des Übersetzers sein dürfte). Zitat:

    Da ist es auch egal, dass das Buch aufgrund von redaktioneller Schlampigkeit gelegentlich sogar im Nonsens versinkt: "Leid stellt nur die Weigerung dar, zu akzeptieren, was ist [...] Etymologisch betrachtet stammt dieses Wort aus dem Lateinischen und bedeutet "aushalten, ertragen, betäuben". Nein, Leid stammt nicht aus dem Lateinischen und bedeutet aushalten und so weiter. Leid lässt sich vielmehr auf ein germanisches Adjektiv mit der Bedeutung "betrüblich, widewärtig" zurückführen, womit auch treffend beschrieben wäre, was man bei der Lektüre dieses Buchs so alles aushalten, ertragen muss, ohne sich wirksam betäuben zu können.

    Zitat Ende.


    Ich vermute, dass im engl. Original "suffer(ing)" stand. Allerdings irritiert mich "betäuben". Hier ist betäuben jedenfalls nicht genannt: https://www.etymonline.com/word/suffer Oder gibt es ein anderes engl. Wort, das aushalten, ertragen und auch betäuben abdeckt?

    Verfasser Selima (107)  03 Okt. 22, 10:10
    Kommentar

    Unter "suffer" würde jedenfalls das lateinische "sufferre" stecken, das würde den Bogenschlag zum Latein erklären. Insofern schließe ich mich Dir an, dass die Vokabel aus dem englischen Original "suffer" gewesen sein dürfte.


    Pons kennt für "suffer" noch "für etwas büßen/bezahlen" und historisch "erlauben", "gestatten", dict.cc passend dazu noch tolerieren. Einen Hinweis auf "betäuben" habe ich nicht gefunden, auch nichts, was ansatzweise in diese Richtung geht.

    #1Verfasser Pottkieker (871812) 03 Okt. 22, 11:47
    Kommentar

    Irgendwas mit numb vielleicht? Numb yourself and endure it.

    #2Verfasser Kapustiner (1229425) 03 Okt. 22, 12:05
    Kommentar

    suffering seems very likely...

    'What you have to know is that suffering is just the refusal to accept what is" gets lots of hits.

    I wonder if this really was editorial sloppiness, not the error of a human translator:

    Because look what etymonline.com says about the Latin sufferre: variant of Latin sufferre "to bear, undergo, endure, carry or put under"

    I could see a computer translating "put under" as betäuben. Cannot imagine a person doing that. And an editor failed to notice that the machine translation had gone askew.

    #3VerfasserAE procrastinator (1268904)  03 Okt. 22, 12:12
    Kommentar

    Die Vermutung , dass "suffering"im Originaltext steht, trifft zu:


    'What you have to know is that suffering is just the refusal to accept what is.

    #4Verfasser wienergriessler (925617) 03 Okt. 22, 12:16
    Kommentar

    Edith schimpft, weil ich zu langsam war mit dem Tippen.

    #5Verfasser Pottkieker (871812)  03 Okt. 22, 12:16
    Kommentar

    Auf die Idee, dass das Buch tatsächlich maschinenübersetzt und dann von einem Redakteur lediglich durchgesehen wurde, bin ich gar nicht gekommen. Dann wäre aber mit noch mehr solchen "Fehlübersetzungen" zu rechnen. Wenn einem Redakteur diese offensichtliche Falle nicht auffällt ...


    wienergriessler, hast Du das engl. Original vorliegen?

    #6Verfasser Selima (107) 03 Okt. 22, 12:28
    Kommentar
    #7Verfasser Kapustiner (1229425) 03 Okt. 22, 12:30
    Kommentar

    Die Quelle für mein Zitat war lediglich

    Brianna Wiest Quotes (Author of 101 Essays That Will Change the Way You Think) (page 4 of 11) (goodreads.com)


    Edit: Das Zitat in #7 ist aufschlussreicher.

    #8Verfasser wienergriessler (925617)  03 Okt. 22, 12:31
    Kommentar

    Ah, danke. Dann dürfte die Autorin tatsächlich aus derselben Quelle zitieren wie etymoline.


    Nun ja, das reicht jetzt auch wieder - das ist schon zu viel der Ehre für Autorin und ihren literarischen Ausstoß ... und recht eigentlich ist es wohl auch angemessen, damit keinen menschlichen Übersetzer zu molestieren.

    #9Verfasser Selima (107)  03 Okt. 22, 12:38
    Kommentar
    #10Verfasser wienergriessler (925617) 03 Okt. 22, 13:11
    Kommentar

    “But Jesus said, Suffer little children, and forbid them not, to come unto me” (Matthew 19:14, King James Version).


    (suffer = allow)

     


    BTW, the Passiv in German (from the Latin passio) also used to be called the Leidensform.

    #11Verfasser Stravinsky (637051) 03 Okt. 22, 13:29
    Kommentar

    Zu #9 @Selima


    OT


    ... und recht eigentlich ist es wohl auch angemessen, damit keinen menschlichen Übersetzer zu molestieren.


    Nee, bestimmt nicht, beurteilt nach dem, was ich kurz aus den Links in #7und #8 "erlesen" habe.


    Allerdings geht es schon ein bisschen in Richtung 'Ironie des Schicksals", wenn die SZ bei Wiests Buch "redaktionelle Schlampigkeit" bemängelt, dann aber selbst offensichtlich redaktionell schlampig arbeitet.

    #12Verfasser karla13 (1364913) 03 Okt. 22, 13:34
    Kommentar

    @ 11 to suffer = allow


    auch bei Grimm:


     6) leiden, aushalten: werme reinen brunnen, daʒ er die hant darinne lîden künne. v. g. spise 14; und alles was das fewr leidet, solt jr durchs fewr lassen gehen, und reinigen, das mit dem sprengwasser entsündiget werde. aber alles  

    7) einen oder etwas leiden, seine gemeinschaft oder anwesenheit zulassen, ertragen: si half im inner zweinzec tagen, daʒ man in allenthalben leit und niemen durch die wunden meit. Trist. 201, 5; darnach  

    8) das part. gelitten, als gesellschafter angenommen: um sich an den königl. und churfürstlichen höfen, an welchen er gelitten war, nicht in misgunst zu setzen. Lessing 11, 45; Marenholz konnte nicht gelitten sein, weil er fräulein von Ungnaden geheirathet hatte.



    @ OP Hier wird offenbar das Leid fälschlicherweise mit dem Leiden gleichgesetzt. Die Wörter sind unterschiedlichen etymologischen Ursprungs ("altes ei" bereits im ahd. , "junges ei" neuhochdeutsche Diphthongierung aus mhd. ī)


    das Leid - zu leid Adj.; ‘schmerzlich, bedauerlich, widerwärtig’, ahd.leid (8. Jh.), mhd.leit ‘nicht lieb, betrübend, widerwärtig, verhaßt, schmerzlich’,

     

    das Leiden - zu leiden Verb; ‘von körperlichem oder seelischem Schmerz gequält werden’, mit Akkusativ ‘etw. ausstehen müssen, ertragen, dulden, zulassen’, daher auch (bereits frühnhd.) jmdn., etw. (nicht) leiden können; ahd.līdan ‘ertragen, erdulden’ (Otfrid, 9. Jh., doch zuvor wohl schon gilīdan ‘mit jmdm. dulden’ für spätlat.compatī, 8. Jh. in St. Gallen), mhd.līden ‘ertragen, erdulden’


    [Beide aus Pfeifer, DWDS; Hervorhebung von mir]


    #13Verfasser manni3 (305129)  03 Okt. 22, 15:15
     
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