Durch die Schlamperei(en) wird die Sprache immer weniger schön!
Alle Sprachen befinden sich in stetigem Wandel. Das ist so, seit die ersten Menschen anfingen, sich durch lautliche Artikulation über komplexe Sachverhalte auszutauschen. Erst mit der Erfindung der Schrift begann man überhaupt, Regeln und Grammatik zu definieren, um einheitliche Standards auch über größere räumliche Distanzen zu schaffen. Solche Regeln sind aber nicht per se "schön", sondern passen sich -- mit einem gewissen Zeitverzug -- an den Sprachwandel an. Und das ist gut so. Was heute noch als "unschön" oder "falsch" gilt, ist morgen Standard; was heute "richtig" ist, klingt morgen hoffnungslos altertümlich. Schon die Sprache Goethes und Schillers wirkt auf uns heute irgendwie "staubig", von der Luthers gar nicht zu reden.
Veränderungen bei der Verbflexion sind ein typisches Beispiel für den Sprachwandel. Dabei geht die Tendenz in der Regel weg von der starken und hin zur schwachen Beugung. Manchmal aber auch umgekehrt, wie an der Ausbreitung des Partizips "gewunken" zu erkennen ist.
Das Verb "senden" befindet sich in einem solchen Wandelprozess. In seiner klassischen Bedeutung als Synonym von "schicken" -- mit Akkusativ- und Dativobjekt -- wurde es früher und wird es immer noch überwiegend stark gebeugt. Die schwache Beugung nimmt aber zu, und das hat nichts damit zu tun, ob das, was versendet wird, anfassbar ist oder nicht. Natürlich waren versendbare Objekte in früheren Zeiten in der Regel irgendwie anfassbar, aber man kann auch z. B. jemandem eine Nachricht senden, indem man sie mündlich überbringen lässt. Für die Verbflexion spielt es keine Rolle, ob die Nachricht auf Papier steht, im Gehirn eines Überbringers oder im Speicher eines Computers existiert. In allen Fällen kann man sagen, die Nachricht wurde jemandem gesandt oder gesendet. Die schwache Beugung ist weder "falsch" noch "unschön", sondern nur neuer.
Nun hat das Verb "senden" aber seit vielleicht 150 Jahren eine weitere Bedeutung erhalten, nämlich "über eine Funkanlage ausstrahlen", in der es auch grammatisch von der Urbedeutung abweicht. Es kann nämlich in dieser Bedeutung kein Dativobjekt regieren (nicht: "das Fernsehen sendete mir einen Film"), und es kann sogar komplett intransitiv sein ("RTL sendet seit 20 Jahren"). Dieses Verb wird (laut Duden außer in der Schweiz) immer schwach gebeugt.