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"Wie Cipolla sich unter diesen Umständen den Ausgang denke. – 'Sie werden mir', antwortete der Cavaliere, 'damit meine Aufgabe etwas erschweren. An dem Ergebnis wird Ihr Widerstand nichts ändern. Die Freiheit existiert, und auch der Wille existiert; aber die Willensfreiheit existiert nicht, denn ein Wille, der sich auf seine Freiheit richtet, stößt ins Leere. Sie sind frei, zu ziehen oder nicht zu ziehen. Ziehen Sie aber, so werden Sie richtig ziehen, – desto sicherer, je eigensinniger Sie zu handeln versuchen' ".

(T. Mann, Mario und der Zauberer)
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What did Cipolla think the outcome would be under these conditions? “You will,” replied the cavaliere, “make my task a bit more difficult. Of the outcome your resistance will change nothing. Freedom exists, and the will exists, too; but freedom of the will does not exist, for a will directed at its own freedom flails at air. You are free to draw or not to draw. But if you draw, you will draw right—the more surely the more willfully you try to act.
VerfasserBob C. (254583) 14 Mai 18, 19:14
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Wäre hier nicht auch "a will aiming at its own freedom" eine Option?
#1Verfasserweißnix (236288) 14 Mai 18, 19:57
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Yes, probably. I want to make sure I understand the German correctly.

This seems to me to be a point at which nuances become significant.
#2VerfasserBob C. (254583) 14 Mai 18, 20:00
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focus?
#3Verfassernoli (489500) 14 Mai 18, 20:13
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No, I like 'direct'. For 'aim at' I'd expect 'zielt auf', which is stronger than 'richtet'.
#4VerfasserGibson (418762) 14 Mai 18, 21:25
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Das "richten auf" heißt hier "angewendet auf", "in Anwendung gebracht auf/gegenüber" oder (in einer etwas martialischerer Formulierung) "in Anschlag gebracht". Das heißt, die Freiheit soll zum Gegenstand des Willens werden. Insofern ist "directed at" ziemlich gut. Geht auch "turned on"?, frage ich mich.

Eine subtilere "significant" Nuance hier ist das "richten auf" (= die Stoßrichtung! des Willens), gefolgt von "stößt ins Leere". Das ist zweifellos literarische Absicht. Diese zielgerichtete Bewegung, die dann kein Ziel findet, ist in "flails at air" in ein ganz anderes Bild umgesetzt.
#5VerfassersebastianW (382026) 15 Mai 18, 03:44
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Diese zielgerichtete Bewegung, die dann kein Ziel findet, ist in "flails at air" in ein ganz anderes Bild umgesetzt.
Wobei ich,offen gesagt, dieses andere Bild für nicht so recht gelungen halte.
#6Verfasserwienergriessler (925617) 15 Mai 18, 07:14
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Vllt. könnte man auch mit "target/targetting" arbeiten, darin wäre das "Ziel" auch enthalten.
#7Verfasserwaltherwithh (554696) 15 Mai 18, 07:51
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address (widmen?)
#8Verfassernoli (489500) 15 Mai 18, 10:17
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mir gefällt noli's focus am besten:
a will focused on its own freedom
#9VerfasserChrysalis66 (1189140) 15 Mai 18, 11:44
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#5 u. #6: nun, was ist nicht gelungen: Ausgangtext oder Übersetzungsversuch?
#10VerfasserBob C. (254583) 15 Mai 18, 13:50
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Ich verstehe das Bild im Deutschen so: Der Wille richtet sich auf ein Ziel und stößt (1x) ins Leere. Das englische flail suggeriert für mich ein mehrfaches Herumstochern, was ich persönlich nicht im deutschen Text finde.
Das hängt aber sicherlich vom persönlichen Empfinden des Lesers ab; deshalb auch meine nur subjektive Meinungsäußerung in #6 :-)
#11Verfasserwienergriessler (925617) 15 Mai 18, 13:56
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Nein nein! Im Gegenteil, Wiener, ich finde, du hast durchaus recht. Genau deswegen war auch ich mit "flail" nicht ganz zufrieden! (Zum Beispiel, zunächst habe ich es wörtlich versucht: strike at (thin) air. Ist aber auch nicht gelungen.)

Aber ich habe lange nach einer geeigneten Übersetzung für ins Leere stoßen gesucht und bis jetzt . . . stoße ich ins Leere. (Interessanterweise finde ich die Wendung in keiner der Wörterbücher, die ich normalerweise wälze.)
#12VerfasserBob C. (254583) 15 Mai 18, 14:04
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A problem with “directed at” is it eliminates the reflexivity of “sich richtet,” which is arguably important.
 
“focused on” has the same problem, though you can avoid it (“a will that focuses on its, etc.”). But “focus” has optical-cognitive associations that in my mind don’t belong here at all—any more than the “unknown” does in this existing translation (online): “a will that aims at its own freedom aims at the unknown.”
 
Re “ins Leere stoßen” (I’m not keen on “flails, etc.” either) I feel it is, among other things, being used idiomatically, a variant of “ins Leere laufen,” so maybe something idiomatic rather than literal is called for. That said, another stopgap draft:
 
 “… because a will that aims at its own freedom has no mark to hit.”
 
(Incidentally, the whole sentence strikes me as utterly sophistical—who, seriously, talking of freedom of the will, considers the will to be directed/aimed at freedom!—although maybe the surrounding context sheds some light on this.)
#13VerfasserBion (1092007) 15 Mai 18, 14:13
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Thanks to Bion for the additional considerations. (The context of Mann's views on will and freedom is most of his writing, if I'm not mistaken! In this novella, the magician exerts his will over that of individual audience members, making them do things whether they want to or not. But the sentence before us has implications about will and freedom that go beyond forcing cards.)

By the way, I never have reference to "the existing translation," which is so hopelessly bad that I can't bear to look at it, like a Medusa.
#14VerfasserBob C. (254583) 15 Mai 18, 14:33
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---the translation of that one sentence at that point is certainly ham-fisted ...
#15VerfasserBion (1092007) 15 Mai 18, 15:08
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What about this (all welcome, but native speakers of German encouraged to weigh in, too):

. . . but freedom of will does not exist, for a will directed at its own freedom strikes at empty air.
#16VerfasserBob C. (254583) 15 Mai 18, 15:32
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I am still trying to grasp it...
Freedom exists as does will but not the freedom of will, because if will tries to deal with/examine its (own) freedom it deals with/hits (ends up in) a void???.
#17Verfassernoli (489500) 15 Mai 18, 15:43
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Noli's question may actually be the most important one; if I don't know what M. is actually trying to say, the passage cannot be translated sensitively.

I think he's saying that trying to will your own will is a contradiction in terms.

Perhaps:

Freedom exists, and the will exists, too; but freedom of will does not exist, for a will that tries to direct its own freedom strikes at empty air. 
#18VerfasserBob C. (254583) 15 Mai 18, 15:51
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No, you want something both as literal as possible and idiomatic. This is Cipolla speaking. His interpretation of freedom of the will being the will directing itself / aiming at its own freedom is pure humbug, rhetorically effective but devoid of sense. (There's something alarmingly familiar about this in relation to the contemporary recrudescence of fascistic conmen and loud-mouthers bluffing, bending the truth, bending people to their will.)
#19VerfasserBion (1092007) 15 Mai 18, 18:26
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I certainly agree that we want something as literal as possible and also idiomatic!

I also want to make sure I understand Cipolla's meaning.
#20VerfasserBob C. (254583) 15 Mai 18, 18:56
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---it's nothing but empty wordplay in the section of the sentence following the semicolon.
#21VerfasserBion (1092007) 15 Mai 18, 19:01
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Was die Interpretation angeht, bin ich absolut einverstanden mit Bion #13 und besonders #19. Cipolla baut einen Pappkameraden; die Logik dabei ist reine Rhetorik, also Scheinlogik. Was Mann selbst über die Willensfreiheit denkt, ist hierbei irrelevant.

Die "Logik": Der Wille unterwirft die Gegebenheiten und zwingt sie in die gewünschte Form.
Die Freiheit ist die Abwesenheit von Zwang.
Die Freiheit ist die Bedingung für die Ausübung des Willens, also ist der Wille selbst nicht erzwungen.
Der Wille, der sich kraft seiner Freiheit dafür entscheidet, die Freiheit selbst, die seine eigene Voraussetzung ist, einem Zwang zu unterwerfen, verwandelt die Freiheit in etwas Nicht-mehr-Freies, nämlich etwas vom Willen Bestimmtes. und schafft damit seine eigene Voraussetzung ab.
Ergo: Es gibt keinen freien Willen.

Nun ist ja der Wille etwas, das Potentialität in Realität verwandelt. Die philosophische Frage ist, ob er dabei frei ist oder durch vorgegebene Realitäten bereits determiniert. Dieser modus operandi des Willens ist aber selbstverständlich nichts, was selbst dem Willen unterworfen wäre (der ja den modus operandi bereits braucht, um aktiv werden zu können).

Dass der Zauberer, der seine Macht aus Manipulation bezieht, die Willensfreiheit hinwegeskamotiert, gehört natürlich zu Manns Charakterisierung der Figur.

#22VerfassersebastianW (382026) 15 Mai 18, 19:26
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Sebastian, noch einmal vielen Dank für die aufschlussreichen Erläuterungen.

Ich habe mich zu lässig ausgedruckt. Selbstverständlich wollte ich nicht behaupten, dass die philosophischen Ansichten des Mann mit denen des Cipolla zusammenfallen.
#23VerfasserBob C. (254583) 15 Mai 18, 22:58
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... das war nicht als Kritik gement, Bob. Nur wegen #14, weil du Manns Auffassung als "Kontext" erwähnt hattest :-)!
(OT Korrekturito: niemals "die philosophischen Ansichten des Mann", sondern "Manns", der "des/der"-Genitiv wird bei Personen höchstens bei fiktionalen Personen oder in juristischem Kontext verwendet oder bei zusammengesetzten Namen wie etwa "des Schriftstellers Mann".)
#24VerfassersebastianW (382026) 16 Mai 18, 12:37
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Hm. In diesem Fall ist das Argument aber m.E. nicht ganz so einfach als sophistisch abzutun. Das Problem ist ja, dass hier tatsächlich die Kartenzieher versuchen, so zu ziehen, dass sie nicht die vom Zauberer gewollte Karte ziehen. Sie versuchen sozusagen, ihren Willen so auszuüben, dass er nicht der des Zauberers gewollte ist, statt einfach ihren Willen auszuüben.
Das hat schon was Unfreies, wenn man sich vorstellt, was da für Überlegungen ablaufen ("nehme ich die, die ich genommen hätte, oder extra jetzt eine andere, oder ist genau das das, was er will" usw.). Die einzige Art, sich dem Problem komplett zu entziehen, ist, keine Karte zu nehmen.
Die Unzulässigkeit des Arguments setzt erst dann ein, wenn man versucht, einen allgemeinen Punkt draus zu machen. Ob er das hier versucht oder nur die Situation kommentiert, kann ich nicht beurteilen.
(Abgesehen davon, dass es sich natürlich - wäre das hier jetzt das "echte Leben" - um einen Trick handelt, der letztlich gar nichts mit Willensbeeinflussung zu tun hat.)
#25Verfasserigm (387309) 16 Mai 18, 12:52
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Sebastian: herzlichen Dank für die Korrekturito. Immer willkommen. Übrigens ist Kritik jedweder Art immer willkommen!

igm raises an important issue, and it leads into a fascinating discussion, but it would take many large yellow boxes to exhaust it. Two quick points may supplement igm's comment and further clarify the context of the will and freedom question:

The narrator of this novella speculates that the conjuror uses a combination of arcane powers and magician's tricks: "Wieweit Cipolla die mit ihm geborenen Gaben auch noch durch mechanische Tricks und Behendigkeitsmittelchen unterstützte, mochte der Teufel wissen." (Mann loved the illusion mentalists and mediums create and turns it into a powerful metaphor here and in other writings.)

The novella as a whole, set as it is in Italy in the late 20s, is widely regarded as a critique of the political atmosphere in Italy of that period, when Mussolini was urging Italians to recapture the glory of the Roman Empire. As Bion intimates above, in the background hovers the question of the charismatic political leader's mass appeal.
#26VerfasserBob C. (254583) 16 Mai 18, 13:38
Quellen
Irgendwie steckt in dem deutschen Bild ein Zielen und Zustoßen wie mit dem Degen - aber da Ziel ist nicht (mehr?) da: Spiegelfechterei. Maybe an image taken from shadow-boxing would help?

Übrigens: Aus Sicht eines Zauberers ist es tatsächlich egal, welche Karte man zieht, der Trick funktioniert unabhängig von der Entscheidung des Probanden!
Kommentar
you may also be interested in this brief exchange: http://www.thomasmann.de/thomasmann/forum/thr...
#27Verfasserlibritor (876887) 16 Mai 18, 19:12
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Danke für den Link. Interessant, bestimmt, bin mir aber nicht sicher, ob er unser Thema näher beleuchtet und uns weiterhilft.
#28VerfasserBob C. (254583) 16 Mai 18, 20:29
Kommentar
Klar, der Link erweitert nur den philosophischen Kontext der Textstelle.
Was hältst Du von der "Spiegelfechterei"? Das ist es, was der Zauberer hier benennt und betreibt. So "empty" ist das Wortspiel gar nicht. Er sagt "der Wille richtet sich auf die Freiheit" ("directed at its own freedom" finde ich am besten), aber sein Proband fühlt sich umgekehrt(!) FREI zu entscheiden, welche Karte er ziehen WILL.
Als non-native speaker traue ich mich aber nicht, dies in ein sprachliches Bild umzumünzen.
#29Verfasserlibritor (876887) 16 Mai 18, 21:21
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Ich nehme an, die deutschen Muttersprachler würden dir beipflichten, das Bild ist von einem Schwert oder Degen, das oder der in reine Luft haut. Mir fällt aber keine englische Wendung ein, die diesem Bild gerecht wird.

Ich hoffe, den Sinn ausreichend genau wiederzugeben, wenn ich mich möglichst buchstäblich halte:

. . . for a will that tries to direct its own freedom strikes at empty air.

obwohl die Spiegelfechterei dabei eingebüßt wird.
#30VerfasserBob C. (254583) 16 Mai 18, 22:11
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Das passt m.E. sehr gut.
#31Verfasserwienergriessler (925617) 17 Mai 18, 09:00
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#30
What justification is there for making “freedom” a direct object of the verb? And “tries”? Sorry, but this is all interpretation. For “stößt,” if this is the direction you want to go in, you might consider “lunges.” It’d need to be brought it into something like conformity with the preceding clause.
 
(I still think Cipolla’s words are sophistical here, by which I don’t mean they have no point, no aim, no purpose. It’s precisely the kind of word-jugglery Mann would have wanted in order to make his point. Admittedly, my judgment is based merely on this passage and what I’ve read about (i.e., not on a reading of) the novella. Cipolla’s logomachic dismantling of “Willensfreiheit” could be applied to just about anything, “Menschenliebe” for example: „Die Liebe existiert, und auch der Mensch existiert; aber die Menschenliebe existiert nicht, denn ein Mensch, der sich auf die Liebe richtet, stößt ins Leere“—so go to it, as the bawd might say.)
#32VerfasserBion (1092007) 17 Mai 18, 09:37
Übersetzunga will that aims at freedom is striking out at a void
Quellen
I'm not sure this is idiomatic, but hope you see my meaning.
Other phrases that come to mind:
für sich richten auf: thrust, lunge, pass (as in Elizabethan English=make a thrust), jab
für stoßen: lunge etc., advance, encounter
für Leere: emptiness, has no mark to hit (I like that, Bion), draws a blank, comes to nought

Kommentar
#31: Nö.
#32: stimme zu, Bion, a will that tries to direct its own freedom = ein Wille, der versucht seine (eigene) Freiheit zu LENKEN, - entspricht gar nicht der Textstelle.

It takes a poet to translate a poet. Trotzdem wage ich es jetzt mal (s.o.).
#33Verfasserlibritor (876887) 17 Mai 18, 15:01
Kommentar
Good morning, and thanks again for your unstinting efforts.

The talents of a poet are undoubtedly of inestimable value at a certain point, but the poet must first know what is being said. Only then can artistry can find the best way to say it.

What is Cipolla saying about the effect of will on freedom? The will richtet sich auf freedom. Normally that would mean it points at or is aimed at freedom, so perhaps is directed at freedom or directs itself at freedom would be the translation. But in English that doesn't make a lot of sense, does it?

So what is C. getting at? What does will do to freedom?

(Apologies to all who have spoken before in this thread. Several have already addressed this, and I must of course review and digest all that's been so thoughtfully contributed, but I may not get to it for another day.)
#34VerfasserBob C. (254583) 17 Mai 18, 17:12
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A will that aims at freedom ist keine glückliche Lösung. Und was "richten auf" angeht, würde ich empfehlen, nicht sofort nach einer Metapher zu suchen, sondern erst einmal den Sinn festzustellen. Hier heißt es nämlich nicht thrust, lunge usw.. Wie übersetzt man "die Aufmerksamkeit richtet sich auf ..."? Was Cipolla inhaltlich sagt, ist ... because a will that is applied to its own freedom (brought to bear on its own freedom) will encounter a void (will evaporate in thin air; will find nothing to deal with).

Wegen deser eingeschränkten Bedeutung des "gerichtet auf" geht auch die Formulierung in Bions schönem Beispiel leider nicht: "der Mensch richtet sich auf die Liebe" kann man nicht sagen (umgekehrt schon). Warum genau das so ist, müsste ich jetzt auch überlegen.
#35VerfassersebastianW (382026) 17 Mai 18, 17:22
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Gesucht - das Verständnis des Exzerpts hier:
"....aber die Willensfreiheit existiert nicht, denn ein Wille, der sich auf seine Freiheit richtet, stößt ins Leere."

Ohne all die schlauen Interpretationen bisher hier richtig gelesen zu haben, sage ich mal, das, was ich beim ersten Lesen des OP danach dachte,

Klar .... Der menschliche Wille bleibt ja im Käfig / in der Box des Gehirns, und das Denken kann nicht über diese Box hinausdenken, daher kann ein Wille und damit der Mensch nie frei sein, ergo gibt es auch keine Willensfreiheit.

(Ich hab viele Texte über Willensfreiheit getippt, aber sehe mich immer noch außerstande, das alles zu begreifen. Manchmal mag dennoch ein halb-naiver Blick drauf helfen.)
#36VerfasserBraunbärin (757733) 17 Mai 18, 21:52
Übersetzungsich richten auf etwas
Quellen
#34 What does will do to freedom?

Kommentar
Die Phrase ist so wie Thomas Mann sie hier in seiner von mir als leicht manieriert empfunden Art verwendet im Deutschen auch ungewöhnlich. Vielleicht läßt er den Zauberer als Manipulator aber auch bewußt in Assoziationen und Konnotationen sprechen. Wohlan, here goes:

das Fernrohr, die Kamera, das Gewehr auf etwas richten (also zielen)
die Augen, den Blick auf jemanden richten
im übertragenen Sinn (Duden): seine Wünsche auf ein bestimmtes Ziel richten; Bsp.: sein ganzer Hass richtete sich auf sie

Demnach: "ein Wille (=Wunsch), der sich auf seine Freiheit (=Ziel) richtet" ist eine Verkehrung der Vorstellung der Willensfreiheit

Hence I feel that aims at in the sense of wants to achieve with the association of taking aim hits the nail pretty much on the head.


#37Verfasserlibritor (876887) 18 Mai 18, 09:51
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Tut mir leid, aber das ergibt mMn überhaupt keinen Sinn -- aims = wants to achieve?

Wie gesagt: das ganze "zielen -- stoßen" gehört zur Ausdrucksebene, als Bild. Inhaltlich geht es darum, dass der Wille auf etwas angewendet wird.

"richten auf" heißt "zum Gegenstand machen", sich etwas wünschen (etwas hassen) heißt entsprechend, dieses Etwas zum Gegenstand seines Wunsches (seines Hasses) zu machen. Der Wille richtet sich auf etwas, nämlich den Gegenstand, den er seinem Willen unterwerfen will, also in seinem Sinne beeinflussen will. Ob der Wille das "freiwillig" tut oder dabei selbst einer bestimmenden Kraft unterworfen ist, ist die Frage der Willensfreiheit.

Cipolla führt die Vorstellung eines freien, das heißt spontan aus der jeweiligen Vorstellung des Individuums entstehenden, autonomen Willens mit dem Paradox ad absurdum, dass er die Voraussetzung des freien Willens, nämlich die Freiheit selbst, zum Gegenstand des Willens erklärt. Mit derselben Logik könnte er beweisen, dass der unfreie Wille nicht existiert, denn der Wille, der seine Unfreiheit zum Gegenstand hat, also auf sie angewendet werden kann, muss ebenfalls scheitern, weil er sonst ja über seine Unfreiheit triumphieren würde, also frei wäre.

Es geht Mann in dieser Erzählung nicht darum, in der (philosophischen) Frage der Willensfreiheit Stellung zu beziehen, sondern darum, die Folgen eines aufgezwungenen Willens zu zeigen, die hier vom scheinbar Lustigen (hypnotisierte Personen) bis zum tödlichen Unfall reichen. Es geht nicht eigentlich um Willensfreiheit, sondern um die Macht des Willens als Herrschaftsinstrument.

Cipolla "beweist" ja (in der Praxis, nicht logisch!) nur, dass der Wille seiner Versuchspersonen nicht frei ist, weil er nämlich machtlos gegen seinen, des Zauberers, überlegenen Willen bleibt. Ob Cipolla damit implizit die Freiheit seines eigenen Willens behauptet, wird nicht diskutiert.

(zu #36: Dass das menschliche Denken bedingt ist -- nämlich geknüpft an die biologische Existenz inkl. Gehirn --, sagt noch nichts aus über seine Freiheit. Andernfalls hätte man sich die ganze Diskussion seit Hunderten von Jahren sparen können.)
#38VerfassersebastianW (382026) 18 Mai 18, 14:48
Quellen
Employment Minister Michael Forsyth said:' The Government must aim at getting Britain back to work'.
We should not aim at levels of US poverty as goals for our society.
But I wish they would aim at scrupulous accuracy regarding the facts and moderation in their comments.
The summit also agreed to aim at completing an ambitious co-operation agreement...
... or to aim at abolishing poverty.
(all from the BNC)
Kommentar
In diesen Beispielen ist aim at im Sinne von "als Ziel setzen/möglichst erreichen" gebraucht. Was etwas anderes ist als synonym zu want to achieve.

Hope, this clarifies it.
#39Verfasserlibritor (876887) 18 Mai 18, 18:40
Quellen

#38: Cipolla führt die Vorstellung eines freien, das heißt spontan aus der jeweiligen Vorstellung des Individuums entstehenden, autonomen Willens mit dem Paradox ad absurdum, dass er die Voraussetzung des freien Willens, nämlich die Freiheit selbst, zum Gegenstand des Willens erklärt.
Kommentar
Sag ich doch! In der Analyse stimmen ich Dir voll zu!
#40Verfasserlibritor (876887) 18 Mai 18, 18:42
Kommentar
Gut, wahrscheinlich habe ich Dich ja falsch verstanden, weil Du geschrieben hast "Hence I feel that aims at in the sense of wants to achieve [ ... ] hits the nail pretty much on the head." Was die Beispiele aus #39 angeht, so verstehe ich das immer noch nicht. Ein paar davon sind nun eindeutig Synonyme zu "want to achieve". Bei Thomas Mann ist jedenfalls weder "wants to achieve" gemeint noch "aim at" im Sinne von "als Ziel wählen". Aber das habe ich schon zu erklären versucht. So wichtig ist das jetzt nicht, dass wir im Duell klären müssen, wer nun wen missversteht. Salut!
#41VerfassersebastianW (382026) 19 Mai 18, 01:23
Kommentar
Moin, und entschuldige bitte, dass ich so lange ausblieb (anderweitig beschäftigt).

Ich habe die ganze Diskussion mehrmals durchgelesen und denke, ich werde mich vorläufig konservativ halten und eher möglichst wörtlich: a will that directs itself at its own freedom strikes empty air. Wobei mir sehr wohl bewusst ist, dass wir darin noch nicht einig sind und ich damit nicht zufrieden bin. Manche Vorschläge, die oben gemacht wurden, habe ich natürlich noch nicht ausgeschlossen. Aber ich lasse es fürs erste gut sein.

Kommt Zeit, kommt Rat.
#42VerfasserBob C. (254583) 23 Mai 18, 14:12
Kommentar
Ganz andere Möglichkeit: sich auf etwas richten heisst, sich auf etwas einstellen, auf etwas aufbauen, hier also for a will that tries to base itself / to rely on its own freedom steps on empty air, vielleicht mit Bezug auf die Bibel, wo einer sein Haus auf Sand richten will.  
#43VerfasserMarco P (307881) 23 Mai 18, 15:47
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@43. Sehe ich überhaupt nicht so. Höchstens 'errichten' (und die Redewendung ist
bekannter als "sein Haus auf Sand bauen").
Und wieso "steps on empty air"?
#44Verfassereastworld (238866) 23 Mai 18, 16:14
Kommentar
Ich denke, dass man die passende Übersetzung nur im Gesamtkontext des zweiten Teiles von "Mario und der Zauberer" finden kann. Mann beschreibt hier über mehrere Seiten hinweg den dämonischen Einfluss eines Taschenspielers, wie er ihn nennt, und Illusionisten, wie man ihn heute nennen würde. Cipolla ist, ohne viel interpretieren zu müssen, eine Verkörperung Mussollinis. Mann zeigt hier, wie Cipolla, eine abstoßende, groteske Figur, Schritt für Schritt die Zuseher ihres freien Willens beraubt und, wortwörtlich, zu seinen Marionetten macht indem er sie unter seinen Willen zwingt. Der Wille des Einzelnen ist daher über die gesamte Passage hinweg das bestimmende Thema. Einzelne Figuren versuchen, sich ihm zu widersetzen, sie werden aber alle von ihm bezwungen - erst das "einfache Volk", dann die "gehobenere Schicht".
Der zu übersetzende Satz stammt von der ersten Szene, die einen solchen Kampf beschreibt. Cipolla verneint hier einfach die Möglichkeit eines freien Willens jenseits dessen, ob der Mann mitspielen möchte oder nicht. "Sie sind frei, zu ziehen oder nicht zu ziehen. Ziehen Sie aber, so werden Sie richtig ziehen, – desto sicherer, je eigensinniger Sie zu handeln versuchen." geht der Text weiter. Der Satz soll hier verblüffen, eine Art Vorschau auf das Kommende bieten, ohne zu deutlich zu werden.

Cipolla interessiert nicht, welchen Effekt der Wille auf die Freiheit hat, denn es gibt für ihn keine Freiheit des Einzelnen, keinen freien Willen des Einzelnen. Er möchte die Idee an sich ad absurdum führen, weil er, wie Sebastian schon sagte, seinen Willen den Zuschauern aufzwingt, um sie zu beherrschen.

Mann beschreibt später sehr direkt weitere Episoden der Vorstellung, in der sich der Wille des Ausführenden dem "stummen in der Luft liegenden Gemeinschaftswillen" unterwirft, zitiert den Zauberer, der alles als "seine [Leistung],des Führers und Veranstalters, in welchem der Wille Gehorsam, der Gehorsam Wille werde". Die "zweite Hälfte seines Programms nun war ganz offen und ausschließlich auf den Spezialversuch, die Demonstration der Willensentziehung und -aufnötigung, gestellt."
 
Worauf ich also hinaus will ist das folgende: Ich persönlich halte es für unnötig, dem vorliegenden Satz eine besondere Interpretation durch die Übersetzung zu geben. Mann spricht so oft vom Willen, steigert die Beschreibung der Entziehung des freien Willens selbst immer mehr in seiner Erzählung, dass man ihm meiner bescheidenen Meinung nach entgegenkommen sollte, indem man streng übersetzt, was da steht. Mann hat selbst an der Verbalisierung dieser Spirale der Demütigung des Publikums durch den schrittweisen Entzug des eigenen Willens mit Bedacht gefeilt.
Der vorliegende Satz selbst soll verwirrend sein: "Man mußte zugeben, daß er seine Worte nicht besser hätte wählen können, um die Wasser zu trüben und seelische Verwirrung anzurichten." Eine klärende Interpretation wäre kontraproduktiv. Ich unterstütze daher eine möglichst konservative Übersetzung wie Bob sie vorschlägt.
#45VerfasserPinscheline (1070141) 23 Mai 18, 16:25
Kommentar
Abrazos!
#46VerfasserBob C. (254583) 24 Mai 18, 00:49
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