| Comment | Wie Manni in #9 sagt, kommt das Problem daher, dass "außer" Konjunktion oder Präposition sein kann. Als Präposition regiert es den Dativ. Als Konjunktion regiert es gar keinen Fall. (Der Satz: "Außer kann auch mit dem Genitiv stehen" wie in Ich entsinne mich aller dieser Vorgänge nicht mehr außer dieses einzigen ist streng genommen falsch, denn hier steht "erinnern" mit dem Genitiv, nicht "außer".)
Die Frage ist: Wie erkennt man, was es ist? Und: gibt es Sätze, in denen es beides sein kann, sodass zwei Fälle richtig sein können?
Ich versuche es wieder einmal schrittweise:
1. Präpositionen regieren einen Fall (Ausnahme: "bis", das ohne Fall steht, aber das überspringe ich). Es gibt Präpositionen, die einen Fall regieren (ohne + Akk; außer + Dat; während + Gen), Präpositionen, die zwei Fälle regieren und dabei die Bedeutung wechseln ("Wechselpräpositionen" wie auf, zu, neben usw., die mit Dat oder Akk stehen, je nachdem, ob sie eine Position oder eine Richtung anzeigen), und Präpositionen, deren Gebrauch sich historisch verändert hat oder heute schwankt (während + Gen/Dat; trotz + Dat/Gen; statt + Gen/Dat, wobei bei einigen die Dative so neu sind, dass sie noch nicht als standardsprachlich akzeptiert werden).
Einige Präpositionen kommen auch als Konjunktionen vor und verändern dabei ihr grammatisches Verhalten: Während des Essens... (Präp)/Während wir aßen, ...(Konj) Statt des Besuchs... (Präp)/Statt deine Mutter zu besuchen, ... (Konj).
Präpositionen sind Teil eines Satzgliedes (meist eines Präpositionalobjekts) und können nur zusammen mit diesem verschoben werden: Ich denke {mit großer Rührung} {an dieses Ereignis}. Ich denke {an dieses Ereignis} {mit großer Rührung}. {An dieses Ereignis} denke ich {mit großer Rührung} {Mit großer Rührung} denke ich {an dieses Ereignis}.
{Außer einem Brot} habe ich nichts gekauft. Ich habe {außer einem Brot} nichts gekauft. Ich habe nichts gekauft {außer einem Brot}.
2. Konjunktionen stehen außerhalb des Satzgliedes und verbinden Satzglieder miteinander. Sie regieren keinen Fall. Ihre Position hängt davon ab, ob sie gleichberechtigte Gliedsätze verbinden oder untergeordnete Sätze einleiten:
{Ich kaufte ein Brot} und {du hängtest den Pullover auf die Leine}. {Du hängtest den Pullover auf die Leine} und {ich kaufte ein Brot}. (gleichrangige Gliedsätze)
Ohne {mir weiter zuzuhören}, warfst du den Pullover aus dem Fenster Du warfst den Pullover aus dem Fenster, ohne {mir weiter zuzuhören} (Konj vor untergeordnetem Satz, beachte die Umstellung im Hauptsatz)
Der Kasus innerhalb der Gliedsätze wird vom Verb bestimmt, nicht von der Konjunktion: hier etwa hängen, kaufen, werfen + Akk; zuhören + Dat.
Der Trick bei Konjunktionen besteht nun darin, dass nach Bedarf Subjekt und Verb eingespart werden können:
{Ich kaufte ein Brot} und {du hängtest den Pullover auf die Leine}. (Zwei Subjekte, zwei Verben.) {Ich kaufte ein Brot} und {du kauftest einen Pullover} --> Ich kaufte ein Brot und du einen Pullover. (2 Subjekte, gleiches Verb eingespart.) {Ich kaufte ein Brot} und {ich kaufte einen Pullover} --> Ich kaufte ein Brot und einen Pullover. (Gleiches Subjekt und gleiches Verb eingespart.)
Zum Schluss sieht es so aus, als würden nur noch einzelne Wörter verbunden. In Wirklichkeit sind es Gliedsätze, in denen die Kasusrektion des betreffenden (auch ausgesparten) Verbs erhalten bleibt.
Der springende Punkt: Wenn der Konjunktionalsatz nun auf wenige Wörter zusammenschrumpft, ist bei Konjunktionen, die auch Präpositionen sind, nicht mehr zu unterscheiden, welche Funktion sie haben (und folglich: welcher Fall gewählt werden muss).
3. Jetzt komme ich endlich zu "außer".
Analog zum eben gebrachten Beispiel der "Einsparung" von Wörtern der Fall für die Konjunktion "außer":
Wir haben im Urlaub nicht viel unternommen außer am Strand zu liegen. Außer am Strand zu liegen, haben wir im Urlaub nicht viel unternommen.
Wie die Umstellung zeigt, ist "außer" hier eine den Nebensatz einleitende unterordnende Konjunktion mit den entsprechenden Konsequenzen für die Wortstellung (siehe das Beispiel oben mit "ohne").
Jetzt sparen wir ein:
Wir haben im Urlaub nicht viel getan, außer die Zeitung zu lesen. Wir haben im Urlaub nicht viel gelesen, außer die Zeitung zu lesen --> Wir haben im Urlaub nicht viel gelesen außer die Zeitung.
Hier ist "außer der Zeitung" ebenso möglich, und dann ist außer (ohne Komma) Präposition.
Bei Umstellung wird die Präposition bevorzugt, wenn das Verb wegfällt:
Außer *die Zeitung haben wir im Urlaub nichts gelesen. --> Außer der Zeitung...
Der Grund ist, dass in der Umstellung das Verb, das bei der Konjunktion den Fall von "Zeitung" bestimmt, noch gar nicht genannt ist und damit der Akkusativ "in der Luft hängt". Deshalb wird bei Frontstellung des "außer" der Präposition der Vorzug gegeben, obwohl die Konjunktion mit Kasus entsprechend dem Verb streng genommen nicht falsch ist.
Ebenso: Wir haben am Strand nichts gefunden außer einen Seestern [zu finden]/außer einem Seestern, aber:
Außer *einen Seestern haben wir am Strand nichts gefunden.
Und zur Ausgangsfrage: In diesem Laden können Sie alles kaufen außer mir: Wird "außer" als unterordnende Konjunktion verstanden und der Gliedsatz "mich zu kaufen" als eingespart verstanden, dann ist die Formulierung in diesem Laden können Sie alles kaufen, außer mich korrekt (vgl. "in diesem Laden können Sie alles tun, außer mich zu kaufen"). Die Präposition ist ebenso korrekt, aber bei Umstellung bevorzugt. Was in jedem Fall falsch ist, ist der Nominativ "außer ich".
4. "Außer" als nebenordnende Konjunktion. Und jetzt kommt die unvermeidliche Komplikation. Die Dudengrammatik führt "außer" ausschließlich als nebenordnende Konjunktion an und ignoriert die eben angeführte unterordnende Funktion ("...außer etwas zu tun", mit Umstellung; wie bei "statt etwas zu tun", was aufgeführt ist). Bei nebenordnenden Konjunktionen bleibt die Wortstellung der Gliedsätze erhalten (wie bei "und" und "oder"). Beispiel:
Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Du kannst mich am Nachmittag anrufen, außer ich bin gerade ein Brot kaufen gegangen. Du musst kommen, außer du bist krank. (Alle Beispiele nebengeordnete Hauptsätze ohne Wortumstellung, und kein Verb kann eingespart werden.)
Der Duden führt (wie andere Wörterbücher auch) dafür das Synonym es sei denn an. Diesen Sinn hat "außer" aber nicht in den folgenden Beispielen:
?Niemand lachte, außer er. ?Niemand weiß es außer ich.
Im Gegensatz zu anderen nebenordnenden Beispielen (Niemand tritt mir entgegen außer ein Unverschämter [eingespart: tritt mir entgegen]) und den unterordnenden Beispielen von oben gibt es hier keinen vernünftigen -- das heißt, auch wirklich äußerbaren -- Gliedsatz, der "eingespart" werden könnte:
*Niemand weiß es, außer ich weiß es; *Niemand lachte, außer er lachte *Niemand lachte, es sei denn er lachte??? *Niemand lachte, abgesehen von er???
Es ist also völlig abwegig, den Nominativ als das Subjekt eines ausgefallenen Gliedsatzes zu sehen. Hier kann "außer" nur Präposition sein, und der Duden sollte noch mal nachdenken.
Er könnte sich auf den Standpunkt stellen, dass es einen logischen Gliedsatz gibt, der zwar nie geäußert werden kann, aber in der semantischen Tiefenstruktur des Satzes versteckt ist. Das würde einige Verrenkungen erfordern, und darüber muss ich selbst jetzt auch noch länger nachdenken.
Fazit: Wird "außer" mit Dativ verwendet, so ist davon auszugehen, dass die Präposition gemeint ist. Wird "außer" mit einem anderen Fall* verwendet, so ist davon auszugehen, dass die Konjunktion gemeint ist, die aber einen Gliedsatz erfordert. Ist der Gliedsatz nicht vorhanden, so ist zu fragen, ob er durch Einsparung fortgefallen ist oder gar nicht möglich ist. Ist der Gliedsatz gar nicht möglich, so hat der Sprecher den falschen Kasus verwendet.
Anm. *) außer in festen Fügungen wie "außer Landes gehen".
(Oh weh, wieder mal Lektüre fürs ganze Wochenende... Aber wenn Ihr so komplizierte Fragen aufwerft ... ) |
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