Ich denke nicht, dass das Wesentliche der Standarsdsprache ist, Festlegungen bezüglich Sonnabend oder Samstag, Möhre oder Karotte (was ist mit der Mohrrübe?), Metzger oder Fleischer (bei uns heißt der übrigens Schlachter), fegen oder kehren, Apfelsine oder Orange, Brötchen oder Semmel etc. zu treffen. Synonyme gibt es in jeder Sprache, da mag es regionale oder persönliche Präferenzen geben, aber solange solche Ausdrücke nicht derart regional begrenzt sind, dass sie außerhalb ihres Verbreitungsbereichs einfach nicht mehr verstanden werden (wie heuer oder Paradeiser), sollen sie gerne allesamt der Standardsprache zugerechnet werden. Auf ein paar Vokabeln mehr wird es dem Deutsch lernenden Ausländer wohl kaum ankommen. Auch die genannten Regionalismen sollen gern unterrichtet werden, aber dann mit dem Hinweis, dass sie eben nicht überall verstanden werden.
Wichtig finde ich, dass die Standardsprache Grammatik, Rechtschreibung und (zumindest grob) Aussprache regelt. Nicht nur, um eine Grundlage für DaF darzustellen, sondern auch für den Unterricht an deutschen Schulen. Es darf nicht sein, dass an Münchener und Hamburger Schulen unterschiedliche Regeln gelehrt werden. Insofern bringe ich wenig Verständnis auf für die Argumentation der Leute, die - wie hier bei LEO gelegentlich geschehen - Sachen wie "das Teller" oder "das Butter" verteidigen mit den Worten "
bei uns ist das Standardsprache". Nichts gegen solche Varianten, aber dann doch bitte mit dem Bewusstsein, dass es eben
nicht Standard ist. Wenn jeder seinen eigenen Standard definiert, verliert das Ganze seinen Sinn und man kann es gleich lassen. OK, Österreich und der Schweiz seien gewisse Abweichungen vom bundesdeutschen Standard zugestanden, aber zu weit sollte auch das nicht getrieben werden.
Der heute in D (und im Wesentlichen auch in A und CH) gültige (bzw. weitgehend akzeptierte) Standard ist ein ursprünglich künstliches Konstrukt, das sich aber mittlerweile verselbständigt und weiterentwickelt hat. Dass diese Sprache den heute im Norden gesprochenen Varietäten näher ist als den südlichen, liegt m. E. weniger an einer - offenbar von manchen Süddeutschen empfundenen - Dominanz norddeutscher Einflüsse, sondern daran, dass man seit dem Aufkommen akustischer Massenmedien im Norden allgemein eher bereit war, sich an diese über Rundfunk und Fernsehen verbreitete Sprache anzupassen.
Dahin gehört auch die Mär von dem "besten Standarddeutsch" in der Region Hannover. Noch bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden hier Varianten eines breiten, vom
Ostfälischen beeinflussten, aber dem Wesen nach hochdeutschen Dialekts gesprochen. Nur wurde dieser nach dem Krieg im Vergleich mit dem zunehmend gehörten Standarddeutsch von den Sprechern selbst als so klanglich unschön und "unvornehm" empfunden (was mir meine Eltern ausdrücklich bestätigt haben), dass sie freiwillig auf letzteres umgestiegen sind. Und zwar so konsequent, dass heute kaum noch etwas vom ursprünglichen Dialekt übriggeblieben ist, bis auf ein paar Regionalausdrücke und bei manchen, meist älteren Menschen eine Spur von Akzent.
Dass heute im Norden überhaupt Hochdeutsch gesprochen wird, dürfte eine Folge der Reformation sein. Luther übertrug die Bibel in das, was er für die "Spracche des Volkes" hielt, und das war sein sächsisches Hochdeutsch. Unter dessen Einfluss wurde das Niederdeutsche im Norden mehr und mehr zurückgedrängt; es entstanden Mischformen, die mit der Zeit immer "hochdeutscher" wurden und sich dabei weit mehr ähnelten als die "gewachsenen" süddeutschen Dialekte. Deshalb ist der Norden - abgesehen von den Regionen, wo im Alltag noch Niederdeutsch gesprochen wird - bis heute sprachlich homogener als der Süden, und die Menschen empfinden auch keine besondere Bindung an irgendwelche Mundarten. Man spricht so, wie man es als Kind tagtäglich gehört hat, und das ist heute ganz überwiegend eine dem Standarddeutschen sehr nahe Variante.