Ich denke auch, dass nichts dran ist, liebe Nombre, so wie auch bei dem Spruch, dass wenn jemand dir über die Schuhe mit einem Besen streift, du nie heiraten wirst: Ich kenne nämlich Leute, denen als Kind mit einem Besen über die Schuhe gestreift wurde, und die trotzdem später geheiratet haben.
Aber jetzt vom Wahrheitsgehalt des Sprüches abgesehen, stimmt es schon, dass zumindest in Deutschland (und wie ich jetzt sehe, anscheinend auch in der Schweiz), dieser Zwang durchaus kulturell verankert ist und bei Vielen auch bewusst wirksam wird, die Leute direkt in die Augen schauen zu müssen oder aber sich darauf gefasst zu machen, als einen unanständigen Schleimer abgestempelt zu werden *.
Aber nach meiner Erfahrung und im Nachhinein würde ich sagen, dass in Italien nicht nur ein solcher Zwang normalerweise nicht besteht, sondern dass im Gegenteil eine gewisse Hemmung dagegen vorhanden ist, zumindest in einer normalen Situation.
Wenigstens bei uns im Nordwesten ist Intimität peinlich und wird vermieden, und es gilt als belastend für dein Gegenüber und unbedingt zu vermeiden (aber ein Muss unter Alternativen in Deutschland):
- ihn anzufassen,
- ihn in jedem Satz mit seinen Namen anzusprechen und eben
- ihn zu fest in die Augen zu schauen: das ist den intensivsten Momenten zwischen zwei Liebenden vorbehalten, und auch das nur auf eine oder zwei Sekunden beschränkt, wenn sie echte Turiner sind **.
Also Dany: du kannst deiner Bekannten erklären, dass für die Deutsche wichtig ist, für ehrlich gehalten zu werden, und dass sie für ein Zeichen von Ehrlichkeit halten, dein gegenüber klar und direkt in die Augen zu schauen.
Sie kann es also als reine Formalität auffassen und ohne sich grosse Gedanken zu machen tun, genau so wie sie ebenfalls problemlos mit einem Eskimo beim Grüssen ihre Nase gegen seine reiben würde.
* dem geborenen, südländischen Schleimer ist es natürlich ein Leichtes, nachdem er seine Schäfchen durchschaut hat, sie in die Augen zu schauen, bis sie vor Wonne umkippen.
** Es gibt einen Witz darüber, dass wenn sich zwei echte Turiner auf der Strasse begegnen, einer die Strassenseite wechselt und beide so tun, als ob sie den anderen nicht gesehen hätten: denn wenn sie einander wahrnehmen, muss jeder den anderen fragen, wie es ihm geht, und das wäre ein taktloses Eindringen in seine Intimsphäre.
(Das gegensätzliche Pendant dazu: als ich frisch nach Deutschland, Berlin, Kreuzberg, Moritzplatz (if you see what I mean) gezogen war, begrüsste ich jeden Bekannten, der mir begegnete, mit "Wie geht es dir?".
Bis zu dem Tag, da einer (alternativer und linker) mich anfuhr: "Willst du das wirklich wissen, oder ist es bloss eine Floskel? Denn wenn es nur eine Floskel ist, haben wir beide nichts davon, wenn ich dir wirklich erzähle, wie es mir geht. Und wenn es dich wirklich interessiert, haben wir beide whrscheinlich nicht die Zeit, um gerade jetzt das Thema ernsthaft anzuschneiden")