| Comment | @Grinch: Klar könnte man auch heute noch Segeltuch, Seile, Jeans und viele andere Fäden und Stoffe aus Hanf herstellen.
Von Nahrungsmitteln und Tierfutter (Samen, Öl), Papier, Medikamenten etc ganz zu schweigen.
Allerdings - bevor die Nachwuchs-Kiffer jetzt wieder "Anslinger! Anslinger!" brüllen - am weltweiten Verbot von Cannabis sind auch Deutsche nicht ganz unschuldig.
Kurzzusammenfassung: 1850s - 1890s: Größte Einwanderungswellen (Deutsche, Iren u.v.a.)
Effekt a) Deutsche brachten Bier in die USA, zuvor war Alk dort meist Schnaps. Im Gegenteil zu Schnaps, von dem ein Saloon leicht 100 Sorten haben kann, gilt meist: Ein Saloon wird von genau einer Brauerei beliefert. Wie macht man also Druck auf die Konkurrenz? Man baut mehr Saloons und serviert dort salziges Gratis-Essen. Die Anzahl an Saloons nahm sprungartig zu.
Effekt b) Gold liegt nicht auf der Straße: Um sich die sauteuren Tickets nach Westen zu verdienen, arbeiteten ganze Familien Jahre oder Jahrzehnte lang zu Hungerlöhnen - etwa "Hemden nähen in Heimarbeit" ... falls du dir die Situation ansehen willst, besorg dir das Buch (die Hypertext-Version ohne Fotos ist sinnlos): "How the other half lives" Studies of the Tenements of New York, by Jacob A. Riis, originally published in 1890
Arme saufen tendenziell gern (im Vergleich zu puritanischen Bauern udn Dörflern), Arme begehen tendenziell eher Gewaltverbrechen; die Mafias waren ebenfalls in den USA angekommen; Gangsterbanden marodierten ... wie reagierte das ländliche, puritanische Amerika?
1) In den Städten Bibeln (statt Geld) verteilen 2) Hass auf die dekadenten, kriminellen Immigranten&Städter 3) Lauter werdende Rufe nach einem Verbot der Symptome (Abriss der übleren Tenements) 4) Gründung der Temperance League (der so ziemlich ersten Frauenbewegung überhaupt)
In diesem Klima konnte sich kein Politiker mehr für ein "Recht auf Rausch" aussprechen, die Alkoholprohibition war eine Frage der Zeit.
Effekt c) Zur gleichen Zeit gab es Snake-Oil-Betrüger, deren "Medizin" oft eine hochgefährliche Mixtur aus Morphin/Opiaten, Alkohol und Kräutern war. Chinesische Arbeiter im Westen hatten oft Opiatprobleme. Zur gleichen Zeit gab es eine Welle mexikanischer Einwanderung, die mit heftigen rassistischen Vorurteilen betrachtet wurde. Man hatte also 1) Verhasste, Cannabis rauchende Mexikaner im Land 2) Eine unbeliebte chinesische Heroinmafia zwischen LA und SF 3) Opiumkrieg in China 4) ein politisches Klima, alles was Spaß macht zu verbieten 5) Harry Anslinger, Chef der Drogenbehörde, dessen Schwiegervater Magnat in der Kunststoffindustrie war.
Dass Anslinger wie ein Verrückter das Verbot des weitestgehend harmlosen Cannabis forcierte, was zum Erstaunen der US-Hanfbauern zu einem Verbot natürlichen Faserhanfes führte und letztlich der Kunstfaser Nylon den Durchbruch erleichterte, scheint in diesem Klima kaum als die wahnwitzige Fehlentscheidung, nach der es heute aussieht, sondern als (sowhl aus patriotischen Motiven als auch zur persönlichen Bereicherung) einzig mögliche Entscheidung Anslingers.
Zu schade nur, dass die USA jetzt, 60 Jahre später, immer noch ihren haarsträubend verfehlte Strafen-statt-Aufklären-Drogenkrieg sowohl gegen die eigene Bevölkerung als auch den Rest der Welt fortsetzen. |
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